Keynes reloaded

Die, ich sage mal frech: unter Laien, übliche Sicht auf die Lage der Wirtschaftswissenschaften und der Politik der letzten Jahre war: Keynes ist tot, und Friedman & Co. regieren.

Darin liegt ein Körnchen Wahrheit, aber eben nicht mehr. Das Körnchen ist, dass der Glaube an den Keynesianismus als den Stein der Weisen, der die Politik nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 70er Jahre noch bestimmte, inzwischen als Aberglaube gilt. Aber das war es auch. Für den Rest gilt Friedmans berühmte Aussage, dass jetzt alle Keynesianer seien. Das bezog sich nicht nur auf die Methodik, die in der Ökonomie zum Standard und inzwischen auch weiterentwickelt wurde. Die Politik diesseits und jenseits des Teiches hat den Keynesianismus bisher überwiegend auf unterschiedliche Weise gelebt – die einen mit einem ausgebauten Sozialstaat als “automatischen Stabilisierer”, die anderen mit Ad-hoc-Konjunkturprogrammen. In den USA vertrug sich das friedmansche Bekenntnis zur Wirkung der Geldmengensteuerung mit dem vulgär-keynesianischen Ceterum Censeo der niedrigen Zinsen in Form der Greenspanschen Niedrigzinspolitik.

Dass Keynes aber jetzt wieder aktuell wird, obwohl er es vorher nicht so recht war, liegt eben vor allem daran, dass richtige keynesianische Situationen zwar selten sind, aber eben auch mal eintreten – so wie heute. Was macht man, wenn die Geldpolitik wirkungslos zu sein scheint und sich Nachfrage und Angebot in einer Art deflatorischen Spirale gegenseitig nach unten ziehen?

Die “österreichische” Position, wonach das auch mal nötig sein kann und nichts Schlechtes sein muss, will ich an dieser Stelle außen vor lassen, obwohl ich sie auch für interessant halte, gerade was die Situation in den USA betrifft. Denn warum sollte man ein Konsumniveau stützen wollen, das höher ist als das eigene BIP?

Dazu habe ich zwei interessante Beiträge gefunden.

Der eine stammt aus der FAS und plädiert für die Förderung des Konsums dadurch, dass der Staat Geld an die Bürger verteilt. Das Ganze firmiert meist unter dem Namen “Steuerschecks” und erinnert damit an zwei Dinge: 1. dass es sich um Geld handelt, dass vorher den Bürgern abgenommen wurde und 2. dass die Idee aus den USA kommt, wo eben ganz fortschrittlich (wo die USA sind, ist immer vorne) Geld nicht überwiesen wird, sondern mit Hilfe von Schecks den Besitzer wechselt. Die Sympathie für diese Methode speist sich aus verhaltenspsychologischen Aspekten (die Maßnahme muss sicht- und spürbar sein) und der Berücksichtigung der Konsumquote (reine Steuersenkungen nutzen “Reichen” mehr, aber die konsumieren relativ weniger). Verwiesen wird auf die Experimente von Verhaltensökonomen und die positiven Erfahrungen in den USA. Um die Maßnahme zu stützen, sollte die Kanzlerin noch mit den richtigen Worten mehr Zuversicht verbreiten.

Ich halte diesen Vorschlag für völlig naiv. Es handelt sich hier um ein typisches Beispiel dafür, wie konkrete Grenzen kultureller und gesellschaftlicher Art beim Transfer von Maßnahmen ignoriert werden.

Unbenommen: In einem Land, in dem Optimismus und der Glaube an die eigene Stärke permanente Grundstimmungen sind, und das zudem noch ebenfalls kulturell, aber auch durch das politische System bedingt immer wieder charismatische Führungspersönlichkeiten hervorbringt, da kann das wirklich funktionieren. Aber dieses Land ist nicht Deutschland.

Hierzulande ist, und die Gründe dafür sind nicht in zu wenig Staatsaktivität zu suchen, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes der eigentliche Konsumkiller. Das volkswirtschaftliche Problem besteht nicht darin, dass die Bezieher von ALG II zu wenig konsumieren, sondern dass die Nichtbezieher fürchten, Bezieher zu werden. Man braucht nur mal die Nachrichten beliebiger sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtender Medien zu studieren, um zu erkennen, welcher Grundtenor dieses Land beherrscht: Die Lage ist schlechter als gestern, aber besser als morgen. Die Situation der Autohersteller ist da populäres Beispiel und eben doch atypisch, denn ich kann nicht über die Ankündigung einer Mehrwertsteuererhöhung Vorzieheffekte auslösen und mich dann über das zurückschlagende Pendel beschweren, und ich kann auch nicht mit dem völlig unsinnigen Vorhaben, den CO2-Ausstoß pro Kilometer zu regulieren, für Unsicherheit und gewaltige Umstellungsprobleme sorgen, ohne dass dies Auswirkungen auf die Beschäftigung hätte. Obwohl die Krise auf dem Arbeitsmarkt noch nicht angekommen ist, beginnt also die Kaufzurückhaltung, die sich trotz der üblen Mehrwertsteuererhöhung wegen der allgemeinen Besserung der wirtschaftlichen Lage langsam aufzulösen begann, schon jetzt. Da ist es absehbar, was man mit den Steuerschecks tun würde: Sie sparen. Deswegen ist auch ein anderer Gedanke im Gespräch: Man händigt den Bürgern nur Gutscheine aus, die bis zu einem bestimmten Termin zu verkonsumieren sind. Das Passende dazu wurde beim A’Team vom Kommentator “Paul” schon gesagt, ich kann mich also aufs Zitieren beschränken:

