30. September 2008
Sumak Kawsay
Wenn man an einem Tag zwei Texte liest, in denen es um ein Recht auf das Paradies auf Erden geht, dann wird es Zeit für einen Artikel im B.L.O.G. Prinzipiell habe ich ja nichts gegen Utopien einzuwenden, aber wenn sie zu Politik werden und mich betreffen könnten, möchte ich schon ein Wörtchen darüber mitreden.
Worum geht es? In Ecuador wurde eine neue Verfassung angenommen, in der sehr viele soziale Rechte verankert sind. Diese Verfassung ist so recht nach dem Geschmack unserer Linkspopulisten und wird uns sicher auch in Deutschland noch beschäftigen, erste Kommentare stimmen schon darauf ein.
Das schönste Recht in der neuen Verfassung gab diesem Artikel seinen Namen: Sumak Kawsay bedeutet soviel wie »gutes Leben«. Und das Recht auf ein gutes Leben gehört doch unbedingt in die Verfassung. Warum haben wir das noch nicht? Wie konnten wir es ohne dieses Recht aushalten?
Die Berliner Künstler Anke Vetter und Ingmar Wengel haben eine Satire auf den allgegenwärtigen Linkspopulismus verfasst. Ihre Berliner Erklärung kommt mit der Unterzeile
BERLINER ERKLÄRUNG – SOZIAL IST MUSS!
daher und ich bin sicher nicht der einzige Leser, der im ersten Anlauf SOZIALISMUS! gelesen hat. Anke Vetter und Ingmar Wengel drehen den Spieß um und verfassen ein Dokument, das alle bisher dagewesenen Erklärungen in den Schatten stellt. Sie karikieren den allgegenwärtigen Trend, die Armut in Deutschland jeden Tag immer noch ein Stück größer scheinen zu lassen:
In Deutschland leben derzeit ca. 10 Mio. Menschen in Armut und noch viel mehr ohne eine Aussicht, dass ihre Zukunft ihren sozialen Überlebensbedürfnissen Rechnung trägt. Mehrwert schaffende Arbeit verkommt zum Gelegenheitsjob, zur physischen Erhaltung der kaum benötigten Arbeitskraft.
Und sie haben ja nicht unrecht: je nach Betrachtungsweise könnte man in Deutschland einige Hunderttausend Arme finden, denen es so dreckig geht, dass sie aus jedem sozialen Sicherungsnetz herausgefallen sind. Oder 15 bis 50 Millionen »Arme«, denen noch irgendein Wunsch unerfüllt geblieben ist[1].
Die beiden Künstler haben wohl vor Lachen auf dem Boden gelegen, als sie mit Tränen in den Augen den linken Jargon persiflierten:
Aufgrund der herrschenden, mit dem Willen zur Demokratie nicht zu vereinbarenden politischen Willkür und der daraus entstehenden sozial inakzeptablen Tradition der Etablierung von Dienstleistungen der Regierung für den globalwirtschaftlichen Komplex unter Beteiligungsausschluss der Bevölkerung, sowie der darin erkenntlichen und praktizierten Missachtung des Volkswillens, welche damit das Grundgesetz, sowie internationale Verträge verletzt, initiiert diese Gesetzesinitiative eine außerparlamentarische Volksabstimmung.
Aber in der taz oder in der »Jungen Welt« nimmt man so etwas sicher ernst. Möchte jemand wetten, ob in den nächsten Tagen ein begeisterter Artikel über die Initiative der Künstlergruppe »Fetter Engel« erscheint?;-)
[1] Armutszahlen sind zu einem Objekt geworden, mit dem beliebig gespielt werden darf — früher wäre das undenkbar gewesen. Vielleicht ist das die eigentlich bedenkenswerte Seite dieser Kunstaktion. Denn es gibt ja durchaus Populisten, die von zehn Millionen Armen ausgehen. Warum nicht gleich das Doppelte? Vielleicht sollten all diese Lautsprecher mal einen Tag lang durch die Nase atmen. Sie könnten sich dann überlegen, was Armut wirklich bedeutet und ob sie abnimmt, wenn man das Recht auf ein gutes Leben in die Verfassung aufnimmt.
Verfasst von stefanolix um 16:23 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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