Schöner Weltuntergang

“Lehman-Kollaps reißt DAX in die Tiefe”
“Anleger weltweit in Angst”
“Apocalypse now an den Börsen” (Titel inzwischen geändert, aber noch so in Google News)

Jetzt stelle ich mir mal einen Reporter vor (am besten Wigald Boning mit Spülbürste), der Leser dieser Schlagzeilen befragt, wie stark die Verluste des DAX denn nun waren. Welche Antworten könnten wir da erwarten? Also Einbrüche von 30% mindestens müsste man bei solchen Begriffen doch erwarten, oder?

Der DAX fiel gestern um 2,7 Prozent.
Bis heute mittag fiel er um weitere 0,8 Prozent.

Das heißt: Jemand mit einem DAX-Zertifikat im Wert von 100 Euro hätte, wenn er es denn jetzt verkaufte, knapp 3,48 Euro verloren. Ein ärgerlicher Verlust, sicherlich. Aber “Tiefe”? “Angst”? “Apokalypse”? Wie gut muss es Anlegern eigentlich gehen, die solche Vokabeln für solche Ereignisse verwenden?

P.S.: Nicht, damit wir uns falsch verstehen: Die Krise wird ihre negativen Folgen haben, auch für die deutsche Wirtschaft, und viele Menschen werden durch sie in Probleme geraten. Aber die Offenbarung des Johannes bleibt erstmal Vision.

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19 Kommentare zu “Schöner Weltuntergang”

  1. R.A.
    16.09.2008 | 13:03

    Bingo!

    Genau so ging mir das gestern auch.
    Da titelte SpOn etwas von einem katastrophalen Kursrutsch in New York – und dann waren es gerade mal 2,5%.

    Irgendwie nicht so imponierend.

    Ansonsten habe ich schon das Gefühl das es ganz gut ist, wenn auch mal eine Bank pleite geht.
    Wenn jedes Fehlverhalten gleich von der Politik mit Steuermilliarden ausgeglichen wird, wird die nächste Krise nur noch schlimmer, weil sich Risikovermeidung nicht rechnet.

  2. 16.09.2008 | 14:35

    Das heißt: Jemand mit einem DAX-Zertifikat im Wert von 100 Euro hätte, wenn er es denn jetzt verkaufte, knapp 3,48 Euro verloren. Ein ärgerlicher Verlust, sicherlich. Aber “Tiefe”? “Angst”? “Apokalypse”? Wie gut muss es Anlegern eigentlich gehen, die solche Vokabeln für solche Ereignisse verwenden?

    Nicht so gut, wenn sie Ende letzten Jahres ihr Zertifikat gekauft haben. Dann haben sie nämlich schon 33% verloren.
    Das Problem sind sicher nicht die 2-3%, die Frage ist, in welche Richtung es allgemein weiter geht. Sind wir in der gleichen Phase wie Anfang 2000, als der DAX über 3 Jahre hinweg 70% seines Werts verloren hat, oder nur in einem kurzfristigen Tief, über das man Anfang des Jahres 2009 nur noch sagen wird, dass es damals ideale Einstiegskurse gab?

    Wenn man sich anschaut, wie die Börse in New York im Februar 2007 auf eine Computerpanne reagiert hat und das dann mit dem Kurssturz von UAL letzte Woche in Verbindung setzt, dann kann es durchaus sein, dass sich aus einer eher harmlosen Kurskorrektur eine Lawine entwickelt (muss natürlich nicht).

  3. Freie Radikale
    16.09.2008 | 14:43

    Hätte Rayson den Beitrag auch verfasst, wenn bei 2 1/2 Prozent im Plus auf ein Vokabular mit „Euphorie“ oder „Höhenrausch“ zurückgegriffen worden wäre?

    Nach Schlagzeilen wie „Schweres Seebeben in Südostasien – mindestens 55 Tote“ oder “Schweres Erdbeben in China fordert mindestens 8 Menschenleben“ fragt man sich eh, ob die informativeren Nachrichten nicht jene sind, die nicht geschrieben werden.

  4. 16.09.2008 | 14:53

    @Markus Ritter

    Nicht so gut, wenn sie Ende letzten Jahres ihr Zertifikat gekauft haben. Dann haben sie nämlich schon 33% verloren.

