Manipulation gegen Rechts

Rechtfertigt eigentlich der “Kampf gegen Rechts” die Manipulation der Öffentlichkeit?

SPON zitiert heute unter der Überschrift “Gewaltdelikte in Deutschland: Zahl rechtsextremer Straftaten steigt drastisch” aus einem Bericht der FR. Im “Teaser” werden die Zahlen für die überwiegend durch die sogenannten “Propaganda-Delikte” dominierten gesamten rechtsextremen Straftaten genannt (“fast 12.000 Delikte”, “Zunahme um fast 30%”). Der Text beginnt mit den Worten “Die Zahlen sind erschreckend”, konkretisiert die Zahlen des Teasers (von 9.206 auf 11.928 Taten), und das zum Artikel gehörende Bild zeigt Skinheads mit der Unterschrift “Rechte Gewalt nimmt zu.” Anschließend wird eine Verbindung zum Attentat auf den Passauer Polizeichef gezogen. Genannt wird dann noch die Entwicklung der antisemitischen Straftaten, bevor man auf die Reaktionen interessierter Politiker eingeht.

Quizfrage: Wie hoch ist also die Zahl der Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund? Wie stark ist sie gestiegen? Richtig: Wir wissen es nicht. Diese Werte werden in dem Artikel gar nicht genannt. Honi soit qui mal y pense.

An der Quelle kann es nicht gelegen haben: Die FR, obwohl in der Aufmachung eine ähnliche Richtung einschlagend wie SPON, nennt die Zahl der Gewaltdelikte explizit, und zwar zwischen denen aller Straftaten und den antisemitischen – der Verfasser der Meldung bei SPON muss sie also selbst gelesen haben. selbst wenn er nur bei Reuters abgeschrieben hat: 2008 waren demnach 639 rechtsextremistische Gewalttaten zu verzeichnen, was einer Steigerung von über 15% gleichkomme (also ca. 85 Taten mehr als im Vorjahr).

Aber diese Zahlen waren SPON wohl nicht erschreckend genug. Aus welchen Gründen auch immer.

Interessanter wäre es gewesen, wenn man, statt nur die Zahlen an sich zu nennen (oder sie gar nicht zu nennen), etwas mehr über die Entwicklung bei Anlässen und Opfern rechtsextremistischer Gewalt erfahren hätte. Das besonders Widerliche an rechtsextremistischer Gewalt ist ja in der Regel, dass sie sich gegen einzelne Arg- und meist auch Wehrlose richtet, die nur aufgrund ihres Andersseins oder ihrer sozialen Lage als Opfer auserkoren werden.

Andererseits wird aber seit einiger Zeit berichtet, dass sie sich strukturell ihrem linksextremistischen Pendant anzunähern beginnt, also z.B. bei Demos gegen die Militanten des anderen Lagers und/oder die Polizei zum Ausbruch kommt. Das würde z.B. auf einen höheren Organisationsgrad deuten und wäre tatsächlich eine Art “andere Qualität”.

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29 Kommentare zu “Manipulation gegen Rechts”

  1. 27.12.2008 | 16:54

    Ich denke eher, dass der letzte Punkt (Annährung in Aktionsformen und im übrigen auch Kleidung, Aufmachung etc.) nicht für einen höheren Organisationsgrad der Rechten spricht, sondern gerade Ausdruck einer Dezentralisierung ist, wie sie ja im linksextremen Spektrum üblich ist. Autonome Nationalisten und freie Kameradschaften sind deutlich weniger in Parteistrukturen eingebunden und haben im übrigen nach Antifa-Recherchearbeit nur losen Kontakt.

    Die eigentliche Gefahr sehe ich auch nicht in der Militanz (die, so zynisch es klingen mag, endlich eine Handhabe gegen die Nazis gibt) sondern darin, dass dieser Stil und diese Gewaltbereitschaft deutlich besser die Jugendlichen anspricht (wie auch Linksextreme bisher) und sich so das rechte Lager deutlich Nachschub holt, auch aus Gesellschaftsschichten, die bisher kaum betroffen waren. So lese ich vermehrt über aktive Nazis (nicht nur der NPD) an Gymnasien oder Hochschulen – und das ist doch gerade das Gefährliche: Nazi-Sein entwickelt sich zum “In”-Sein

