Warum klappt’s nicht mit dem Nachbarn?
Che betrachtet die kommunikativen Defizite des politischen Bloggens. Ich gebe ihm in weiten Teilen recht dabei.
Ein weiteres kommunikationstechnisches Kriterium kommt m.E. noch dazu: Asynchronität. Beim Bloggen kommt es weniger zu spontaner Rede und Gegenrede, die Texte sind länger und werden genauer betrachtet, und es ist schwer, zwischendurch mal etwas einzustreuen, was sonst die Gesprächssituation vielleicht entspannen würde.
Ich erwähne das als Unterschied z.B. zum Instant Messaging oder dem Austausch in Chat-Räumen, die ja auch rein schriftlich vor sich gehen, meinen Erfahrungen nach aber viel mehr von der Person vermitteln, die hinter dem Geschreibe steht.
Aber dennoch liegt es natürlich auch an der Kombination “Bloggen und Politik”. Ein paar Gründe:
1. Politik funktioniert am besten über Freund-Feind-Schemata, was wir auch wieder in besonders erbärmlichem Ausmaß in der zweiten Hälfte des Jahres beobachten können werden.
2. Wenn die Meinungen sehr gegensätzlich sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Menschen, die sie vertreten, im echten Leben eher nicht begegnen. Da wir aber das, was wir beim anderen lesen, in den Kontext eines ganzheitlichen Verhaltens stellen, werden Signale schnell fehlinterpretiert, weil die Muster nicht stimmen. Wir können eigentlich nicht davon ausgehen, dass der andere so tickt wie wir, noch sollten wir annehmen, er entspreche dem Klischee-Bild, das man, wenn man unter sich ist, nur allzu gerne vom Lieblingsgegner zeichnet. Und doch passiert genau das immer wieder.
3. Politische Blogger führen oft Kreuzzüge. Glücklich, endlich ein Medium gefunden zu haben, ihre genialen Erleuchtungen unter die das dumme Volk repräsentierende Leserschaft zu bringen (die man sich, so man der Lektüre von Logs keine besondere Bedeutung zumisst, als theoretisch riesengroß vorstellen kann), klappen sie das Visier herunter und preschen mit gezücktem Schwert auf ihre Feinde los. Ersatzweise werden auch Windmühlen gerne genommen.
4. Blogger an sich sind Diven. Sie dulden neben sich keine Schöneren oder Schlaueren. Demzufolge mutet einem die Lektüre mancher Blog- und Kommentarschlachten wie ein Besuch der Pfaueninsel im Wannsee an.
5. Anonymität verleitet zum Zerdeppern von Porzellan. Es ist, anders als es uns unsere bevormundenden Aufseher in den diversen Innen- und Justizministerien dieser Welt erzählen, gar nicht so sehr der angebliche Schutz vor Strafe, der anonyme Schreiber dazu verleitet, verbal die Sau rauszulassen, sondern die Gewissheit, sich nicht unter anderen Umständen, in denen man dann lieber kooperieren würde, ein zweites Mal begegnen zu müssen.
6. Leute mit Problemen psychischer Art sind im Internet stark überrepräsentiert. Während man im wirklichen Leben an ihrem Verhalten wahrscheinlich die eine oder andere Merkwürdigkeit feststellen würde, die einem die Lust an einer politischen Diskussion mit dieser Person verleiden könnte, wird man sich im Netz sehr lange auf einen Austausch einlassen, bevor sich die Gewissheit irgendwann doch einstellt, dass es nicht an einem selbst oder dem Medium liegt, warum der gedankliche Austausch nicht funktioniert.
7. Der banalste Grund: Im echten Leben diskutieren wir als Nicht-Berufspolitiker nicht mit jedem, sondern nur mit denen, mit denen eine Diskussion auch Spaß macht. Wo es zu Problemen kommt, weil die Sache persönlich wird oder zu unfruchtbar, wird man den Versuch nicht wiederholen. Im Netz sind wir nicht so wählerisch und durchleiden daher auch das, was wir uns im normalen Leben sinnvollerweise ersparen.

bisher 18 Kommentare » Kommentare
@ Rayson: Kleine Anmerkung zum Thema ‘Zwischen durch mal was einstreuen’:
Ich mag mich irren, glaube aber, dass das Layout des Kommentarteils da (teils) Abhilfe schaffen könnte; wenn die Kommentare ‘threaded’ (ich glaube so nennt man das) angezeigt würden, wie bspw. beim A’Team, wäre die Bereitschaft wohl größer, mal zwischendurch was einzustreuen, auch auf ältere Kommentare zu antowrten, usw. Wenn man nicht den ganzen Tag, alle 5 Minuten den Blog durchsieht, lohnt es sich irgendwann nicht mehr, überhaupt noch auf irgendetwas zu antworten.
Möglich wäre auch eine hybride Lösung, bei der der User selbst wählen kann (wie bei Zettel). Alles machbar, es gibt massig WP-Plugins für den Kommentarteil.