    Wir können zur Bemessung von Verlusten auf beliebige Zeiträume zurückgreifen. Ändert nur nichts daran, dass sich die zitierten Schlagzeilen auf die Verluste maximal eines Tages beziehen.

    Wenn die Krise so schlimm wird wie in deinem worst-case-Szenarion geschildert, sind den Pressefuzzies die Superlative aber deutlich verfrüht ausgegangen…

    @Freie Radikale

    Hätte Rayson den Beitrag auch verfasst, wenn bei 2 1/2 Prozent im Plus auf ein Vokabular mit „Euphorie“ oder „Höhenrausch“ zurückgegriffen worden wäre?

    Kommt drauf an. Wenn sich daran eine politische Debatte über die Maßlosigkeit des Kapitalismus angeschlossen hätte, wäre das gut möglich.

  5. 16.09.2008 | 15:12

    Wir können zur Bemessung von Verlusten auf beliebige Zeiträume zurückgreifen. Ändert nur nichts daran, dass sich die zitierten Schlagzeilen auf die Verluste maximal eines Tages beziehen.

    Man sollte den Kontext aber meines Erachtens schon berücksichtigen. Wenn der DAX in einer Aufstiegphase 10% verliert (hatten wir Anfang 2007), dann ist das schon etwas anderes, als wenn er es in einer Phase des Abschwungs tut, begleitet von Bankenkonkursen und Last-minute-Rettungsaktionen der Fed bzw. der USA.

    Im übrigen geht es Zeitungen da vermutlich wie Wahrsagern: An die 30 Voraussagen, die nicht eingetreten sind erinnert sich niemand, aber die 2, die (zufällig) gestimmt haben, vergrössern die Reputation.

    @freie Radikale:
    Die Anzahl der Toten korreliert nicht unbedingt mit der Schwere des Bebens.

  6. Herbert
    16.09.2008 | 17:02

    “Jemand mit einem DAX-Zertifikat im Wert von 100 Euro hätte, wenn er es denn jetzt verkaufte, knapp 3,48 Euro verloren.”
    Stimmt, aber nur dann, wenn der Emittent des guten Stücks nicht zufällig Lehman Brothers heißt. Andernfalls ist der Verlust noch ein klein wenig ärgerlicher.

  7. 16.09.2008 | 18:17

    Mein reden, die Finanzbranche versucht aus verständlichen Gründen aus einer Finanzkrise eine Wirtschaftskrise zu machen. In Gefahr ist nichts weiter als jede Menge Jobs nichtsnütziger broker/ swap-trader, whatever. You name it.

    Selbst wenn Lehman und noch ein paar andere in die Pleite gehen, wen wird das schon interessieren? Die Unternehmensführer haben dann wenigstens eine Zeit lang Ruhe vor immer unverschämteren Renditeforderungen. Endlich ist wieder Geld für Forschung und Entwicklung vorhanden, denn endlich geht wieder Geld in Aktien anstelle immer irrsinnigerer Finanzkonstruktionen.

  8. Marc
    16.09.2008 | 21:37

    Ich frage mich gerade, wie eigentlich die hoch entlohnte Managerverantwortung mit solchen Firmenzusammenbrüchen zusammenpasst?

    Haften die Jungs da eigentlich? Denn ansonsten ist das ja zu perfekt: Die Firma durch jedes Feuer schicken und selber nichts riskieren, weil man dank der Millionengehälter seine Schäfchen schon nach zwei Jahren im Trockenen hat.

  9. 16.09.2008 | 21:39

    @Marc

    In Bezug auf die Firmen im Feuer ist das eine sehr, sehr gute Frage, die auch noch ein paar Ränge nach unten auszudehnen wäre.

    Mit dieser Blase ist es so wie mit der letzten: Man sage nicht, dass nicht jemand davon profitiert habe.

  10. F.Alfonzo
    17.09.2008 | 5:36

    @ Marc:

    Hab heute gelesen, dass im Fall Lehman wohl geprüft wird, ob die Bonuszahlungen von 2007 einkassiert werden sollen (immerhin ca. 5 Mrd. USD)…
    …und im Fall Merrill Lynch läuft schon ne Litigation gegen das Management.

    Das wird die Gerichte sicher noch einige Jahre beschäftigen, aber dass dabei was rauskommt wage ich mal ernsthaft zu bezweifeln.

