Die Industrie im Fieberwahn

Laut Bild soll ja die Erde Fieber haben, die deutsche Industrie läuft jedoch inzwischen auf jeden Fall zu heiß.

Eigentlich sind Klimaschutz-Veranstaltungen in aller Regel so ausgelutscht wie das Thema selbst. Aber unübertroffen öde sind Veranstaltungen, auf denen sich die Industrie für ihr neu entdecktes ökologisches Gewissen selbst auf die Schultern klopft. Halb gelangweilt, halb wütend über die grüne Industriepropaganda, die inzwischen alle zaghaften Versuche der Vergangenheit, eine Gegenrede ökonomischer Vernunft zu führen, vollends ersetzt hat, wird mir schmerzlich bewusst, dass ökonomisch rationales Handeln eben nur dann zu einem dem Gemeinwohl einträglichen Ergebnis führt, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen vorgibt. Oder wie in diesem Fall besser darauf verzichtet, denn so wäre die Industrie gar nicht erst auf die Idee gekommen, sich an die Fleischtöpfe der Klimapolitik zu begeben, um dann, so richtig auf den Geschmack gekommen, nicht mehr davon abzulassen. Selbst dem alten Adam Smith wäre angesichts dieses Spektakels der sich auf die Kraft der “Unsichtbaren Hand” und dem die Wohlfahrt steigernden Egoismus hart arbeitender Handwerker stützende Optimismus vergangen.

Versicherungsunternehmen fordern mehr Aufmerksamkeit für den Klimaschutz, Elektrogerätehersteller schärfere Energiestandards und Abwrackprämien für Altgeräte, Energieberater einheitliche und strenge Regeln für Heizung und Dämmung von Gebäuden, Baustoffhersteller eine großzügigere und unbürokratischere Förderung für klimagerechtes Bauen und eine CDU-Landesumweltministerin schmückt sich mit der tollen Idee eines Solarenergiezwangs für Neubauten, wobei sie es kaum abwarten kann, ab nächstes Jahr auch noch die Altbauten in diesen ökonomischen und ökologischen Nonsens mit einzubeziehen. Wenn früher die Energieversorger noch Sturm gelaufen wären, angesichts der Tatsache, dass wegen des hohen subventionierten Windstromaufkommens der Strom an der Börse dem Abnehmer auch mal gegen ein Entgelt aufgedrängelt werden muss, fordert man heute einfach die Umlenkung staatlicher Konjunkturspritzen in den Ausbau der Stromnetze. Als ob der Steuerzahler nicht schon genug für diesen energiepolitischen Unfug geschröpft wird.

Unternehmer, Verbraucherschützer und Politiker üben den Schulterschluss gegen den Klimawandel und spielen sich dabei gegenseitig die regulativen Bälle zu. Jeder Einzelne glaubt von der Großzügigkeit der Politik und der Naivität des Konsumenten jeweils ein großes Stück ergattern zu können, ohne zu merken, dass von einer Energie- und Klimapolitik, die aus mehr Input letztlich weniger Output macht, in der Summe niemand profitieren kann. Hierin liegt auch ein Dilemma der Umweltpolitik, ein Dilemma, das die üblichen Vorstellungen vom Marktversagen auf den Kopf stellt. Wo sonst die Unternehmen die vollen Umweltkosten ihres Wirtschaftens nicht tragen, wetteifern plötzlich alle um die Pfründe der staatlichen Regulierung, im Glauben irgendwer wird die Rechnung schon zahlen. Doch langfristig zahlen alle die Rechnung, was auch die Industrie merken wird, wenn sie mit der selbst geforderten Politik nicht nur ihre Kunden, sondern sich alsbald selbst gegenseitig knebelt. Das ausgerechnet der Chefökonom des gern einmal auf das klimapolitische Gaspedal drückenden PIK in dieser Melange aus industriepolitischen Kalkül und realpolitischer Naivität die einzige Stimme der Vernunft ist und mit dem Verweis auf das grüne Paradoxon des Herrn Professor Sinn verzweifelt auf die klimapolitische Absurdität dieses egoistischen Klein-Kleins hinweist, hat schon etwas Groteskes. Und so bin ich mir nicht sicher, ob dieser Albtraum von einem besseren Klima bald zu Ende sein wird.

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9 Kommentare zu “Die Industrie im Fieberwahn”

  1. 12.02.2009 | 8:07

    solange sich daran etwas verdienen lässt – und das wird wohl noch lange so sein – solange wird es diesen Wahn geben.

    Ich kann mir nur dann ein Umdenken vorstellen, wenn die verunsicherten Zwangs-Umwetschützer (also alle, die Waren und Dienstleistungen benötigen, die “für die Umwelt” verteuert werden), sich das nicht leisten wollen (das Zeug nicht kaufen), oder per Wahlurne die entsprechenden Parteien nicht mehr wählen (um den entsprechenden Zwangsgesetzen zu entgehen) … also wohl wirklich nie :(

  2. Libero
    12.02.2009 | 10:51

    Typisch liberale Kleingeister

    Die Chinesen haben bereits die Zeichen der Zeit erkannt und senken seit vier Monaten die Stromerzeugung aus fossilen Brennstoffen. Im Januar haben sie – 13 % erreicht. Leider sinkt dadurch auch der Ausstoß an Aerosolen, aber Mann Gottes, nie hat man alles zusammen.

