21. November 2008
Geschluckt, gekaut, verdaut und ausgeschieden
Trotz angestrengter Suche kann ich keine Originalquelle für das präsentieren, was mich heute abend bei “Wer wird Millionär” (ja, ich gucke Privatfernsehen) beschäftigt hat. Darum umschreibe ich diesen spannenden Gedankengang, wer mag, kann mir das Original in den Zitaten nachliefern, ich werde es dann hier nachposten. Das, was ich meine, klang ungefähr so:
“Das wirklich beängstigende an der modernen Kulturindustrie ist die Tatsache, dass man sie weder kritisieren, noch gegen sie kämpfen, noch subversiv gegen sie arbeiten kann. Was immer man unternimmt, wird entweder sinnlos verpuffen, oder – so es denn Erfolg haben sollte – von ihr aufgenommen, gekaut, verdaut, zum maximalen Nutzen verarbeitet und anschließend wieder ausgeschieden werden, um mit dem nächsten Happen zu beginnen”.
Gerne zitiert wurde das von Punkern, Hip-Hoppern, Sprayern und ähnlichen Vertretern subversiver Subkulturen, die ihren Widerstand gegen die herrschende Gesellschaft zum Ausdruck bringen wollten, mit zunehmender Popularität aber mehr und mehr in den Kommerz- und Verwertungsapparat der aktuellen Massenmedien hineingezogen wurden. Mir fiel dieser Gedankengang aber wieder ein, als heute Thomas Gottschalk bei Günter Jauch Marcel Reich-Ranicki als Telefonjoker benutzt hat.
Ein abgekartetes Spiel, wie immer bei diesen Promi-WWM’s, ganz klar. Die Millionenfrage, dann MRR als Joker, und natürlich eine Literaturfrage. Jubeln, Konfetti, Guter Zweck, die unerwarteten Freunde Gottschalk und MRR – der Stoff, aus dem Legenden sind.
Zur generellen Entwicklung dieser “neuen Männerfreundschaft” habe ich drei Theorien:
1. Thomas Gottschalk ist ein ganz besonders abgezocktes Arschloch, das die Vermarktbarkeit von Reich-Ranicki als Witzfigur mit ihm als Identifikationspunkt erkannt hat und den anderen, älteren Mann jetzt zu seinem persönlichen Vorteil ausschlachtet.
2. Beide sind mediengeile Typen, die merkten, dass ihr jeweiliger Stern im Sinken befindlich ist, und nach einem neuen Trick suchten, um sich als “schräges Traumpaar” des deutschen Feuilletons wieder in die Öffentlichkeit zu pusten. Dabei ginge es aber keinem um Inhalte.
3. Beide teilen eigentlich die These, dass das Fernsehen immer niveauloser wird. Nach MRR’s Brandrede haben sie sich zu einem längeren Gespräch zusammengesetzt und festgestellt, dass diese schon nach wenigen Tagen geschluckt, gekaut, verdaut und wieder ausgeschieden worden ist – und haben einen Deal geschlossen, der die Kritik in Gestalt ihres schrillen Gegensatzes länger am Leben halten soll.
Welche Theorie der Wahrheit am nächsten kommt, weiß ich nicht. Aber im Endeffekt bedeuten sie doch alle das gleiche – nämlich, dass die Kritik an einer Kulturindustrie, die man weder in Grund und Boden verfluchen noch subversiv veräppeln kann, gar nicht falsch ist. Selbst die herbsten Kritiker, selbst die unangenehmsten Spötter kann sie in sich aufnehmen, in Einschaltquoten und Umsätze, in Gewinne und betäubte Zuschauer verarbeiten. Das ist beängstigend. Vor allem, weil man kein Gegenprogramm verkünden, keinen Angriff proklamieren, keine Abweichung erklären kann. Nur fassungslos beobachten.
Adorno-Fans sind ausdrücklich zum Kommentar eingeladen – habe ich die Ausgangskritik von da? Es ist zu spät, um nachzulesen, und ich habe gerade Zeit, zu tippen.
Gute Nacht.
Verfasst von Karsten um 00:26 Uhr in der Kategorie Kultur (Trackback)
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