Wir sind nicht mehr Papst …
… meint Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie hat Papst Benedikt XVI. zur Klarstellung in der Debatte um die Pius-Bruderschaft aufgefordert. Benedikt XVI. solle sich generell von der Leugnung des Holocaust distanzieren. Das ist in meinen Augen eine typische Maßnahme aus der Schublade der Scheinpolitik. Denn ein Papst wird niemals auf Aufforderung von Politikern etwas dementieren, bestätigen oder theologisch klarstellen.
Aber nehmen wir an, dass es doch soweit käme. Der Papst kann persönlich sicher ehrlichen Herzens sagen »Ich lehne die Leugnung des Holocaust ab«. Das sollte aber jeder denkende und unverblendete Mensch tun. Gleichzeitig ist offensichtlich, dass nur ein sehr dummer oder sehr verblendeter Mensch den Holocaust leugnen würde. Sind diese Leute aus der Pius-Bruderschaft dumm? Man darf das Gegenteil vermuten.
Gefährlich ist nämlich etwas ganz anderes: In manchen — vor allem älteren — Christen steckt ein unterschwelliger Antisemitismus, der wohl aus unverarbeiteten Überlieferungen gespeist wird und der auf geheimnisvolle Weise dafür sorgt, dass Juden vom normalen Umgang ausgegrenzt werden. Das war mir schon unheimlich, als ich fast noch ein Kind war. Alte Leute flüsterten sich damals zu Karfreitag zu, dass die Juden bis in unsere Zeit »dafür« büßen müssten. Das könne man doch an all den Verfolgungen sehen — »und jetzt wieder, die Palästinenser«. Es ist 30 Jahre her, aber es hat sich tief eingeprägt.
Ganz offensichtlich geht die Pius-Bruderschaft gerade auf Konfrontationskurs gegen den Papst und ganz offensichtlich trägt sie auch solches Gedankengut mit sich herum. Gegen diesen unterschwelligen Antisemitismus einer Oppositionsgruppe innerhalb der Katholischen Kirche kann der Papst nicht mit der Aussage »Ich lehne die Leugnung des Holocaust ab« antreten.
Was in manchen rückwärtsgewandten Köpfen vor sich geht, ist nämlich keine Leugnung des Holocaust. Es ist eine Umdeutung. Sie ist in meinen Augen noch wesentlich schlimmer als die Leugnung. Denn die Leugnung ist nur dumm und in manchen Ländern strafbar, aber die Umdeutung ist als »Glaubenssache« ganz unangreifbar. Kann man dagegen mit Vernunftgründen antreten? Nein, ich fürchte, dass man gegen manifeste Verblendung keine Chance hat.
Weil auch der Papst diesen Leuten nicht eintrichtern kann, was sie glauben sollen, ist Frau Merkels Forderung einfach nur Schein- und Symbolpolitik. Sie kann natürlich trotzig sagen »Sonst sind wir nicht mehr Papst!«, doch sie wird damit nichts erreichen. Entweder der Papst sagt überhaupt nichts oder er sagt etwas Unzureichendes. Aber in keinem Fall wird er den harten Kern dieser Pius-Bruderschaft erreichen. Wenn bei denen schon die Exkommunikation nichts bewirkt hat: was soll denn dann wirken?

bisher 58 Kommentare » Kommentare
Jetzt, da Rom nun mit der Pius-Bruderschaft wieder kommunizieren kann, wird man wohl deren Vermögen unter Kontrolle stellen. Man kann auch einen päpstlichen Verwalter mit der Kontrolle über die Bruderschaft beauftragen, sowie die einzelnen Mitglieder in fremde Einrichtungen schicken. Man kann sie also teilen und von einander räumlich trennen.
Außerdem kann man den geweihten und amtslosen Bischöfen strenge Bußen auferlegen. Eine Schweigeverpflichtung zum Beispiel. Williamson wird sich nicht trauen sich noch weiter aus dem Fenster zu lohnen. Provoziert er weiter, wird nur er exkommuniziert werden. Sein Rückhalt bei der Pius-Bruderschaft dürfte aber nicht so groß sein, dass man die erneute Exkommunikation für diesen Menschen in Kauf nimmt.
Das wäre möglich.
Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob der Vatikan das überhaupt will. Man kann die Pius-Bruderschaft nämlich auch mit ganz weltlichen Mitteln in die Knie zwingen. So z.B. indem man den lokalen Behörden zu verstehen gibt, dass diese Leute stören und man bei Maßnahmen z.B. gegen deren Gebäude nicht intervenieren würde.