    Zum Thema Medienhysterie:
    Es ist schon unglaublich, was in den ‘Nachrichten’ für ein Quatsch verzapft wird; es ist inzwischen eigentlich egal, ob man einem Politiker oder einen Nachrichtensprecher zuhört.
    Mein Favourit heute:
    “Der Ölpreis ist gesunken, weil die Spekulationen großer Finanzinvestoren zurückgegangen sind”; das ist natürlich genauso falsch wie die Behauptung, der Preis sei durch Spekulationen überhaupt erst gestiegen, aber scheinbar geht es in erster Linie darum, um jeden Preis recht zu behalten, als um Fakten…
    Die Fakten: Einige der größten Hegde Fonds (die man ja in der Rolle der Preistreiber vermutet) haben in den letzten 4-6 Wochen wegen dem fallenden Ölpreis massive Verluste mit long energy trades gemacht.
    Das kann jeder mit minimalsten Aufwand in 20 Sekunden in Google recherchieren, aber diesen Aufwand kann man einer Wirtschaftsredaktion wohl nicht zumuten.

  11. R.A.
    17.09.2008 | 11:17

    @Marc:

    Haften die Jungs da eigentlich?

    Natürlich nicht (wenn es nicht um grobe Fahrlässigkeit oder gar Absicht geht).

    Kein Angestellter, egal welcher Gehaltklasse, haftet für den Unternehmenserfolg oder seinen Anteil daran – das ist Sache des Eigentümers.

    Es gibt übrigens eine Ökonomen-These (die ich persönlich ganz plausibel finde), die den Sinn hoher Manager-Gehälter genau darin sieht, DASS diese Leute mehr Risiken eingehen.

    Weil – so die These – langfristig eine etwas höhere Risikobereitschaft in Summe aller Unternehmen (selbst einige Pleiten abgerechnet) zu mehr Erfolg führt.

    Es ginge als den Eigentümern darum, die Manager zu ermutigen, auch den eigenen Job zu riskieren (was bei den aktuellen Verträgen ja problemlos möglich ist).

    Wären Manager nur so bezahlt, daß sie einen Jobverlust existentiell fürchten müßten, dann würden sie nur eine ganz konventionelle Unternehmenspolitik fahren, die langfristig die Firma in die Sackgasse führen.

  12. Marc
    17.09.2008 | 16:44

    Vertreten diese Ökonomen auch das bedingungslose Grundeinkommen? Da kann man ähnlich argumentieren. Weil ich ein sicheres Auskommen habe, mache ich die Arbeit, die mir Spaß macht und deswegen mache ich die besonders gut – auf jeden Fall besser als die, die ich machen muss.

    Aber nehmen wir das mal an, dass die Ökonomen recht haben, dann sehe ich da dennoch eine Schieflage. Weil die Leitung mit Millionen abgeht, aber der Staat das Unternehmen retten muss, weil es zu groß für eine apoptotische* Pleite ist.

    Da kann man halt nicht mehr das ganze Risiko fahren. Wenn Bürger das tun, dann bekommen sie am Ende Sozialhilfe, wenn Manager das tun haben sie dennoch Millionenboni eingesackt.

    Allerdings würde sich keiner für Verträge finden, die Pensionsansprüche etc. bei späterem Misserfolg kürzen. (Also bremsen wir die Gier durch höhere Steuersätze auf hohe Einkommen.)

    * Apoptose – kontrolliert ablaufender Zelltod ohne dass Nachbargewebe oder- zellen davon beeinträchtigt werden.

  13. stefanolix
    17.09.2008 | 18:05

    Das geht nicht auf. Bei uns haben im Prinzip alle ALG-II-Empfänger ein relativ(!) bedingungsloses Grundeinkommen, manche stehen damit etwas besser und manche etwas schlechter da. Nun müssten sich ja zumindest die etwas besser gestellten nach der ehrenamtlichen Arbeit geradezu drängen. Oder sehe ich da etwas falsch?

  14. Freie Radikale
    17.09.2008 | 20:52

    Wären Manager nur so bezahlt, daß sie einen Jobverlust existentiell fürchten müßten, dann würden sie nur eine ganz konventionelle Unternehmenspolitik fahren, die langfristig die Firma in die Sackgasse führen.

