Für ein Volk von Unternehmern

In ihrem jüngsten Bericht beklagt die ILO das Zurückbleiben des Wachstums der Lohneinkommen hinter dem globalen Wirtschaftswachstum, woraus die Tagesschau eine besorgniserregende Abnahme des Anteils der Löhne gegenüber den Gewinnen am BIP ableitet. Obwohl ich bislang noch nicht die Muße hatte, mich intensiver mit dem neuen ILO-Gutachten zu beschäftigen, kann ich die Dramatik dieser Erkenntnis nicht ganz nachvollziehen. Schließlich beziehen mehr und mehr Deutsche ihre Einkommen nicht nur aus Löhnen, sondern haben Vermögen in Form von Unternehmensanteilen gebildet, die ihnen dementsprechend auch ihren Teil vom Kuchen der Unternehmensgewinne abwerfen. Insofern repräsentiert das Bild der Ungleichverteilung der ILO nur die halbe Wahrheit und zeigt gleichzeitig, was man selbst dagegen tun kann: Sparen, Vermögen bilden und selbst Kapitalist werden.

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26 Kommentare zu “Für ein Volk von Unternehmern”

  1. 26.11.2008 | 17:06

    Da muss ich gleich kritisieren: Ein Volk von Kapitalisten ist noch lange kein Volk von Unternehmern.

  2. 26.11.2008 | 17:28

    @Rayson:

    Ok, da hast du recht.

  3. Herbert
    26.11.2008 | 17:38

    “Sparen, Vermögen bilden…”
    Derzeit schmelzen die Vermögen wie Schnee an der Sonne. Die Wahrheit ist, dass vieles von dem, was u.a. in Deutschland gespart und als ein “Vermögen” betrachtet worden ist, andernorts verbraucht wurde und jetzt uneinbringlich ist. In solchen Fällen nennt man “Sparen” auch “Verschenken”. Auch das Bilden von Immobilienvermögen in klassischen Eigentümergesellschaften hat sich als riskantes Spiel herausgestellt, bei dem es doch sehr auf den Einkaufspreis ankommt.
    Auch wenn es grundsätzlich eine gute Idee ist, die Produktionsmittel und das Kapital in die eigene Hand zu bekommen, ist das Konzept im Detail nicht so einfach umzusetzen. Denn überall lauert auch der Kettenbrief auf den gutgläubigen Sparer. Schließlich haben auch Gauner Unternehmergeist.

  4. 26.11.2008 | 18:49

    Man müsste wirklich ausrechnen, wer von den Aktien profitiert und für wen das ein Ausgleich für sinkende Löhne ist.

    Ich bezweifele mal anhand der Empirie (n=1 hat natürlich einige Schwächen :-) :

    Ich kenne Leute, die haben nach über 40 Jahren arbeiten zwar eine ordentliche Rente, aber die Geldanlagen werfen weniger als die Miete ab.

    Jetzt kann man natürlich falsch investiert haben, aber a) hatte man ja noch ein Leben und b) wenn das so einfach wäre, dann würde das ja jeder machen und die ganzen Geldanlageberaterverkäufer würden nicht mehr arbeiten müssen.

    Und wenn es ums globale Einkommen geht, dann bezweifele ich doch sehr, dass die paar Kleinkapitalisten in der industrialisierten Welt das rausreißen.

    Wenn man natürlich die Einkommen aus Aktienoptionen von Unternehmesvorständen dazuzählt, dann gleicht das die sinkenden Löhne sicher aus. ;-) (Der zwinkernde Smilie ist ein Hinweis, dass der letzte Satz tatsächlich ironisch gemeint ist.)

  5. Dirk
    26.11.2008 | 20:01

    Based on an analysis of major trends in the level and the distribution of wages around the world in recent years, the ILO report shows that while wage growth has lagged behind overall economic growth during upswings, it slowed down more rapidly during economic downswings.

    Wenn die Ökonomie wächst, werden neue Arbeitskräfte eingestellt. Dadurch wächst das BIP mehr als der durchschnittliche Lohn.

    Wenn die Ökonomie schrumpft, können nicht alle entlassen werden (da gibt es eine Asymetrie zwischen Job auf und Job abbau). Also findet die Anpassung hauptsächlich über die Löhne statt, sie sinken.

  6. 26.11.2008 | 20:01

    Der Anteil der Einkommen aus abhängiger Arbeit am gesamten Einkommen (vulgo: Lohnquote) ist ein denkbar ungeeigneter Indikator der Einkommensverteilung. Denn auf der Seite der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und Vermögen steht Familie Quandt neben dem Ich-AG’ler der ergänzendes Hartz IV braucht, während auf der Seite der Einkommen aus abhängiger Beschäftigung der Niedriglöhner neben dem Ackermann steht. Die Entwicklung der Lohnquote hängt zudem davon ab, wie viele Selbständige und wie viele Arbeitnehmer es gibt. Das ändert sich ja auch im Laufe der Zeit.