Man kann denen das Leben schon sehr unangenehm machen. Vor allem in Südamerika, da geht eine Menge.
“Denn die Leugnung ist nur dumm und in manchen Ländern strafbar”
Warum bestraft man in manchen Ländern etwas, das nur dumm ist? So ganz geht mir die Logik noch nicht auf.
Das Holocausleugnen in einigen Ländern strafbar ist, sollte für Liberale allerdings ein Problem sein, finde ich.
@Herbie:
Man will halt an die Meinungen der leute ran, die Holocaustleugnung ist nur der Anfang, das soll ausgedehnt werden auf andere Völkermorde und auch auf sog. Hassverbrechen.
Wilders bspw., morgen kanns der Broder sein, übermorgen jeder Islamkritiker.
Check mal die Straftatbestände, da gibts den Punkt “Störung des öffentlichen Friedens”, alles was “geeignet ist” diesen zu stören könnte irgendwann strafbar werden.
sehe ich ganz anders. Merkel musste es tun, ansonsten wird der politische Gegner den unerträglichen Fehltritt des offensichtlich vollkommen überforderten Benedikt XVI im Bundestagswahlkampf gegen die CDU verwenden. Der politische Gegner von den Grünen, über die SPD bis hinzu den Kommunisten ist derart verroht, dass solch eine schmierige Propagandaaktion sehr wahrscheinlich ist.
Mann, wie geht das bloss, frage ich mich … es ist mir tatsächlich ein Rätsel.
Davon abgesehen: Frau Merkel ist sich diesen Protest schuldig: wer so entschieden Partei für Israel ergreift, muss so handeln, handelt nur folgerichtig, um als Person glaubhaft zu erscheinen.
Aber nur eine Attitüde? Scheinpolitik? Das glaube ich eigentlich nicht. Im übrigen halte ich es für notwendig, das fragwürdige Verhalten eines (deutschen) Papstes in dieser Sache aus der deutschen Politik heraus zu kommentieren und anzuprangern. Und wenn das mit dem in Kirchen- und Gläubigenkreisen offenbar unausrottbaren Antisemitismus tatsächlich stimmt, dann erst recht.
Hinweis: NKs Kommentar hing kurz in der Spam-Falle fest. — Um die Strafbarkeit der Leugnung ging es mir in diesem Artikel nur sehr am Rande, dazu hatten wir hier schon sehr intensiv diskutiert. Wichtiger als jedes Redeverbot ist, dass eine aufgeklärte Mehrheit diesen Lügen (und schon der Relativierung) entgegentritt.
Den latenten Antisemitismus in bestimmten Kreisen der westlichen Gesellschaft kann man mit überhaupt keinem Gebot oder Verbot unterdrücken, allenfalls durch Aufklärung, Vorbildwirkung und Taten langsam abschwächen.
Worum es mir aber hier vor allem ging: unsere Kanzlerin fordert den Papst auf, nur schnell irgend etwas zu tun, obwohl sie ganz genau wissen sollte, dass das im Grunde keinen Sinn hat. Das erinnert mich fatal an das Gewurstel in unserer Innenpolitik …
@Lina: Wie das möglich ist, weiß ich auch nicht. Aber was ich über diese Bruderschaft so gelesen habe, hat mich wirklich schockiert. — Der Papst als solcher ist zwar deutscher Herkunft, aber das darf bei der Einschätzung seiner Politik und seiner Amtsausübung keine Rolle spielen. Man hätte ja auch nicht von den Polen erwartet, zu jeder Aktion Johannes Paul II. eine Meinung zu äußern;-)
Von Frau Merkel würde ich mir in dieser Frage eine stärkere Richtlinienkompetenz in der Außenpolitik wünschen. Und zwar nicht gegenüber dem Vatikan, sondern eher gegenüber dem Herrn Steinmeier;-)
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@Emmet Grogan: Ich bin ja nun wirklich über das Niveau des Wahlkampfs eher desillusioniert. Aber das würde ich keinem aktiven Politiker von irgendeiner Bedeutung zutrauen. Das ist eine Angelegenheit der Katholischen Kirche und keine Angelegenheit unserer Innenpolitik. Wie das gegen die CDU verwendet werden sollte, ist mir auch eher schleierhaft. Allenfalls ein paar Pöbelbloggern würde ich das zutrauen …
Merkel hat es eigentlich sehr geschickt und taktvoll gemacht, weil sie sich nicht sofort geäußert hat, sondern erst mit einigen Tagen Verspätung. Ratzinger ist selbst Schuld, dass er sich bis jetzt nicht deutlich von der Leugnung des Holocaust distanziert hat.