  2. Lina
    28.12.2008 | 9:38

    Also für Warnungen anhand von Zahlen scheint mir JEDER Anstieg Anlass genug zu sein; ich empfinde es auch nicht als ‘Manipulation der Öffentlichkeit’, was Reuters, FR oder Spiegel da machen, auch wenn sie mit unterschiedlichen Ansätzen vom Anstieg berichten. Auch einen aus der Politik geforderten ‘Demokratiegipfel zur Bekämpfung des Rechtsextremismus’, fände ich nicht verkehrt – weil ein Event mit Signal-Charakter wahrscheinlich eher in die Köpfe geht als Hintergrundgeräusche. Ich bezweifle allerdings, dass Greifbares dabei herauskommt, wäre aber schon mit einem haltbar hohen Grad an Sensibilisierung zufrieden …

    Gerade im Bezug auf das, was Hans oben anführt: dass Nazisein allmählich ‘in’, bzw. ‘gesellschaftsfähig’ werden könnte. Ein Problem ist und bleibt, dass die Gesinnung hinter der Gewalt kein Gegenstand von Strafverfolgung sein kann und dass eine ‘rechte’ Partei am äussersten ‘rechten’ Rand zugelassen ist, ohne eine Handhabe zum Verbot aufzutreiben.

    Übrigens: was Hans mit seinem Hinweis auf den Vorstoss der braunen Ideologie in neue Kreise suggeriert, bringt mich spontan auf den Gedanken, dass sich – zusammen mit der rollenden Finanz- und (Welt-)Wirtschaftskrise – Geschichte doch wiederholen könnte. Ist das etwa die ‘andere Qualität’ der Sache, von der Du sprichst?

  3. 28.12.2008 | 10:05

    Ich gehe mal davon aus, dass es sich bei den präsentierten Zahlen um solche der polizeiliche Kriminalstatistik handelt. Leider hat uns die “Qualitätspresse” die genau Bezeichnung der zitierten Statistik verschwiegen.

    Der Anstieg geht in der Tat darauf zurück, dass es in letzter Zeit vermehrt zu gewalttätigen Übergriffen gegen Linksextremisten bei Konfrontationen im Rahmen von Versammlungen kommt.

    Besonders erwähnenswert ist dabei, dass es sich bei der polizeilichen Kriminalstatistik um eine Verdachtsstatistik handelt, die im Grunde völlig wertlos ist. Sie sagt nämlich nichts über Verurteilungen und damit über den Unrechtsgehalt aus, ja noch nicht einmal über das Vorhandensein dieser “Straftaten”.

    So kann es durchaus vorkommen, dass im Rahmen einer wechselseitige begangenen Körperverletzung eine Tat durch den Sachbearbeiter als rechtsextremistisch eingestuft wird, nicht weil der Sachbearbeiter dies objektiv für gegeben hält, sondern weil sein Vorgesetzer das politisch für opportun hält und sich die eigene Zukunft nicht verbauen will.

    Wer dann aber wen zuerst angegegriffen hat und ob nicht ein Fall von Notwehr vorliegt oder nicht, ist durch die PKS nicht festgestellt.

    Kurz: Die PKS taugt nicht zur Aussage über eine Veränderung der Kriminalität. Weder in positiver noch in negativer Hinsicht. Die PKS taugt höchstens zur Festellung von Zeiten und Örtlichkeiten mit Vorkommnissen, nicht jedoch zu einer Aussage über das tatsächlich begangene Unrecht.

    Das Ausmaß der Manipulation ist damit (wohl) noch höher, als von Rayson festgestellt. Es wird nämlich nicht nur mit unvollständigen Informationen gearbeitet, sondern auch noch mit vollkommen nutzlosen und großenteils wahrheitswidrigen Zahlen.

  4. 28.12.2008 | 10:19

    Ich bezweifle allerdings, dass Greifbares dabei herauskommt, wäre aber schon mit einem haltbar hohen Grad an Sensibilisierung zufrieden …

    Daß der durch Übertreibung dessen, was ohnehin schon schlimm genug ist, besonders gut erreicht werden kann, möchte ich allerdings bezweifeln.

  5. Lina
    28.12.2008 | 10:40

    @ David

    Dann bezweifeln wir Unterschiedliedliches (-:.