Ist nur ein Nebenkriegsschauplatz in diesem Thema, wollte es aber mal erwähnt haben.
Grüße,
F. Alfonzo
Da musste ich daran denken: http://xkcd.com/386/
Es spricht (bezogen auf die Blogger) sehr viel dafür weniger zu kommentieren und mehr Essays zu verfassen.
Dieser Blogeintrag bspw. war ein Essay.
Spasseshalber will ich also dieses mal ausnahmesweise nicht diesen gelungenen Essay kommentieren und mögliche Kritikpunkte (“Leute mit Problemen psychischer Art sind im Internet stark überrepräsentiert.”) auszeichnen.
glaubst du wirklich, dass es so schlimm wird? Vielleicht lernt ja auch die Blogszene in Deutschland dazu. Und die politische Situation ist an sich nicht so spannend. Allerdings wird uns in erster Linie wohl die Wirtschaftskrise entzweien. Im zweiten Halbjahr und damit punktgenau zum Wahlkampf wird sie ihre unheilbringenden Kräfte entfalten.
Namen bitte…
Herrlich. Eine wunderbare Beschreibung.
Schönen Sonntag noch.
@tigger: ROFL!
Bezüglich des Wahlkampfs bin ich selber ja außen vor, aber hinsichtlich der Bedeutung für die Blogosphäre an und für sich dürfte Deine Einschätzung, rayson, sicher zutreffend sein. Das alte Wahlblog 2005 wurde damals ja völlig umgepflügt, das war glaube ich auch das erste Mal, dass solche unangenehmen Erscheinungen wie PI, Kewil und Gegenstimme sich größer hervortaten. Ansonsten finde ich, dass sich Deine und meine Betrachtung gegenseitig sehr gut ergänzen, weil sie unterschiedliche Aspekte desselben Problems benennen.
Btw: Das ließe sich natürlich auch noch ganz anders drehen, nämlich dahingehend, dass man sich wenigstens in den Gründen einig ist, wieso man sich nicht versteht, aber so pessimistisch sehe ich das dann auch wieder nicht
@Horst
Danke für die Blumen.
Mir fallen da zwei gleich eine Handvoll Namen ein, aber haben wir nicht alle wenigstens eine kleine Meise? Ich meine, sonst würden wir sowas doch gar nicht machen…
@Che
Ich glaube auch nicht, dass wir uns im Wahlkampf besonders engagieren werden, jedenfalls nicht alle von uns – aber ich habe vor, die Gelegenheit zu nutzen, die dann einsetzenden Verdummungsversuche exemplarisch zu beleuchten.
Ich dachte auch weniger daran, wer sich da engagiert – die von dir genannten waren zu Wahlkampfzeiten auch nicht anders unterwegs als andere Blogger mit einer klaren Positionierung. Aber zum einen fand ich die Art und Weise des Umgangs ziemlich erschreckend, zum anderen enttäuschte es mich, wie sehr sich Blogger vor den Karren von Parteipropaganda spannen ließen.
Ein wenig von der “Ernsthaftigkeit” der damaligen Unternehmungen bekommt man mit, wenn man sich daran erinnert, wie viele politisch orientierte Blogs es vor der Wahl gab und wie viele davon jetzt noch übrig sind.
Man muß ja nicht erwarten, dass man die Grundeinstellungen eines anderen in einer Diskussion umstimmen kann.
Finds eigentlich nach wie vor recht interessant, näheres über die Gedanken von politisch Mitdenkenden aus unterschiedlichen Hintergründen zu erfahren.
Zuweilen neig ich dann dazu in Diskussionen die Gegenmeinung pointierter zu vertreten als meine Meinung wirklich ist. Da mir ein festes ideologisches Rückrat fehlt, bestände meine Meinung aus 120 abers, die sowieso kein Mensch lesen will.
Am souveränsten find ich blogs und podcasts, in denen die Gastgeber die Sourveränität besitzen, recht unterschiedlichen Meinungen Raum zu geben. Z.B. läd der nun wirklich in einem europäischen Sinne sehr liberale Russ Roberts in EconTalk auch schon mal Keynesianisten ein. Oder in Chile gibts Puntos de Vista, in dem 3 sehr unterschiedlich verordnete Intervierwer (allesamt Studenten kurz vorm Diplom) politische Akteure des Landes interviewen. So etwas wäre interessant für Deutschland. Beides sind keine typischen hobbyistischen Blog-Projekte, sondern semi-profesionell.
@Lemmy Caution
Das kenne ich
So etwas Ähnliches war ja auch unser Ansatz, aber in einem Fall haben wir erleben müssen, dass in der deutschen Politiklandschaft eine gewisse Sehnsucht nach klaren Kampfeinheiten vorherrscht, sich also der gemäß deinem Beispiel in einem sehr liberalen Blog auftretende Keynesianer öffentlich des Parteienverrats schuldig machen würde.