Die Frage, wie man die Strafbarkeit der Holocaustleugnung beurteilt, ist eine ganz andere. Ich bin auch sehr skeptisch, ob ein solches Verbot adäquat und grundgesetzkompatibel ist. Davon ungeachtet halte ich es aber in der Tat für notwendig, dass man politisch – nicht juristisch – gegen Holocaustleugner ganz klar Stellung bezieht. Und nichts anderes hat Merkel gemacht.
@Stefanolix:
Du überschätzt die Bedeutung der Richtlinienkompetenz. Der entsprechende Artikel des Grundgesetzes wird in seiner praktischen Bedeutung allgemein viel zu hoch eingeschätzt. Merkel ist – wie alle ihre Vorgänger seit Adenauer – von ihrer Koalition, die sie gewählt hat, abhängig, und das ist auch gut so: Schließlich ist Merkel Kanzlerin, nicht Königin.
> Ratzinger ist selbst Schuld, dass er sich bis jetzt nicht deutlich von der Leugnung des Holocaust distanziert hat.
Auf diesem Niveau wird leider zurzeit diskutiert, der Papst sei Holocaustleugner, wie Uta (ein wenig indirekt) nahelegt:
http://www.zeit.de/online/2009/06/papst-holocausleugner
(Man beachte auch den Titel des Dokuments)
Ich beobachte seit einigen Jahrzehnten die antichristlichen Kampagnen, diese hat aber eine besondere Würze.
@ stefanolix
Die Hinnahme einer Holocaust-Leugnung ist angesichts eines deutschen Papstes schon etwas anderes als etwa die einst vermeldete Zunahme an Kirchenbesuchern in Polen wegen ‘ihres’ polnischen Papstes – oder nicht?
In dieser Sache steigt die Verantwortung gerade eines Deutschen, finde ich.
@Lina: Also wenn ich das Prinzip richtig verstanden habe, behält der Papst zwar seine Staatsangehörigkeit, wird aber gleichzeitig zum Staatsoberhaupt. Nach meiner ganz persönlichen Auffassung »ruht« damit sein Status als Deutscher und er nimmt den einzigartigen Status als Papst ein. In dieser Angelegenheit hat der Papst eine hohe Verantwortung, aber es ist (wieder meiner Meinung nach!) nachrangig, welcher Nationalität der Papst gerade ist.
Papst war nur die Bildzeitung
“Wir sind nicht mehr Papst” – komisch, an genau den selben Header hatte ich heute auch gedacht. Gut, dass ich es nie war
Dass der Alte jetzt der Merkel Munition für saudummen Wahlkampfpopulismus und dem ebenso senilen Geissler Stoff für Träumererien über lesbische Kardinälinnen mit Streetworkerhintergrund liefert, zeigt dass er mit seinen 81 Lenzen offensichtlich schon nicht mehr ganz von dieser Welt ist. Da ist er seinen Pius-Freaks ganz schön ins Messer gelaufen.
Die Vatikan-Bürokratie scheint ein ganz schöner Saftladen zu sein. Da rächt sich die Zentralisierung: die Musleme haben’s diesbezüglich besser. Wenn einer ihrer Vertreter wieder einmal antisemitische Grütze absondert, können sie sich immer rausreden, dass es ja ein unautorisierter Einzelfall gewesen sei *lol*
Das richtige Wort dafür ist “Populismus” oder vielleicht auch “Opportunismus”, zumal ja für jeden halbwegs denkenden Menschen klar ist, dass der Papst kein Antisemit ist. Richtig schönes Gegacker mit Halbwissen auf Stammtischniveau ist es, was die Frau Bundeskanzlerin da meines Erachtens von sich gibt. Als ob es nicht genug Probleme gäbe, zu deren Lösung die gute Frau (mit einem “bemerkenswerten” Ergebnis) gewählt wurde! Nach drei Jahren im Amt muss man leider feststellen, dass sie sich nicht so sehr vom Amtsvorgänger unterscheidet, wie ich mir das erhofft hatte.
Die Sache mit dem Kreuz hat nen Haken…
Was geht in unserer freien und aufgeklärten Welt? Ich bin erschrocken, als Atheist bestärkt und fühle mich bestätigt. Religion verblendet und zu viele Männer – gerade älterer Semester – auf einem Haufen sind gefährlich, bei gleichzeitigem Sexverzicht sogar brandgefährlich.
