28. Juli 2008
Die Varianz machts
Unterscheiden sich Männer und Frauen oder nicht? Auch dieses Wochenende war diese Frage wieder einmal das Thema von Zeitungsmeldungen, in der eine vergleichende Studie zu den Mathematiktestergebnissen von Mädchen und Jungen bemüht wurde. So titelte etwa die Welt “Mathematik: Auch Mädchen können rechnen” und hob hervor, dass die Ergebnisse der Wissenschaftler das alte Stereotyp von Männern als den besseren Rechnern vollends zu Grabe trage. Belegt wurde diese Aussage mit dem Verweis auf eine nahezu gleich gutes durchschnittliches Abschneiden beider Geschlechter in standardisierten Mathetests. Soweit so gut, doch daraus die Erkenntnis abzuleiten, die Dominanz von Männern in mathematisch-technischen Berufen müsse etwas mit Vorurteilen zu tun haben oder – wie manch Zeitgenosse es auch gern sehen will – mit Diskriminierung, bedeutet die Angelegenheit nicht zu Ende zu denken. Denn womit die Welt-Mitteilung sich nicht weiter aufhält, hat zumindest das Wall Street Journal am Rande seiner Pressemeldung erwähnt: Die Varianz der Testergebnisse von Jungen ist größer als bei Mädchen, dass macht sie gleichzeitig zu den besseren und schlechteren Rechnern. Mit anderen Worten Jungs sind mit einer größeren Wahrscheinlichkeit richtig gut oder richtig schlecht, obwohl sie im Mittel fast genauso gut rechnen wie Mädchen. Da es aber in mathematisch-technischen Berufen nicht so sehr auf durchschnittliche, sondern auf überdurchschnittliche Fähigkeiten ankommt, steigt auch mit dem Anspruchsniveau eines Jobs an die Mathematikkenntnisse, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann für diese Aufgabe besser geeignet ist als eine Frau.
Blogger William M. Briggs erläutert diesen kleinen aber wichtigen Unterschied sehr anschaulich, womit ich auch meinen üblichen Seitenhieb auf die klassische Presse einleite. Wenn der Spiegel erst kürzlich über die Unprofessionalität der deutschen Blogosphäre klagt, dann fällt dieser Beitrag vielleicht auch einem ähnlichen Trugschluss zum Opfer. Es mag sein, dass der durchschnittliche Blogpost schlechter als die Standardpressemeldung ist und dass es am “linken Rand” der Verteilung sogar extrem schlechte Einträge gibt. Aber die Varianz macht eben den Unterschied. Und die ist, wenn man mich fragt, in der Blogosphäre wesentlich größer als in klassischen Massenmedien.
Update: Was die Studie betrifft, kann man weitere Einsichten beim Reference Frame finden. Luboš Motl, immer eine Spur deutlicher als alle anderen, meint u.a.:
Before those five spice girls [die Autoren der Studie] made their bombshell statements about girls matching boys, they should have made sure that they could match boys (such as Rushton and Nymborg) in mathematics themselves.
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Verfasst von SteffenH um 12:55 Uhr in der Kategorie Bildungspolitik, Blogosphäre, Presse / SPON- und taz-Blog (Trackback)
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