8. Dezember 2008
Kneipenethiker
Ich weiß zwar nicht warum, aber da müssen wir wohl jetzt durch. Irgendwie scheint sich bei einigen Meinungsmachern die Gleichsetzung des Finanzmarkts mit Märkten schlechthin als unbezweifelbare Wahrheit durchgesetzt zu haben, obwohl die Unterschiede bei genauer Betrachtung erheblich sind. Im Gefolge dieses Simplizissimus werden jetzt Leute befragt, deren Expertise vor allem darin besteht, gegen freie Märkte zu sein. Mehr darf man dann nicht verlangen, das muss reichen. Ein Beispiel wäre der “Wirtschaftsethiker” Bernhard Emunds, der uns mit Weisheiten wie dieser beglückt:
Die Wirtschaftswissenschaft hat behauptet, die Erfolgsmessung einzig und allein am Aktienwert eines Unternehmens sei das Effizienteste, was es gibt.
Soso – “die” Wirtschaftswissenschaft hat das behauptet. Wer genau? In welcher Publikation? Ich genieße das Privileg, die Anfänge von “Shareholder Value” mitbekommen zu haben. Den Begriff geprägt hat Alfred Rappaport, aber er hat damit ganz sicher nicht den Aktienkurs gemeint, der an willkürlich ausgesuchten Tagen an der Börse notiert wird. Rappaport ist übrigens das, was man hierzulande einen Betriebswirt nennen würde. Hier von “die” Wirtschaftswissenschaft zu reden, ist also mehrfach falsch: Erstens sind bestimmte Betriebswirte gemeint, und zweitens haben sie etwas anderes propagiert. Der nicht vorhandene Rest stimmt dann.
Der Aktienkurs wird aber allein durch die kurzfristige Gewinnentwicklung bestimmt. So kam es in manchem Großunternehmen zu einer schlechten Kurzatmigkeit.
Der Aktienkurs wird *auch* durch die kurzfristige Gewinnentwicklung bestimmt, aber eben nicht *nur*. Wäre es so, wie uns Emunds weismachen will, müsste man ihm die Frage stellen, warum er nicht längst durch Börsenspekulation ein Vermögen verdient hätte, das er einerseits den Armen spenden und andererseits dazu verwenden könnte, frei zu forschen. Es gibt aber genug Gegenbeispiele, wo kurzfristig gewinnerhöhende Maßnahmen von der Börse abgestraft wurden, weil man sie als Fehlen einer Perspektive verstand.
Es geriet aus dem Blick, dass motivierte Mitarbeiter und dauerhaft zufriedene Kunden langfristige Voraussetzungen guten Wirtschaftens sind.
Guten Wirtschaftens, das sich nicht kurserhöhend auswirkt? Oder wo hat jetzt die Kritik an “Shareholder Value” Platz?
Richtig ist, dass eine zu kurzfristige Orientierung nicht die besten Ergebnisse liefert. Wer wüsste das besser, als die Anteilseigner, die dadurch viel Geld verloren haben, also eben keine Steigerung des “Shareholder Value” erlebten. Und richtig ist auch, den Blick auf die institutionellen Voraussetzungen zu richten, die es Managern ermöglicht haben, mit einer Karikatur eines sinnvollen betriebswirtschatflichen Begriffs ihre eigenen Taschen zu füllen.
Aber dumm schwätzen wie Herr Emunds muss man deswegen noch lange nicht. “Wirtschaftsethiker”, die keine Ahnung von Wirtschaft haben, können mir gestohlen bleiben.
(Mit Dank an Querblog für den Link)
Verfasst von Rayson um 23:49 Uhr in der Kategorie Wirtschaft (Trackback)
11 Kommentare