Sumak Kawsay

Wenn man an einem Tag zwei Texte liest, in denen es um ein Recht auf das Paradies auf Erden geht, dann wird es Zeit für einen Artikel im B.L.O.G. Prinzipiell habe ich ja nichts gegen Utopien einzuwenden, aber wenn sie zu Politik werden und mich betreffen könnten, möchte ich schon ein Wörtchen darüber mitreden.

Worum geht es? In Ecuador wurde eine neue Verfassung angenommen, in der sehr viele soziale Rechte verankert sind. Diese Verfassung ist so recht nach dem Geschmack unserer Linkspopulisten und wird uns sicher auch in Deutschland noch beschäftigen, erste Kommentare stimmen schon darauf ein.

Das schönste Recht in der neuen Verfassung gab diesem Artikel seinen Namen: Sumak Kawsay bedeutet soviel wie »gutes Leben«. Und das Recht auf ein gutes Leben gehört doch unbedingt in die Verfassung. Warum haben wir das noch nicht? Wie konnten wir es ohne dieses Recht aushalten?

Die Berliner Künstler Anke Vetter und Ingmar Wengel haben eine Satire auf den allgegenwärtigen Linkspopulismus verfasst. Ihre Berliner Erklärung kommt mit der Unterzeile

BERLINER ERKLÄRUNG – SOZIAL IST MUSS!

daher und ich bin sicher nicht der einzige Leser, der im ersten Anlauf SOZIALISMUS! gelesen hat. Anke Vetter und Ingmar Wengel drehen den Spieß um und verfassen ein Dokument, das alle bisher dagewesenen Erklärungen in den Schatten stellt. Sie karikieren den allgegenwärtigen Trend, die Armut in Deutschland jeden Tag immer noch ein Stück größer scheinen zu lassen:

In Deutschland leben derzeit ca. 10 Mio. Menschen in Armut und noch viel mehr ohne eine Aussicht, dass ihre Zukunft ihren sozialen Überlebensbedürfnissen Rechnung trägt. Mehrwert schaffende Arbeit verkommt zum Gelegenheitsjob, zur physischen Erhaltung der kaum benötigten Arbeitskraft.

Und sie haben ja nicht unrecht: je nach Betrachtungsweise könnte man in Deutschland einige Hunderttausend Arme finden, denen es so dreckig geht, dass sie aus jedem sozialen Sicherungsnetz herausgefallen sind. Oder 15 bis 50 Millionen »Arme«, denen noch irgendein Wunsch unerfüllt geblieben ist[1].

Die beiden Künstler haben wohl vor Lachen auf dem Boden gelegen, als sie mit Tränen in den Augen den linken Jargon persiflierten:

Aufgrund der herrschenden, mit dem Willen zur Demokratie nicht zu vereinbarenden politischen Willkür und der daraus entstehenden sozial inakzeptablen Tradition der Etablierung von Dienstleistungen der Regierung für den globalwirtschaftlichen Komplex unter Beteiligungsausschluss der Bevölkerung, sowie der darin erkenntlichen und praktizierten Missachtung des Volkswillens, welche damit das Grundgesetz, sowie internationale Verträge verletzt, initiiert diese Gesetzesinitiative eine außerparlamentarische Volksabstimmung.

Aber in der taz oder in der »Jungen Welt« nimmt man so etwas sicher ernst. Möchte jemand wetten, ob in den nächsten Tagen ein begeisterter Artikel über die Initiative der Künstlergruppe »Fetter Engel« erscheint?;-)


[1] Armutszahlen sind zu einem Objekt geworden, mit dem beliebig gespielt werden darf — früher wäre das undenkbar gewesen. Vielleicht ist das die eigentlich bedenkenswerte Seite dieser Kunstaktion. Denn es gibt ja durchaus Populisten, die von zehn Millionen Armen ausgehen. Warum nicht gleich das Doppelte? Vielleicht sollten all diese Lautsprecher mal einen Tag lang durch die Nase atmen. Sie könnten sich dann überlegen, was Armut wirklich bedeutet und ob sie abnimmt, wenn man das Recht auf ein gutes Leben in die Verfassung aufnimmt.

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15 Kommentare zu “Sumak Kawsay”

  1. Lina
    30.09.2008 | 21:18

    Aber in der taz oder in der »Jungen Welt« nimmt man so etwas sicher ernst. Möchte jemand wetten, ob in den nächsten Tagen ein begeisterter Artikel über die Initiative der Künstlergruppe »Fetter Engel« erscheint?

