Erwerbsanreiz

Mit unserem sportlichen Kontrahenten von ad sinistram hatten wir neulich einen kleinen Disput über den freien Markt und über Ulrike Meinhof. Sollten noch Antworten ausstehen: bei uns kann nach wie vor kommentiert werden;-)

Am Mittwoch veröffentlichte Roberto J. De Lapuente einen Gastbeitrag über den Begriff Erwerbsanreiz. Alle Blockzitate sind aus diesem Artikel entnommen. Der Autor Markus Vollack geht gleich zu Beginn in die Vollen:

Der Begriff offenbart das neoliberale Menschenbild: der Mensch sei von Natur aus faul und wolle nicht arbeiten; es müsse insofern ein Anreiz zur Erwerbsarbeit geschaffen werden. Zudem denke der Mensch stets nach einem Kosten-Nutzen-Kalkül und an den eigenen Vorteil.

Ist das schon das ganze neoliberale Menschenbild? Wenn nicht: Wo kann ich bitte ein komplettes neoliberales Menschenbild finden? Ich möchte es mir gern zur Abschreckung an die Wand hängen;-)

Ich könnte jetzt über mein liberales Menschenbild schreiben, nach dem der Mensch von Natur aus möglichst eigenverantwortlich handeln und in einer möglichst freien Gesellschaft leben will. In dieser Gesellschaft gibt es Chancen und Risiken, aber im Zweifel auch eine Versorgung mit dem Lebenswichtigen. Wenn ich mir einen Menschen nach meinem Bilde denke, dann ist dieser Mensch aus sich heraus motiviert, immer wieder bis an seine Grenzen zu gehen und diese Grenzen zu verschieben. Sicher ist das ein sehr optimistisches Bild. Aber es ist mein Bild.

Auch der ad-sinistram-Autor geht schon in seinen ersten Sätzen auf die Motivation des Menschen ein — und er unterstellt den »Neoliberalen«, ein sehr pessimistisches Bild des Menschen zu zeichnen: faul sei der Mensch und müsse zur Arbeit angetrieben werden. Wer denkt da nicht unwillkürlich an einen Sklavenhalter, der den Aufseher mit der Peitsche auf die Sklaven loslässt?

Zwischen diesen beiden Bildern tun sich Welten auf. Deshalb sollten wir vielleicht über einige Grundlagen der Motivation sprechen. Die Grundlage der Motivation des Menschen wird üblicherweise zunächst mit dem vereinfachten Modell nach Abraham Maslow erläutert, bevor man sich komplexeren Modellen zuwendet. Abraham Maslow modellierte die Bedürfnisse als Pyramide, die von unten nach oben aus fünf Ebenen aufgebaut ist:

  1. Physiologische Bedürfnisse
  2. Sicherheit
  3. Soziale Beziehungen
  4. Anerkennung
  5. Selbstverwirklichung

Prinzipiell bilden die unteren drei Bedürfnisgruppen gemeinsam die Basis der Pyramide. Sie werden als Defizitbedürfnisse bezeichnet. Die Gesellschaft sorgt (soweit das möglich ist) dafür, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden, auch wenn eine Person selbst nicht dafür sorgen kann oder sorgen will.

Soziale Anerkennung und Selbstverwirklichung sind erst möglich, wenn die drei Grundbedürfnisse erfüllt sind. Sie werden auch als »wachsende« oder »unstillbare« Bedürfnisse« bezeichnet. Sie sind wesentlich differenzierter ausgeprägt als die Defizitbedürfnisse. Es gibt Menschen, denen jede Motivation zur Selbstverwirklichung fehlt und die auch nicht nach sozialer Anerkennung streben. Insofern ist dem Autor zu widersprechen, wenn er schreibt (Hervorhebung von mir):

Insofern ist dieses Schlagwort neoliberal ideologisch aufgeladen. Der Begriff setzt voraus, dass der Mensch zur Arbeit angetrieben und gezwungen werden müsse. Die Arbeit selbst soll hierbei jedoch nicht zwingend attraktiver, sondern die Arbeitslosigkeit solle noch unangenehmer für die Betroffenen gemacht werden, sodass jeder auch einen absolut schlecht bezahlten Job annimmt.

Zunächst: es gibt keine neoliberale Ideologie, weil es überhaupt keine organisierten Neoliberalen gibt. In dem Wikipedia-Artikel zum Neoliberalismus habe ich mal das schöne Bonmot gefunden, der Neoliberalismus sei wohl ein Phantom: er habe nur Kritiker, aber überhaupt keine Anhänger. Dem ist nichts hinzuzufügen;-)

Aus den Beispielen geht auch überhaupt nicht hervor, dass die Arbeitslosigkeit unangenehmer gemacht werden soll. Ein Arbeitsanreiz wird gesetzt, um die innere Motivation des Menschen zu stärken. Man kann eine Person nicht zum motivierten Arbeiten zwingen, solange Grundversorgung und Grundbedürfnisse für sie im Gleichgewicht stehen.

Die Befürworter von Anreizen mögen vor allem auf junge Leute zielen. Vielleicht auf den ungelernten jungen Mann, Jahrgang 1988, der mit Anfang 20 noch einen Abschluss schaffen könnte. Vielleicht auf die junge Frau aus dem Jahrgang 1988, die schon ein Baby hat und nun erst mal einen Krippenplatz angeboten bekommt. Beide haben es nicht einfach. Durch Anreize wird ihnen nichts weggenommen, denn die Grundversorgung bleibt ja bestehen. Aber vielleicht nutzen sie ihre Chance.

Zunächst einmal ist die immer wiederkehrende Behauptung, der Mensch sei von Natur aus faul und müsse zur Arbeit angetrieben werden, wissenschaftlich nicht erwiesen, sondern vielmehr das Glaubensdogma kapitalistischer Verwertungsprinzipien.

Was sind kapitalistische Verwertungsprinzipien? Ich weiß es trotz aufmerksamer Teilnahme am Staatsbürgerkunde-Unterricht in der DDR wirklich nicht;-)

Zu behaupten schöngerechnete vier Millionen arbeitslose Menschen in Deutschland, seien alle faul und wollen nicht arbeiten ist absurd und diskriminierend gegenüber den Betroffenen. Statt strukturelle Ungerechtigkeiten und Mängel am System zu thematisieren, verlagert das Schlagwort die Verantwortung selbiger auf die Opfer des Systems. Schlussendlich reiht sich der Begriff – wenn auch in etwas versteckterer Form – in eine lange Reihe von Wörtern ein, welche häufig zur Hetze und Diskriminierung von Arbeitslosen benutzt wird.

Wer behauptet das? Mit dem Begriff »Arbeitsanreiz« kann es doch auf keinen Fall zu tun haben. Jeder Mensch denkt und handelt ökonomisch — bewusst oder unbewusst. Jeder einzelne ALG-II-Empfänger wird für sich ökonomisch abwägen, welchen Aufwand und Nutzen ein Arbeitsleben mit zeitigem Aufstehen, Arbeitsweg, Arbeit, mit Lohn oder Gehalt, aber auch mit Steuern und hohen Abgaben für ihn bringt. Für mich (Jahrgang 1967) ist es kaum vorstellbar, dass Zwanzigjährige diese Chancen nicht wahrzunehmen. Aber ich muss respektieren, dass es darüber unterschiedliche Ansichten geben kann.

Die Abwägung des Einzelnen muss ökonomisch nicht immer richtig sein. Diese Abwägung mag jeder Beteiligte oder Unbeteiligte unterschiedlich einschätzen. Die Grundsicherung eines ALG-II-Empfängers aus dem Jahrgang 1988 ist jedenfalls in unserem Staat wesentlich sicherer als die Rente eines Erwerbstätigen aus dem gleichen Jahrgang. Und daran hat die Anwendung des Begriffs »Arbeitsanreiz« ganz sicher überhaupt nichts geändert.

