Eigentlich sind diese linken Worthülsen, die sich Daniel Cohn-Bendit und die Spiegel-Redaktion da zuspielen, keiner echten Aufmerksamkeit wert, da sie keinerlei Argument enthalten, an dem es sich abarbeiten ließe. Was mich allerdings immer wieder ärgert, ist die Tatsache, dass man bei so vielen Lesern mit so einer Ansammlung von substanzlosem Gedöns tatsächlich Beifall erheischen kann.
Schließlich sind solche Behauptungen wie “Der Markt kennt das Wort Zukunft nicht. Auf dem Markt müssen Sie kurzfristig denken.” nicht nur unbegründet, sondern auch eine Beleidigung für all diejenigen, die in ihren privaten Jobs tagtäglich in die eigene Zukunft und die ihrer Familie investieren. Weder Cohn-Bendit, noch diejenigen, die solche Aussagen als Wasser auf ihre Mühlen wahrnehmen, erkennen den Unterschied zwischen der behaupteten intendierten Perspektivenlosigkeit und den unvermeidbaren Fehlern, die die bewusste Suche nach Zukunft im Rahmen von Markttransaktionen immer wieder als unorganisiertes Chaos erscheinen lassen, wobei ich hier einmal abstrahieren möchte, dass die Fehler der Finanzkrise nicht allein die Fehler privatwirtschaftlicher Entscheidungsträger waren.
Was Leuten wie Cohn-Bendit als kurzfristig agierende Institution erscheint, dürfte jedoch die einzige Möglichkeit sein, mit zukünftigen Unsicherheiten angemessen zurecht zu kommen. Wer sich einmal bewusst überlegt, wie unrealistisch das sequentielle Abarbeiten eines Lebensplans im engeren Sinne ist, wenn sich die Lebensumstände immer wieder in ungeahnter Weise verändern, der sollte auch einmal darüber nachdenken, ob ein zentral verordnetes, dichtes und verbindliches Regelwerk wirklich das richtige Rezept gegen die Zufälle der Zukunft ist. Was Cohn-Bendit da verlangt, ist die Fähigkeit eines Planers aus der Vogelperspektive erdachte Antworten auf noch unbekannte Fragen geben zu können. Offenbar versperrt ein Leben zwischen dem Vakuum des infantil-revolutionären Straßenkampfes und der bürokratischen Emsigkeit des Europäischen Parlaments den Blick für die Erkenntnis, dass die Koordination komplexer Entscheidungsprozesse von Milliarden von Menschen auch die Einbeziehung der Informationen all dieser Menschen erfordert. Doch diese Informationen können sich nur in den Ergebnisses des Marktes, also im Zuge der Transaktionen zwischen den Menschen, widerspiegeln, wenn man sie gemäß ihrer individuellen Ziele und ihres Detailwissens der jeweiligen Situation handeln lässt. Gibt man ihnen dagegen Regeln vor, die nicht nur den Ablauf der Transaktionen einrahmen, sondern auch ein politisch gewünschtes Ergebnis definieren, zwingt man sie nützliche Informationen zu vernachlässigen, mutwillig ihren Handelspartnern vorzuenthalten oder gar zu manipulieren. Gleichzeitig beraubt man sie der Freiheit auf diesen Zustand angemessen reagieren zu können.
Ergänzend fügt er hinzu: “Aber die Politiker müssen langfristig denken und handeln, wenn sie die Zukunft gestalten wollen.”, wobei er nicht nur wollen mit können zu verwechseln scheint, sondern obendrein dem Homo Politicus eine idealisierte Position einräumt, die er dem ordinären Bürger als Marktakteur per se abspricht. Auch hier versucht er seine Leser für dumm zu verkaufen, fragt man sich doch, wo der Marktakteur Politiker, der im Kampf um das Überleben jeder neuen Wahl die selben Menschen bei der Stange halten muss die sonst auf realen Märkten nicht in der Lage sein sollen zukunftsfähige Entscheidungen zu treffen, das Sitzefleisch für die gemeinwohlorientierte Selbstlosigkeit hernehmen soll. Wie kann ein politisches System zukunftsfähigere Entscheidungen als Märkte ergeben, wenn deren Akteure ihre Handlungen nach dem kurzfristigen politischen Überleben richten, das sie Wählern verdanken, die persönlich für ihre Wahlentscheidung nicht annähernd den Denkzettel bekommen, den sie für wiederholtes Fehlverhalten am Markt erhalten würden? Die Auflösung dieses Paradoxons bleibt nicht nur Cohn-Bendit uns schuldig.
Solange der typische Spiegelleser zwar vollmundig “Wir sind das Volk!” brüllen möchte, aber nicht versteht, dass er sich eigentlich auch den Slogan “Wir sind der Markt!” verinnerlichen sollte, werden solche Gesinnungsinterviews im Spiegel wohl eine aufmerksame Leserschaft finden. So lange die persönliche Identifikation mit dem Markt als Raum der persönlichen Lebensgestaltung nicht existiert, sondern Märkte als abstraktes Phänomen “der da oben in den Führungsetagen” empfunden werden, ist zu erwarten, dass nur wenige begreifen, wie sehr Leute vom Schlage Cohn-Bendits nicht dem Markt, sondern der Freiheit jedes Einzelnen von uns ans Leder wollen.