Andererseits halte ich auch die Frage für berechtigt: Warum unbedingt in einem einzigen Blog? Nicht das einzelne Blog muss die Vielfalt abbilden, sondern die Blogosphäre insgesamt. Und da kann es ja durchaus sinnvoll sein, klare “Marken” anzubieten.
@”aber ich habe vor, die Gelegenheit zu nutzen, die dann einsetzenden Verdummungsversuche exemplarisch zu beleuchten.” — Da warte ich dann mal ganz gespannt drauf, und sehe mal, was sich an Gemeinsamkeiten, Widersprüchen und Schnittmengen so ergibt. Vielleicht ja ein generell “anderer Blick”?
@Che
Ich mache mir da wenig Hoffnungen, aber schaun mer mal
@F. Alfonzo
Ich weiß nicht – ich halte die Thread-Struktur beim A’Team auch nicht für das Gelbe vom Ei, und die Trennung von Beitrag und Kommentar wirkt m.E. zu sehr als Bremse.
Wer zu spät kommt, den bestraft nicht immer das Leben, aber manchmal die Länge des Kommentarstrangs
Die Thread-Kultur beim A-Team ist aber keine Frage des strukturellen Thread-Aufbaus, sondern der Temperamente der Leute, die dort vorzugsweise kommentieren. Gut finde ich die Möglichkeit des Hinterher-Bearbeitens von Kommentaren bei Blogger.de und den leistungsstarken Spamfilter bei wordpress.
@Rayson: In seltenen Fällen wird man aber auch belohnt. Und wer Blogs liest, muss auch scrollen können;-)
@Che: Ich gehöre zu den altmodischen Menschen, die ihre Kommentare nicht mehr ändern möchten (vom Ausbessern eines banalen Tippfehlers mal abgesehen, aber dafür gibt es ja eine gute Rechtschreibprüfung im Firefox).
sehr gute Beschreibung der Polit-Blog-Szene! ich glaube, dass mit am wichtigsten die Punkte Anonymität und Punkt 6 sind; ich kann es manchmal gar nicht verstehen, wie ernsthaft mit einem offensichtlichen Flamer rumdiskutiert wird. Was ich aber tatsächlich auffallend finde, ist der tendenzielle Anti-Islamismus in vielen Polit-Blogs…
Was ich ja tatsächlich auffallend finde, ist der tendentielle Anti-Anti-Islamismus in vielen Blogs.
Mag aber wohl am latenten Antisemitismus vieler Linker liegen. Cheers!
@gentle.rocker
In “vielen” Politik-Blogs? Wirklich?
Aber was wäre auch gegen einen Anti-Islamismus einzuwenden? Was volkstümlich als “Islamismus” bezeichnet wird, gehört schließlich neben anderen zu den Bedrohungen einer offenen Gesellschaft.
Nur das zum Thema zu machen, fände ich allerdings auch etwas einseitig und langweilig. Im besten Fall. Es gibt da ja diesen virtuellen Stammtisch mit der großen Reichweite…
Daneben existieren aber auch tatsächlich einige “pro-westliche” Blogs, die gerne mal den Islam aufs Korn nehmen – deren Agenda ist zwar auch ziemlich einseitig (siehe den entsprechenden Absatz unter unseren “Goldenen Diskussionsregeln”, die oben am Rand verlinkt sind), aber meist nicht “anti” motiviert, sondern eben “pro”.
Gute Beobachtung!
Zu Nummer 1:
Dieses Schema zeigt sich auf der Meta-Ebene ja schon darin, dass wir die Benutzung des Freund-Fein-Schemas immer nur “den anderen” unterstellen.
@Andreas: Zu einem klaren politischen Standpunkt gehört auch eine klare Unterscheidung der politisch Gleichgesinnten und der politischen Konkurrenten. Das unterstelle ich mir selbst;-)
Aber im Laufe des Jahres werden sich deutliche Unterschiede in der Anwendung dieses Prinzips zeigen. Es wird wieder diese Trolle mit den Wegwerf-Nicks geben, die den politischen Konkurrenten als Feind betrachten, gegen den alle Mittel erlaubt sind. Die linken Trollgruppen haben ja eigentlich nie aufgehört. Es wird interessant sein, welche Position die vernünftigen Linken im Laufe des Jahres dazu einnehmen.
Ich habe jetzt mehr als zwölf Jahre Erfahrung mit Diskussionen im Internet: von Leuten mit häufig wechselnden »Identitäten« ist im Grunde noch nie etwas Gescheites, aber oft sehr Übles gekommen.
Es wird natürlich auch wieder Blogger und Kommentatoren geben, die die Contenance wahren und inhaltlich argumentieren. Es wird sich lohnen, ihnen zuzuhören.
–
Momentan scheint sich ja die Legende zu verfestigen, dass am Scheitern eines Bündnisses mit den SED-Nachfolgern nur die »neoliberale Presse« schuld sein kann. Da haben wir das Freund-Feind-Schema sogar mit einem Feind, den es gar nicht gibt;-)