    Zur Beschreibung der Einkommensverteilung gibt es wesentlich bessere Indikatoren, z.B. Gini-Koeffizienten, Perzentilverhältnisse oder neuerdings inmmer häufiger Theil-Indizes. Die sprechen allerdings auch eine relativ deutliche Sprache: das Ausmaß der Ungleichverteilung hat in fast allen Ländern zugenommen. Viele fordern direkt daraus mehr Umverteilung. Nach Umverteilung, also bezogen auf verfügbare Einkommen, hat die Ungeleichverteilung allerdings kaum noch zugenommen.

    Interessant wäre auch zu hinterfragen, welche Faktoren zu größerer Ungleichheit der Markteinkommen geführt haben. Vielleicht liegt es ja daran, dass es in den letzten Jahren gelang, viele gering Produktive in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Da sind noch viele Fragen offen und ich habe größte Zweifel, dass ausgerechnet die ILO darauf eine Antwort geben kann.

  7. Dirk
    26.11.2008 | 20:12

    und ich nehme ohnehin keinen ernst, der mit einem r^2 von 0.257 argumentiert.

  8. 26.11.2008 | 20:27

    Das r^2 wäre ja noch zu verschmerzen, aber der Scatterplot zeigt recht eindeutig, dass ein positiver Zusammenhang nur wegen ein paar Ausreißern (unten links) zustande kommt. ILO halt.. Es gibt einen recht aktuellen Bericht der OECD zu dem Thema (”Growing unequal”), der ist ganz brauchbar für den internationalen Vergleich. Für die Entwicklung in Deutschland gibt es bessere Studien, z.B. im Ratsgutachten 2007/8.

  9. Dirk
    26.11.2008 | 21:18

    Und wieso um alles in der Welt wird zu der berechneten Lohnelastizität kein Signifikanzniveau angegeben??????

  10. 26.11.2008 | 21:18

    @Holger:

    Wie gesagt, ich hab die Studie noch nicht gelesen, aber hier ist nicht von der Lohnqoute, sondern vom relativen Wachstum der Löhne in Bezug zum BIP-Wachstum die Rede (siehe Dirk). Ich halte mich Interpretationen vorerst kurz.

    @Dirk:

    Geht man davon aus, dass der Lohnsatz der Grenzproduktivität entspricht, müsste man doch annehmen können, dass die Produktivität unselbständiger Arbeit geringer gewachsen ist, als die Produktivität selbstständiger Arbeit. In einer Dienstleistungsgesellschaft dürfte das doch nicht so unplausibel sein. Was sagst du?

    @Marc:

    Die Tatsache, dass der Kursrückgang der Aktien immer mal wieder Leute um ihr Vermögen bringt, bedeutet doch noch lange nicht, dass man langfristig mit Aktien kein Vermögen verdienen kann. Natürlich muss man da einige Regeln vernünftiger Vermögensanlage beachten, ein Grundsatz, den viele Leute ganz gern mal ignorieren und sich dann wundern, dass wieder mal wieder etwas schief lief. Ich persönlich kaufe mir jetzt nicht drei Kühlschränke und zwei Notebooks, weil ich Angst habe sparen würde ohnehin nichts bringen.

  11. 26.11.2008 | 21:21

    @Dirk:

    Weil so etwas die Leser in Gewerkschaftskreisen nur verwirren würde und eigentlich auch niemanden interessiert, der sein Vorurteil bestätigt sehen wollte.

  12. Dirk
    26.11.2008 | 22:59

    @SteffenH
    Weiss ich nicht. Ich verstehe Deine Argumentation jetzt nicht

  13. 26.11.2008 | 23:08

    @Dirk:

    Wachsen die Löhne weniger als das BIP, dann kann das doch nur daran liegen, dass die Produktivität der abhängig, also “entlohnten” Beschäftigung weniger gewachsen ist als die Produktivität der gesamten Wirtschaft (natürlich angenommen, dass die Anzahl der gearbeiteten Stunden unverändert blieb). Aber vielleicht sollte ich das Pamphlet ja erstmal lesen, bevor ich hier herumspekuliere. ;-)

  14. 26.11.2008 | 23:48

    Die Ungleichheit innerhalb einer Nation ist nicht mehr relevant, auf die Weltweite kommt es an.
    Zudem würde es mich mal interesseiren, wieweit die reale Ungleichheit mit der nominalen zusammenhängt. Wenn alle Brot konsumieren und Reiche zusätzlich Diamanten und sich dann der Diamentenpreis verdoppel, die Löhne der Reichen ausreichend steigen um das zu kompensieren, hat sie die nominale Ungleichheit erhöht, die reale jedoch nicht. Hat das mal jemand untersucht?

  15. drbuffo
    27.11.2008 | 1:31

    Die ILO ist gewerkschaftsnah bzw. gehört fest zum Gewerkschaftenverbund, einige seriösere Medien erwähnen das, andere Medien schaffen es das auszublenden und übernehmen die Sicht der ILO. Die ILO als internationaler Bofinger so zu sagen.

