12. Januar 2009
T.I.N.A.
Stefan Niggemeier schreibt in seinem Blog über das Prinzip TINA (There is no Alternative). Er schließt seinen Artikel mit dem Vorschlag
Der Rückgriff auf das „Tina-Prinzip” in Diskussionen sollte den Sprecher ähnlich disqualifizieren wie ein Hitler-Vergleich.
Über TINA bin ich gestern in der F.A.S. auch gestolpert. Wenn ich in der Politik oder in einem Unternehmen jemanden »TINA!« sagen höre, dann löst das bei mir sofort einen internen Alarm aus. Es gibt immer eine Alternative zum Kaputtsparen eines Unternehmens, es gibt immer eine Alternative zum ultimativen Sonderangebot und es gibt immer eine Alternative zum Staatseingriff. Ein Interview mit einer »alternativen« Meinung zur Finanzkrise haben wir ja gestern hier schon verlinkt.
Stefan Niggemeier bringt auch zuerst Beispiele aus der Wirtschaft, über die man durchaus diskutieren kann. Dann schwenkt er aber plötzlich in den Gaza-Streifen und darin ist ihm zu widersprechen:
Tina-Prinzip” heißt dieses Muster („There Is No Alternative”), und das praktische an ihm ist, dass es nicht nur jede Kritik von vornherein als weltfremd und daher zu vernachlässigend abtut, sondern die Folgen der Entscheidungen gleich mit legitimiert. Man darf Israel nicht für den Tod von Hunderten Kinder und Zivilisten verantwortlich machen, denn die Israelis hatten ja keine Wahl.
Bezogen auf die Maßnahmen gegen jahrelange Angriffe aus dem Gaza-Streifen gibt es allenfalls alternative militärische Mittel, jedoch keine Alternative zum Eingreifen. Zur Information über die Situation in Israel muss ich immer wieder Lilas Blog »Letters from Rungholt« empfehlen. Inzwischen ist ihr ältester Sohn in der Grundausbildung bei der Israelischen Armee. Lila ist ganz gewiss keine israelische Hardlinerin [hier ein Beispiel-Artikel], aber sie sieht auch keine Alternative zur Gegenwehr. Was soll denn ein Land tun, das jahrelang mit Raketen beschossen wird?
Wir würden doch hier auch nicht lange über Alternativen nachdenken, wenn alte oder neue Nazis gegen Synagogen vorgehen. Wir würden schon den Farbbeutelwerfer oder den Steinewerfer und erst recht den Bombenleger streng verfolgen, ohne lange über Alternativen nachzudenken. Und ja, in diesem Zusammenhang sollte auch der Tatbestand der »Verhetzung« geprüft werden, um gegen die Ideologen hinter den Farbbeutelwerfern, Steinewerfern und Bombenlegern vorgehen zu können.
So denke ich, dass es TINA in echter und unechter Form gibt und dass man TINA nicht gänzlich als disqualifizierendes Kriterium anwenden darf. Als Marktteilnehmer, Zeitungsleser und überhaupt als politisch denkender Mensch muss man auf die Abgrenzung der beiden Formen achten und darf sich kein TINA vorspiegeln lassen. Aber man muss auch ganz entschieden hinter einer Maßnahme stehen, wenn es eben wirklich keine Alternative gab.
Würde es im Gaza-Streifen auch nur den Ansatz von zivilen und demokratischen Strukturen geben, dann könnten arabische Staaten und EU mit viel Geld eine Infrastruktur aufbauen und eine Marktwirtschaft entstehen lassen. Ich bin sicher, dass das Geld zusammengebracht würde und dass sich in diesem Streifen eine Wirtschaft entwickeln könnte. Aber in der Situation seit Ende 2008 gab es zunächst einmal keine Alternative mehr zu den militärischen Verteidigungsmaßnahmen Israels.
Verfasst von stefanolix um 09:14 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Politik, Wirtschaft (Trackback)
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