    Wäre denn eine zweckorientierte, medial aufbereitete Zusammenkunft von Demokraten nicht doch eine der Sache angemessene ‘Übertreibung’? Ich selbst mag sowas nicht, fürchte aber, dass Warnungen anders nicht mehr ankommen …

  6. Die Stimme aus dem Off
    28.12.2008 | 10:41

    Man muss sich ja auch nur einmal die absoluten Zahlen vor Augen führen:

    2008 waren demnach 639 rechtsextremistische Gewalttaten zu verzeichnen, was einer Steigerung von über 15% gleichkomme (also ca. 85 Taten mehr als im Vorjahr).

    Laut PKS (!), also schon hochgradig ungenau und nicht mit dem strafrechtlichen Gewaltbegriff identisch.

    Wir wissen zur Zeit aber noch nicht einmal auf die Hunderttausend genau, wieviel Menschen sich in der Bundesrepublik aufhalten. Wahrscheinlich wissen wir es noch nicht einmal auf die Million genau. Genauere Zahlen werden wir erst mit der nächsten Volkszählung haben.

    Wir haben es also mit 639 “rechtsextremen”
    (so sie denn solche sind und nicht den Rechtsextremen anteilig von übereifrigen Beamten zugeschoben wurden) “Gewalttaten” (die auch keine sein müssen, weil der Gewalttatbegriff der PKS ein anderer ist, als der strafrechtliche Gewaltbegriff) zu tun, bei einer unbekannten Bevölkerungsgröße und damit einem unbekannt großen Dunkefeld an Straftaten von Menschen, die eine Anzeige wegen der Gefahr ausländerrechtlicher Konsequenzen gar nicht erst zur Anzeige bringen (ich habe zum Beispiel mal einen Südamerikaner in der Vernehmung sitzen gehabt, der jahrelang als Stricher in Deutschland lebte und sich von Bett zu Bett schlief, um nicht aufgegriffen und abgeschoben zu werden. Er wurde in dieser Zeit nach eigenen Angaben 13 Mal (!) vergewaltigt und dutzende Male zusammengeschlagen, weil seine Freier seine Hilflosigkeit ausnutzten. Er war geradezu dankbar endlich in Haft genommen worden zu sein, weil dieses Leben so ein Ende hatte) und daher auch in keiner PKS auftauchen.

    Wenn man sich die Größenordnungen einmal anschaut, dann stellt man schnell fest, dass wir viele Probleme im Bereich der Kriminalität haben. Rechtsextreme Gewalttaten stellen zur Zeit allerdings kein solches Problem dar. Von denen wird man immer einen gewissen Anteil haben, den man auch mit Milliarden an Geldern nicht aus der Welt bekommen wird.

  7. 28.12.2008 | 10:59

    Wäre denn eine zweckorientierte, medial aufbereitete Zusammenkunft von Demokraten nicht doch eine der Sache angemessene ‘Übertreibung’?

    Gibt es davon nicht einige, öfters? Die Wirksamkeit symbolischer Demokraten-Sit-Ins bezweifle ich jedenfalls auch. Abgesehen ging es doch ursprünglich um eine verzerrende Darstellung der Statistik. Und da, denke ich, sollte man vorsichtig sein. Wenn nämlich irgendwann der Reflex entstanden ist, bei jeder weiteren Statistik oder anderen Angabe die Rechtsextremismus-Übertreibungen rauszurechnen, wird es brenzlig, wenn die Übertreibungen irgendwann tatsächlich fehlen sollten.

  8. Die Stimme aus dem Off
    28.12.2008 | 11:06

    Wenn nämlich irgendwann der Reflex entstanden ist, bei jeder weiteren Statistik oder anderen Angabe die Rechtsextremismus-Übertreibungen rauszurechnen, wird es brenzlig, wenn die Übertreibungen irgendwann tatsächlich fehlen sollten.

    Ich bin mir da nicht so sicher. Ließe man alle politischen Umschreibungen der Motivation des Stratäters weg, so bliebe doch immer noch der Straftatbestand, der verfolgt werden würde.

    Ob mein Nachbar mit dem Kopf voller rechtsextremistischer Gedanken an mir vorbei geht, ist mir ziemlich egal. Ich kann seine Gedanken schließlich nicht lesen.

