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Wir sind das Volk

Die LINKE (besser bekannt als SED/PDS) hat heute in Dresden eine Konferenz unter dem Titel »Der Herbst 1989 in Sachsen – Wir sind das Volk« durchgeführt. Als ich davon hörte, glaubte ich zuerst an einen schlechten Scherz: Die Kommunisten vereinnahmen die friedliche Revolution? Heute abend habe ich die Thesen zu dieser Konferenz gefunden und dort geht es richtig zur Sache:

Im Übrigen gehört der demokratische Umbruch von 1989/90 nicht irgendeiner Partei, sondern dem ganzen deutschen Volk. Als solcher ist er in die deutschen Freiheitstraditionen des 19. und 20. Jahrhunderts einzubetten, darf nicht isoliert gesehen und politisch instrumentalisiert werden. Zu erinnern ist vor allem an das Hambacher Fest 1832, wo sich die deutsche Linke unter anderem für ein vereinigtes Europa engagierte, an 1848/49 – die Frankfurter Paulskirchenversammlung und den Pariser Pazifistenkongress –, an die europäische Friedensbewegung, die Revolution wie die Weimarer Verfassung von 1918/19, die beiden deutschen demokratischen Verfassungen von 1949 sowie die Volkserhebungen von 1953 und 1989. Die LINKE steht ausnahmslos zu diesen Freiheitsschüben, erinnert aber im Zusammenhang von 1989 auch an noch uneingelöste Demokratisierungsverlangen wie die seinerzeit von Wolfgang Ullmann geforderte neue Verfassung für das wiedervereinigte Deutschland. [These 12 auf Seite 4]

Man könnte dies als bodenlose Frechheit abtun, wenn nicht eine perverse Methode dahintersteckte. Die SED/PDS vereinnahmt liberale Traditionen, obwohl sie in der DDR jahrzehntelang einen autoritären diktatorischen Unrechtsstaat betrieben hat. Die SED/PDS vereinnahmt pazifistische Traditionen, obwohl sie in der DDR jahrzehntelang eine Mauer mit Schießbefehl, Selbstschußanlagen und Minenfeldern gegen den Willen des eigenen Volkes aufrechterhalten hat. Die SED/PDS vereinnahmt dann sogar noch die Bürgerrechtler, die gegen diesen Unrechtsstaat auf die Straße gingen.

Die Kommunisten wollen sich damit kurz vor der Bundestagswahl und vor der Landtagswahl von ihrer Schuld an der Geschichte distanzieren. Alle anderen Passagen aus dem Thesenpapier sind nur hohle Lippenbekenntnisse. Aber man darf nicht vergessen: die LINKE steht in einer unguten Tradition. Zwei Drittel ihrer Mitglieder sind Altkommunisten aus der SED. Das Durchschnittsalter der Mitglieder beträgt 68 Jahre. Diese Leute haben das SED-Regime nicht nur gestützt, sie haben es mit betrieben. Sie hatten bis zum Herbst 1989 überhaupt nichts gegen Schießbefehl und Mauer, Diktatur und Staatssicherheit einzuwenden. Standen sie also damals in der Tradition des Hambacher Festes oder der Frankfurter Paulskirche?

Die DDR war zu jedem Zeitpunkt bis 1989 eine »Diktatur des Proletariats« — zumindest nach dem Selbstverständnis der SED, deren Mitglieder heute in der SED/PDS weiterleben. Die DDR war zu keinem Zeitpunkt bis 1989 ein Rechtsstaat. Diese alten und neuen Genossen haben nicht das geringste Recht, die Geschichte umzudeuten und sich in die Tradition der Liberalen oder der Bürgerbewegten zu stellen. Sie sind mir schon in ihrem Populismus unangenehm, aber mit dem oben zitierten Absatz sind sie mir geradezu widerwärtig.

Wahrscheinlich ist es den meisten Menschen in Sachsen angesichts der Wirtschaftskrise relativ gleichgültig, was für Kongresse die SED/PDS abhält. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass sich wenigstens Junge Union und Junge Liberale zu einem Protest entschlossen haben.


Ergänzung: Hier gibt es eine Sendung zu Wir sind das Volk! aus dem Jahr 2005. Man kann im Vergleich sehr schön sehen, wie die SED/PDS das Thema heute besetzt und missbraucht.


stefanolix in Politik am 28. 03. 2009 » 21 Kommentare
bisher 21 Kommentare » Kommentare
  1. Andreas sagt am 28. 03. 2009 um 21:50 Uhr:

    die beiden deutschen demokratischen Verfassungen von 1949

    dieses Zitat zeigt, wes Geistes Kind die Kommunisten waren, sind und wohl auch bleiben werden.

  2. stefanolix sagt am 28. 03. 2009 um 22:02 Uhr:

    Die erste DDR-Verfassung von 1949 mag auf dem Papier noch einige interessante Punkte enthalten haben. Diese Verfassung war allerdings das schlechte Papier nicht wert, auf das sie damals gedruckt wurde. Denn gerade in der Zeit von 1949 bis zur ersten grundlegenden Verfassungsänderung 1968 lagen z.B. die Ereignisse von 1953 und 1961. Ein bitterer Witz bezeichnete Ulbricht damals als den größten Feldherren der Weltgeschichte: er habe zwei Millionen in die Flucht geschlagen und 18 Millionen gefangengenommen.

