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Interview mit einem Vampir (I)

Irgendwo in einer deutschen Kleinstadt. Industriegebiet. Modern eingerichtetes 100-m²-Büro.

Interviewer: Guten Tag, Herr Winkelshausen!
Winkelshausen: Guten Tag, Herr Ähhh… Wussten Sie übrigens schon, dass ich jetzt an der Hochschule von Buxtehude Vorlesungen halte?
Interviewer: Großartig. Wollen wir nun zum Interview kommen, Herr Winkelshausen?
Winkelshausen: Ich sage Ihnen: Das ist einfach großartig, so vielen jungen Leuten etwas beibringen zu können.
Interviewer: Äh, ja, gut… Also, Herr Winkelshausen…
Winkelshausen: Und das auch noch an einer Universität!
Interviewer: (stutzt) Äh, wollen wir jetzt, Herr Professor Winkelshausen?
Winkelshausen: (nickt lächelnd) Gerne.
Interviewer: Die Kowalski-Werke, deren Vorstandsvorsitzender Sie sind, befinden sich ja in einer bedrohlichen Lage. Die Produkte sind veraltet und zu teuer, die Kunden laufen Ihnen weg, die Lieferanten verkaufen nur noch gegen Vorkasse und die Banken streiten sich schon, wer das mehrfach besicherte Betriebsgrundstück bekommt. Was werden Sie tun?
Winkelshausen: Um die Entscheidungen auf eine gute Grundlage zu stellen, habe ich die Beraterfirma Roland McBain ins Haus geholt. Und zusammen mit der haben wir schon drei wichtige Weichen gestellt, die das Überleben des Unternehmens langfristig sicher stellen werden.
Interviewer: Und die wären?
Winkelshausen: Erstens wird es keine Kekse und keinen Kaffee mehr bei Meetings geben. Wir versprechen uns davon entscheidende Einsparungen.
Interviewer: (glotzt verständnislos)
Winkelshausen: Dann werden wir dem Unternehmen einen neuen Namen geben: Evandor.
Interviewer: (kratzt sich am Kopf) Und das heißt?
Winkelshausen: Das ist eine Neuerfindung, die alles ausdrückt, was zukünftig mit diesem Unternehmen verbunden werden soll: Dynamik, Frische, Innovation, Internationalität.
Interviewer: Äh, Herr Win…, Herr Professor Winkelshausen, aber Sie stellen Teebeutel her….
Winkelshausen: Aber, aber, Herr Ähh, wir versorgen unsere Kunden mit Wohlbefinden! Das ist unsere Kernkompetenz, und durch eine Brand Extension können wir die Angebotspalette erweitern bis hin zum Whirlpool. Die Strategie muss natürlich noch durch Akquisitionen abgesichert werden, damit wir als Global Player…(blickt zur Decke, hebt die Arme)
Interviewer: (unterbricht) Bleiben wir doch erst einmal im Hier und Jetzt. Was ist die dritte Maßnahme? Entlassungen?
Winkelshausen: Gut, wir werden um eine Anpassung an die Kapazitäten nicht umhinkommen. Ich erwarte in Kürze einen weiteren Vorschlag des Beraterteams.Aber wichtig ist es auch und gerade in diesen Zeiten, wichtiges Schlüsselpersonal ans Unternehmen zu binden.
Interviewer: Wie machen Sie das?
Winkelshausen: Indem wir die Bezüge dieser Leute deutlich anheben und zusätzliche Boni vereinbaren.
Interviewer: Und wo findet man dieses Schlüsselpersonal?
Winkelshausen: Im Vorstand natürlich.
Interviewer: Dachte ich’s mir doch.
Winkelshausen: Insbesondere auf den CEO kommt es an.
Interviewer: (verständnislos) Den Zieho?
Winkelshausen: (energisch) Wir können uns Provinzialität nicht länger leisten. Bald wird Englisch Konzernsprache (blickt wieder zur Decke, wird aber, bevor er die Arme heben kann, unterbrochen)
Interviewer: Gut, kommen wir zurück zu den Keksen. Haben Sie nicht für die Berater ungefähr das Zigtausendfache dessen ausgegeben, was sie durch weniger Kekse und Kaffee einsparen?
Winkelshausen: (unsicher) Hatte ich schon erwähnt, dass die Anschaffung von Büromaterial jetzt vom Vorstand zu genehmigen ist?
Interviewer: Äh, auch das ändert wohl kaum etwas.
Winkelshausen: Haben Sie eine Ahnung, wie teuer heute Kugelschreiber sind!
Interviewer: Sind die 2 Millionen Euro, die als Honorar für die Berater kolportiert werden, nicht viel zu viel für ein Unternehmen in ihrer Situation?
Winkelshausen: Das würde ich nicht sagen. Das waren alles lauter fesche junge Leute mit tollen Ideen. Und Powerpoint-Slides konnten die erstellen! Wirklich sehr beeindruckend.
Interviewer: Verzeihen Sie, Herr Geheimrat, aber ich bin mir nicht so sicher, ob Sie mit diesem Rettungspaket wirklich etwas Entscheidendes verändern können.
Winkelshausen: (springt auf) “Rettungspaket” ist das Stichwort, junger Mann! Ich muss dringend die Staatskanzlei anrufen…
Interviewer: Dann danke ich für das Gespräch, Herr Winkelshausen.
Winkelshausen: Professor!
Interviewer: Schleich di.