Zuletzt noch eine sehr persönliche Anmerkung: Beiträge und Kommentare wie der oben zitierte Artikel lassen mich oft hilflos zurück, weil sie von tiefem Pessimismus und von Orientierungslosigkeit geprägt zu sein scheinen. In den Kommentaren werde ich noch von einem Fall berichten, der mir wirklich nahegegangen ist …

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65 Kommentare zu “Erwerbsanreiz”

  1. F.Alfonzo
    29.08.2008 | 12:19

    Was soll man jemandem entgegnen, der die Begriffe “Anreiz” und “Zwang” gleichsetzt? Leute, die so argumentieren sind das traurige Ergebnis eines Systems, in dem alles “von oben” vorgeschrieben wird. Dass es auch anders gehen kann, dass man auch selbstverantwortlich leben kann, scheint inzwischen weitgehend vergessen zu sein…

    Und: Man liest natürlich wieder den Hauptvorwurf ökonomischer Laien ggü. der Ökonomie: “Kosten/Nutzen Kalkül = Einkommensmaximierung + Egoismus”.
    Jedesmal, wenn ich das lese, möchte ich mein Erstemester-Mikroökonomik Buch nehmen und es der Person so lange auf den Kopf hauen, bis sie versteht, was darin geschrieben steht oder sich bereit erklärt, das Buch zu lesen.
    Sorry für das dumme Beispiel, aber das ist in etwa so, als würde ich einem Mathematiker vorwerfen, dass seine Theorie nicht stimmt, weil 1 + 1 ja gar nicht 3 ergibt. Völlig absurd. Das kommt dabei heraus, wenn man Wissenschaftlern ihr eigenes Metier zu erklären versucht.

    P.S.: Leider, Stefanolix, bist du der Argumentation z.T. auch auf den Leim gegangen: Es gibt keine ökonomisch falsche Abwägung. Die Theorie geht eben genau davon aus, dass jedes Individuum das für sich subjektiv optimale Kosten/Nutzen Kalkül anstellt.
    Überspitzt formuliert: Wenn ein Drogenabhängiger Heroin statt Nahrung und Kleidung kauft, ist das nicht ökonomisch falsch, sondern maximiert seinen Nutzen.
    Oder: wenn ein Philanthrop sein gesamtes Einkommen spendet und selbst am Hungertuch nagt, ist das ebenfalls das individuell optimale Kosten/Nutzen Kalkül.

  2. stefanolix
    29.08.2008 | 12:57

    OK, ich korrigiere. So habe ich es gemeint:

    Die Abwägung des Einzelnen muss für mich (aus meiner Sicht) ökonomisch nicht richtig sein. Diese Abwägung mag jeder Beteiligte oder Unbeteiligte subjektiv unterschiedlich einschätzen.

  3. 29.08.2008 | 13:01

    Die meisten Leute verstehen aber auch nicht, dass es bei den Wirtschaftswissenschaften (deren Aussagen meist als “neoliberal” missdeutet werden), nicht um einen “ganzen” Menschen geht sondern um ein Modell, das z. B. das Nachfrageverhalten aufgrund vereinfachter Ausgangsregeln simulieren soll. Das führt dann zu Aussagen a la “die Neoliberalen sehen nur das Wirtschaftliche und sonst nichts”.

    Allerdings fallen auch Wirtschaftler (Volks- wie Betriebs-) darauf herein und argumentieren politisch aufgrund eines wirtschaftlichen Modells.

  4. stefanolix
    29.08.2008 | 13:21

    Den letzten Absatz verstehe ich (kein Wirtschaftler) nicht ganz: wie soll es denn anders funktionieren, als dass man aus dem ökonomischen Modell seine Schlussfolgerungen für politische Vorschläge ableitet?

  5. FG
    29.08.2008 | 13:37

    @stefanolix
    Das Problem ist leider oft, dass es viele Wirtschaftswissenschaftler nicht verstehen, die erkenntnisse aus ihren abstrakten Modellbetrachtungen auf die reale welt zu übertragen. Und das wiederum liegt oft gar nicht mal daran, dass sie sich des Unterschieds nicht bewusst wären sondern dass man sich zu wenig bemüht, die (politischen) Schlussfolgerungen der Sprach-, Erkenntnis- und Gedankenwelt der Nichtökonomen entsprechend zu formulieren. So entstehen Kommunikations- und verständnisprobleme.
    Dass umgekehrt von manhcen Nichtökonomen überhaupt keine Bereitschaft besteht, sich den ökonomischen gedanken zu öffnen ist gleichermaßen unbestritten. Ich erinnere nur an die unselige Unwort-Humankapital-Diskussion.

  6. stefanolix
    29.08.2008 | 14:01

    Aha, die Wirtschaftswissenschaftler brauchen Übersetzer oder Vermittler. Also: Liberale Blogger ans Werk;-)

    Mit dem Autor des verlinkten Artikels müsste man sicher sehr lange texten, aber wer weiß: in einem Biergarten in der spätsommerlichen Abendsonne und mit ganz viel Zeit könnte man vielleicht Verständnis wecken.

    Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient …

    Vielleicht ist ein Begriff wie “human capital” für uns Deutsche wirklich unübersetzbar. Vielleicht kann man auch “human resources” nicht übersetzen.

    Andererseits: Fachsprache ist eben manchmal problematisch für Außenstehende. Mir rutschen ja auch manchmal Dinge heraus, die ich besser umschrieben hätte.

  7. 29.08.2008 | 14:03

    @stefanolix 29.08.2008 | 13:21
    >Den letzten Absatz verstehe ich (kein Wirtschaftler) nicht ganz:
    >wie soll es denn anders funktionieren, als dass man aus dem
    >ökonomischen Modell seine Schlussfolgerungen für politische
    >Vorschläge ableitet?
    –> FG hat das schon ganz gut beantwortet; manche verwechseln eben die Wirklickeit mit den Modellen ;)

  8. stefanolix
    29.08.2008 | 14:11

    PS: Hätte ich gewusst, was mein Beitrag in den Kommentaren im ad-sinistram-Blog bewirken würde, dann hätte ich mich nicht auf diesen Artikel bezogen. Sorry. Solche Kommentare hat er wirklich nicht verdient.

  9. stefanolix
    29.08.2008 | 14:12

    @VolkerD: Danke, ich habe es jetzt geschnallt ;-)

  10. 29.08.2008 | 14:27

    puuh…wo soll ich anfangen? ;-)
    zunächst einmal kann ich in meinen kleinen beiträgen bei ad-sinistram natürlich keine großangelegten analysen präsentieren, sondern nur einstiege bzw. abrisse über begriffe anbieten, die evtl. zum nachdenken anregen. was in diesem fall – wie hier zu sehen ist – auch geschehen ist.

    um nicht all zu ausufernd zu werden, versuch ich mich mal kurz zu fassen:

    *nur weil es keine organisierten neoliberalen gäbe, gäbe es keine neoliberale Ideologie? es gibt organisierte neoliberale – nur sie lassen sich nicht gern als solche klassifizieren. richtig ist, dass der begriff kein exakter wissenschaftlicher terminus ist. um jedoch eine bestimmte denkweise, spezifische polit. forderungen sowie ein bestimmtes menschenbild – welche immer wieder rezipiert werden, dingfest zu machen, eignet sich der begriff des neoliberalismus durchaus. es müssen nur verschiedene zugänge zu dem begriff aufgemacht werden: als politische philosophie, als gesellschaftspolitische strategie sowie als ideologie. nebenbei bemerkt ist die behauptung, wir hätten keine herrschende ideologie bereits höchst ideologisch.

    *”möglichst eigenverantwortlich handeln und in einer möglichst freien Gesellschaft” – ich glaube, hier beginnt schon das missverständnis. denn: wie liberale “eigenverantwortung” u “freiheit” definieren deckt sich nicht mit meinem menschen- und gesellschaftsbild. siehe auch: http://www.zeitgeistlos.de/eigenverantwortung/eigenverantwortung.html

    *”Jeder Mensch denkt und handelt ökonomisch — bewusst oder unbewusst” – auch hier muss ich entschieden widersprechen. die welt in waren, kosten/nutzen kalküle, rational choice-entscheidungen usw. einzuteilen, entspricht genau dem was ich gesagt habe: die (neo-)liberalen haben ein extrem pessimistisches menschenbild. wie sonst erklärt ihr freundschaft, liebe, solidarität und zärtlichkeit? existiert das alles nur aus eigenutz?