  3. stefanolix sagt am 28. 03. 2009 um 22:10 Uhr:

    PS: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die LINKE nach ihrem eigenen Thesenpapier mit der ganzen DDR-Diktatur überhaupt nichts zu tun hatte.

  4. Emmett Grogan sagt am 28. 03. 2009 um 22:12 Uhr:

    so sieht also die Reaktion der Kommunisten auf die vielen Gedenktage, die in den nächsten Monaten an die Herkunft aus einer Diktaturpartei erinnern, aus. Man gibt sich selbst als Opfer von Entscheidungen aus, die man selbst beschlossen hat, und vereinnahmt liberale Traditionen, die man Jahrzehntelang mit Dolchen, Gewehrkugeln und den Konzentrationsagern in Sibirien bekämpft hat.

    Diese dem Normalsterblichen unverständliche Dialektik wird den Kommunisten nicht helfen. Es wird auch nicht beim Schreckensjahr 2009 bleiben. 2010 wird das nächste Schreckensjahr werden. Der Schmusekurs ist zu Ende.

  5. stefanolix sagt am 28. 03. 2009 um 22:18 Uhr:

    Dein Wort in das Ohr der Wähler. Die meisten haben so wenig Geschichtsbewusstsein, dass sie die SED nach all den Umbenennungen nicht mehr wiedererkennen. Heute möchte diese Partei als LINKE nicht mehr PDS und erst recht nicht SED genannt werden. Deshalb muss es immer wieder Artikel geben, in denen man (sie) daran erinnert, woher sie kommen!

  6. Marco sagt am 29. 03. 2009 um 00:59 Uhr:

    stefanolix,

    PS: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die LINKE nach ihrem eigenen Thesenpapier mit der ganzen DDR-Diktatur überhaupt nichts zu tun hatte.

    Hatten sie doch auch nicht. Also wirklich, stefanolix, der Besuch der Stasi bei meinem Opa, die Teilung meiner Familie durch die Mauer, FDJ-Uniformismus, militarisierter Alltag, all die ganze Scheiße ist doch auch gar nicht passiert. Und Krieg ist bekanntlich Frieden.

  7. Die Stimme aus dem Off sagt am 29. 03. 2009 um 09:14 Uhr:

    Genau wegen dieser verkommenen und verlogenen Art der politischen Linken ist mein Hass auf diese so groß. Die wagen es ernsthaft das Hambacher Fest für sich zu vereinnahmen.

    Ich bin noch immer für Strafverfahren wegen Landesverrats gegen hiesige westdeutsche Kommunisten und deren Mitläuder, Nachsicht ist für Kommunisten unangebracht. Der Rechtsstaat ist zu nachsichtig mit diesen Leuten. Sie haben nämlich gar nicht vor das bürgerliche System zu akzeptieren, sondern sind noch immer gewillt diesen mit ihrer Lügenpropaganda zu untergraben.

    Darauf kann es nur eine Antwort geben: Lange Haftstrafen, Schlüssel wegmscheißen.

    Genauso wie der Kampf gegen Rechts vorangetrieben wurde, muss es nun einen Kampf gegen Links geben. Das DDR Unrecht darf nicht vergessen werden, die Protagonisten gehören inhaftiert, Vermögensmassen eingezogen.

  8. DrB sagt am 29. 03. 2009 um 09:57 Uhr:

    > Genau wegen dieser verkommenen und verlogenen Art der politischen Linken ist mein Hass auf diese so groß. etc.

    LOL, ich dachte ich wäre Stammtisch, aber das ist ja das allergeilste.

    BTW, viele Linke sind einfach nur doof und deshalb auch nicht der Rechtspflege zuzuführen. Das meiste fällt ja auch unter die freie Meinungsäusserung. Zudem ist linksradikaler Faschismus (“Sozialismus”) nicht grundgesetzwidrig. Und Inländerfeindlichkeit ist sowieso gerne gesehen.

  9. der_gute_don sagt am 29. 03. 2009 um 11:46 Uhr:

    die übliche Geschichtsbegradigungsversuche der umbenannten SED. Wo sind die aufdeckenden Qualitätsmedien?

  10. Andreas sagt am 29. 03. 2009 um 11:46 Uhr:

    Antikommunismus war schon immer ein probates und einigkeitsstiftendes Werkzeug für Nazis, Konservative und Liberale

  11. Karsten sagt am 29. 03. 2009 um 12:27 Uhr:

    Antifaschismus ist Gott sei Dank auch ein einigkeitsstiftendes Werkzeug für Sozialdemokraten, Konservative und Liberale.

    Leider ist Antiliberalismus ebenso einigkeitsstiftend für Sozialdemokraten, Konservative, Sozialdemokraten und Kommunisten.