    Interessant wird es erst, wenn mein Nachbar anfängt um sich zu schlagen. Ob er das dann als Links-, Rechts- oder Libertärextremist macht ist mir ziemlich egal. Ich erwarte vom Staat allerdings, dass er dem Treiben Einhalt gebietet.

    Sonst mache ich das. Egal welche Motivation den Straftäter antreibt.

  9. Lina
    28.12.2008 | 11:34

    Wenn nämlich irgendwann der Reflex entstanden ist, bei jeder weiteren Statistik oder anderen Angabe die Rechtsextremismus-Übertreibungen rauszurechnen, wird es brenzlig, wenn die Übertreibungen irgendwann tatsächlich fehlen sollten.

    Ja, das mag schon sein; mir geht es halt in erster Linie um Möglichkeiten, speziell diesen fortschreitenden ‘Anfängen zu wehren’ – wie es sich uns von der braunen Ära her bis heute eingeprägt haben sollte; da erscheinen mir ‘Übertreibungen’ in Wort oder Zahl nicht als Manipulationen, sondern viel eher als zweckdienliche Warnungen, d. h., da nehme ich es lieber mal nicht so genau …

  10. Die Stimme aus dem Off
    28.12.2008 | 12:11

    Noch eine Ergänzung zur Absurdität der PKS:

    Ich schrieb ja bereits, dass der Gewaltbegriff der PKS ein anderer ist als der Gewaltbegriff im strafrechtlichen Sinne.
    Leider habe ich gerade mein Buch zur PKS verliehen, meine aber mich daran erinnern zu können, dass das Aufbrechen eines Zigarettenautomatens mit einem Brecheisen in der PKS als Gewaltdelikt erfasst wird.
    Strafrechtlich ist das ein Eigentumsdelikt und hat natürlich nichts mit “Gewalt” zu tun.

    Jedenfalls wird aber ein Rechtsextremer, der als Fahrer eines Pkw einen hinter ihm fahrenden Fahrzeugführer zur Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit durch blockieren des Überholfahrstreifens hindert, zumindest eine versuchte Nötigung gem. §§ 240 I, III StGB begangen haben. Denkt der die Anzeige fertigende Beamte daran den Haken bei Rechtsextremismus zu setzen, dann ist eine solche Tat eine Gewalttat von Rechts, weil Nötigung nun einmal als Gewalttat in der PKS aufgenommen wird bzw. werden kann.

    Soviel zur Glaubwürdigkeit der PKS.

  11. 28.12.2008 | 12:15

    Strafrechtlich ist das ein Eigentumsdelikt und hat natürlich nichts mit “Gewalt” zu tun.

    Ha! Das kann sogar Terrorismus sein.

  12. 28.12.2008 | 13:23

    @DSadO

    Was du beschreibst, gilt aber für die PKS generell, also auch bei linksextremistischen Gewalttaten oder der Bezifferung des Anteils ausländischer Tatverdächtiger. Wenn wir davon ausgehen, dass die PKS in alle Richtungen ungefähr ähnlich verzerrt (zumindest bei Gewalttaten würde ich das vermuten), ist sie immerhin über die Jahre hinweg und zur Beurteilung der Entwicklungen innerhalb bestimmter Gruppen ein einigermaßen brauchbarer Maßstab.

    Was die absolute, rein numerische Größenordnung rechtsextremer Gewalt angeht, so befindet sie sich ungefähr auf Augenhöhe mit der linksextremen. Über 100 Taten mehr oder weniger braucht man sich da keinen Kopf zu machen – die Größenordnung ist erst mal dieselbe. Jedenfalls kein Vergleich zu den “12.000″.

  13. 30.12.2008 | 9:45

    @Lina:

    Ich bezweifle allerdings, dass Greifbares dabei herauskommt, wäre aber schon mit einem haltbar hohen Grad an Sensibilisierung zufrieden …

    Lina, du kannst gern deine Kinder oder andere dir nahestehende Menschen mit Übertreibungen manipulieren, dass ist allein deine Angelegenheit. Da besteht wenigstens eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du einen großen Teil der Konsequenzen trägst. Diese Art der der Kommunikation von Informationen aber zu einem nützlichen Prinzip zu erklären, ohne sich Gedanken über die allgemeinen Konsequenzen zu machen, geht zumindest mir zu weit. Neonazis sind nicht gefährlicher, als sie es faktisch sind, ebenso wenig, wie die Klimakatastrophe schlimmer als ihre eigentlichen Effekte ist. Also denke ich tun wir gut daran, wenn wir immer schön auf dem Boden der Tatsache bleiben. Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel…

