Kneipenethiker

Ich weiß zwar nicht warum, aber da müssen wir wohl jetzt durch. Irgendwie scheint sich bei einigen Meinungsmachern die Gleichsetzung des Finanzmarkts mit Märkten schlechthin als unbezweifelbare Wahrheit durchgesetzt zu haben, obwohl die Unterschiede bei genauer Betrachtung erheblich sind. Im Gefolge dieses Simplizissimus werden jetzt Leute befragt, deren Expertise vor allem darin besteht, gegen freie Märkte zu sein. Mehr darf man dann nicht verlangen, das muss reichen. Ein Beispiel wäre der “Wirtschaftsethiker” Bernhard Emunds, der uns mit Weisheiten wie dieser beglückt:

Die Wirtschaftswissenschaft hat behauptet, die Erfolgsmessung einzig und allein am Aktienwert eines Unternehmens sei das Effizienteste, was es gibt.

Soso – “die” Wirtschaftswissenschaft hat das behauptet. Wer genau? In welcher Publikation? Ich genieße das Privileg, die Anfänge von “Shareholder Value” mitbekommen zu haben. Den Begriff geprägt hat Alfred Rappaport, aber er hat damit ganz sicher nicht den Aktienkurs gemeint, der an willkürlich ausgesuchten Tagen an der Börse notiert wird. Rappaport ist übrigens das, was man hierzulande einen Betriebswirt nennen würde. Hier von “die” Wirtschaftswissenschaft zu reden, ist also mehrfach falsch: Erstens sind bestimmte Betriebswirte gemeint, und zweitens haben sie etwas anderes propagiert. Der nicht vorhandene Rest stimmt dann.

Der Aktienkurs wird aber allein durch die kurzfristige Gewinnentwicklung bestimmt. So kam es in manchem Großunternehmen zu einer schlechten Kurzatmigkeit.

Der Aktienkurs wird *auch* durch die kurzfristige Gewinnentwicklung bestimmt, aber eben nicht *nur*. Wäre es so, wie uns Emunds weismachen will, müsste man ihm die Frage stellen, warum er nicht längst durch Börsenspekulation ein Vermögen verdient hätte, das er einerseits den Armen spenden und andererseits dazu verwenden könnte, frei zu forschen. Es gibt aber genug Gegenbeispiele, wo kurzfristig gewinnerhöhende Maßnahmen von der Börse abgestraft wurden, weil man sie als Fehlen einer Perspektive verstand.

Es geriet aus dem Blick, dass motivierte Mitarbeiter und dauerhaft zufriedene Kunden langfristige Voraussetzungen guten Wirtschaftens sind.

Guten Wirtschaftens, das sich nicht kurserhöhend auswirkt? Oder wo hat jetzt die Kritik an “Shareholder Value” Platz?

Richtig ist, dass eine zu kurzfristige Orientierung nicht die besten Ergebnisse liefert. Wer wüsste das besser, als die Anteilseigner, die dadurch viel Geld verloren haben, also eben keine Steigerung des “Shareholder Value” erlebten. Und richtig ist auch, den Blick auf die institutionellen Voraussetzungen zu richten, die es Managern ermöglicht haben, mit einer Karikatur eines sinnvollen betriebswirtschatflichen Begriffs ihre eigenen Taschen zu füllen.

Aber dumm schwätzen wie Herr Emunds muss man deswegen noch lange nicht. “Wirtschaftsethiker”, die keine Ahnung von Wirtschaft haben, können mir gestohlen bleiben.

(Mit Dank an Querblog für den Link)

Ähnliche Beiträge


11 Kommentare zu “Kneipenethiker”

  1. googlehupf
    9.12.2008 | 12:32

    Das scheint schon genial zu sein, Bindstrich-Ethiker zu sein. Ich schätze mal früher nannte man sowas Bindestrich-Kritiker. Klingt aber nicht so seriös wie Ethiker.

    Ich erwarte schon gespannt den ersten Neoliberalismus-Ethiker. Um da was zu kritisieren muss man ja bekanntlich auch nicht viel davon verstehen. ;)

  2. LRG
    9.12.2008 | 19:12

    hört sich ja wirklich sehr uninterresant an! -.-

  3. Libero
    10.12.2008 | 11:25

    Es ist leider nicht entscheidend, was Rappaport ursprünglich erreichen wollte, entscheidend ist, was andere mit seiner Idee erreicht haben und wie sie interpretiert haben.

    Professor Rappaport ist nicht der Erste, dessen Werk mißbraucht wurde. Hat er eigentlich von Anfang an gegen diesen Mißbrauch, dieses Segeln unter falscher Flagge, protestiert?

  4. Libero
    10.12.2008 | 11:58

    @Rayson

    update

    10 Ways to Create Shareholder Value von Alfred Rappaport zeigt eigentlich deutlich, was er anstrebte, aber ebenso deutlich sein völliges Unverständnis, warum sein Konzept so mißbraucht wurde. Er kommt mir vor wie ein älterer Lehrer, der nicht versteht, daß die Lausebengels ganz anders hirnen.

    Wenn man ein neues Konzept durchdenkt, sollte man nicht nur an die erwünschten, sondern eben auch an die unerwünschten Auswirkungen denken. Die Praxis des Shareholder Value Gedankens ist eine eindeutige was man sieht und was man nicht sieht Entwicklung.

