Meine kleine Polemik von heute Morgen benötigt natürlich einige kleine Anlagen, ohne die ich vermutlich missverstanden würde. Eigentlich hatte ich mir zwar mehr Widerspruch erhofft, aber anscheinend fehlt mir noch einige Erfahrung, um so gut provozieren zu können wie der Kollege Boche.
Nun aber zu den Anlagen:
(1) Mich irritiert ein wenig, dass mancher, der bei Hartz-IV-Empfängern den Verweis auf die systemischen Ursachen für mangelnde Arbeitsbereitschaft nicht gelten lassen will, sondern diesen Mangel personalisiert und individualisiert, gleichzeitig beim Thema der Manager diese systemischen Ursachen als Entschuldigung gelten lassen will. Ein Langzeitarbeitsloser, der nicht arbeiten geht, ist für manchen einfach nur faul, ein Manager, der Geld verzockt, aber ein Opfer des Systems, das solches von ihm verlangt. Das ist inkonsequent. Sogar dann noch, wenn man die Hartz-IV-Empfänger durch Kriminelle und ihre “schwere Jugend” ersetzt, die für viele Anhänger der individualisierten Verantwortung ja bedeutungslos sein soll.
(2) Sehr ungewöhnlich finde ich weiterhin, wenn von den gleichen Leuten, die die obszön hohen Managergehälter mit der außergewöhnlichen Leistung der Manager begründen (und es dabei manchmal so darstellen, als seien es die Topmanager alleine, die die Riesenumsätze ihrer Unternehmen generieren), nun das Versagen vieler Unternehmen nicht den Managern, sondern dem kranken System anrechnen wollen.
(3) Meine Beispiele waren nicht völlig beliebig gewählt, im Gegenteil. Ich denke nämlich, dass Sinn nicht falsch liegt, wenn er sagt, dass der Fehler vor allem im System liegt und die Möglichkeiten einzelner Manager, etwas zu bewirken, sehr gering waren. Und natürlich werden die Topmanager jetzt zu Sündenböcken gemacht – so, wie auch Fußballtrainer zum Sündenbock werden, wenn es beim Verein nicht läuft, wie “die Politiker” zu Sündenböcken werden, wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, und auch so, wie Generäle in der Geschichte schon oft als Sündenböcke dienten, wenn Schlachten einfach nicht zu gewinnen waren. Jedes dieser Beispiele wäre gut geeignet gewesen, Sinns Argumentation zu verdeutlichen. Sein völlig an den Haaren herbeigezogener Vergleich mit den Juden war ebenso geschmacklos wie unzutreffend. Denn die Juden wurden nicht gut dafür bezahlt, zu wissen, dass sie vielleicht bald Sündenböcke sein würden; und sie wurden nicht gefeuert, sondern ermordet. Auch schon vor 1929.
(4) Ja, ich denke tatsächlich, dass man “den Managern” nicht ernsthaft die Schuld an der Krise geben kann; die Ursache liegt “im System”, oder vielmehr in den Systemen. Im soziologischen System der Wirtschaftselite, im politischen System der (mangelnden) Kontrolle, im wirtschaftlichen System eines Finanzmarktes, der jede Beziehung zur Realität verloren hat. Vielleicht sind es alle drei dieser Systeme, vielleicht auch keines oder jedes zu einem Teil – nur den Managern, deren tatsächlicher Einfluss so groß gar nicht ist, die Verantwortung zuzuschieben, halte ich aber auf jeden Fall für Unsinn.
(5) Und weil ich die Bedeutung der Arbeit der Topmanager für so gering halte, ärgere ich mich auch schon so lange über deren wahnwitzige Gehaltssummen. Managergehälter sind meiner Ansicht nach weniger die gerechte Entlohnung für eine unglaublich knappe und bedeutungsvolle Leistung, sondern die Rente für die Zugehörigkeit zu einem eng geflochtenen Netzwerk, das mehr mit einem feudalen Stand als mit der Elite einer Leistungsgesellschaft zu tun hat. Und natürlich, wie oben bereits gesagt, eine Entschädigung dafür, im Falle eines Scheiterns den Sündenbock darzustellen, den man den wütenden Menschen zur Beschimpfung vorwerfen kann.