  11. 29.08.2008 | 14:32

    Zum Inhaltlichen will ich mich nicht äußern, dies überlasse ich anderen, zumal man ja durchaus verschiedener Ansichten sein darf. Ein kluger Mann schrieb mal: “Aber ich muss respektieren, dass es darüber unterschiedliche Ansichten geben kann.” – Dem schließe ich mich an.

    Was ich aber anmerken möchte ist, dass es mich sehr freut, hier im angemessenen Ton behandelt zu werden. Bissigkeit ist freilich in manchen Dingen unvermeidlich, aber im persönlichen Umgang miteinander sollte man menschlich und fair bleiben. Dies wurde, bei aller inhaltlichen Unterscheidung, gewahrt und sollte an dieser Stelle erwähnt werden. Vielen Dank also hierfür an meine “sportlichen Kontrahenten”.

  12. stefanolix
    29.08.2008 | 15:21

    @Epikur: Aus Freundschaft, Liebe und Solidarität mit meiner Familie muss ich jetzt erst mal ganz uneigennützig los, aber die Antwort ist wirklich nur aufgeschoben.

    @Roberto J. De Lapuente: So soll es sein. Ich antworte später gern noch ausführlich auf den Kommentar in Deinem Blog in dem anderem Zusammenhang, aber ich habe jetzt erst mal eine familiäre Verpflichtung. Bis nachher!

  13. der_gute_don
    29.08.2008 | 15:43

    > die (neo-)liberalen haben ein extrem pessimistisches menschenbild.

    eigentlich gerade andersherum. Sie trauen den Menschen z.B. zu, sich private welfare zu eigen zu machen, während die Linken die Umverteilung durch den Staat als unabdingbar sehen.

    > wie sonst erklärt ihr freundschaft, liebe, solidarität und
    > zärtlichkeit? existiert das alles nur aus eigenutz?

    Fühlst Du Dich eher gut oder eher schlecht bei den von Dir genannten Tätigkeiten? Ich würde sagen eher gut, oder?
    Nutzen muß man doch nicht ausschließlich monetär vermessen, sich gut zu fühlen “nutzt” Dir. Zu leiden oder Dich anzustrengen “kostet” Dich …

  14. Lina
    29.08.2008 | 15:49

    Wenn es keine sog. “Neoliberalen” gibt: was sind das dann für welche, die statt des gängigen Begriffs der “menschlichen Arbeitskraft” das ökonomendeutsche “Humankapital” in ihre öffentlichen Verlautbarungen übernehmen? Die “human ressource” macht sich da auch nicht besser. Wer kann so naiv und/oder arrogant sein, frage ich mich, im politischen Dialog solche Geschütze aufzufahren?

    Der Begriff “Humankapital” z. B. signalisiert dem linkslastigen Gemüt nichts anderes, als dass ausbeuterischer (!) Nutzen aus seiner Arbeit gezogen werden will, woraufhin es, das Gemüt, auf stur schaltet, und: automatisch zur Arbeit “gezwungen” sein will, auf die es wg. eines (auch sich selbst!) als “Faulheit” ausgelegten Widerstands ja ohnehin nicht scharf sei; zu ablehnender Frontstellung kommt es m. E. schon aus purem Trotz.

    Es ist leider so: nicht Inhalt, sondern Vokabular und Tonfall sind die Stolpersteine der Liberalen auf ihrem Weg in eine zustimmungswürdige Politik; ich sehe im Vordergrund ein sozial-klimatische Vermittlungsproblem (-;

  15. stefanolix
    29.08.2008 | 17:03

    @Lina: Wer verwendet den Begriff »Humankapital«? — Das tun zum Beispiel Wirtschaftswissenschaftler, wenn sie die einzelnen Produktionsfaktoren beschreiben. Der Begriff kommt auch in der Personalführung und Personalentwicklung vor. Es gab vor einigen Jahren heftige Diskussionen darum, obwohl der Begriff eigentlich schon ziemlich alt ist. Fachsprache ist eben nicht gleich Umgangssprache — in der Umgangssprache hat der Begriff auch nichts zu suchen.

    @Epikur: Der Begriff des Neoliberalismus eignet sich genau deshalb als ideologischer Kampfbegriff, weil ihn bisher keiner richtig definieren konnte und weil ihn eigentlich niemand wirklich definieren will. Aber wenn Du eine Definition in zwei Sätzen hast, würde ich darüber diskutieren, ob das eine Ideologie oder gar eine herrschende Ideologie ist.

    Du kennst sicher die althergebrachte Bedeutung des Begriffs, die ja mit Deiner Kritik nichts zu tun hat. Der heute angewendete Kampfbegriff »Neoliberalismus« entzieht sich jeder Deutung, so wie in dunklen Zeiten »Hexerei« oder »Ketzerei«. In diese beiden Begriffe konnte auch alles mögliche Böse hineininterpretiert werden.

    Ich würde Dich gern dazu anregen, Deinen Artikel mal ohne diesen Begriff zu formulieren. Ich meine, der Artikel wäre dann verständlicher und er wäre ganz sicher auch differenzierter.

    Ich habe nicht geschrieben, dass der Mensch ausschließlich ökonomisch handelt. Aber man kann nicht nicht ökonomisch handeln – so wie man auch nicht nicht kommunizieren kann.

    Deinen Beitrag zur Eigenverantwortung lese ich mir noch durch — warum ist die Überschrift in Frakturschrift gesetzt?

  16. F.Alfonzo
    29.08.2008 | 17:11

    @ Lina:

    Solche Kommentare hat er wirklich nicht verdient.

    Denkst du wirklich, dass man mit Menschen wie diesem Kommentator (also, nicht stefanolix ;-) einen Dialog führen kann, egal, welches Vokabular man benutzt?

    Manche Leute versuchen halt einfach um jeden Preis ihre Ideologie aufrechtzuerhalten, und jeder Kritiker (egal woher er kommt) wird damit zum Feind.
    …dass das “linke Gemüt” nicht grundsätzlich ein Problem mit Ökonomen oder deren Sprache hat, zeigt sich übrigens daran, dass einige Ökonomen (nämlich die, die die eigene Ideologie “wissenschaftlich untermauern können”) ja gerne zitiert werden; dass es sich dabei um eine winzige Minderheit der Forscher handelt interessiert nicht, man erklärt einfach alle anderen zu Scharlatanen und/oder Handlangern des Großkapitals und schon ist die Welt (ideologisch) wieder in Ordnung.

  17. 29.08.2008 | 17:18

    Die Verwendung des Begriffes “neoliberal” ist ja völlig konfus. Es hat in der letzten Zeit Einschnitte bei den Sozialleistungen gegeben – aber nicht aus neoliberaler Ideologie heraus, sonder aufgrund ökonomischer Notwendigkeit. Auch der große Staat kann schließlich jeden Euro nur einmal ausgeben.

    Wären dieselben Einschnitte aufgrund einer neoliberalen Dominanz des politischen Diskurses erfolgt, also aus dem Glauben heraus, dass Menschen selbst für sich und eigenverantwortlich die für sie besten Entscheidungen treffen, dann würden wir heute nicht über Rauchverbote und Lebensmittelkennzeichnungen reden.

    Was der Autor beschreibt, nämlich die Einsicht, dass hinreichende Anreize erforderlich sind hat nichts, aber auch gar nichts mit Neoliberalismus zu tun. Dennoch ist es richtig. Menschen sind faul und tun das, was ihnen nützt. Das ist ja fast eine Trivialität und wäre auch schlimm wenn es anders wäre.