Rayson in Humor und Satire am 23. 12. 2008 » 14 Kommentare
bisher 14 Kommentare » Kommentare
  1. Dirk sagt am 23. 12. 2008 um 12:14 Uhr:

    Ich dachte immer, es sei das Wesen einer Unternehmensberatung, Menschen über Dinge aufzuklären, die für Außenstehende offensichtlich sind und die diese auch erführen, wenn sie sich nicht abgewöhnt hätten mit ihren Untergebenen zu sprechen.

    PS: Hast Du mal für Roland McBain gearbeitet? Es spricht ein wenig Verachtung aus Dir.

  2. Rayson sagt am 23. 12. 2008 um 12:22 Uhr:

    @Dirk

    Ja, das gehört zum Aufgabengebiet dazu. Und nein, ich habe nie für die gearbeitet, aber erlebe die betreffenden Damen und Herren (und Ehemalige) hin und wieder einmal live. Verachtung habe ich keine für gute Geschäftsmodelle, höchstens Managern gegenüber, die für sowas Geld ausgeben.

  3. Lina sagt am 23. 12. 2008 um 13:05 Uhr:

    Da hat ein Weihnachtsmann seinen Sack ausgeschüttet! Schöne Bescherung (formal!) und gut zu wissen, wie sowas läuft, Rayson (-: !

    Ich schlage eine Eselsbrücke (-; und ergänze durch ein (familiär) geführtes, stark zusammengestrichenes Interview mit einem Pharmaforscher, das mit ähnlichen Aufgeblasenheiten und – mit dem Platzen von Mc-Vorstellungen zu tun hat:

    Interviewerin (zuversichtlich): Und, was hast Du in Indien erreicht?

    Forscher (betreten): Mit mir waren es an die 20 deutsche Unternehmer (dramatischer Einschub: aus dem Oberoi in Mumbai sind wir nur Stunden vor den Attentaten abgereist!), die auf externen Rat hin nach Kooperation mit und nach Investoren aus der indischen Biotech-Branche suchten.

    Interviewerin (neugierig): Und, wie lief das ab?

    Forscher (müde): Nacheinander 15-Minuten-Vorträge vor indischem Fachpublikum, pro Mann und Projekt, in mehreren Städten, als Fachbörse sozusagen. Aber es kam nur vereinzelt zu kleineren Abschlüssen …

    Interviewerin (überrascht): Wieso? Liegt es am Vorsprung indischer Technik? Haben sie Euch schon überholt?

    Forscher: Nein, das nicht, aber wir haben die Inder als äusserst zurückhaltend und HOCHRISIKOgeschäften wie den UNSEREN als grundsätzlich abgeneigt erlebt; damit hat niemand gerechnet.

    (Sein Fazit, um an das Stichwort Unternehmensberatung anzudocken: sie seien schlecht beraten gewesen, erst vor Ort erfahren zu müssen, dass die indische Wirtschaft wächst, ohne die Füsse vom Boden zu nehmen … ‘interessant’ zu erfahren, sei das in diesen Zeiten aber dann doch gewesen, meinte der ‘Hochflieger’.)

  4. stefanolix sagt am 23. 12. 2008 um 17:55 Uhr:

    Ich würde zu gern mal mit dem Controller des besagten Unternehmens ein Glas Wein oder ein Bier trinken gehen;-)

  5. stefanolix sagt am 23. 12. 2008 um 17:58 Uhr:

    Dirk sagte, es sei

    das Wesen einer Unternehmensberatung, Menschen über Dinge aufzuklären, die für Außenstehende offensichtlich sind …

    Manche sagen auch, es sei das Wesen einer Unternehmensberatung, den Managern, die für die Leistung bezahlen, genau die Dinge zu sagen, die sie hören wollen …

  6. Dirk sagt am 23. 12. 2008 um 18:27 Uhr:

    Je länger ich darüber nachdenke, umso sympathischer finde ich Herrn Winkelhausen. Seine Sucht (“Herr Professor”) nach Anerkennung und der möglicherweise daraus entstehende Ehrgeiz ist wahrscheinlich genau das, was das Unternehmen ursprünglich erfolgreich machte. Genauso wie das nicht-eingestehen-Können eigener Fehler früher erst die für das Wachstum nötige Risikobereitschaft brachte.

    Nur jetzt ist alles übertrieben und karikiert. Wie beim Fischer und Seiner Frau.

  7. Rayson sagt am 23. 12. 2008 um 21:09 Uhr:

    @stefanolix

    Die Kowalski-Werke sind frei erfunden. Ich weiß gar nicht, ob es da überhaupt einen Controller gibt ;-) Und Herr Winkelshausen könnte für zig Personen stehen, von denen ich so in den Medien etwas mitbekomme. Mit Personen, die ich selbst erlebt habe, hat er eher wenig zu tun.

