14. Februar 2009
Warum klappt’s nicht mit dem Nachbarn?
Che betrachtet die kommunikativen Defizite des politischen Bloggens. Ich gebe ihm in weiten Teilen recht dabei.
Ein weiteres kommunikationstechnisches Kriterium kommt m.E. noch dazu: Asynchronität. Beim Bloggen kommt es weniger zu spontaner Rede und Gegenrede, die Texte sind länger und werden genauer betrachtet, und es ist schwer, zwischendurch mal etwas einzustreuen, was sonst die Gesprächssituation vielleicht entspannen würde.
Ich erwähne das als Unterschied z.B. zum Instant Messaging oder dem Austausch in Chat-Räumen, die ja auch rein schriftlich vor sich gehen, meinen Erfahrungen nach aber viel mehr von der Person vermitteln, die hinter dem Geschreibe steht.
Aber dennoch liegt es natürlich auch an der Kombination “Bloggen und Politik”. Ein paar Gründe:
1. Politik funktioniert am besten über Freund-Feind-Schemata, was wir auch wieder in besonders erbärmlichem Ausmaß in der zweiten Hälfte des Jahres beobachten können werden.
2. Wenn die Meinungen sehr gegensätzlich sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Menschen, die sie vertreten, im echten Leben eher nicht begegnen. Da wir aber das, was wir beim anderen lesen, in den Kontext eines ganzheitlichen Verhaltens stellen, werden Signale schnell fehlinterpretiert, weil die Muster nicht stimmen. Wir können eigentlich nicht davon ausgehen, dass der andere so tickt wie wir, noch sollten wir annehmen, er entspreche dem Klischee-Bild, das man, wenn man unter sich ist, nur allzu gerne vom Lieblingsgegner zeichnet. Und doch passiert genau das immer wieder.
3. Politische Blogger führen oft Kreuzzüge. Glücklich, endlich ein Medium gefunden zu haben, ihre genialen Erleuchtungen unter die das dumme Volk repräsentierende Leserschaft zu bringen (die man sich, so man der Lektüre von Logs keine besondere Bedeutung zumisst, als theoretisch riesengroß vorstellen kann), klappen sie das Visier herunter und preschen mit gezücktem Schwert auf ihre Feinde los. Ersatzweise werden auch Windmühlen gerne genommen.
4. Blogger an sich sind Diven. Sie dulden neben sich keine Schöneren oder Schlaueren. Demzufolge mutet einem die Lektüre mancher Blog- und Kommentarschlachten wie ein Besuch der Pfaueninsel im Wannsee an.
5. Anonymität verleitet zum Zerdeppern von Porzellan. Es ist, anders als es uns unsere bevormundenden Aufseher in den diversen Innen- und Justizministerien dieser Welt erzählen, gar nicht so sehr der angebliche Schutz vor Strafe, der anonyme Schreiber dazu verleitet, verbal die Sau rauszulassen, sondern die Gewissheit, sich nicht unter anderen Umständen, in denen man dann lieber kooperieren würde, ein zweites Mal begegnen zu müssen.
6. Leute mit Problemen psychischer Art sind im Internet stark überrepräsentiert. Während man im wirklichen Leben an ihrem Verhalten wahrscheinlich die eine oder andere Merkwürdigkeit feststellen würde, die einem die Lust an einer politischen Diskussion mit dieser Person verleiden könnte, wird man sich im Netz sehr lange auf einen Austausch einlassen, bevor sich die Gewissheit irgendwann doch einstellt, dass es nicht an einem selbst oder dem Medium liegt, warum der gedankliche Austausch nicht funktioniert.
7. Der banalste Grund: Im echten Leben diskutieren wir als Nicht-Berufspolitiker nicht mit jedem, sondern nur mit denen, mit denen eine Diskussion auch Spaß macht. Wo es zu Problemen kommt, weil die Sache persönlich wird oder zu unfruchtbar, wird man den Versuch nicht wiederholen. Im Netz sind wir nicht so wählerisch und durchleiden daher auch das, was wir uns im normalen Leben sinnvollerweise ersparen.
Verfasst von Rayson um 21:28 Uhr in der Kategorie Blogosphäre,Politik (Trackback)
18 Kommentare