Naja…immerhin war dies der Auslöser meinen Blog dieser Tage erstmals einem religiösen Thema zu öffnen.
Gruß aus Hamburg
Boah, hast Du aber ein differenziertes und
primitivesumfassendes Menschenbild. Sind alle Atheisten so toll? Da können wir verblendete religiöse Fanatiker und katholische Ultras eine Scheibe abschneiden.Ich möchte diesen Thread nicht in eine pauschale Verurteilung der Religion oder des Atheismus abgleiten lassen. Selbstverständlich hat jeder das Recht, für oder gegen den katholischen Glauben, für oder gegen den Atheismus zu sein. Aber dieser Thread hat ein spezielles Thema. Vielen Dank!
Übrigens hat es der Vatikan inzwischen abgelehnt, Frau Merkels Wunsch nachzukommen. Nein, ich habe davon zum Zeitpunkt des Schreibens nichts gewusst, ich habe es auch erst abends aus den Medien erfahren;-)
Als Nichtkatholik könnte ich mich auf den Standpunkt stellen, das mich das nichts angeht, was dieser Verein intern treibt, welche Leute er zulässt und welche nicht.
Aber der organisierte Katholizismus ist immer noch (meiner Meinung nach: Leider) eine sehr mächtige Organisation, die noch dazu shr viel gesellschaftlichen Einfluss eingeräumt bekommt (bestes Beispiel: Rundfunkräte).
Dementsprechend kann und muß man als Außenstehender Tendenzen innerhalb der katholischen Kirche kritiseren, wenn man sie für falsch hält.
Die letzten Vorgänge zeigen mir, dass Papst Benedikt XVI. seine konservative bis reaktionäre Geisteshaltung, die er vor seiner Wahl hatte, weiterhin lebt und wohl noch intensiviert. Gleichzeitig habe ich aber auch den Eindruck, dass die katholische Kirche (bis zu den Bischöfen) einen solchen reaktionären Kurs nicht mitmachen will. Ich bin gespannt, was der Rest der Kirche gegenüber dem Papst noch veranstalten wird … oder vielleicht in einem Anfall von Kadavergehorsam nach anfänglicher Kritik das alles doch schluckt.
Das Abarbeiten am Papst ist für Frau Merkel der Ersatz für den Klimaschutz, nach dem sie seit spätestens Mitte letzten Jahres sucht. Ihr Prinzip besteht darin, sich ein Thema zu suchen, bei dem sie zu geringen Kosten viel Zustimmung einheimsen und Tatkraft vortäuschen kann. Der Klimaschutz war angesichts der Wirtschaftskrise und der zunehmenden Zahl an Entscheidungen, die sie im Widerspruch zu ihrem Gerede gefällt hat, nicht länger tauglich. Jetzt ist der Papst dran: ein neuer Streit über des Kaisers Bart!
Du bist und bleibst mein Papst.
Als Historiker kann ich da nur sagen: Es ist völlig normal, daß der jeweilige Chef der Deutschen (früher der Kaiser, heute eben Merkel) dem Papst sagt, wo es lang zu gehen hat.
Die Bundeswehr ist zwar nicht mehr in der Lage, einen ordentlichen Romzug zu organisieren, um im Vatikan für Ordnung zu sorgen – aber das ändert nichts am Prinzip.
Eine gewisse populistische Komponente wird man da durchaus vermuten können, aber wieso sollte Merkel auch solche Vorlagen nicht nutzen.
Inhaltlich halte ich den Papst natürlich nicht für einen Holocaust-Leugner.
Aber es ist schon zu vermuten, daß er die alten antisemitischen Tendenzen der katholischen Kirche immer noch im Hinterkopf hat.
Die üblichen Stellungnahmen des Vatikan (oder überhaupt katholischer Würdenträger) zu Nahost sind jedenfalls meist von einer Einseitigkeit und Heuchelei gekennzeichnet, das paßt gut in eine Reihe mit den Fanatikern von Linkspartei oder Hamas-Fans.
Da bitte ich doch mal um Belege für diese “üblichen Stellungnahmen des Vatikan”, die da so von “Einseitigkeit und Heuchelei” strotzen sollen.
@R. A.
Ja, das letzte “Sacco di Roma” liegt doch schon etwas lang zurück
Die Bundeswehr könnte doch noch nicht mal einen richtigen Canossa-Gang organisieren;-)
Für Canossa wären heute auch nicht die olivgrünen, sondern die Bü90-Grünen zuständig.