  14. Lina
    30.12.2008 | 10:29

    @ SteffenH

    Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel…

    Es handelt sich bei der Ausprägung ‘brauner’ Gesinnung und ‘braunen’ Handelns um einen Sonderfall aus der deutschen Geschichte, und ich halte es für eine befremdliche Sonderbehandlung, die Du mir hier angedeihen lässt, wenn Du mich dazu anhalten willst, keinen Nachdruck darauf zu legen, dem Anstieg ‘rechter’ Gewalt prioritär zu begegnen – von mir aus auch per medialem Spektakel; dabei bleibe ich.

  15. stefanolix
    30.12.2008 | 10:52

    Der Blogger und Journalist Stefan Niggemeier hat einen anderen Aspekt der Bewertung der Kriminalitätsstatistik in den Medien untersucht. Es ist ein lesenswerter Artikel. Leser, Blogger und Kommentatoren sollten schon bei der Lektüre aller Zahlen in der Morgenzeitung ihr gesundes Misstrauen einschalten.

    Wenn der Fall von Passau bis heute immer noch nicht geklärt ist, wenn wir immer noch nicht wissen, ob es ein Neonazi, ein Provokateur oder ein Täter aus dem privaten Umfeld war, dann gilt die Unschuldsvermutung gegenüber jedem Verdächtigen und jeder verdächtigen Gruppe.

    Es gilt auch, dass alle Gewalttaten unter rechten und linken Vorzeichen verfolgt werden müssen. Prinzipiell stimme ich Lina zu, wenn sie auf den Sonderfall aus der deutschen Geschichte hinweist. Das »mediale Spektakel« sehe ich aber (siehe Verweis auf Stefan Niggemeier) als gefährlich an, weil es kein Medienspektakel ohne eine Vermengung von Interessen gibt und weil sich aus dem Medienspektakel ein Prozess mit einer gefährlichen Eigendynamik entwickeln kann.

    Aus dem Medienspektakel um die Kindesmisshandlungen entwickelt sich möglicherweise in Sachsen gerade eine Gesetzgebung zur verschärften Überwachung von Eltern mit Außerkraftsetzung des Arztgeheimnisses und des Datenschutzes.

  16. Lina
    30.12.2008 | 11:22

    @ stefanolix

    … weil es kein Medienspektakel ohne eine Vermengung von Interessen gibt.

    Und offenbar auch keines ohne mediale Verzerrung, wie Du (via Niggemeier) nachweist – guter, allfälliger Hinweis! Im Fall ‘rechter’ Gewalt gibt’s allerdings m. E. wenig zu verzerren, was die grundsätzliche Notwendigkeit einer (doch, prioritären) Befassung in Frage stellen könnte. (Die von Dir angesprochene mögliche Entwicklung in Sachsen finde ich allerdings auch beunruhigend.)

  17. stefanolix
    30.12.2008 | 11:34

    Im Fall rechter Ideologie gibt es nichts zu verzerren. Sie ist einzigartig widerwärtig und stammt letztlich von der NS-Ideologie ab. Die rechte Gewalt ist rechtsstaatlich zu verfolgen wie jede andere Art von Gewalt auch.

  18. Lina
    30.12.2008 | 11:51

    … wie jede andere Art von Gewalt auch.

    OK, dass sie aber nicht IST wie jede Andere, darauf weist Rayson sehr eindringlich im Artikel hin. (Das Fahndungs-Debakel im Mannichl-Fall entstand übrigens möglicherweise (???) unter voreiliger Vorgabe eines ‘rechten’ Täterprofils, in Form eines politisch und medial auszuschlachtenden ‘Hypes’; ich gebe zu: eindeutig ein Negativ-Beispiel ‘prioritärer’ Behandlung …)

  19. 30.12.2008 | 12:45

    Die Strategie der gezielten Panikmache ist höchst gefährlich, denn letztlich beruht sie auf verstärkten Dogmen, es gilt als unmoralisch politisch korrekte Gefahren nicht zu übertreiben. Die Fähigkeit der Gesellschaft Korrekturen vorzunehmen wird so untergraben, letzlich in einem Maß das die Funktionasfähigkeit bestimmter Systeme (Politik, Medien, Wissenschaft) zerstärt. Denn inherhalb dieser Systeme gelten dann nicht mehr Regeln des fairen Umgangs, sondern solche wie man sie in der Hessen-SPD beobachten kann. Es ist ein Schritt in Richtung Totalitarismus. Letzendlich mache ich diese Strategie dafür verantwortlich das Politik und Medien und demnächst auch Teile der Wissenschaft an Glaubwürdigkeit verloren haben.