    Darum gehen wir so oft unter. 4:3:3, da gewinnt die Viererfraktion.

  12. Karsten sagt am 29. 03. 2009 um 12:29 Uhr:

    “Sozialdemokraten, Konservative, Faschisten und Kommunisten”, sollte das natürlich heißen.

    Wenn man zwei verschiedene Systeme der Aufreihung im Kopfe hat… ;)

  13. Karsten sagt am 29. 03. 2009 um 12:30 Uhr:

    @DrB:
    Kein Stammtisch könnte so schön schrill sein wie DSadO.

  14. der_gute_don sagt am 29. 03. 2009 um 13:12 Uhr:

    @andreas

    Antikommunismus war schon immer ein probates und einigkeitsstiftendes Werkzeug für Nazis, Konservative und Liberale

    Links- und rechtsradikal ist für mich das Gleiche. Von dem her darfst Du alle Geschichtsbegradigungsversuche der Rechtsradikalen dazuzählen. Die stehen allerdings regelmässig in der Presse.

  15. googlehupf sagt am 29. 03. 2009 um 13:48 Uhr:

    @Karsten
    Du hast in der Aufzählung die Fachisten vergessen, dann ists sogar schon eine Fünferkette.

    @Don
    Der MDR Sachsenspiegel hatte z.B. berichtet aber der Beitrag fehlt auf einmal in der MDR Mediathek. Im Einführungstrailer wird er noch erwähnt aber dann kommt nix drüber. Was da wohl gelaufen ist?

  16. Marco sagt am 29. 03. 2009 um 14:38 Uhr:

    Karsten,

    als ob es falsch wäre, Faschos als Sozis zu bezeichnen. Der Unterschied ist ja nun wirklich nur marginal inhaltlicher, nicht aber struktureller Art.

  17. Rayson sagt am 29. 03. 2009 um 14:58 Uhr:

    Bitte nicht diese Debatte wieder…

    Also “Sozis” im Sinne von “Sozialdemokraten” sind zwar nicht gerade meine politische Präferenz, aber ganz sicher keine “Faschos”.

    Über die Ähnlichkeiten von nationalsozialistischer Ideologie sowie deren Anhängerschaft aus soziologischer Sicht und kommunistischer Ideologie und Anhängerschaft kann man m.E. tatsächlich sinnvoll diskutieren, aber es gibt auch Unterschiede, vor allem in der Theorie. So ganz bedeutungslos sind die nicht, weil eben auch die Sozialdemokraten Kinder des Kommunismus sind, aber in einem langen historischen Prozess großteils diese Ähnlichkeiten als fatal erkannt und daher abgeschüttelt haben.

    Ein Sozialdemokrat vom Schlage eines Christian Soeder ist mir jedenfalls im Endeffekt deutlich näher als ein Hans-Hermann Hoppe.

  18. stefanolix sagt am 29. 03. 2009 um 15:11 Uhr:

    Gerade wollte ich ansetzen, Rayson. Danke ;-)

    Ich bitte nachdrücklich darum, in diesem Thread nur sachlich über die Linke und ihre Versuche der Geschichtsklitterung zu diskutieren. Die Linkspartei ist ein ernstzunehmender politischer Kontrahent und es wäre sehr gefährlich, wenn sie im Bund an die Macht käme. Nur die Linkspartei verfügt momentan über die Mittel, einen solchen Kongress zu organisieren und eine solche Kampagne zu fahren. Diese Kampagne wurde übrigens damit eingeleitet, dass DDR-verherrlichendes Material von den Webservern der LINKEn entfernt wurde. Jetzt geht es um Relativierung.

    Ja, man kann meinen Beitrag als antikommunistisch bezeichnen. Ich habe eine Diktatur des Proletariats der Kommunisten miterlebt und sie hat nur deshalb nicht mein Leben zerstört, weil sie glücklicherweise zu Ende ging, als ich 22 Jahre alt war. Ich weiß inzwischen, dass unsere Kontakte mit Studenten aus der BRD bespitzelt wurden und dass ich (wegen der Kopie staatsfeindlicher Zitate) nicht weit von der Exmatrikulation entfernt war.

  19. stefanolix sagt am 29. 03. 2009 um 15:30 Uhr:

    Die SED/PDS/Linke fährt ihre Kampagne jetzt unter der Überschrift Die DDR-Geschichte darf nicht dämonisiert werden. Das will ja auch niemand. Der Dämon war nicht die DDR. Dämonisch waren die SED und das »Schild und Schwert der Partei« …

  20. Boche sagt am 30. 03. 2009 um 10:18 Uhr:

    Ganz ehrlich: Bei Gysi, Lafontaine und Co. muss ich gar nicht viel fressen, um kotzen zu können.
    Denen wünsche ich, dass ihnen jede Nacht der Biermann im Traum erscheint.

  21. stefanolix sagt am 30. 03. 2009 um 22:06 Uhr:

    Ja, aber das wäre unfair gegenüber Biermann. Das hat er nicht verdient;-)

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