Treue Diener?

Eine neue Forsa-Umfrage für Hessen dürfte der SPD ziemlich übel aufstoßen.

Nur 10% der Hessen wollen die von Ypsilanti angestrebte Linksfront, 61% hätten lieber Neuwahlen.
Das ist selbst angesichts der bekannten Probleme mit der Qualität/Zuverlässigkeit von Umfragezahlen überaus deutlich.

Interessant sind einige Detailaufschlüsselungen zu diversen Fragen, vor allem die nach den politischen Präferenzen nach Berufsklassen.
Auffällig finde ich dabei, wie stark die Beamten in einigen Punkten vom Schnitt der Bevölkerung abweichen.

Die Hessen insgesamt bevorzugen mit 41% Koch vor Ypsilanti mit nur 13%.
Die Beamten sehen es umgekehrt: 47% Ypsilanti-Fans gegenüber 21% Koch-Anhängern.

Die Linksfront in der Regierung wollen mit 20% immerhin doppelt so viele Beamte wie der Landesschnitt.

Und noch interessanter die Frage, ob denn die “Linke” eine ganz normale demokratische Partei wäre.
Das finden nur 39% der Bevölkerung (was schon peinlich genug ist, aber immerhin noch die Minderheit).
Aber 61% (!) der Beamten vertreten diese Position.

Das ist schon beachtlich angesichts der Tatsache, daß nominell bis vor kurzem Kommunisten nicht in den Staatsdienst durften, daß der Staat von seinen Dienern offiziell aktives Eintreten für die FDGO verlangt und m. W. immer noch ein Eid auf die Verfassung leisten muß, wer Beamter werden will.

Ausgerechnet da also, wo die eifrigsten Anhänger der demokratischen Ordnung sitzen sollten, kann sich die Demokratie am wenigsten auf Unterstützung verlassen.

Es könnte sein, daß die hessischen Beamten da eine unrühmliche Tradition fortsetzen.
Ich weiß nicht, ob es dazu statistisch aussagekräftige Untersuchungen gibt. Aber ich habe den Eindruck, daß der Widerstand gegen die beiden Diktaturen ausschließlich von anderen Berufsgruppen getragen wurde.
Ich kann mich da an Arbeiter erinnern, an Unternehmer, an Pfarrer, und aus dem Staatsdienst immerhin an Militärs und Diplomaten.
Aber die normalen Verwaltungsbeamten waren wohl durchweg brave Diener der Diktatur.

Aber vielleicht habe ich da etwas übersehen – ich würde mich über Gegenbeispiele freuen.

Ähnliche Beiträge


18 Kommentare zu “Treue Diener?”

  1. 27.08.2008 | 14:47

    He, für Beamten geht es um die Pension, für die anderen nur ums Leben. :-D

  2. 27.08.2008 | 14:51

    Dann oute ich mich mal. Ich bin nicht für Ypsilanti….aber ich diene ja auch nicht in Hessen. Mein persönlicher Eindruck ist, daß viele Beamte (Angestellte im öD auch) enttäuschte SPDler sind. Vielleicht hoffen die einfach auf eine bessere Behandlung durch die Linken/SPD. Obwohl Berlin ein hübsches Gegenbeispiel wäre.

    Aber eine Sache stimmt schon. Mit einzelnen Ausnahmen ist das Beamtentum keine Bastion des kritischen Denkens. Leider.

  3. Freie Radikale
    27.08.2008 | 15:57

    Kann man den Staatsdienern das Wahlrecht nicht entziehen? Mitarbeiter bei der Klassenlotterie dürfen schließlich auch nicht mittippen.

  4. jopa
    27.08.2008 | 16:32

    Naja, Beamte arbeiten per defintionem im öffentlichen Dienst. Dabei leiden Sie natürlich unter den knappen öffentlichen Finanzen, die aus dem Mißverhältnis zwischen Ansprüchen an die öffentliche Hand und der Zahlungsbereitschaft der anderen Bürger herrühren. Da die SED/PDS/Linkspartei eine kräftige Einnahme- (= Steuer)erhöhung ankündigt, würden Sie unter dem Strich wohl profitieren, ähnlich, wie man das der Bauwirtschaft nachsagt.