    Ja, ich. Ich weiss nämlich nicht, woher Du die Gewissheit nimmst, dass die es nicht doch ernst meinen mit ihren Korrekturen …

    Bevor ich denen eine Anfrage per Email schicke, erst mal die Frage an Dich, den Autor des Obigen: Kannst Du glaubhaft versichern, dass dies Satire ist? Ich glaub’s nämlich nicht (-;.

  2. stefanolix
    30.09.2008 | 21:43

    Das Stück ist so schön, dass es eigentlich Satire sein muss: diese sinnfreien Schachtelsätze, das furchtbare Layout, diese wunderbar blödsinnige »Analyse« und die abstrusen Forderungen — das kann nicht im Ernst so gemeint sein.

    Ich kann Dir nur glaubhaft versichern, dass ich es für Satire (oder virales Marketing dieses Künstlerpaares) halte. Aber andererseits: in Berliner Künstlerkreisen ist natürlich vieles möglich;-)

  3. Michel
    30.09.2008 | 22:32

    Es muss so etwas wie ein Wirksamkeitsillusion geben; wenn Politiker Maßnahmen beschließen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, blenden viele einfach aus das damit noch nicht gezeigt ist, dass diese Maßnahmen überhaupt dazu geeignet sind dieses Ziel zu erreichen. Das ist vielleicht überhaupt Voraussetzung, um in politischen Kathegorien denken zu können. Jedenfalls wird in Debatten zum Mindestlohn oder generell soziale Sicherung, sehr direkt mit der Wirksamkeitsillusion selbst argumentiert: Wenn wir das oder jenes jetzt beschließen geht es allen besser, weil wir beschließen, das es allen besser geht.

  4. DDH
    30.09.2008 | 22:34

    Es gibt nur ein einziges anerkennungsfähiges Menschenrecht auf Erden: von allen anderen in Ruhe gelassen zu werden! Wer immer es unternimmt, dieses anzutasten, den darf man einen Kopf kürzer machen!

  5. 1.10.2008 | 3:44

    Also wenn es Satire sein sollte, ist sie gut gemacht. Ich halte es für ernst gemeint.

    Neben dem übliche Quersinn ist es auch bezeichnend, dass der verwiesene taz-Artikel keinen Bezug auf die höheren Präsidial- und Zentralisierungmächte nimmt. Der Weg ist das Ziel. Das Ziel rechtfertigt die Mittel.

    In Zukunft werde ich meine Kommentare in übrigen aus Rücksicht auf die Verfassung von Ecuador auch nicht mehr outsourcen. Fein.

  6. stefanolix
    1.10.2008 | 6:52

    @googlehupf: Wenn sich zwei Leute »Fetter Engel« nennen und alles persiflieren, was der Linken zu diesem Thema bisher in den Sinn gekommen ist, dann liegt die Vermutung einer Satire nahe. Inzwischen sehe ich ein, dass man das leider auch mit anderen Augen sehen kann. Wie Michel oben sagte: man will eine Wirksamkeitsillusion verbreiten. Im Grunde wäre hier der Spruch »Opium für das Volk« angebracht.

    Ich habe bei der »taz« einen Kommentar hinterlassen, mal sehen, ob sie ihn freischalten;-)

    In Ihrem Kommentar vergessen Sie die weitreichenden Machtbefugnisse, die der Präsident für sich selbst gesichert hat. Das ist niemals ein gutes Zeichen für die Demokratie. Auch wenn das Volk jetzt nach einer populistischen Kampagne der neuen Verfassung zugestimmt hat, wird vielleicht bald ein böses Erwachen folgen — es wäre ja nicht das erste Mal. Es ist zu befürchten, dass Freiheitsrechte eingeschränkt werden und dass Gegner der linkspopulistischen Politik verfolgt oder enteignet werden.

    Ich habe gestern einen Aufruf gefunden, der eine ähnliche Verfassungsänderung in Deutschland fordert. Er stammt von den Berliner Künstlern Anke Vetter und Ingmar Wengel (Künstlergruppe »Fetter Engel«).

    Das Grundgesetz soll um ein Recht auf »Teilhabe am allgemeinen gesellschaftlich-sozialen Leben« ergänzt werden. Kein Staatsbürger dürfe »durch persönliche oder allgemeine wirtschaftliche Verhältnisse individuell von dieser Teilhabe ausgeschlossen werden.« Auch dabei wird die Illusion vermittelt, dass durch eine Verfassungsänderung alles besser werde.