  20. 30.12.2008 | 12:49

    Rein technisch sollte man noch anmerken, dass der Effekt gezielter Panikmache viel stärker ist als man erwarten könnte, denn eine verzerrung tritt auf jeder Ebene ein, die eine Information durchwandert: Auswahl der Nachrichten, ihre Repressentaion, wie sie kommentiert werden, welche Schlüsse daraus gezogen werden, in welcher wiese diese umgesetzt werden, Zählweise von Ereignissen, ihre Interpretation…

  21. Die Stimme aus dem Off
    30.12.2008 | 13:27

    Rayson,

    Deine Ausführungen sind eigentlich richtig. Allerdings ist es wohl so, dass mit einer zunehmenden Anzahl an Verdachtsfällen (über nichts anderes sagt die PKS etwas aus) auch eine zunehmende Anzahl an tatsächlich begangener Taten einhergeht.
    Das gilt jedenfalls für Straftaten mit einer gewissen Tatbegehungssubstanz, für deren Tatbegehung es also eines gewissen Aufwandes bedarf.

    Ein Hakenkreuz ist dagegen schnell geschmiert, ob das bei einigen hundert geschmierten Hakenkreuzen wirklich Rechtsextreme gewesen sein müssen, ist äußert fraglich.

    Wenn man dagegen im Bereich der Drogenkriminaliät über große Zeiträume und Tatörtlichkeiten praktisch nur noch mit Ausländern aus gewissen Regionen in Berührung kommt, dann ist die Wahrscheinlich sehr groß, dass ein erheblicher Teil davon auch strafrechtlich relevant wurde.

    Das muss natürlich nicht in allen Fällen so sein, aber die zunehmende Anzahl erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Treffers. Da solche Taten aber auch nicht mal nebenbei begangen werden, ist die Verfälschung durch klientelfremde Tätergruppen eher unwahrscheinlich.

    in Bezug auf den Extremismus von Links und Rechts kann – da hast Du Recht – wohl wirklich keinen zahlenmäßigen Unterschied feststellen. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass der Verfolgungsdruck gegenüber Rechts sehr viel höher ist als gegenüber Links.

    Man darf also davon ausgehen, dass eine Tat von Rechts eher erfasst wird und penibel verfolgt wird, als eine von Links.
    Tendenziell würde ich daher annehmen, dass wir im Bereich des politischen Extremismus eher ein Problem von Links als eines von Rechts haben.

  22. Die Stimme aus dem Off
    30.12.2008 | 13:28

    Rayson,

    Deine Ausführungen sind eigentlich richtig. Allerdings ist es wohl so, dass mit einer zunehmenden Anzahl an Verdachtsfällen (über nichts anderes sagt die PKS etwas aus) auch eine zunehmende Anzahl an tatsächlich begangener Taten einhergeht.
    Das gilt jedenfalls für Straftaten mit einer gewissen Tatbegehungssubstanz, für deren Tatbegehung es also eines gewissen Aufwandes bedarf.

    Ein Hakenkreuz ist dagegen schnell geschmiert, ob das bei einigen hundert geschmierten Hakenkreuzen wirklich Rechtsextreme gewesen sein müssen, ist äußert fraglich.

    Wenn man dagegen im Bereich der Drogenkriminaliät über große Zeiträume und Tatörtlichkeiten praktisch nur noch mit Ausländern aus gewissen Regionen in Berührung kommt, dann ist die Wahrscheinlich sehr groß, dass ein erheblicher Teil davon auch strafrechtlich relevant wurde.

    Das muss natürlich nicht in allen Fällen so sein, aber die zunehmende Anzahl erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Treffers. Da solche Taten aber auch nicht mal nebenbei begangen werden, ist die Verfälschung durch klientelfremde Tätergruppen eher unwahrscheinlich.

    in Bezug auf den Extremismus von Links und Rechts kann – da hast Du Recht – wohl wirklich keinen zahlenmäßigen Unterschied feststellen. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass der Verfolgungsdruck gegenüber Rechts sehr viel höher ist als gegenüber Links.

