27. Oktober 2008
Individuum oder System?
Ich komme erst mal nicht dazu, den ausführlichen Beitrag zu verfassen, der mir seit längerem im Kopf herumspukt. Deswegen zunächst ein paar Anmerkungen anlässlich des Geplänkels um die Äußerungen von Hans-Werner Sinn.
Der Hinweis darauf, dass nicht einzelne Personen, sondern ein systemisches Defizit an der Finanzkrise “schuld” ist (besser: sie herbeiführt), ist natürlich korrekt. So wie ja auch das Scheitern des Realsozialismus nicht ein Versagen von Honecker & Co. ist, sondern notwendige Folge eines unfähigen Systems. Wenn Linke jetzt liberale Positionen zu ihrem eigenen Nutzen und Frommen so weit verzerren wollen, als kennten diese nur Individuen und keine Systeme, lügen sie sich selbst etwas in die Tasche. Man scheint es nötig zu haben. Selbstverständlich reagieren Menschen auf Umgebungen, auf Institutionen, auf Anreize. Nichts anderes wird hier seit Jahr und Tag behauptet.
Und solche Dinge, wie wir sie zur Zeit erleben, sind eben einem System geschuldet. Wobei “System” jetzt nicht so platt zu denken wäre wie bei vielen Kommentaren, die man jetzt zu lesen bekommt, im Ergebnis bereits im Lied “Kreuzberger Nächte sind lang” vorweggenommen, sondern als Teilsystem “Banken und Finanzmarkt”, das in wesentlichen Teilen ganz anderen Bedingungen und Regulierungen unterliegt als der Rest der Wirtschaft, wie jeder am eigenen Leib erfahren wird, der morgen versucht, eine Bank zu gründen. Aus gutem Grund, denn Banken wird das Privileg zuteil, etwas vermehren zu dürfen, was der Staat garantiert: Geld. Schon das trennt sie vom Rest der Wirtschaftswelt.
Es ist vernünftig, diesem Teilsystem besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Das hat z.B. auch Sinn getan in einem Buch, auf das er jetzt selbst verweist. Wie behämmert manche Köpfe sind, stellt man erst fest, dass sie die Forderung Sinns nach mehr Regulierung in diesem Bereich nicht aufnehmen können, wo er doch in den meisten Fällen ganz anders argumentiert hat als es im Gewerkschaftshandbuch steht. Daraus spricht die Enttäuschung des Ideologen, in Sinn nicht seinesgleichen zu finden, sondern einen differenzierenden Wissenschaftler, dessen Thesen zu widerlegen eine Mühe erforderte, die der Ideologe nicht auf sich nehmen will und stattdessen die Abkürzung über Argumente ad personam bevorzugt. Man kann Sinn fachlich nicht begegnen, also beschränkt man sich darauf, ihn als Vertreter von Interessen zu “entlarven” – irgendwie wird man das Buch von vor ein paar Jahren da noch als Täuschungsmanöver unterbringen können. Die Partei hat schließlich immer recht.
Wie überhaupt ich verwundert feststellen muss, dass man mit einem Eintreten für eine Freiheit, die sich auch in einem wirtschaftlichen Handeln ohne Zwang ausdrückt, plötzlich zum Fan von Derivaten und Off-Balance-Konstrukten mutiert ist. Sorry, Leute, der hier vertretene Liberalismus hat seine Mitte in der Überzeugung, dass staatliche Rahmensetzung wichtig und richtig ist (wir sind keine Ankaps, falls das noch keinem aufgefallen sein sollte), und daher kann es natürlich auch Defizite in dieser Richtung geben, wie sich gerade offensichtlich gezeigt hat. Aber das ändert nichts daran, dass in vielen anderen Bereichen eher eine Überregulierung dominiert und ebenfalls schädliche Wirkungen entfaltet.
Und es ändert nichts daran, dass viele jetzt diese Krise, zu der übrigens auch der Staat seinen beträchtlichen Teil beigetragen hat (wenn wir schon systemisch denken, dann bitte auch in Sachen “Public Choice”), nutzen möchten, um einen Schelmen auf anderthalbe zu setzen. Nicht alles, was jetzt als Kur verkauft wird, ist tatsächlich eine: Tatsächlich sind die Quacksalber in der Überzahl.
Verfasst von Rayson um 22:04 Uhr in der Kategorie Blogosphäre, Politik, Wirtschaft, Wirtschaftspolitik (Trackback)
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