So von wegen: “… macht mich sehr betroffen, fast ein wenig traurig”.
Oh, wie interessant. Was ist Dein Spezialgebiet?
@DSadO: Geschichte der Ironie?
Neben der Ironie, die ich eher als Sarkasmus bezeichnen würde, finde ich auch die Verachtung für eine Bundeswehr, die nicht mehr “in der Lage” ist, Italien zu überfallen, sehr bemerkenswert.
…und ich interessiere mich nach wie vor für Beispiele für die “heuchlerischen Stellungnahmen”, die “der Vatikan” “üblicherweise” gegen Israel vom Stapel lässt und die ihn “in eine Reihe mit den Fanatikern von Linkspartei oder Hamas-Fans” setzen. Die sollten doch einfach beizubringen sein, wenn sie der Normalfall sind, oder?
@Stimme:
Das war Mittelalter/frühe Neuzeit – ist aber schon 20 Jahre her …
@Herbert:
Nix da “Italien überfallen”.
So ein kaiserlicher Romzug war Innenpolitik. sozusagen eine etwas rustikalere Polizeimaßnahme.
@ftt:
Siehe hier oder hier.
@R.A.: Was Kardinal Martino gesagt hat – Gaza werde einem KZ immer ähnlicher -, ist ein böser Patzer, stimmt, für den er aber gemaßregelt wurde. De facto haben mir allerdings schon im Laufe des letzten Jahres zwei Personen, die dort unten für das Rote Kreuz und die Internationale Kooperation arbeiten, die Lage mit ähnlich drastischen Worten beschrieben. Bei dem zweiten Link wird einmal die “katholische Sektion der Friedensbewegung” zitiert, die wohl kaum mit dem Vatikan gleichzusetzen ist. Die andere Quelle dort verweist auf einen Appell des heiligen Vaters, die Gewalt zumindest zu unterbrechen, um die Verwundeten zu versorgen. Darin steht keine Schuldzuweisung. Ein christlicher Würdenträger gleich welcher Konfession, der etwas anderes fordern würde, hat meiner Meinung nach seinen Beruf verfehlt. Im Übrigen wurden der letzte Waffengang auch von Zeitungen wie meiner NZZ, die nun wahrlich nicht pro-palästinensisch ist, Zweifel an der – ähemm – “rustikalen” Vorgehensweise des israelischen Militärs in Gaza artikuliert.
@ RA
“So ein kaiserlicher Romzug war Innenpolitik. sozusagen eine etwas rustikalere Polizeimaßnahme.”
Da darf die Bundeswehr sowieso nicht eingesetzt werden, sagt die Verfassung.
Zu Merkels “mutigem Appell” stimme ich Herbert zu. Die Verurteilung von Kinderpornographie fällt ja mehr so in von der Leyens Ressort, da bleibt der armen Kanzlerin nicht mehr viel, billige Punkte zu machen. Wo sie sich aus den wirklich strittigen Fragen öffentlich doch präsidial heraushält.
Man sollte aber die Piusbruderschaft auch nicht zur Massenbewegung aufplustern. Die wird vor allem von Profis getragen – um so mehr verwundert, dass der Vatikan deren Reintegration als so wichtig ansieht. Zumindest, wenn man keine geistige Verwandtschaft attestiert.
Dementsprechend ist der Antisemitismus eines Williamson genau so für Christen repräsentativ wie für Menschen seiner Haarfarbe.
Dass der Vatikan übrigens denjenigen, die Israel als den ewig sündenfreien Staat betrachten, dessen Funktionäre und Führer mit einer Art heiligem Geist erfüllt traumwandlerisch sicher davor gefeit sind, Fehler zu machen und Böses zu tun, zu palästinenserfreundlich ist, mag auch etwas damit zu tun haben, dass es mehr christliche Palästinenser als Judenchristen in den umkämpften Gebieten gibt. Deutlich mehr.
@VolkerD
Logisch wäre für mich hier nur die Forderung nach Abschaffung eines zwangsgeldfinanzierten Rundfunksystems überhaupt. Alleine dass irgendwelche Gruppen irgendwelchen Räten angehören, macht ihre inneren Angelegenheiten jedenfalls nicht zu öffentlichen.
@ Stefanolix:
Ja, die Geschichte der Ironie wäre gut möglich.