    Wären wir nicht zu faul zum arbeiten, hätten wir das Rad nicht erfunden. Wären wir nicht zu faul ohne Gegenleistung (materieller oder immaterieller Art) zu arbeiten, würde der Sozialismus etwas besser funktionieren. Und natürlich tun wir nur das, was uns mehr nützt als schadet (jedenfalls bewusst). Wäre auch schlimm wenn es genau anders herum wäre. Wobei der Nutzen durchaus darin bestehen kann, anderen eine Freude zu machen. Nur dass es ein anonymer Staat ist, dem man diese unbedingt bereiten möchte, ist doch extrem unwahrscheinlich und empirisch längst widerlegt. Oder wo sind die Scharen an Menschen, die in Freizeit für den Staat sammeln gehen?

  18. 29.08.2008 | 17:24

    @Lina

    Es ist leider so: nicht Inhalt, sondern Vokabular und Tonfall sind die Stolpersteine der Liberalen auf ihrem Weg in eine zustimmungswürdige Politik; ich sehe im Vordergrund ein sozial-klimatische Vermittlungsproblem (-;

    Das ist mE richtig aber leider unabhängig von den verwendeten Wörtern. Ich behaupte, dass es eine linke Methode ist, Begriffe mit bestimmten Wertungen und emotionalen Bildern zu assoziieren und sie so mittel bis langfristig zu Kampfbegriffen umzuformen. Eine rationale Diskussion wird so verhindert. Hätte man andere Wörter verwendet, wären es diese, die heute diskreditiert wären.

  19. 29.08.2008 | 17:35

    @Epikur

    wie sonst erklärt ihr freundschaft, liebe, solidarität und zärtlichkeit? existiert das alles nur aus eigenutz?

    Ja, das kann man so sehen. Auch der Philanthrop, den Alfonso beschrieb, spendet ja nicht weil er sich nachher über das ausgegebene Geld ärgert, sondern weil es ihm eine Freude bereite. Du soltest dich vielleicht von der negativen Wertung des Wortes “Eigennutz” lösen. Oder anders: Menschen handelt aus Streben nach Glück (Pursuit of Happiness, das findet man übrigens nicht nur bei angelsächscihen Philosphen sondern schon bei Aristoteles). Und genau so argumentieren auch die Ökonomen. Menschen maximieren ihr Glück, ihre “Happiness”, ihren Nutzen. Was ist an diesem Weltbild (sofern es überhaupt eines ist, bei Ökonomen ist es ja nur ein Modell) so abscheulich?

  20. stefanolix
    29.08.2008 | 17:45

    @F.Alfonzo — Um das kurz zu klären: Mit den Kollegen von /ad sinistram/ diskutiere ich gern, obwohl ich weiß, dass wir einander sicher nicht bekehren werden.

    Ich bedaure, dass Dean seinen kontraproduktiven Kommentar bei /ad sinistram/ hinterlassen hat. Lassen wir es bitte dabei, ich möchte mir hier in unserem Blog nicht die Diskussion damit verderben.

    Aus Sicht mancher Leute gibt es gute und schlechte Wissenschaft, gute und schlechte Wirtschaft … die PR des Gegners wird von Menschen mit einer Moral tief unterhalb der Erdoberfläche gemacht, während die eigene PR aus dem Himmel herunterschwebt. Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass zu diesen Leuten nicht nur Linke gehören und dass nicht alle Linken so sind.

  21. R.A.
    29.08.2008 | 17:48

    @Dirk:

    Es hat in der letzten Zeit Einschnitte bei den Sozialleistungen gegeben

    Eigentlich nicht!

    Die kreischende Anti-Hartz-IV-Propaganda hat in der Öffentlichkeit den Eindruck hinterlassen, es hätte da allgemeine Kürzungen gegeben.
    Das Gegenteil ist richtig – durch und nach Hartz IV sind die staatlichen Ausgaben in diesem Bereich sogar um einige Milliarden gestiegen!

    Es hat im wesentlichen Verschiebungen gegeben: Die einen Hilfsempfänger kriegen weniger, die anderen mehr.
    So eine Umorganisation kann man eigentlich nicht als “sozialen Einschnitt” bezeichnen.

    Inzwischen sind die Ausgaben dann doch gesunken – aber nicht wegen Kürzungen, sondern weil doch viele Menschen (etwa 1 Million) Arbeit bekommen haben und nicht mehr unterstützungsbedürftig sind.

  22. stefanolix
    29.08.2008 | 17:58

    @Dirk: Ich kenne diese schönen Sprüche von der Faulheit, unter Ingenieuren und Programmentwicklern gibt es die ja auch. Aber aus dieser Diskussion würde ich das »faul« rauslassen und nur sagen:

    Menschen tun, was ihnen nützt.

    Menschen können ja nach dem Minimal- oder nach dem Maximalprinzip arbeiten und letztere sind zumindest auf ganz andere Weise faul als erstere;-)

  23. 29.08.2008 | 18:07

    @R.A.

    bei Hartz 4 hat es in der Tat keine finanziellen Kürzungen gegeben (alleinstehende bekommen etwas weniger, familien etwas mehr). Es wurde aber das Renteneintrittsalter hochgesetzt und ein demographischer Faktor einführt. Der Leistungskatalog der Krankenkassen ist geschrumpft und auch bei Hartz 4 wird jetzt weniger Verständnis gezeigt.

    Das Gesamtvolumen bei Hartz4 ist in der Tat nicht gesunken. (Ich habe mich mal über einen Zeitungsartikel in dem das Leid einer 5 Köpfigen Familie geklagt wurde geärgert. Dabei verweigerte der Autor die nicht unwesentliche Information, dass die Familie jetzt mehr bekommt als zuvor. )

    Das war aber gar nicht mein Anliegen. Ich wollte darauf hinweisen, dass sämtliche Kürzungen im sozialen Bereich nicht des Spasses wegen gemacht wurden, nicht einer neoliberalen Politik zuliebe, sondern allein deswegen weil man jede Mark nur einmal ausgeben kann. Das kann man beklagen aber nützen tut es nicht.

  24. stefanolix
    29.08.2008 | 18:15

    Die Verwendung des Begriffs »Ausbeutung« ist ja genausowenig richtig geklärt. Was ist Ausbeutung wirklich?

    - Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen?
    - Arbeit ohne Bezahlung?
    - Arbeit ohne Mindestlohn?
    - Arbeit ohne rechtssicheren Vertrag?
    - Arbeit ohne angemessene Gegenleistung? Was ist angemessen?

    Marxisten betrachten ja jegliche Lohnarbeit als Ausbeutung. Auf dieser Basis kann man (so denke ich) nicht diskutieren. Was ist also Ausbeutung?

  25. Lina
    29.08.2008 | 18:30

    @ F.Alfonzo / auch Dirk

    Muss ich erst aus dem Nähkästchen plaudern (-;? Als ich hier ankam, war nichts als Erschrecken über das Ökonomendeutsch, das die Szene (korrekt: die liberale Blogosphäre) beherrschte – bis ein befreundeter Blogger mich beruhigte: nein, sie würden keine kleinen Kinder fressen, die Liberalen, nein, im Grunde würden sie sogar gewisse soziale Denkinhalte der Linken teilen und und vertreten, sie seien keinesfalls Unmenschen, die nur Wirtschaft im Kopf hätten.

    Inzwischen weiss ich, dass Wirtschaft (in Dominanz und Kenntnis der Abläufe) die Grundlage dafür bildet, sich nicht von kleinen Kindern ernähren zu müssen. Wenn ich Vokabular und Tonfall bedauernd erwähne, so rührt das aus meiner Erstbeschädigung, die ich Anfängern – weil sie zu Opponenten werden könnten (wenn sie nicht doch schon beinharte sind…) – vorsorglich ersparen möchte (-:.

  26. 29.08.2008 | 18:32

    @Stefanolix

    Also ich bin ziemlich faul und wähle stets die bequemste Lösung. (-: Oft haken Diskussionen mit linken daran, dass sie mit Begriffen nicht beschreiben sondern werten. Begriffe dienen nicht mehr der Bezeichnung innerhalb einer rationalen Diskussion, sondern als Wertmaßstäbe innerhalb einer emotionalen Auseinandersetzung.