    Man darf also davon ausgehen, dass eine Tat von Rechts eher erfasst wird und penibel verfolgt wird, als eine von Links.
    Tendenziell würde ich daher annehmen, dass wir im Bereich des politischen Extremismus eher ein Problem von Links als eines von Rechts haben.

    Der Kommentar wird nicht angezeigt. Ich poste ihn zur Sicherheit noch einmal. Ist er vielleicht im Spamfilter gelandet?

  23. Lina
    30.12.2008 | 13:40

    @ Michel

    … denn eine verzerrung tritt auf jeder Ebene ein, die eine Information durchwandert: Auswahl der Nachrichten, ihre Repressentaion, wie sie kommentiert werden, welche Schlüsse daraus gezogen werden, in welcher wiese diese umgesetzt werden, Zählweise von Ereignissen, ihre Interpretation…

    Tja, das stimmt zwar, aber damit hätten sich so gut wie alle Transportwege für Information erledigt … und wir wären beim Problem einer objektiven ‘Wahrheitsfindung’ angelangt – wenn es so ist, dass alles nur subjektiv / relativ gesehen wird …

    … in welcher wiese diese umgesetzt werden …

    Netter Verschreiber, btw., der mich inspiriert (-;: das hiesse nämlich, dass wir uns zwecks politischer Beschlüsse (wie die alten Germanen) alle vor Ort auf dem Ting-Platz versammeln – so ähnlich, wie’s die Appenzeller noch heute in der Schweiz machen (-; …

  24. 30.12.2008 | 20:20

    [...] Diesen Beitrag hatte ich ursprünglich für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen, da es aber gut passt, habe ich ihn [...]

  25. 30.12.2008 | 20:32

    @Lina: Zu den Zusammenhang zwischen Poststukturalismus und Linker Hegemonie werde ich mich irgendwann noch ausführlich äußern, heute nicht, meinen Erkennistheoretischen Standpunkt dürftest du kennen.

    @Traceback: Dahinter verbirgt sich ein ähnlicher Gedanke, wie in meinen ersten Posting, auf allgemeinerer Ebene.

  26. Luzifer Helman
    5.01.2009 | 23:36

    Verehrte Damen und Herren,

    Ich bin soeben über diese interessante Diskussion gestolpert und wollte zuerst einen langen und ausführlichen Beitrag darüber verfassen, warum die PKS 2008 mit der von 2007 nicht vergleichbar ist.

    Dann fiel mir ein, dass ich mich hier in einem liberalen Blog befinde, und dass es Ihnen vermutlich lieber ist einfach meine Quelle zu erfahren.

    In diesem Sinne wünsche ich viel vergnügen beim Lesen:
    http://www.welt.de/welt_print/article2377963/LKA-Durch-neue-Zaehlweise-mehr-rechte-Taten-in-Statistik.html

    Mit freundlichen Grüßen

  27. 5.01.2009 | 23:52

    Werter LH,

    hier ging es ja nicht um die Erklärung der Zunahme bei den Propagandadelikten, sondern um die irreführende Vermischung von Straftaten allgemein mit den Gewaltdelikten.

    Die Zunahme bei den Gewalttaten wird durch die neue Zählung übrigens wohl eher nicht erklärt.

  28. Luzifer Helman
    6.01.2009 | 0:43

    Verehrter Rayson,

    es war nicht meine Absicht “off topic” zu posten.

    Ich bin viel mehr der Ansicht, dass das wissentliche oder unwissentliche Verschweigen einer veränderten Zählweise Teil der angesprochenen Manipulation ist, weil dadurch der (vermutlich) angestrebte Effekt verstärkt wird.

  29. der_gute_don
    7.01.2009 | 0:18

    Im Fall rechter Ideologie gibt es nichts zu verzerren. Sie ist einzigartig widerwärtig und stammt letztlich von der NS-Ideologie ab. Die rechte Gewalt ist rechtsstaatlich zu verfolgen wie jede andere Art von Gewalt auch.

    egal wer marschiert, braune oder rote SA: lieber einmal zuviel hingeschaut als einmal zuwenig!

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