@ Herbert:
Das mit dem Bundeswehreinsatz im Inneren geht schon. Erinnerst Du Dich an den Zapfenstreich für Gerhard Schröder? Man hat einfach alles zum militärischen Sperrgebiet erklärt und schon konnte Bundeswehr agieren. Ich habe mich damals gefragt, wo eigentlich die FDP bleibt, aber von der war nichts zu hören.
@Rayson:
Weitgehend Zustimmung, aber
Gerade hier sehe ich noch stärker Kritikwürdiges beim Vatikan.
Daß die christlichen Palästinenser von Hamas und Co. verfolgt werden, daß die Repressionen zunehmen – das ist m. W. vom Vatikan nie besonders thematisiert worden.
Besondere Hilfe können die palästinensischen Christen von ihren katholischen (und auch protestantischen) Glaubensbrüdern nicht erwarten.
Auch als die Palis 2002 die Geburtskirche Jesu – eine der wichtigsten heiligen Stätten der ganzen Christenheit – gestürmt und ruiniert haben, da galt meiner Erinnerung nach die Hauptfürsorge des Vatikans dem Wohlergehen der Terroristen.
Es ging um Schröders Abgang.
Die FDP hatte einfach Angst, daß der bleibt, wenn sie gegen die Form des Abschieds protestiert …
Die Vernachlässigung der Christen im Libanon und Palästina ist zwar bedauerlich, aber wohl auch nichts anderes als Politik. Der Vatikan rechnet sich wohl aus, dass man die Christen am besten weitestgehend aus dem Konflikt heraushalten will und Juden und Muslime das unter sich ausmachen lässt. Israel ist schon in der Vergangenheit kein besonders treuer Verbündeter gewesen. Man möge nur mal an die SLA denken, die böse verraten wurde.
Außerdem interveniert Frankreich noch sehr häufig, wenn es um den Schutz der Christen geht. Griechenland mischt auch mit, vor allem damit, dass es den Parteien die Schmuggelrouten über Griechenland zumacht, wenn sie nicht spuren. Die Verbindungen Griechenlands in die Levante sind traditionell sehr eng. Viele christlichen Libanesen leben auf Zypern und in Griechenland. Ob der Vatikan da immer aktiv werden muss ist daher fraglich.
Das verwundert mich nicht. Deine Informationen zum Vatikan scheinen ja durch die Achse des Guten durchgefiltert zu sein.
Ansonsten würde ich mir wünschen, wenn in der “liberal-konservativen Blogsphäre” auch die implizite Botschaft des ersten Teils der von Dir zitierten Aussage von Rayson zum Nachdenken führen würde:
Ich melde mich noch einmal zu Wort, um eine Unklarheit zu beseitigen. Es ist wirklich 30 Jahre her, dass ich solche Äußerungen gehört habe, ich könnte heute noch das Haus und die Leute benennen. Damals gab es auch Attentate der Palästinenser auf Israelische Flugzeuge und Einrichtungen.
Ich wollte die aktuellen Berichte über die Mentalität bestimmter verknöcherter Konservativer mit meinen Erlebnissen in Zusammenhang bringen und ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass auch ich darin keine Massenerscheinung sehe.
Um so wichtiger ist es, dass eine selbsternannte katholische Elite (und dafür hält sich diese Bruderschaft ja) keinen Einfluss auf die Kirche bekommt.
Es wird in den letzten Tagen auf den Besuch des Papstes an der Stätte des Vernichtungslagers Auschwitz verwiesen, was für mich ein deutlicher Beweis ist, dass dieser Papst den Holocaust in keiner Weise leugnet. Ein Vorbild ist er also. Zur gleichen Zeit fürchtet er aber wohl eine Spaltung und möchte alle Schäfchen in die Kirche integrieren. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er die Leute aus dieser Bruderschaft für sehr strenggläubig hält. Das ist ein Zielkonflikt.
Ich sagte es schon oben, kein Papst der Welt kann den Leuten eintrichtern, was sie glauben sollen. Und wenn eine kleine Minderheit an eine quasi ewig anhaltende Strafe Gottes für die Juden glaubt, dann kann man leider weder als Bundeskanzlerin noch als Papst etwas dagegen tun. Dann sollte man es auch aus der Politik heraushalten und die Sache nicht noch aufbauschen.
Hier kann jeder Liberale noch bis zum 10.02.09 für das bedingungslose Grundeinkommen petieren:
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;petition=1422;sa=sign
Jetzt schieben die schon hier Terror.
[Dieser Eintrag bezieht auf einen Spam-Kommentar, den ich gelöscht habe. R.]