    Als liberaler kann ich mit newgativ konnotierten Begriffen aber auch offener umgehen. schliesslich liegt es mir fern andere Menschen zu erziehen oder sie zu bessern.

  27. stefanolix
    29.08.2008 | 19:44

    Lina schrieb:

    bis ein befreundeter Blogger mich beruhigte: nein, sie würden keine kleinen Kinder fressen, die Liberalen, nein, im Grunde würden sie sogar gewisse soziale Denkinhalte der Linken teilen und und vertreten, sie seien keinesfalls Unmenschen, die nur Wirtschaft im Kopf hätten.

    Wenn ich dazu etwas sagen darf? Das klingt alles relativ richtig dargestellt, nur sehe ich die Schnittmenge mit (einigen mir bekannten) Linken nicht bei den sozialen Denkinhalten, sondern zum Beispiel im Widerstand gegen staatliche Überwachung, Vorratsdatenspeicherung, Zensur und Repression. Gewisse Linke sollen ja sogar für ungeteilte Meinungsfreiheit sein;-)

    Bei den sozialen Denkinhalten gibt es, ehrlich gesagt, die größten Differenzen. Das sieht man ja an Epikurs Artikel, an meinem Artikel und an unserer Diskussion. Das beginnt beim Menschenbild und endet noch lange nicht bei den ökonomischen Begriffen. Ich setze da, gemäß meinem oben skizzierten Menschenbild, auf die Lernfähigkeit des Menschen;-)

  28. 29.08.2008 | 20:32

    Ich habe nicht geschrieben, dass der Mensch ausschließlich ökonomisch handelt. Aber man kann nicht nicht ökonomisch handeln – so wie man auch nicht nicht kommunizieren kann.

    Bist Du Intuitionist? ;-)

  29. Lina
    29.08.2008 | 21:34

    @ stefanolix

    Im Sinne dessen, dass auch Liberalität in meiner Vorstellung ein viel weiteres Spektrum umfasst als ökonomsches Begriffs- und Zahlenmaterial, liegst Du natürlich mit der Schnittmengen-Ausweitung linker Begrifflichkeiten ebenso richtig – Streben nach individueller Freiheit und Unabhängigkeit von staatlichem Zwang inklusive; beides sollte auch links ziemlich weit vorn liegen; zumindest war das mal so.

    Mit den “sozialen Denkinhalten” meinte ich im wesentlichen die (ich überspitze!!!) empathische linke Betonung des “Wir” gegenüber dem egomanischen liberalen “Ich”. Der Eindruck, dass sie sich zuweilen ätzend voneinander abgrenzen, stellt sich nicht selten ein, wenn man Rednern und Gegenrednern (hier wie anderswo) aufmerksam folgt, zumindest bei mir, die lieber Brücken zwischen den Lagern sähe (-:.

  30. der gute don
    29.08.2008 | 22:09

    @Lina
    in der Tat scheint es für Liberale durchaus Überschneidungen mit Teilen der Linken zu geben, soweit es um Meinungs- und Pressefreiheit sowie informelle Selbstbestimmung geht.

  31. F.Alfonzo
    29.08.2008 | 22:34

    @ Dirk:

    Danke für den Beitrag bzgl. Faulheit (@ stefanolix: Ich würde den Begriff auch direkt so verwenden; warum etwas mühsam umschreiben, was offensichtlich ist?).
    Du hast Recht: Faulheit und Geiz (bezogen auf die produzierenden Faktoren Arbeit und Maschinen) sind sicherlich der Hauptantrieb der Innovation, denn: Alles auf unserem Planeten ist knapp; Rohstoffe, Vermögen, Freizeit, was auch immer.
    Ich verwende wohl einen großen Teil meiner Arbeitszeit täglich dafür zu überlegen, wie man etwas einfacher machen oder automatisieren kann, den Rest der Zeit für die eigentliche Arbeit.

    Nicht zuletzt deshalb ist es m.E. auch unlogisch, ‘Anreiz’ mit ‘Zwang’ gleichzusetzen. Faulheit setzt auch Anreize (um das Wort ‘Anreiz’ mal von der ökonomischen und/oder politischen Verwendung bzgl. “Arbeitslose in schlecht bezahlte Jobs jagen” zu entkoppeln), nämlich z.B. den Anreiz, die eigene Arbeitsweise so zu verändern, dass am Ende des Tages mehr Freizeit bleibt. Einen Zwang sehe ich da nicht…

  32. 30.08.2008 | 8:23

    @F.Alfonzo:
    Was soll man jemandem entgegnen, der die Begriffe “Anreiz” und “Zwang” gleichsetzt?
    Zwang und Konsequenzen liegen nunmal sehr nah beieinander.

    Vielleicht liegt das ja daran, dass die “Anreize” der Sozialverwaltung gerne aus Briefen bestehen in denen schnell mit Kürzung der Sozialleistung gedroht wird, wenn man nicht seiner “Mitwirkungspflicht” nachkommt. Und wenn mal nichts angedroht wird, dann kommt es halt mit dem nächsten Brief.

  33. der_gute_don
    30.08.2008 | 9:23

    Vielleicht liegt das ja daran, dass die “Anreize” der Sozialverwaltung gerne aus Briefen bestehen in denen schnell mit Kürzung der Sozialleistung gedroht wird, wenn man nicht seiner “Mitwirkungspflicht” nachkommt.

    Weiß jetzt nicht was die bürokratische Tentakel am Ende daraus macht, aber wäre die Alternative nicht sofort zu kürzen wenn man die geforderten Bedingungen zum Erhalt von Sozialleistungen nicht erhält?

    Ich habe zweimal Jobs übers Arbeitsamt ausgeschrieben, jdesmal gabs knapp 10 Formulare mit passenden Bewerberprofilen vom Sachbearbeiter zugeschickt, die “würden sich wg. Gespräch melden”. Das sei deren Mitwirkungspflicht. Es hat sich übrigens NIE jemand gemeldet, ein einziger von knapp 20 hat mal angerufen.

    Auf der Bewerbungsprofilformular-Rückseite gibts dann ein vorformuliertes Fax, so sinngem. hat sich oder hat sich nicht gemeldet. Klar habe ich die entsprechend ausgefüllt und zurückgefaxt. Vermutlich gabs auch da eine “Drohung” gefälligst “mitzuwirken”.

  34. Lina
    30.08.2008 | 11:08

    @ Der_gute_don

    Die Frage ist – und sie muss erlaubt sein! – ob “Mitwirkung” durch Zwang ersetzt werden darf; ich persönlich sage “Ja”, weiss aber nicht, ob damit nicht gewisse Freiheitsrechte des Einzelnen tangiert sind. Logisch und konsequent erscheint es mir jedenfalls, für eine materielle Leistung zunächst die ideelle Gegenleistung eines verpflichtenden Vorstellungsgesprächs zu verlangen und bei Akzeptanz durch den zukünftigen Arbeitgeber, auch die Annahme des Job-Angebots.

    Btw: in Anbetracht dessen, was an Ratschlägen unter eindeutig demotivierten Arbeitslosen kursieren soll (möglichst abgetakelt hingehen, sich dumm stellen (so man es mit dieser Haltung nicht sowieso schon ist…), also den schlechtestmöglichen Eindruck hinterlassen), halte ich eine Erhöhung des Zwangspegels im Namen der Zahler eigentlich für unerlässlich.

  35. stefanolix
    30.08.2008 | 12:12

    Lina, ich widerspreche Dir mal ganz kühn: wenn man Aufwand und Nutzen dieser Zwangsmaßnahmen gegeneinander abwägt, dann könnte man in sehr vielen Fällen wohl darauf verzichten. Letzten Endes kann man doch niemanden zu einer Arbeit zwingen und zu einer guten Arbeit erst recht nicht.