    Die These in bezug auf das Dritte Reich würde ich soooo pauschal nicht unterschreiben. Es mag zwar durchaus sein, daß viele Staatsdiener aus einem gewissen Beamtenethos und “Rechtspositivismus” heraus den Regierungsanweisungen stärker Gehorsam leisten als andere, aber meiner Einschätzung nach war der offene Widerstand in allen Bevölkerungsschichten eher gering ausgeprägt, so daß die Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen bestenfalls marginal sind. Eine Linie von damals bis heute würde ich nicht so einfach ziehen wollen.

    Eine andere Erklärung würde darin liegen, daß unter den öffentlichen Angestellten der Akademiker-Anteil vergleichsweise hoch ist, und wie wir wissen, steigt die Neigung zu eher linken politischen Positionen mit dem Verbleib im öffentlichen Bildungswesen. Dazu kommt, daß nur wenige im öffentlichen Dienst eine echte “Markterfahrung” haben und daher diesem System wahrscheinlich prinzipiell eher mißtrauen…

  5. Luke
    27.08.2008 | 17:17

    natürlich ist die “Linke” eine ganz normale, demokratische Partei. Merkwürdiger Sprachgebrauch. Sie ist sogar demokratischer als die FDP, wird von viel mehr Leuten gewählt.

  6. 27.08.2008 | 18:01

    @Luke

    Wenn man den Begriff “demokratisch” so definiert: “Wir sind mehr. Also sind wir demokratischer!”, dann ergibt dein Einwurf einen Sinn, denn ich verstehe.

  7. 27.08.2008 | 20:03

    Interessant … normalerweise sind öffentlich Bedienstete (ohne verallgemeinern zu wollen), meist auf der politischen Linie, die auch die Verwaltungschefs haben, will sagen eine seit Jahrzehnten SPD-geführte Kommune hat sehr viele SPDler unter den öffentlich Bediensteten und umgekehrt.

    Entweder sind in Hessen noch sehr viele sehr alte Seilschaften unterwegs (glaube ich weniger) oder Koch hat sich bei “seinen” Untergebenen so unbeliebt gemacht, dass die alles akzeptieren, was nicht mit ihm belastet ist.

  8. 27.08.2008 | 20:56

    Letzteres.

  9. R.A.
    27.08.2008 | 21:32

    Es gibt in Hessen ja nicht nur Landesbeamte – die Mehrzahl dürfte in den Kommunen arbeiten.
    Aber auch auf Landesebene ist natürlich die Mehrzahl der Beamten noch zu rot/grünen Zeiten eingestellt worden.

    Grundsätzlich fände ich es auch nicht so bemerkenswertm wenn Beamte eher zu linken Parteien wie SPD oder Grünen tendieren würden.
    Die von jopa angeführten Gründe sind ja durchaus überzeugend.

    Aber ich hätte doch gedacht, daß gerade Staatsbedienstete ein besseres politisches Gespür hätten, wo die Grenzen sind. Und eben auch der besondere Appell an die Verfassungstreue wenigstens in Ansätzen spürbar wäre.

    Daß nun aber im Gegenteil die Beamten hier deutlich schlechter abschneiden als die übrige Bevölkerung ist ein Armutseugnis.

  10. der gute don
    27.08.2008 | 21:57

    natürlich ist die “Linke” eine ganz normale, demokratische Partei. Merkwürdiger Sprachgebrauch. Sie ist sogar demokratischer als die FDP, wird von viel mehr Leuten gewählt.

    demokratisch … demokratischer … *schlapplach*

  11. 27.08.2008 | 22:25

    R.A., Du und ich sind wohl aus einem Material geschnitzt. Du schreibst fast immer was ich denke, mir wird das langsam unheimlich. Dein Vater war aber schon treu, oder? Ich meine nur, weil meiner es nicht immer gewesen ist…

    doch zu den Beamten: Sie sind in der Tat immer die bravsten Büttel der Diktatur. Die paar Lichtgestalten die sich wehrten kann man wohl an einer Hand abzählen. Das liegt auch daran, dass Diktaturen es so an sich haben zunächst mal die Beamten zu hofieren und ihnen mehr Macht und Geld zuzuspielen. Das kommt natürlich immer gut an bei dieser “Berufsgruppe”.

