12. Februar 2009
Die Industrie im Fieberwahn
Laut Bild soll ja die Erde Fieber haben, die deutsche Industrie läuft jedoch inzwischen auf jeden Fall zu heiß.
Eigentlich sind Klimaschutz-Veranstaltungen in aller Regel so ausgelutscht wie das Thema selbst. Aber unübertroffen öde sind Veranstaltungen, auf denen sich die Industrie für ihr neu entdecktes ökologisches Gewissen selbst auf die Schultern klopft. Halb gelangweilt, halb wütend über die grüne Industriepropaganda, die inzwischen alle zaghaften Versuche der Vergangenheit, eine Gegenrede ökonomischer Vernunft zu führen, vollends ersetzt hat, wird mir schmerzlich bewusst, dass ökonomisch rationales Handeln eben nur dann zu einem dem Gemeinwohl einträglichen Ergebnis führt, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen vorgibt. Oder wie in diesem Fall besser darauf verzichtet, denn so wäre die Industrie gar nicht erst auf die Idee gekommen, sich an die Fleischtöpfe der Klimapolitik zu begeben, um dann, so richtig auf den Geschmack gekommen, nicht mehr davon abzulassen. Selbst dem alten Adam Smith wäre angesichts dieses Spektakels der sich auf die Kraft der “Unsichtbaren Hand” und dem die Wohlfahrt steigernden Egoismus hart arbeitender Handwerker stützende Optimismus vergangen.
Versicherungsunternehmen fordern mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz, Elektrogerätehersteller schärfere Energiestandards und Abwrackprämien für Altgeräte, Energieberater einheitliche und strenge Regeln für Heizung und Dämmung von Gebäuden, Baustoffhersteller eine großzügigere und unbürokratischere Förderung für klimagerechtes Bauen und eine CDU-Landesumweltministerin schmückt sich mit der tollen Idee eines Solarenergiezwangs für Neubauten, wobei sie es kaum abwarten kann, ab nächstes Jahr auch noch die Altbauten in diesen ökonomischen und ökologischen Nonsens mit einzubeziehen. Wenn früher die Energieversorger noch Sturm gelaufen wären, angesichts der Tatsache, dass wegen des hohen subventionierten Windstromaufkommens der Strom an der Börse dem Abnehmer auch mal gegen ein Entgelt aufgedrängelt werden muss, fordert man heute einfach die Umlenkung staatlicher Konjunkturspritzen in den Ausbau der Stromnetze. Als ob der Steuerzahler nicht schon genug für diesen energiepolitischen Unfug geschröpft wird.
Unternehmer, Verbraucherschützer und Politiker üben den Schulterschluss gegen den Klimawandel und spielen sich dabei gegenseitig die regulativen Bälle zu. Jeder Einzelne glaubt von der Großzügigkeit der Politik und der Naivität des Konsumenten jeweils ein großes Stück ergattern zu können, ohne zu merken, dass von einer Energie- und Klimapolitik, die aus mehr Input letztlich weniger Output macht, in der Summe niemand profitieren kann. Hierin liegt auch ein Dilemma der Umweltpolitik, ein Dilemma, das die üblichen Vorstellungen vom Marktversagen auf den Kopf stellt. Wo sonst die Unternehmen die vollen Umweltkosten ihres Wirtschaftens nicht tragen, wetteifern plötzlich alle um die Pfründe der staatlichen Regulierung, im Glauben irgendwer wird die Rechnung schon zahlen. Doch langfristig zahlen alle die Rechnung, was auch die Industrie merken wird, wenn sie mit der selbst geforderten Politik nicht nur ihre Kunden, sondern sich alsbald selbst gegenseitig knebelt. Das ausgerechnet der Chefökonom des gern einmal auf das klimapolitische Gaspedal drückenden PIK in dieser Melange aus industriepolitischen Kalkül und realpolitischer Naivität die einzige Stimme der Vernunft ist und mit dem Verweis auf das grüne Paradoxon des Herrn Professor Sinn verzweifelt auf die klimapolitische Absurdität dieses egoistischen Klein-Kleins hinweist, hat schon etwas Groteskes. Und so bin ich mir nicht sicher, ob dieser Albtraum von einem besseren Klima bald zu Ende sein wird.
Verfasst von SteffenH um 01:09 Uhr in der Kategorie Energie,Politik,Rochus,Umweltpolitik,Wirtschaftspolitik (Trackback)
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