    Ich finde also, das Amt sollte diese “ideelle Gegenleistung” nicht erzwingen. Knappe Ressourcen sollten für diejenigen eingesetzt werden, die wirklich Arbeit nachfragen, die wirklich Arbeit haben wollen.

    Viele Maßnahmen scheinen mir so etwas wie eine Scheinaktivität der Verwaltungsbürokratie zu sein. Dazu kommt die Selbstherrlichkeit diverser Bürokraten, die dann wie ein Westentaschendiktator auftreten. Darauf kann man sicher verzichten. Ich würde die Regeln so aufstellen, dass möglichst wenig mit Zwang und möglichst viel mit Anreizen gearbeitet wird.

    Nebenbei: “Abgetakelt” als Gegensatz zu “aufgetakelt” kannte ich bisher nicht;-) — Lange Zeit war doch bei Nicht-Arbeitssuchenden das T-Shirt “Arbeit ist Sch___e” modern, aber manche haben es auch schon mit dem Gesichtsausdruck geschafft.

  36. 30.08.2008 | 13:23

    Es ist an sich schon entlarvend, dass die Anhänger kollektivistischer Beglückungsideologen auch immer nur in Bildern als gleichmachende Vorstellung über alle Menschen gleichermaßen denken können…

  37. Lina
    30.08.2008 | 13:34

    @ stefanolix,

    war das kühner Widerspruch ;) ? Kühn vielleicht insofern, als Du – wenn Du niemanden zu einer Arbeit zwingen willst (schon gar nicht zu einer guten :) – indirekt einräumst, dass Du für ev. mangelnden Arbeitswillen des Einzelnen im Kollektiv aufkommen willst. Es hiesse ausserdem: wo vom AA-Kunden kein Anreiz aufgenommen wird (und ein Angebot ist bereits einer!), tritt Generosität in Form von Zahlungen ein, deren Kürzung (oder Streichung) erst beim dritten (?) Versuch riskiert wird.

    Da sage ich Dir jetzt ganz kühn: ohne mehr “Nachdruck” (um den “Zwang” zu entschärfen…) läuft es nicht; ich hielte ihn im Interesse aller nur für vernünftig.

    (*Nebenbei: wenn eine Substanz gut ist, muss abgetakelt werden; um aufzutakeln, braucht es echten Anreiz ;)

  38. stefanolix
    30.08.2008 | 14:10

    Wissen wir denn, für welchen Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung sich Grundversorgung und Bedürfnisse die Waage halten? Ich halte diesen Anteil für nicht sehr hoch. Wenn jemand von sich aus nicht motiviert ist und wenn ich seine Motivation durch Anreize nicht stärken kann — womit will ich denn zwingen?

    Später mehr, mich ruft die Arbeit, da muss bis Montag noch einiges fertig werden.

  39. fpk
    30.08.2008 | 14:19

    *”Jeder Mensch denkt und handelt ökonomisch — bewusst oder unbewusst” – auch hier muss ich entschieden widersprechen. die welt in waren, kosten/nutzen kalküle, rational choice-entscheidungen usw. einzuteilen, entspricht genau dem was ich gesagt habe: die (neo-)liberalen haben ein extrem pessimistisches menschenbild. wie sonst erklärt ihr freundschaft, liebe, solidarität und zärtlichkeit? existiert das alles nur aus eigenutz?

    Ich würde sagen ein realistisches Menschenbild. Liberales Denken geht nicht von einem Ideal aus wie wir gern hätten, wie der Mensch sein soll, sondern davon, wie der Mensch nun mal ist. Kein Engel, aber auch kein Monster.

    Insofern ist es ein humanistisches, weil es den Menschen keine Erwartungen aufbürdet, die er nicht erfüllen kann. Wie es im Extrem Religionen tun. Und ihn nicht umerziehen will, wie die totalitären Ideologien des letzen Jahrhunderts.

    Der Mensch ist von Selbstinteresse getrieben. Was ist daran nicht nachvollziehbar? Der Mesnch ist ein sozialer Primat und im Laufe der Evolution haben sich eben auch prososziale Verhaltensweisen, wie Alruismus, solidarisches Verhalten, Freundschaft usw. entwickelt. Für das Leben und Überleben in Kleingruppen von Jägern und Sammlern, wie es Millionen von Jahren die Regel für unsere Spezies war, war es essentiell sich auf die anderen in der Gruppe verlassen zu können und damit solche Verhaltensweisen im Selbstinteresse des Individuums, da sie die Überlebens- und Reproduktionschancen erhöhten.

    Und welche der Verhaltensweisen zum Vorschein kommen, eher unsere negativen egositischen und aggressiven oder die positiven prosozialen hängt sehr stark von dem Systm ab in dem wir leben und von den Anreizen, die uns gesetzt werden.

  40. der gute don
    30.08.2008 | 14:44

    Also im fasse mal zusammen: Zwang auszuüben, daß die Leute sich selbst versorgen ist nicht ok, Zwang auf Andere auszuüben, damit diese die Versorgung (derjenigen, die nicht gezwungen werden dürfen) sicherstellen, ist aber wiederum ok?

    Habe ich das so richtig verstanden?

  41. Lina
    30.08.2008 | 17:16

    @ stefanolix

    …wenn ich seine Motivation durch Anreize nicht stärken kann — womit will ich denn zwingen?

    Vielleicht mit dem diskreten Hinweis, seine Demotivation nicht länger fördern zu wollen? Ich bin ziemlich sicher, dass er einen Anreiz verspüren würde, sich selbst zu erhalten – allerdings nur, wenn ihm auch Arbeit angeboten werden kann. Findet sich keine für ihn, sieht die Sache natürlich anders aus.

    Ein Beispiel: junger Mann, ein paar Jahre (erfolglos) Freiberufler gewesen, meldet sich arbeitslos, erhält Hartz IV und sehr bald den AA-Anreiz, sich über eine Zeitarbeitsgentur vermitteln zu lassen. Er will erst mal Pause, sagt er sich, geht abgerissen zum Vorstellungsgespräch, aber dennoch will man es mit ihm versuchen; man schlägt ihm zwei Firmen vor, beide wollen ihn haben, er sie aber nicht. Nach der dritten (ultimativen) Firma entscheidet er sich für die erste; dort hat man aber schon; die zweite will ihn nicht mehr, sondern abwarten. Bleibt also die Dritte, die ihm am wenigsten passt, und auch dieser “entkommt” er, indem er der AA “Branchenfremdheit” auftischt; man zeigt Verständnis, zahlt weiter…

    Sicher, ein Einzelfall, aber all das “geht” – landauf, landab, zweifellos mehrfach, wenn nicht gar vielfach. Und sollte es nicht (wenn es nach mir ginge). Nein, ich sehe keinen “Zwang” darin, angebotene & zumutbare, aus “Fördern & Fordern” erwirtschaftete Arbeit auch annehmen zu müssen, anstatt unbegrenzt auf Kosten der Allgemeinheit zu leben. Der komplexe gesellschaftliche Schaden ist viel zu hoch.

  42. stefanolix
    30.08.2008 | 17:53

    Lina, ich bin weit davon entfernt, ein Patentrezept zu haben. Aber wenn die Grundversorgung wirklich nur das Notwendigste abdeckt, dann bin ich relativ sicher, dass der junge Mann irgendwann eine Arbeit annehmen wird. Zu den ökonomischen Anreizen sage ich später (oder morgen) noch etwas.

    Die Lebensumstände können sich gerade bei jüngeren Menschen oft ändern, ich habe schon einige Personen plötzlich und unerwartet aktiv werden sehen. Sanfter Druck kann auch irgendwann durch eine Partnerin oder durch die Familie oder durch wachsende Bedürfnisse entstehen.

    Man kann nicht in die Menschen hineinsehen: wer will denn nach rechtsstaatlichen Grundsätzen endgültig entscheiden, ob er wirklich nicht will oder wirklich nicht kann?