In einem Interview mit dem Chefredakteur einer Vatikanzeitung (vielleicht auch der Vatikanzeitung) sagte dieser, der Papst habe die Wirkung seiner Entscheidung nicht vorausgesehen. Benedikt habe seelsorgerische Motive gehabt. Er hat bei seinem Amtsantritt den Posten des Leiters des vatikanischen Staatssekretariat mit einem Mann der Glaubenskongregation, Kardinal Tarcisio Bertone, besetzt und nicht, wie es ratsam gewesen sei, mit einem in diplomatischen Fragen versierten Spezialisten. Wäre das nämlich so gewesen, hätte es vermutlich die Dissonanzen aufgrund der missgedeuteten päpstlichen Rede in Regensburg nicht gegeben und auch jetzt wäre es zu dieser Zuspitzung nicht gekommen. Vielleicht klingt das für manche nach dem untauglichen Versuch, Benedikt in Schutz in zu nehmen. Ich glaube, dass diese Beschreibung zutrifft.
Wie entsteht eigentlich Antisemitismus? Ist er in unseren Genen angelegt? Sind es Mängel in unserer Erziehung? Mich irritiert die Behauptung immer wieder, dass wir in Deutschland mit einen unterschwelligen Antisemitismus leben. Tritt er in Erscheinung, wenn wir Israel anklagen, mit den Palästinensern seit der Gründung des Staates Israel unmenschlich umzugehen oder lebt er auf, wenn wir Friedman nach einer Fernsehdiskussion als unsympathischen Moderator bezeichnen und über ihn schimpfen? Vermutlich ist es weniger trivial.
Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich Menschen anderes ansehe, vielleicht auch aufmerksamer beobachte, weil sie anders sind. Ist das schon ein Anzeichen für Rassismus oder, wenn es die charakteristischen Kopfbedeckungen und Bärte sind, erwiesener Antisemitismus? Wenn man manche Diskussion in Deutschland verfolgt muss man sich solche Fragen fast zwangsläufig stellen. Und ich halte das ehrlich gesagt nicht für normal.
Und mich wundert immer der Umstand, dass jahrhundertealter Saurier Antisemitismus mit dem Jahr 1945 und nach dem Holocaust plötzlich so völlig ausgestorben sein soll.
Ist ein Meteorit eingeschlagen, von dem niemand berichtete?
@Horst
Ich teile deine Einschätzung. Benedetto ist einfach zu sehr abgehoben. Er ist aber auch rein kirchlich gesehen ein waschechter Traditionalist. Nur, weil er seine konservative Position gewandt zu vertreten mag, macht ihn das eben nicht zum Progressiven. Kirchlich stehen ihm die Reaktionäre der Piusbruderschaft tatsächlich näher als z.B. Lutheraner oder Anglikaner. Sein Problem ist, dass solche Reaktionäre eher mehr als selten auch in anderen Dingen nicht aus ihrer Haut können. Und daran wird sich wohl wenig ändern.
Die Definition von Gruppen, die man als minderwertig betrachtet oder denen man Übeltaten andichtet, ist wohl tatsächlich eine sehr menschliche Eigenschaft, weil sie überall zu beobachten ist. Welche Gruppen das dann sind, hängt wohl von dem Umfeld ab, in dem man sich bewegt. Antisemitismus und Rassismus sind spezielle Formen dieser Art Abgrenzung und tatsächlich relativ beliebt – der Antisemitismus hat zudem eine lange Tradition der sich selbst erfüllenden Prophezeihungen.
Dass manche den heutigen Antisemitismus mit etwas speziell Deutschem in Verbindung bringen, ist leider auch nicht gerade ein leuchtendes Gegenbeispiel. Zumal empirisch gesehen die Deutschen auch in Sachen Antisemitismus und Rassismus “gute Europäer” sind.
Den anderen als anders wahrzunehmen, ist m.E. eine natürliche Sache. Erst recht, wenn dieser andere auch alles Mögliche dafür tut. Hier schon von Rassismus zu sprechen, ist eher Symptom einer politisch intendierten Begriffsinflationierung. Wenn aus beobachteten Unterschieden aber Stereotype abgeleitet werden, wird es problematisch.
@Boche
Aus welchem Anlass sollte er denn dann je aussterben – bzw. weniger absolut gesagt: zur unbedeutenden Größe werden -, wenn nicht nach dem Holocaust? Oder teilst du die Auffassung, er sei genetisch verankert? Eine Geißel Gottes mit Ewigkeitsgarantie?
