30. November 2008
Keynes reloaded
Die, ich sage mal frech: unter Laien, übliche Sicht auf die Lage der Wirtschaftswissenschaften und der Politik der letzten Jahre war: Keynes ist tot, und Friedman & Co. regieren.
Darin liegt ein Körnchen Wahrheit, aber eben nicht mehr. Das Körnchen ist, dass der Glaube an den Keynesianismus als den Stein der Weisen, der die Politik nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 70er Jahre noch bestimmte, inzwischen als Aberglaube gilt. Aber das war es auch. Für den Rest gilt Friedmans berühmte Aussage, dass jetzt alle Keynesianer seien. Das bezog sich nicht nur auf die Methodik, die in der Ökonomie zum Standard und inzwischen auch weiterentwickelt wurde. Die Politik diesseits und jenseits des Teiches hat den Keynesianismus bisher überwiegend auf unterschiedliche Weise gelebt – die einen mit einem ausgebauten Sozialstaat als “automatischen Stabilisierer”, die anderen mit Ad-hoc-Konjunkturprogrammen. In den USA vertrug sich das friedmansche Bekenntnis zur Wirkung der Geldmengensteuerung mit dem vulgär-keynesianischen Ceterum Censeo der niedrigen Zinsen in Form der Greenspanschen Niedrigzinspolitik.
Dass Keynes aber jetzt wieder aktuell wird, obwohl er es vorher nicht so recht war, liegt eben vor allem daran, dass richtige keynesianische Situationen zwar selten sind, aber eben auch mal eintreten – so wie heute. Was macht man, wenn die Geldpolitik wirkungslos zu sein scheint und sich Nachfrage und Angebot in einer Art deflatorischen Spirale gegenseitig nach unten ziehen?
Die “österreichische” Position, wonach das auch mal nötig sein kann und nichts Schlechtes sein muss, will ich an dieser Stelle außen vor lassen, obwohl ich sie auch für interessant halte, gerade was die Situation in den USA betrifft. Denn warum sollte man ein Konsumniveau stützen wollen, das höher ist als das eigene BIP?
Dazu habe ich zwei interessante Beiträge gefunden.
Der eine stammt aus der FAS und plädiert für die Förderung des Konsums dadurch, dass der Staat Geld an die Bürger verteilt. Das Ganze firmiert meist unter dem Namen “Steuerschecks” und erinnert damit an zwei Dinge: 1. dass es sich um Geld handelt, dass vorher den Bürgern abgenommen wurde und 2. dass die Idee aus den USA kommt, wo eben ganz fortschrittlich (wo die USA sind, ist immer vorne) Geld nicht überwiesen wird, sondern mit Hilfe von Schecks den Besitzer wechselt. Die Sympathie für diese Methode speist sich aus verhaltenspsychologischen Aspekten (die Maßnahme muss sicht- und spürbar sein) und der Berücksichtigung der Konsumquote (reine Steuersenkungen nutzen “Reichen” mehr, aber die konsumieren relativ weniger). Verwiesen wird auf die Experimente von Verhaltensökonomen und die positiven Erfahrungen in den USA. Um die Maßnahme zu stützen, sollte die Kanzlerin noch mit den richtigen Worten mehr Zuversicht verbreiten.
Ich halte diesen Vorschlag für völlig naiv. Es handelt sich hier um ein typisches Beispiel dafür, wie konkrete Grenzen kultureller und gesellschaftlicher Art beim Transfer von Maßnahmen ignoriert werden.
Unbenommen: In einem Land, in dem Optimismus und der Glaube an die eigene Stärke permanente Grundstimmungen sind, und das zudem noch ebenfalls kulturell, aber auch durch das politische System bedingt immer wieder charismatische Führungspersönlichkeiten hervorbringt, da kann das wirklich funktionieren. Aber dieses Land ist nicht Deutschland.
Hierzulande ist, und die Gründe dafür sind nicht in zu wenig Staatsaktivität zu suchen, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes der eigentliche Konsumkiller. Das volkswirtschaftliche Problem besteht nicht darin, dass die Bezieher von ALG II zu wenig konsumieren, sondern dass die Nichtbezieher fürchten, Bezieher zu werden. Man braucht nur mal die Nachrichten beliebiger sich an die allgemeine Öffentlichkeit richtender Medien zu studieren, um zu erkennen, welcher Grundtenor dieses Land beherrscht: Die Lage ist schlechter als gestern, aber besser als morgen. Die Situation der Autohersteller ist da populäres Beispiel und eben doch atypisch, denn ich kann nicht über die Ankündigung einer Mehrwertsteuererhöhung Vorzieheffekte auslösen und mich dann über das zurückschlagende Pendel beschweren, und ich kann auch nicht mit dem völlig unsinnigen Vorhaben, den CO2-Ausstoß pro Kilometer zu regulieren, für Unsicherheit und gewaltige Umstellungsprobleme sorgen, ohne dass dies Auswirkungen auf die Beschäftigung hätte. Obwohl die Krise auf dem Arbeitsmarkt noch nicht angekommen ist, beginnt also die Kaufzurückhaltung, die sich trotz der üblen Mehrwertsteuererhöhung wegen der allgemeinen Besserung der wirtschaftlichen Lage langsam aufzulösen begann, schon jetzt. Da ist es absehbar, was man mit den Steuerschecks tun würde: Sie sparen. Deswegen ist auch ein anderer Gedanke im Gespräch: Man händigt den Bürgern nur Gutscheine aus, die bis zu einem bestimmten Termin zu verkonsumieren sind. Das Passende dazu wurde beim A’Team vom Kommentator “Paul” schon gesagt, ich kann mich also aufs Zitieren beschränken:
Aber nur an sozialversicherungspflichtig Beschäftigte!!! Nicht an die Arbeitslosen, Rentner, Beamten, Selbständigen, Leute mit mehr als 65.000 EUR Jahreseinkommen und Nichtdeutsche sowie Inhaftierte, Intensiv- und Schwellentäter sowie alle der Steuerhinterziehung und Steuerverkürzung verurteilten Personen.
Der Gutschein gilt aussschließlich für den Konsum von inländisch produzierten Gütern und Dienstleistungen, welche durch die Inlandskonsumbehörde im Verlaufe des Jahres 2009 bis spätestens 2011 gekennzeichnet sind (weniger als 10% Importanteil). Weiterverkauf der Gutscheine verboten. Verkauf der Konsumgüter bei Ebay verboten. Nicht mit der Steuerschuld verrechenbar. Es gilt ein besonderer Mehrwertsteuersatz von 35%.
Kurze Schlussfolgerung: Es handelt sich um eine Schnapsidee, die lediglich dem Hang zum Aktionismus entgegenkommt (man hat schließlich “was dagegen getan”).
Der andere Beitrag stammt von Greg Mankiw und wurde in der NYT veröffentlicht. Mankiw erwähnt auch die Nachteile der Fiskalpolitik insgesamt und wartet, wie bei einem Neokeynesianer nicht anders zu erwarten, doch noch mit einem geldpolitischen Vorschlag auf:
Fortunately, the Fed has a few secret weapons. It can set a target for longer-term interest rates. It can commit itself to keeping interest rates low for a sustained period. Most important, it can try to manage expectations and assure markets that it will do whatever it takes to avoid prolonged deflation.
Ob man die Schlussfolgerungen jeweils teilt oder nicht: Das Verdienst beider Artikel ist es, nachvollziehbar zu erläutern, warum Keynes heute besonders aktuell ist.
Verfasst von Rayson um 14:04 Uhr in der Kategorie International, Politik, Wirtschaftspolitik (Trackback)
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