    Grundsätzlich sollte er immer wieder eine Chance bekommen, aber wem wäre geholfen, wenn er in Unternehmen Nummer 3 zwangsweise eingestellt und in den ersten Wochen der Probezeit wieder entlassen worden wäre?

  43. hw
    30.08.2008 | 23:09

    Artikel 12 des Grundgesetzes der BRD:

    (1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

    (2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

    (3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

  44. 30.08.2008 | 23:16

    @hw

    Sehr schön. Und jetzt fehlt mir nur noch ein aktueller Bezug.

  45. Lina
    31.08.2008 | 9:23

    @ stefanolix

    … aber wem wäre geholfen, wenn er in Unternehmen Nummer 3 zwangsweise eingestellt und in den ersten Wochen der Probezeit wieder entlassen worden wäre?

    Davon gehe ich nicht aus, aber man hätte es, auch wenn es so käme, zumindest versucht. Und was wäre verloren? Nichts. Im Übrigen geht es m. E. darum, den Anreiz, die Chance unbedingt wahrgenommen zu haben

    Du sprichst die Höhe der Grundsicherung an und meinst, die mit ihr zu erleidenden Entbehrungen würden ihn von alleine motivieren; aber offenbar lässt sich auskommen damit, auch langfristig – sonst sähe es wohl anders aus in der (zweifellos oft einseitig abgebildeten) “Szene”. Bitte versteh’ mich nicht falsch, wenn ich wiederhole: mehr Druck erscheint mir nötig. Nur für den Fall, dass der Markt “versagt”, weil weder Angebot noch Nachfrage nach Arbeit ausreichen, in Arbeit zu kommen, dann habe ich kein Problem damit, materiell zum Einspringen aufgefordert zu sein.

  46. stefanolix
    31.08.2008 | 12:22

    Würde er Entbehrungen erleiden? Nein, seine Bedürfnisse (siehe: Bedürfnispyramide) würden sich so entwickeln, dass er sie nur dadurch befriedigen kann, dass er am Markt etwas anbietet. Entbehrungen würde ich anders definieren. Entbehrung leidet man, wenn man die Grundbedürfnisse dauerhaft nicht stillen kann.

    Marktteilnehmer können versagen: Unternehmen versagen manchmal im Umgang mit ihren Mitarbeitern, potentielle Mitarbeiter bei der Bewerbung, angestellte Mitarbeiter an bestimmten Arbeitsaufgaben, Arbeitssuchende bei der Abwägung ihrer Chancen. Subjektiv irrationales Verhalten wird man nie ausschließen können.

    Kann der Markt versagen?

  47. Lina
    31.08.2008 | 13:31

    @ stefanolix,

    kann der Markt versagen, fragst Du. Wenn er (laut Link, danke!) “ein Mechanismus ist, mit dessen Hilfe Käufer und Verkäufer miteinander in Beziehung treten, um Preis und Menge einer Ware oder Dienstleistung zu ermitteln”, dann können es wohl nur seine Teilnehmer – weshalb ich mein “versagt” leichter Hand in Anführung setzte, sorry.

    (Aber die Hauptsache ist doch, das liberale Menschenbild versagt nicht vor den Aufgaben, die ihm der Markt stellt :)

  48. stefanolix
    31.08.2008 | 15:03

    Mein leichthin (eher »aus der Hüfte heraus«) formuliertes Menschenbild kann natürlich nicht vor der Realität bestehen. Ich müsste Arbeit und Zeit aufwenden, um es besser und verständlicher zu formulieren.

    Es ist ja nicht selbstverständlich, wie wir hier über den Markt sprechen. Es gibt auch Menschen, für die jegliche Lohnarbeit gleich Ausbeutung ist, jeder Anreiz einen versteckten Zwang darstellt und nach deren Meinung ein Arbeitsmarkt überhaupt nicht existieren dürfte. Für die weitere Beschäftigung mit diesem Thema wird man sich sicher über einige Begriffe einigen müssen.

  49. stefanolix
    31.08.2008 | 21:27

    Ich schwöre es: als ich den Kommentar um 15:03 Uhr schrieb, habe ich diese Seite noch nicht gekannt. Nur erahnt:

    Es beginnt schon bei dem Wort Arbeitsmarkt. Neben Gütern und Dienstleistungen werden auf dem Markt auch Menschen getauscht bzw. gekauft. Zeitarbeitsfirmen, z.B., haben einen Pool von Arbeitskräften, welche nach Belieben der Unternehmen eingesetzt werden. Nicht euphemistisch ausgesprochen müsste es insofern Menschenmarkt heißen. Wie in der Sprache des Militärs, verschwindet jedoch jeglicher emotionale Bezug zum Menschen aus der Vokabel, um ein kritisches Denken diesbezüglich präventiv zu unterbinden.

    Ich bin beeindruckt. Ich werde mein kritisches Denken »diesbezüglich präventiv unterbinden«.

  50. Lina
    1.09.2008 | 7:40

    @ stefanolix

    …verschwindet jedoch jeglicher emotionale Bezug zum Menschen…

    Diese Sorge (wenn man den Unsinn so nennen darf…) wurde bereits oben im Thread laut und ist so ziemlich das schwerste Geschütz, das sich auffahren lässt. Da braucht es vielleicht doch einen Schuss vor den Bug – und nicht nur einen “aus der Hüfte heraus” (-;…

  51. F.Alfonzo
    1.09.2008 | 8:27

    Ich kann jedem Linken, der die Verwendung solch eines Vokabulars kritisiert nur empfehlen, mal ein Buch von Karl Marx zu lesen.
    …aber ich weiss schon, das ist natürlich was anderes.

  52. stefanolix
    1.09.2008 | 13:05

    »Arbeitsmarkt« besagt, dass da Arbeit angeboten und nachgefragt wird (sage ich einfach aus meinem emotionalen Bezug zur Realität heraus). Wie die Autoren auf »Menschenmarkt« kommen, ist mir einfach nicht plausibel.

  53. 1.09.2008 | 13:31

    das ist ein schönes beispiel für meine These linker Argumentation. Es wird nicht sofort behauptet, dass ein Arbeitsmarkt oder diejenigen, die diesen Begriff verwendet böse sind. Das ist auch gar nicht möglich, denn bekanntlich gibt wäre eine solche Behauptung grundlos.

    Stattdessen wird ein Umweg genommen, indem man das Wort “Arbeitsmarkt” durch “Menschenmarkt” ersetzt und dann die negativen Konnotationen dieses Begriffes ausnutzt. Sprich, man argumentiert ganz und gar rational sondern mit emotional besetzten Worten.

    Meiner Beobachtung nach ist das ein Musterbeispiel linker Argumentation. Ist häufig zu beobachten.

  54. 1.09.2008 | 13:32

    sollte natürlich heissen, “man argumentiert ganz und gar NICHT rational” (bin ein wenig krank)

  55. hw
    1.09.2008 | 14:10

    Sklavenhandel oder Zwangsprostitution sind vllt ein Menschenmarkt und daher auch illegal und entsprechend selten anzutreffen.
    Bei Zeitarbeitsfirmen von einem Menschenmarkt zu sprechen, ist dann doch sehr überzogen bzw. es trifft eigentlich gar nicht zu.

  56. import Tkinter
    2.09.2008 | 1:09

    Mir ist diese Diskussion ein wenig fremd. Es wird so getan, als sei die Kürzung von Leistungen bei “nicht angemessener Mitwirkung” ein Akt des Zwangs.

    In meinem Verständnis des Rechtswesens sind Rechte an Pflichten gebunden. Die Alimentierung existiert, um elementare Lebensrisiken abzumildern. Es ist nicht ihre Aufgabe, jene Menschen zu unterstützen, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst erarbeiten, obwohl sie es könnten. So ein Verhalten ist in höchstem Maße unsozial, und zwar gleichermaßen in jeder Gesellschaftsordnung. Darum erwächst aus dem Recht auf Alimentierung die Pflicht zur Mitwirkung bei dem Unterfangen, schnellstmöglich wieder aus dieser Lage herauszukommen.