  8. Rayson sagt am 23. 12. 2008 um 21:10 Uhr:

    @Dirk

    Vor meinem geistigen Auge ist Winkelshausen noch nicht lange da. Berater werden ja meist von frisch Inthronisierten geholt.

  9. Rayson sagt am 23. 12. 2008 um 21:12 Uhr:

    @Lina

    Dein Forscher ist ja sympathisch…

  10. Lina sagt am 23. 12. 2008 um 21:39 Uhr:

    @ Rayson

    ‘Mein’ Forscher ist einer, der genau weiss, was für einen Sch**** er da eigentlich macht, indem er Medikament um Medikament mit einem horrenden Aufwand an Finanzmitteln aus der Taufe hebt … mehr oder minder nur noch zum Wohle der Branche. Auch sie wird böse einbrechen, fürchtet er, und zwar aus Finanzierungsgründen.

    Wäre er nicht ein so sympathischer Verwandter, wüsste ich ehrlich gesagt nicht, was ihn in der Praxis seiner wissentlichen Untaten sympathisch machen sollte (-; …

  11. Florian sagt am 23. 12. 2008 um 22:10 Uhr:

    Ich seh Berater nicht ganz so kritisch.

    Ich bin Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens mit 100 Mitarbeitern. Ich habe selbst BWL studiert. Ich verstehe mein Geschäftsmodell. Ich verstehe meine Branche.
    Und trotzdem hole ich mir für klar umrissene strategische Fragestellungen immer wieder externen Rat.

    Warum?

    Erstens zur Absicherung: Wenn ich einen ordentlichen Betrag meines eigenen Geldes in ein Expansions-Projekt investiere, dann möchte ich gerne noch von neutraler Seite hören, ob meine eigene innere Stimme plausibel ist.
    Und neutral ist in erster Linie ein Berater, der sein Honorar unabhängig davon bekommt, ob ein Projekt realisiert wird.
    Aber nicht mein eigener Mitarbeiter, der für sich bei Expansion vielleicht bessere Karrieremöglichkeiten wittert.
    (Deswegen muss ich den eigenen Mitarbeiter natürlich trotzdem einbinden. Aber als Ratgeber reicht er mir eben nicht aus).

    Zweitens zur Horizonterweiterung: Auch wenn ich meine Branche grundsätzlich kenne, kann ich nicht sicher wissen, ob ich nicht vielleicht eine wichtige Detail-Entwicklung übersehe.

    Drittens aus Kapazitätsgründen:
    Ich weigere mich, für spezielle/komplexe Fragen, die in meiner Firma nur sehr selten beantwortet werden müssen, betriebsintern das notwendige Know-How aufzubauen.
    Für was brauche ich eine “Standort-Abteilung” wenn ich nur einmal alle paar Jahre einen neuen Standort prüfen will? Ist es da nicht besser, ich überlasse die Marktanalyse einem Spezialisten, der sich mit so was auskennt?

    Gerade Spezialberater sind oft ihr Geld wert. Ich habe schon ein paar Mal für mich sehr günstige Verträge abgeschlossen, weil ich mir einen externen Fachjuristen für das jeweilige Gebiet geleistet habe und die Gegenseite einfach ihren Hausjuristen genommen hat (der aber dann z.B. vielleicht ein paar Haken im Kündigungsrecht für gewerbliche Mieträume nicht kannte).

  12. Dirk sagt am 23. 12. 2008 um 22:32 Uhr:

    @Rayson

    Vor meinem geistigen Auge ist Winkelshausen noch nicht lange da. Berater werden ja meist von frisch Inthronisierten geholt.

    Och, lass mir doch meine weihnachtlich romantische Stimmung :-)

  13. Horst Schulte sagt am 24. 12. 2008 um 16:57 Uhr:

    das Wesen einer Unternehmensberatung, Menschen über Dinge aufzuklären, die für Außenstehende offensichtlich sind …

    Manche sagen auch, es sei das Wesen einer Unternehmensberatung, den Managern, die für die Leistung bezahlen, genau die Dinge zu sagen, die sie hören wollen …

    Ich finde, beides trifft zu. In der Praxis kann das so ablaufen, dass nach der Aufnahme bestehender Prozesse und Diskussion mit den Beteiligten schon genügend Anregungen für teuer bezahlte Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen vorhanden sind. Genau die decken sich dann eigenartiger Weise oft mit den (im Unternehmen) vorher schon bekannten vorhandenen Defiziten auf der einen und intern längst favorisierten “Lösungsansätzen” auf der anderen Seite. Das geht hin z.B. bis zur konkreten Wiederholung längst bekannter Einsparpotenziale.

  14. [...] zur Seele” zu proklamieren: Da kommt McKinsey gar nicht hin, wo Pop wirken kann. Diese Vampir-Berater haben allenfalls die Seelen über-faszininierter Theoretiker im Griff und jene depperter [...]

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