Aber nur an sozialversicherungspflichtig Beschäftigte!!! Nicht an die Arbeitslosen, Rentner, Beamten, Selbständigen, Leute mit mehr als 65.000 EUR Jahreseinkommen und Nichtdeutsche sowie Inhaftierte, Intensiv- und Schwellentäter sowie alle der Steuerhinterziehung und Steuerverkürzung verurteilten Personen.

Der Gutschein gilt aussschließlich für den Konsum von inländisch produzierten Gütern und Dienstleistungen, welche durch die Inlandskonsumbehörde im Verlaufe des Jahres 2009 bis spätestens 2011 gekennzeichnet sind (weniger als 10% Importanteil). Weiterverkauf der Gutscheine verboten. Verkauf der Konsumgüter bei Ebay verboten. Nicht mit der Steuerschuld verrechenbar. Es gilt ein besonderer Mehrwertsteuersatz von 35%.

Kurze Schlussfolgerung: Es handelt sich um eine Schnapsidee, die lediglich dem Hang zum Aktionismus entgegenkommt (man hat schließlich “was dagegen getan”).

Der andere Beitrag stammt von Greg Mankiw und wurde in der NYT veröffentlicht. Mankiw erwähnt auch die Nachteile der Fiskalpolitik insgesamt und wartet, wie bei einem Neokeynesianer nicht anders zu erwarten, doch noch mit einem geldpolitischen Vorschlag auf:

Fortunately, the Fed has a few secret weapons. It can set a target for longer-term interest rates. It can commit itself to keeping interest rates low for a sustained period. Most important, it can try to manage expectations and assure markets that it will do whatever it takes to avoid prolonged deflation.

Ob man die Schlussfolgerungen jeweils teilt oder nicht: Das Verdienst beider Artikel ist es, nachvollziehbar zu erläutern, warum Keynes heute besonders aktuell ist.

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14 Kommentare zu “Keynes reloaded”

  1. Dirk
    30.11.2008 | 14:38

    Exakt. Der Keynesiasmus ist keine Theorie für jede noch so kleine Konjunkturdelle oder gar strukturell-bedingtes Niedrigwachstum, sondern für große Schocks. Schocks, bei denen Sparen und Investitionen bei keinem nicht-negativem Zins im Gleichgewicht wären.

    Er wurde in Misskredit gebracht, in dem man ihn als als Rechtfertigung für permanente Staatsdefizite machte. Es wäre aber einen Fehler, wenn man diesen politischen Misserfolg der Theorie als solche zuschreibt und als keynesianische Rezepte für große Krisen daher von vorneherein abschreibt.

  2. DrB
    30.11.2008 | 14:43

    Bzgl. der “Bankenkrise” bzw. Rezession mal eine Frage an die Experten hier: Sind die Ursachen eher in der Leitzinspolitik oder in der amerikanischen “Sozial”-Politik zu verorten?
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/michael_kastner/
    http://en.wikipedia.org/wiki/Community_Reinvestment_Act
    (keine deutschsprachige Quelle (bei der Wikipedia) verfügbar, der CRA spielt – im Gegensatz zur “Gier” – anscheinend keine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung)

  3. 30.11.2008 | 14:51

    Bin zwar kein Experte, aber die Leitzinspolitik hat Asset-Blasen vorprogrammiert, und die “Sozial”-Politik der USA hat bestimmt, welche Blase es sein würde.

  4. DrB
    30.11.2008 | 15:00

    Aber die These, dass jetzt der Konsum anzukurbeln sei, teilt auch der Nicht-Experte?

  5. 30.11.2008 | 15:19

    Ach, das ist mir zu unterkomplex. Ehrlich. Die eigentliche Frage müsste lauten: Welcher Konsum?

    Das müsste unterschiedlich beantwortet werden.

    Zum Beispiel regional:

    Gerade haben wir noch analysiert, dass die USA mehr konsumiert haben als gut für sie ist, und jetzt soll genau das dort “angekurbelt” werden? Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass wir damit das Fundament für die nächste Blase legen. Aber Deutschland könnte sicher mehr Konsum vertragen.

    Zum Beispiel sektoral:

    Ist es eine sinnvolle Politik, den Autoabsatz nicht auch mal schrumpfen zu lassen, wo man ihn doch jahrelang gefördert hat? Wo auf der anderen Seite nicht gerade das Gefühl vorherrscht, dass genug Gesundheitsleistungen angeboten werden?