  16. F.Alfonzo
    27.11.2008 | 4:07

    @ Michel:

    Ich glaube, das (also die ‘preisbereinigte’ Ungleichheit) kann man nicht wirklich untersuchen; zum einen müsste man dafür realistische Preisindizes zusammenstellen (was ich, am Rande erwähnt, für ein Ding der Unmöglichkeit halte; ich kann mich nur darüber wundern, dass es Leute gibt, die glauben realistische Warenkörbe zusammenstellen zu können), zum anderen ändern sich Preise auch zu schnell (was wiederum den Preisindex verfälscht).

  17. drbuffo
    27.11.2008 | 6:08

    @Steffen:
    “Wachsen die Löhne weniger als das BIP, dann kann das doch nur daran liegen, dass die Produktivität der abhängig, also “entlohnten” Beschäftigung weniger gewachsen ist als die Produktivität der gesamten Wirtschaft (natürlich angenommen, dass die Anzahl der gearbeiteten Stunden unverändert blieb).”

    Oder der internationale Wettbewerb (Stichwort: Standortverschiebungen) bewirkt, dass die Löhne marktgerecht bleiben und das BIP sich vglw. besser entwickelt.
    Stimmt diese Annahme, dann führt die “ILO-Logik” (”Kaufkraft fördern”, das alte Gesoze halt) nicht weiter.

  18. 27.11.2008 | 9:38

    @drbuffo:

    Ich gehe stets davon aus, dass ein Unternehmen maximimal einen Lohnsatz zahlt, der dem Grenzprodukt der Arbeit entspricht. Wenn sich das Sample der ILO nicht verändert hat, dann kann das geringere Lohnwwachstum nur dadurch zustande kommen, dass die Grenzproduktivität in dem von ihnen als Lohnarbeit erfassten Wirtschaftsbereich weniger erhöht hat als die gesamtwirtschaftliche Produktivität. M.a.W. sollten andere Erwerbsquellen wie selbstständige Tätigkeit oder Vermögensanlagen höhere Grenzerträge bringen. In einer Wirtschaft, in der Ideen und immaterielle Dienstleistungen zunehmend zu den knappen Gütern gehören, würde mich eine solche Entwicklung nicht weiter verwundern. Aber warten wir es ab, bei Gelegenheit schaue ich in die Langfassung des Papiers…

  19. Dirk
    27.11.2008 | 11:22

    @Steffen.H

    Die Lohnquote ist in Deutschland schon gesunken. Das wäre erst mal ein Punkt (den die Studie zwar nicht macht, der aber in ihre Richtung geht). Dafür kann es plausible Erklärungen geben, aber die müsste man erst mal beweisen.

  20. 27.11.2008 | 11:27

    @Dirk:

    Das habe ich auch nicht bezweifelt, aber was sagt das aus, wenn die Lohnquote am BIP sinkt. Die interessante Frage, die die Studie aufwirft, ist doch, warum die Löhne langsamer wachsen als das BIP. Das hat mich zu der Vermutung veranlasst, dass die Grenzproduktivität der erfassten Tätigkeiten langsamer wächst als die gesamtwirtschaftliche Produktivität.

  21. Dirk
    27.11.2008 | 11:28

    @SteffenH

    Was hältst Du eigentlich hiervon?

    Wenn ich das richtig verstehe, gibt es in Deutschland keine Kreditklemme?!?

  22. Dirk
    27.11.2008 | 11:30

    @SteffenH

    Das wäre die nächste Frage. Eine sinkende Lohnquote ist ja nicht unbedingt ein Zeichen für Ausbeutung.

  23. 27.11.2008 | 11:48

    @Dirk:

    Natürlich ist eine sinkende Lohnquote kein Indikator für Ausbeutung. Ich würde auf dem Arbeitsmarkt, auf dem von freiwillig miteinander agierenden Vertragsparteien Arbeitsverträge ausgehandelt werden, sowieso nicht von Ausbeutung reden. Diesen Begriff gibt es in diesem Zusammenhang in meinem Vokabular nicht. Niemand wird zur Arbeit gezwungen, also auch nicht ausgebeutet. Und die Löhne sind so hoch, dass sie dem Grenzprodukt des eingesetzten Arbeitsvolumens entsprechen, was zwar bedeutet, dass nicht jeder soviel bekommt, wie er selbst erwirtschaftet, was aber auch nicht unnormal oder ausbeuterisch ist. Schließlich beschweren wir uns ja auch nicht, dass wir beim Konsum nicht einen Preis gemäß unserer vollständigen Konsumentenrente, sondern lediglich entsprechend des Grenznutzens unseres Verbrauchs zahlen (also der Konsumnutzen liegt weit oberhalb des eigentlich gezahlten Preise, sonst würden wir auf den Deal ja nicht eingehen). Irgendwo müssen Produzenten- und Konsumentenrente ja herkommen.

  24. 27.11.2008 | 18:40

    @F.Alfonso: Dann muss man wohl eingestehen, das wir nicht über die Ungleichheit wissen, nicht im internationalen Vergleich, noch im historischen.

  25. Markus
    29.11.2008 | 1:04

    Wenn man in diesem Blog auf Joachim Jahnkes Webseiten hinweisen dürfte, wäre vielleicht einiges klarer. Aber der “Blogwächter” erlaubt es nicht. Muß man dazu etwa den Clement machen? ;-)

  26. 30.11.2008 | 11:53

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