    Dabei steht es dem Betreffenden nun wirklich frei, entweder seiner Mitwirkungspflicht nachzukommen und damit das Recht auf volle Leistungen zu erhalten, oder seine Mitwirkungspflicht zu vernachlässigen und damit seine Rechte auf diese Leistungen zu verwirken. Wenn sie so befreit von ihren gesellschaftlichen Pflichten sein wollen, warum wollen sie dann andererseits die Gesellschaft in Verantwortung ziehen?

    Da ist doch ein logischer Widerspruch! Entweder ich will mich der Gemeinschaft anschließen, dann habe ich Pflichten zu erfüllen und erhalte im Gegenzug die gemeinschaftlichen Rechte. Oder ich will mit der Gemeinschaft nichts zu tun habe, dann habe ich ihr gegenüber keine Pflichten zu erfüllen und erhalte in der Folge aber auch keine Rechte. Was könnte freier sein als diese Entscheidung? Manche Menschen nehmen solcherlei Rechte in Anspruch und schließen sich anderen Gemeinschaften an: sie wandern aus.

    Wohlgemerkt: es gibt Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen können. Von denen rede ich hier nicht, natürlich müssen diese von der Gemeinschaft gestützt und aufgefangen werden. Wie gesagt: von jenen rede ich hier ganz ausdrücklich nicht!

  57. stefanolix
    2.09.2008 | 8:36

    Jede Pflicht zur Mitwirkung muss aber im Rahmen des Rechtsstaats durchgesetzt werden. In welchem Umfang kann man in die Rechte der Betroffenen eingreifen? Die grundsätzliche Pflicht zur Mitwirkung besteht natürlich darin, die Vermögensverhältnisse offenzulegen und die Unterhaltspflichten anderer Personen gegenüber dem Betroffenen zu klären. Das soll auch gründlich geprüft werden.

    Aber kann es darüber hinaus eine Pflicht zur Arbeitssuche geben? Wenn ich alle Auswirkungen betrachte, dann kommen mir gewisse Zweifel. Sollen Unternehmer im Auftrag der Arbeitsagentur das Verhalten von Arbeitssuchenden registrieren oder gar bewerten?

    Ich denke, es ist im Sinne der Gemeinschaft, dass man den ALG-II-Empfängern Erwerbsanreize gibt: beispielsweise durch flexible Zuverdienstmöglichkeiten (Freibetrag für ein Jahr) und Vereinfachung des Einstiegs in niedriger bewertete Arbeitsverhältnisse (»mehr Netto«).

    Gleichzeitig muss man dem unsinnigen Argument entgegentreten, dass Mitarbeiter in niedrig bezahlten Tätigkeiten für einen »Hungerlohn« und »unterhalb des Existenzminimums« arbeiten. Das trifft eben nicht zu, solange die Gemeinschaft für ihre Grundsicherung sorgt.

    Aber bei Bewerbungen oder Weiterbildung unter Druck und Zwang sehe ich kein vernünftiges Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen.

  58. der_gute_don
    2.09.2008 | 14:32

    Sollen Unternehmer im Auftrag der Arbeitsagentur das Verhalten von Arbeitssuchenden registrieren oder gar bewerten?

    wie möchtest Du den Anreiz für Unternehmen aufrechterhalten, sich überhaupt an die Arbeitsagentur zu wenden und dafür entsprechend Zeit&Geld aufzuwenden, wenn keine Kontakte zustande kommen? Und welchen Sinn macht dann noch eine Arbeitsagentur mit 70.000 Mitarbeitern? (Oder überhaupt eine AA?)

  59. 2.09.2008 | 15:30

    Stellen wir und vor die Gemeinschaft sagt zu einem ihrer Bürger “Wir bedauern Deine Armut und sind bereit Dich finanziell zu unterstützen vorausgesetzt, Du kooperierst mit uns und nutzt unser Angebot nicht aus.” Und wenn dann der Bürger auf einmal nicht mehr kooperiert, sich plötzlich weigert diverse Zeichen guten Willens zu zeigen und die Gemeinschaft daraufhin ihre Zahlungen einschränkt, das ist dann Zwang?

    Und wenn ja, dann muss man aber ganz schnell die Unternehmer vor den Verbrauchern schützen, die jahrelang das Produkt einer Firma kaufen und dann plötzlich, nur weil es zu teuer ist oder den qualitätsansprüchen nicht mehr genügt, zur Konkurrenz wechseln.

  60. Michel
    2.09.2008 | 21:08

    Das Dilemma mit den ALG-empfängern ist, dass der Staat die Solidarität weitgehenst monopolisiert hat und sie daher von den entsprechenden Stellen abhängig sind. In einer freien Gesellschaft würde es mehrer unabhänige Wohlfahrtsorganisationen geben, deren Bedinungen sich unterscheiden würde und die ein Vergleich über die wirksamsten Maßnahmen erlauben.

  61. 2.09.2008 | 21:55

    Es ist doch schon so, dass sozialleistungen eine Generosität der Gemeinschaft sind. Da ärgere ich mich immer über dieses Anspruchsdenken nach dem Motto “Die Lesitungen stehen mir zu, das ist mein Recht und wenn man sie mir wegnimmt, dann ist das Zwang”. Nein ist es nicht, denn besteht gar kein Anspruch auf Sozialhilfe. Die Gemeinschaft gewährt sie freiwillig (mehr oder weniger).

  62. hw
    3.09.2008 | 0:21

    In einer freien Gesellschaft würde es mehrer unabhänige Wohlfahrtsorganisationen geben, deren Bedinungen sich unterscheiden würde und die ein Vergleich über die wirksamsten Maßnahmen erlauben.

    Da wir in einer freien – aber nicht grenzenlosen – Gesellschaft leben, gibt es dies bereits. In vielen Städten gibt es Tafeln, Obdachlosenheime o.ä. die nicht allein vom Staat unterhalten werden. Träger sind z.B. Kirchen oder andere gemeinnützige Organisationen.

    Nein ist es nicht, denn besteht gar kein Anspruch auf Sozialhilfe.

    Es besteht wohl kein Naturrecht auf Sozialhilfe. Aber aus dem Grundgesetz lässt sich wohl leicht ableiten, dass für jeder das Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat, was wohl ohne gewisse Grundleistungen nicht gewährt ist.

  63. der_gute_don
    3.09.2008 | 10:23

    Aber aus dem Grundgesetz lässt sich wohl leicht ableiten, dass für jeder das Recht auf ein menschenwürdiges Leben hat, was wohl ohne gewisse Grundleistungen nicht gewährt ist.

    Na und? Die Feudalherren Ihrer Zeit hatten auch juristisch Anrecht auf Grundleistungen durch ihre Bauern. Lebensmittelversorgung, Frondienste und ähem prima noctem.

  64. hw
    3.09.2008 | 13:01

    Auch der Feudalherr hat damals Leistungen verteilt: nämlich Schutz vor Übergriffen aus anderen Ländereien. Dies hat er meinetwegen auch aus Eigeninteresse getan, da er ja weiterhin seine Abgaben kassieren wollte. Aber auch der Staat, und somit auch dessen Bürger, hat ein Interesse daran, dass es durch zu große soziale Spannnungen nicht zu massiven Unruhen kommt.

  65. Lina
    3.09.2008 | 22:28

    @ stefanolix

    Aber kann es darüber hinaus eine Pflicht zur Arbeitssuche geben?

    Wer spricht davon? Es geht darum, eine Verpflichtung zur Gegenleistung für beantragte und gewährte Unterstützung erwarten zu dürfen und diese – nach Möglichkeit! – auch eingelöst zu sehen; ich sehe noch immer keinen “Zwang”.

    Und um nochmal auf das oben behandelte (neoliberale) Vokabular zurückzukommen: gerade habe ich ein Stück Kant im Angebot gefunden, dessen Gehalt vielleicht der Nachfrage nach sinnfälliger Verständigung dienen könnte.

    “Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen oder Fähigkeiten können auch ihre Functionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntniß entspringen.”

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