  6. Dirk
    30.11.2008 | 15:19

    Der CRA ist ziemlich subtil. SO heisst es zum Beispiel:

    It is the purpose of this title [the CRA] to require each appropriate Federal financial supervisory agency to use its authority when examining financial institutions, to encourage such institutions to help meet the credit needs of the local communities in which they are chartered consistent with the safe and sound operation of such institutions.

    Die Aufsichtsbehörden sollen die Banken also “ermutigen”, gewisse Kreidite zu vergeben. Abgesehen davon, dass manchen Kredite tatsächlich Mut bedürfen, ist das eine ziemlich schwammige Formulierung. Werden beim “ermutigen” Druckmittel angewandt oder belässt man es beim guten zureden.

  7. DrB
    30.11.2008 | 15:30

    Die CRA-Geschichte ist lang und kann recherchiert werden. Aus meiner Sicht ist CRA der Freudenspender.

    Zum Konsum, das sehe ich auch so, Schnellkonsum, also das krampfhafte Steigern der mehrwertgenerierenden Verhältnisse im kleinen Prozentbereich, hilft hier gar nicht. Da gehe ich mit Kastner.

  8. Lina
    30.11.2008 | 16:07

    … dass es sich um Geld handelt, das vorher den Bürgern abgenommen wurde …

    … schon, aber von dem ihnen dann ausnahmsweise mal ein Bruchteil zurückgegeben werden würde – das immerhin (-;. Wenn aber wahr werden sollte, was dieser ‘Paul’ an Nutzungssbedingungen an den Gutschein knüpft (über die man lachen kann, weil sie den Staat in Übervater-Gönnerpose zeigen) verzichte ich gern.

    Interessanter Artikel, Rayson, zur temporären Anwendbarkeit von Keynes’ geschmähten Methoden und dazu ein sehr treffender Mentalitätsvergleich Deutschland/USA! Ich hatte übrigens gestern eine Begegnung der (amerikanisch-)konsumistischen Art (passt gerade!), als ich Tyler Cohens Seite marginalrevolution.com/ aufgeschlagen habe: “One very bad economic indicator” titelt er seine Story, die so geht: “A Wal-Mart employee in suburban New York died after he was trampled by a crush of shoppers who tore down the front doors and thronged into the store early Friday morning, turning the annual rite of post-Thanksgiving bargain hunting into a Hobbesian frenzy.”

    Dann doch lieber einen zweckgebundenen und -verorteten Gutschein, staatsbürgerlich gesittet einzulösen zwischen 4 und 8 pm …

  9. stefanolix
    30.11.2008 | 17:03

    @Lina: in Deutschland werden dazu ab 08.00 Uhr morgens Nummern aus dem Automaten gezogen, damit man ab 10.00 Uhr bei einem desinteressierten und demotivierten Staatsbediensteten vorstellig werden darf;-)

  10. Lina
    30.11.2008 | 17:39

    @ stefanolix

    Es werden Nummern gezogen in Deutschland? Umso besser: da kommt wenigstens keiner ‘unter die Räder’ enthemmter Konsumisten ;-)

  11. 30.11.2008 | 19:47

    Wenn man etwas ankurbeln sollte, dann sollten es Investitionen in die Zukunft sein. Also Bildungsausgaben und eine Förderung von Forschung und Entwicklung. Selbst wenn sich die Stimuliererei als solche als Schnapsidee erweisen sollte, wären immer noch ein paar PISA-Punkte gewonnen.

    Im übrigen finde ich es als Umweltökonom sehr interessant, dass diejenigen, die permanent mit Konsumkritik zu Felde ziehen, jetzt plötzlich den Verbrauch stimulieren wollen. Es geht wohl weniger ums Retten der Wirtschaft, als ums Lenken der Wirtschaft.

  12. Lina
    30.11.2008 | 20:16

    @ SteffenH

    Na klar, schliesslich eröffnet die Krise dem Staat derzeit ganz neue Perspektiven des sich ‘Einkaufens’IN die Wirtschaft; man riecht Land(gewinn) …

    Ich nehme aber an, dass die Stimulanz des Konsumverhaltens vor allem den zu erhaltenden Arbeitsplätzen IN der Wirtschaft gelten soll und nicht direkt ihr selbst; schliesslich trägt den Verlust derselben die Staatskasse … also ‘vier’ alle.

  13. 30.11.2008 | 23:24
  14. 5.12.2008 | 1:32

    Keynesianismus war und ist nur eine Methode um Sozialismus durch die Hintertür einzuführen. Das ist Ziel der Gesellschaft der Fabier, der Keynes angehörte.

    Ich bin zufällig auf diesen Blog gestoßen und möchte die Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass es tatsächlich eine liberale Partei (bzw Bewegung, da noch nicht gegründet) Partei in Deutschland gibt: http://www.parteidervernunft.de Als Journalist (Focus Magazin Verlag) halte ich Diskussionen natürlich für gut. Irgendwann muss aber auch gehandelt werden. Vielleicht wollen sich einige Blogger hier unserer (gemeinnützigen) Bewegung anschließen.

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