    Das die hessischen Kommunalbeamten bei der Unterstützung ganz vorne mit dabei sind wundert mich indes nicht, denn ich gehöre dort ja nun einmal nach Nordhessen und dort sind die Leute dunkelrot bis blutrot. Kassel zieht dieses Klientel irgendwie magisch an, ich weiß leider auch nicht warum.

    Einen besonderen Verfassungspatriotismus darf man bei den Beamten in der Tat nicht erwarten. Was man von denen für Sprüche zu hören bekommt, da wird einem schlecht. Die Stiftung “Pro Justitia” gibt es ja nicht ohne Grund.

    Wenn man als Beamter erwähnt Anhänger der FDP zu sein wird man schnell ausgegrenzt, das war jedenfalls meine Erfahrung. Die würden nämlich für “uns” nichts machen. Das war so der allgemeine Konsens. Demokratisch ist, was Vorteile bringt. Abstraktionsfähigkeit bei der Beteiligung eigener Interessen gleich Null.

  12. R.A.
    28.08.2008 | 11:01

    @Stimme:

    Du und ich sind wohl aus einem Material geschnitzt.

    Tja, manchmal ist es schon interessant …

    Per Internetforum findet man halt leichter Gleichgesinnte (gerade bei unüblichen Ansichten) als im realen Leben.

    Dein Vater war aber schon treu, oder?

    Nun ja – er kommt aus Nordhessen ;-)

    Ich meine nur, weil meiner es nicht immer gewesen ist…

    D.h. indirekt fragst Du jetzt nach der Treue meiner Mutter ;-)

  13. 28.08.2008 | 12:04

    Per Internetforum findet man halt leichter Gleichgesinnte

    Die Chance aufs Gegenteil ist aber auch deutlich höher.

  14. R.A.
    28.08.2008 | 13:06

    @Marc:
    Aber wir beide kannten uns doch schon vorher, das zählt nicht ;-)

  15. 28.08.2008 | 14:07

    @R.A.: Immer diese eiskalte neoliberale Logik …

  16. 28.08.2008 | 15:16

    Beamte stellen momentan rund 3% der Wahlbevölkerung. Von den 1000 von FORSA befragten Leuten waren rund 30 Beamte, von denen 15 für Neuwahlen sind, während 6 eine Koalition von SPD mit Grünen und Linkspartei bevorzugen.
    Ich halte die Datenbasis (30 von annähernd 130′000) für zu klein, um daraus irgendwelche Schlüsse über die Ausrichtung von Beamten ziehen zu können, die ja auch vom mittleren Vollzugsdienstbeamten über die ganzen Sachbearbeiter im gehobenen Dienst hin zur grossen Gruppe der Lehrer reicht.

  17. R.A.
    28.08.2008 | 15:31

    @Markus:

    Beamte stellen momentan rund 3% der Wahlbevölkerung.

    Das ist durchaus eine berechtigte Relativierung.

    Wobei man prüfen müßte, ob nicht für die Umfrageinstitute mit “Beamte” der ganze öffentliche Dienst gemeint ist – ansonsten wären sie als Berufsgruppe doch recht klein für eine gesonderte Betrachtung.

    Wenn es um die üblichen Parteiangaben geht, wären bei so einer kleinen Gruppe die Prozentwerte wirklich nur begrenzt aussagekräftig.

    Für die hier zentrale Frage nach dem Charakter der Linken sind die Zahlen aber so krass, daß sie auch bei einer geringen Zahl etwas aussagen.

    Während nun 39% der Bevölkerung die Kommunisten für eine “normale demokratische Partei” halten, müßte dieser Prozentsatz bei wirklich der Verfassung verpflichteten Staatsdienern fast bei Null liegen.
    Statt dessen finden wir eine deutliche Mehrheit – das ist auch bei nur 30 Befragten signifikant.

  18. 5.09.2008 | 9:02

    Ich weiß nicht, was die SPD hier für ein Spielchen spielt. Eins weiß ich aber sicher, das Spiel wird die SPD verlieren.
    Vorschlag zur Güte: Der Linksflügel wechselt zur Linken und der Rechtsflügel zur CDU. Dann hätte die Linkspartei die Kompetenz, die sie brauch um Politik zu machen.

Bad Behavior has blocked 1044 access attempts in the last 7 days.