    Die Richtung der technologischen Entwicklung bestimmen die, die sie gestalten. Euch passt die Entwicklung bei der Umwelttechnik und der Energie nicht?

    Wo ist das Problem? Eignet euch die technologischen Kenntnissen an und werdet auf diesen Gebieten innovativ. VWL, BWL und Jura sind nur bedingt gute Voraussetzungen, um auf diesen Gebieten den Weg zu beeinflußen. Da geht einem wie der Gans mit ihren Entenkücken. Wenn es die ins Wasser zieht, steht die Gans ganz aufgeregt am Ufer und kann nur hilflos zuschauen.

    Wieder mal aufs falsche Pferd gesetzt. Es ist ein Ärger

  3. 12.02.2009 | 11:08

    @Libero:

    Du kannst deine technologischen Kenntnisse gern mit deinem eigenen Geld einsetzen, lass mich aber als Steuer zahlenden Fianzier außen vor. Ihr Technologen habt die Bretter vor eurem Kopf technisch so perfektioniert, dass von keiner Seite mehr das Licht der Realität durchdringt. Was für eine tolle Stromerzeugungstechnologie, die es notwendig macht den Leuten Geld zu zahlen damit sie dir den Strom abnehmen. auf so eine Idee kann nur ein Ingenieur kommen, bei dem die technische Machbarkeit und nicht die ökonomische Sinnhaftigkeit im Vordergrund steht. Wenn es das ist, was technisch versierte Menschen als unsere Zukunft ansehen, dann müssen wir uns wohl vor einer Diktatur der Ingenieure fürchten.

  4. DrB
    12.02.2009 | 11:53

    > Die Richtung der technologischen Entwicklung bestimmen die, die sie gestalten.

    Es sind die Gegebenheiten, die die technologische Entwicklung bestimmen, keineswegs die Politiker.
    Hier scheint mir das fundamentale Mussverständnis zu liegen.

    Jetzt kann man sich noch fragen, warum Politiker bestimmte “Akzente” setzen auf Basis spekulativer Hypothesen. Ich vermute wegen den Rezepienten, viele Bürger haben Angst (vor Atom, CO2, “Waldsterben”, hohem Energieverbrauch, der Marktwirtschaft etc.). Es ist also durchaus natürlich, was passiert, nur gut finden muss man das nicht.

    Kleingeistig bist eher Du, sicherlich nicht der geschätzte Steffen.

  5. tigger
    12.02.2009 | 13:12

    Die Richtung der technologischen Entwicklung wird durch die mögliche Realisierung, sprich erwartete Stückzahlen, bestimmt. Was von den zahlreichen Innovationen letztendlich wirklich in Produktion geht, bestimmt nicht der Ingenieur, sondern der Verbraucher. Dem allerdings muss manchmal seitens der Politik zum verbrauchen nachgeholfen werden.

    Die Automobilindustrie in Deutschland und ihre Zulieferer warten gerade jetzt, zu Zeiten der rückläufigen Absätze, auf neue Verordnungen und Regularien, die die Verbraucher zwingen, sich von ihren älteren “schmutzigen” Fahrzeugen zu trennen, und neue “saubere” zu kaufen. Die Umweltplakette ist ein guter Anfang.

  6. Die Stimme aus dem Off
    12.02.2009 | 13:56

    Apropos Industrie:

    Deutschland hat mehrmals ohne Absprache mit den anderen Mitgliedern des europäischen Währungsraums die Lohnnebenkosten gesenkt, was zu einem sofortigen Kostenvorteil deutscher Unternehmen führte.

    (Ein Kommentar von Wolfgang Münchau)
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,607056,00.html

    So kann man Subventionen jetzt auch schon definieren. :-)

  7. R.A.
    12.02.2009 | 14:28

    @Libero:

    Eignet euch die technologischen Kenntnissen an …

    Wer soll denn da mit “Euch” gemeint sein?

    In der Regel ist es doch so, daß die Leute mit technischen Kenntnissen grünen Vorstellungen eher skeptisch gegenüberstehen.

    Bzw. es ist umgekehrt so, daß die Anhänger der diversen Zwangsmaßnahmen mehrheitlich recht wenig Ahnung von der Materie haben.

  8. ftt
    12.02.2009 | 16:29

    Die Umweltplakette ist ein guter Anfang.

    Die habe ich immer als subtilen Versuch interpretiert, die Unterschicht und Großfamilien schön an der Peripherie der Städte zu halten.

  9. der_gute_don
    13.02.2009 | 13:14

    Die Umweltplakette ist ein guter Anfang.

    ja, brilliant. Viel besser solche bürokratischen Monster wie die Umweltzonen einzuführen, als strengere Bedingungen in der Zulassung zu verankern.

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