  5. DrB
    11.12.2008 | 10:54

    Es ist schon so, dass die kurzfristige und mittelfristige Geschäftsentwicklung, also die Quartalszahlen und die Meldungen, ganz primär den Börsenwert bestimmen.
    Ohne diesem Ethiker jetzt im Ganzen zustimmen zu wollen, gibt es ein Problem mit der Nachhaltigkeit. Das Bankenstimmrecht und die Verzahnungen von Vorständen und Aufsichtsräten _bzw._ das Vorhandensein zweier _letztlich_ mit der gleichen Aufgabe versehener Strukturen schaden hier den Investoreninteressen und begünstigen die Interessen der Angestellten (Manager und die ANs, die über Betriebsräte, Montan und Parit. Mitbestimmung absahnen).

  6. Emmett Grogan
    11.12.2008 | 12:48

    “die Gleichsetzung des Finanzmarkts mit Märkten schlechthin” – das kommt daher, weil die Diskussion hochgradig ideologisch kontaminiert ist. In der BRD schaukelt es sich am weitesten hoch, weil hier die Politiker und Ideologen der Linkspartei und von ihr beeinflusster Gruppen und Individuen subversiv im Sinne eigener Selbstamnestie und Zerstörung der Grundlagen der offenen Gesellschaft wirken.

    Ohne die ideologische Kontamination würde die Diskussion wesentlich entspannter geführt werden. Gegen eine begrenzte Staatsintervention zwecks Vermeidung persönlicher und geschäftlicher Insolvenz ist nichts einzuwenden.

  7. Culatello
    11.12.2008 | 17:22

    “Irgendwie scheint sich bei einigen Meinungsmachern die Gleichsetzung des Finanzmarkts mit Märkten schlechthin als unbezweifelbare Wahrheit durchgesetzt zu haben, obwohl die Unterschiede bei genauer Betrachtung erheblich sind.”

    Ich könnte jetzt aus dem Stegreif keine maßgeblichen Unterschiede zwischen dem Finanzmarkt und “anderen” Märkten nennen.
    Helft mir auf die Sprünge.

  8. 11.12.2008 | 17:28

    Ich könnte jetzt aus dem Stegreif keine maßgeblichen Unterschiede zwischen dem Finanzmarkt und “anderen” Märkten nennen.

    Vielleicht der: Beim Finanzmarkt wird ein staatlich, planwirtschaftlich bereitgestelltes Gut gehandelt, dessen Wert vom Staat willkürlich festgelegt wird.
    So, als würde der Staat die Bananenproduktion monopolistisch beherrschen und den Händlern (oder auch deren Kunden direkt) nach Gutdünken Bananen zuteilen (oder nicht). Nach staatlichem Gutdünken würde die im Markt vorhandene Bananenmenge verändert. Und es würde bei Strafe verboten, mit Alternativobst zu handeln.

  9. 11.12.2008 | 19:28

    @Culatello

    Boche hat natürlich recht. Ich werf dann auch noch mal bezogen auf Deutschland noch die Begriffe KWG, Bafin und Bundesbank in den Raum…

  10. 11.12.2008 | 19:35

    @DrB

    Es ist schon so, dass die kurzfristige und mittelfristige Geschäftsentwicklung, also die Quartalszahlen und die Meldungen, ganz primär den Börsenwert bestimmen.

    In Wirklichkeit bestimmen die Erwartungen der Anbieter und Nachfrager von Aktien den Börsenwert. Dass Erwartungen bei zusätzlichen Informationen auch angepasst werden, ist dabei aber die selbstverständlichste Sache der Welt, und diese zusätzlichen Informationen findet man eben meistens (von Unternehmensseite aus wäre alles andere auch illegal!) in den Abschlusszahlen und den offiziellen Meldungen. Daher bewegen sich dann auch meist die Kurse der betreffenden Unternehmen, aber sie werden eben nicht durch diese Werke “bestimmt”, sondern nur durch deren Einfluss auf die Erwartungen.

    Beispiel: Oft geschieht es, dass ein Unternehmen zwar seinen Gewinn steigern konnte, die Aktien aber dennoch nachgeben. Entweder, weil vorher ein höherer Gewinn erwartet worden war – dann müssen die Aktionäre für die weitere Zukunft auch mit anderen Zahlen rechnen als bisher. Oder, weil die Art und Weise, wie dieser Gewinn erzielt wurde, nicht zu der Strategie passt, die die Aktionäre mit dieser Aktie eigentlich kaufen wollten. Wenn z.B. ein High-Tech-Unternehmen einen brachialen Schrumpfungs- und Cost-Cutting-Kurs fährt, dürfte das seinem Kurs wenig gut tun, egal wie hoch dadurch die veröffentlichten Gewinne ausfallen.

  11. DrB
    13.12.2008 | 11:12

    Schon klar, Du hast es präziser ausgedrückt. Aber es ist dennoch die Kurz- und Mittelfristigkeit, die den Börsenwert bestimmt.
    Und das kann so nicht richtig sein und um dbzgl. noch etwas zu wühlen habe ich ein paar Besonderheiten benannte, die in D negativ wirken.

Bad Behavior has blocked 1024 access attempts in the last 7 days.