    Konventionelle Unternehmenspolitik – neue Produkte zur Marktreife führen – führt nach Meinung RAs langfristig in die Sackgase. Waghalsige Finanzspekulationen mit geborgtem Geld ist stattdessen sein „ökonomisches“ Plädoyer.

    Diese These ist so bestechend überzeugend, da erübrigt sich jede Antithese.

  15. F.Alfonzo
    18.09.2008 | 3:03

    @ R.A.:

    Die These war mir zumindest neu… macht m.E. auch nicht so viel Sinn, weil Unternehmen bei der Frage der Gehälter eigentlich keinen Spielraum haben; man muss einem Manager x halt seinen Marktlohn zahlen, sonst arbeitet er woanders (gut, das Risikoargument mag evtl. im Marktlohn eingepreist sein, das würde aber voraussetzen, dass die Eigentümer homogener Unternehmen identische Risikopräferenzen haben).
    Welches Risiko das Management eingeht, lässt sich höchstens durch die Ausgestalung der Verträge lenken (festes Gehalt vs. Gewinnbeteiligung bei welcher Laufzeit, etc.).

    @Marc:
    Manager werden i.d.R. zum Teil mit Aktienoptionen vergütet, wodurch sich das ‘Tätigwerden’ lohnt (das ist doch das Vergütungsmodell, das immer wieder kritisiert wird); ein bedingungsloses Grundeinkommen stellt genau das Gegenteil dar…
    Dass ein hohes bedingungsloses Grundeinkommen Menschen zur Arbeit motiviert, glaubst du doch nicht ernsthaft, oder? Ich würde den ganzen Tag Lesen, Musik machen und alles andere, was normalerweise hinter der Arbeit zurückstehen muss…

  16. R.A.
    18.09.2008 | 10:45

    @Marc:

    Vertreten diese Ökonomen auch das bedingungslose Grundeinkommen?

    Weiß ich nicht, glaube ich aber nicht – in den USA ist das überhaupt kein Thema.

    Ansonsten halte ich den Vergleich auch in so vielen Punkten für falsch, das bringt nichts.

    dann sehe ich da dennoch eine Schieflage. Weil die Leitung mit Millionen abgeht, aber der Staat das Unternehmen retten muss,

    Erstens kann eine solche Schieflage den Eigentümern recht egal sein bei der Bereitschaft, hohe Vergütungen zu zahlen.
    Und zweitens sehe ich generell keine Pflicht oder Notwendigkeit, daß der Staat Unternehmen rettet – das ist eher kontraproduktiv.

  17. R.A.
    18.09.2008 | 10:49

    @Freie Radikale:

    führt nach Meinung RAs langfristig in die Sackgase.

    Falsch.
    Ich habe hier nur eine Darstellung zitiert, mit der hohe Managergehälter erklärt werden können.

    Ich halte die These für plausibel, weil sie erklärt, warum Eigentümer bereit sind hohe Gehälter zu bezahlen (ansonsten wäre ja ihr Interesse, eher Geld zu sparen).

    Ob eine solche Überlegung bei den Eigentümern sinnvoll ist oder nicht, ist eine ganz andere Frage.
    In manchen Branchen/Firmen kann ich mir das vorstellen, als Generalregel eher nicht.

    Auf jeden Fall heißt Risiken eingehen noch lange nicht automatisch “Finanzspekulationen mit geborgtem Geld”.

  18. R.A.
    18.09.2008 | 10:52

    @Alfonzo:

    weil Unternehmen bei der Frage der Gehälter eigentlich keinen Spielraum haben

    Nicht unbedingt.

    Ich hatte eigentlich bisher immer den Eindruck, daß bei Vorständen der “Arbeitsmarkt” nicht wirklich greift. Es gibt deutlich mehr willige und geeignete Kandidaten als Vorstandsposten – das müßte eigentlich zu eher moderaten Gehältern führen.

    Die These würde diesen Widerspruch erklären – es gäbe danach gar kein Interesse bei den Eigentümern, einen möglichst billigen Manager auszusuchen.

  19. Marc
    18.09.2008 | 12:35

    @F.Alfonzo: Ich glaube auch nicht, dass das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen funktioniert. Es gibt eine Untersuchung aus den USA, da wurde das mal gemacht. Ergebnis: Die Menschen arbeiteten weniger. Sie hätten es vielleicht sogar ganz gelassen, wenn das Projekt nicht auf einige Jahre beschränkt gewesen wäre.

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