    Beim ersten Lesen hielt ich es für eine Satire. Es kann doch nicht ernst gemeint sein?

  7. stefanolix
    1.10.2008 | 6:56

    Die bloggende Geographin schrieb auch noch:

    Was im Internet nicht zu lesen ist, dass seit 4 Tagen Alkoholverbot auf Grund der Wahlen besteht: Keine Feiern, keine Partys. Wer mit Alkohol erwischt wird, muss mit Strafen rechnen.

    Klar. Die Leute sollen sich an der neuen Verfassung berauschen;-)

  8. 1.10.2008 | 7:39

    Hatte nicht auch das SED-Politbüro “diese sinnfreien Schachtelsätze” verwendet und alles leider ernst gemeint? :-D

  9. stefanolix
    1.10.2008 | 8:06

    Nähme man die Forderungen ernst, würde es ja wirklich wieder in Richtung SED-Staat gehen. Ein »Recht auf Arbeit« kann beispielsweise nur gewährleistet werden, wenn die ganze Wirtschaft verstaatlicht oder unter staatliche Direktive gestellt wird. Man betrachte dazu die Wirtschaftsgeschichte der DDR: war das nicht eine wahre Erfolgsgeschichte? — Nein, ich will das nach wie vor nicht für bare Münze nehmen. Als virales Marketing oder Spaß-Aktion ist es soweit in Ordnung;-)

  10. stefanolix
    1.10.2008 | 8:08

    Ich bin ja gespannt, wann bei der »taz« jemand aufwacht und meinen Kommentar freischaltet.

    Wenn Sie auf “Abschicken” klicken, wird ihr Kommentar ohne weitere Bestätigung an taz.de verschickt. Er wird veröffentlicht, sobald ein Redakteur ihn freigeschaltet hat. taz.de behält sich vor, beleidigende, rassistische oder aus ähnlichen Gründen unangemessene Beiträge nicht zu publizieren.

    Na ja: er mag natürlich »aus ähnlichen Gründen unangemessen« erscheinen;-)

  11. 1.10.2008 | 11:18

    [...] in Oktober 1, 2008 von momorulez Kann mir Dummie mal jemand erläutern, inwiefern das; Das schönste Recht in der neuen Verfassung gab diesem Artikel seinen Namen: Sumak Kawsay bedeutet soviel wie »gutes Leben«. Und das Recht auf ein gutes Leben gehört doch unbedingt in [...]

  12. Lina
    1.10.2008 | 22:33

    @ shifting reality

    Das erklärt Euch der Autor doch – in aller Bescheidenheit, die so bescheiden ist, dass er seinen Kindern nicht mal vom Schlaraffenland erzählt hat, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Das nenne ich sinnvolle Zurückhaltung, staatsbürgerliche Vernunft; es erklärt auch, dass ich, die ich als Mutter doch davon erzählen wollte, es nun mit traumatisierten Kindern zu tun habe.

    (Sorry, lieber stefanolix, das musste raus (-; (-; (-; … )

  13. 1.10.2008 | 22:51

    Wenn keiner mehr das Märchen vom Schlaraffenland erzählt, wer soll den Leuten denn dann noch begreiflich machen können, dass es sich bei solchen Vorstellungen eben um ein Märchen handelt?

  14. 1.10.2008 | 22:55

    Na gut. Hast Recht. Ich tu’s.

  15. stefanolix
    2.10.2008 | 8:01

    @Rayson: Man muss den Kindern nicht alles begreiflich machen — Kinder begreifen auch ganz viel aus ihrer eigenen Motivation heraus. Ich werde heute nachmittag mal ein Interview mit meinem kleinen Sohn (zweites Schuljahr) über dieses Thema führen;-)

    Mein kleiner Sohn hat glücklicherweise eine junge Lehrerin, die in bewundernswerter Weise gleichzeitig Leistung abfordert, die Werte verkörpert und vermittelt, dabei moderne Methoden in die Arbeit einbezieht und die Motivation der Kinder erhält. Ich bin gespannt, was er mir zum Schlaraffenland erzählt.

    @Lina: Was ich zu dem Märchen vom Schlaraffenland gesagt habe, war nur meine ganz bescheidene persönliche Meinung;-)

    Manche Märchen enthalten pädagogisch sinnvolle Aussagen. Aber ich bin nicht sicher, ob man heute noch Märchen braucht, um diese Aussagen dem Kind zu vermitteln.

    @Boche: Dein Nachwuchs kann sicher bald lesen, lass die Kinder einfach selbst darauf kommen;-)

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