> Wie entsteht eigentlich Antisemitismus? Ist er in unseren Genen angelegt?
ein nicht unerheblicher Teil des deutschen Antisemitismus mag dem historisch auferlegten Schuldgefühl und dem damit verbundenen Ungerechtigsempfinden geschuldet sein. Es empfiehlt sich hierzu meiner Ansicht nach das Studium der Stoiker, Epiktet mag wohl ein guter Einstieg sein. Wer sich frei von “Erbschuld” sieht, beginnt ggfs. die Dinge klarer beim Namen zu nennen. Aktiv.
@Rayson
Genetisch? Geißel Gottes?
Ich maße mir da keine Begründungen an.
Ich zweifle nur daran, dass die vor den Augen aller stattfindende Vernichtung der Juden (und sei es “nur” die soziale, die wohl jeder sehen konnte) nun plötzlich und erst dann Grund zur allgemeinen seelischen Heilung geworden sein sollte, als die Amerikaner und Briten mit ihren Panzern eingerückt und nicht mehr zu besiegen waren.
Aber vielleicht glauben Agnostiker wie ich nicht so leicht an Wunder.
Wie käme ich dazu, abzustreiten, dass in Deutschland und Europa Antisemitismus oder Rassismus existieren?
Ich behaupte (innerhalb meiner Generation) ein Mensch mit ziemlich normaler Sozialisation zu sein. Bei uns zu Hause wurde über den 2. Weltkrieg und den Holocaust wenig gesprochen. In der Schule wurden beide Punkte fast nicht behandelt (60er Jahre). Erst als meine Schwester und ich erwachsen waren, haben wir mit unseren Eltern darüber diskutieren können.
Die Gespräche waren aber ausgesprochen abstrakt. Es gab kaum persönliche Schilderungen, allerdings dennoch klare Aussagen zu den persönlichen Ansichten der Eltern. Eines wurde uns Kindern klar: Die Shoa und die Entwicklung, die zu ihr geführt haben, waren vielleicht die größte menschliche Tragödie. So etwas darf nie wieder passieren. Nicht in Deutschland und auch nirgendwo anders. Allgemein ist das Konsens.
Trotzdem gibt es Leute, denen es egal ist, was geschehen ist und die heute über die Türken oder über Ausländer schimpfen. Sind das “Startsignale” für ähnliche Mechanismen, die unter bestimmten Bedingungen eskalieren könnten?
Gerade im Internet kann man Antisemitismus und Rassismus hautnah erleben. Ungefiltert und politisch überaus unkorrekt. Nur – was bedeutet das für eine Gesellschaft? Inwieweit lassen sich einzelne Menschen mit ihren so unterschiedlichen Biografien vor den Karren irgendwelcher Hetzer spannen? Ist das heute nun leichter oder aufgrund der geschichtlichen Erfahrung schwieriger?
@Horst
Ich habe dir doch gar nicht vorgeworfen, irgendwas abzustreiten.
Meine Vermutung ist: Im Grundsatz ist das heute nicht leichter oder schwerer als früher.
@Boche: Ich dachte, wir Menschen lernen dazu. Vermutlich muss ich das korrigieren: Wir können dazu lernen.
Als Dr.House-Fan (Rayson ist daran schuld!) kann ich nur antworten:
Menschen ändern sich nicht.
Der Holocaust-Leugner Williamson als Patient bei Dr. House: das hätte doch mal was;-)
@Horst:
> Wäre das nämlich so gewesen, hätte es vermutlich die Dissonanzen aufgrund der missgedeuteten päpstlichen Rede in Regensburg nicht gegeben und auch jetzt wäre es zu dieser Zuspitzung nicht gekommen.
Wäre, hätte, könnte, es besteht öffentlicher Bedarf an Kirchenkritik der unfeinen Art. Irgendwas findet sich immer.
Da muss ich Dir sogar mal recht geben. Kirchenkritiker der unfeinen Art haben jetzt wieder Hochkonjunktur … ein ganz eigenes Konjunkturprogramm von Frau Merkel.
Danke an alle Hassprediger der vergangenen Jahre. Dank ihnen kann man jetzt weltweit über Wochen voyeuristisch den Supergau um die unglaublich ignoranten Äusserungen eines Bischofs der Piusbruderschaft und das Chaos das er in der kath. Kirche angerichtet hat schadenfreudig aus einem stillen Winkel beobachten. Traurig diese heutige Welt. NB: Wir haben auch noch eine Weltwirschaftskrise mit ungewissem Ausgang.