Die Zeit heilt alle Wunden

“Den Sossialiehsmus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf” zitierte der Genosse Generalsekretär anlässlich seiner Reise ins westliche Deutschland noch im Jahr 1987.

Und recht hatte er. In den Augen der meisten Schüler heutzutage war die DDR ein demokratischer und sehr sozialer Staat mit herausragenden Politikern wie Willy Brandt. Es wird nicht mehr lange dauern, und Politiker der Linkspartei werden nicht mehr auf Widerspruch stoßen, wenn sie diesen Teil des Landes als das “bessere Deutschland” propagieren, und niemand, der das schon in den Siebzigern und Achtzigern so gehalten hat, muss dann heute noch so tun, als sei er inzwischen den “Men In Black” begegnet.

Kein Wunder, wenn man sich überlegt, welcher Aufwand veranstaltet werden muss, damit vom Tausendjährigen Reich nicht nur die Autobahnen und die Beseitigung der Arbeitslosigkeit übrig bleiben (wenn man Glück hat).

Man hätte vielleicht ein Stückchen “innerdeutscher Grenze” stehen lassen sollen. Ich kenne da einen Höhenzug im Harz, da würde das auch niemanden stören, aber die menschenverachtende Perversion des Denkens dahinter wurde, das konnte ich selbst erleben, an dieser Stelle mindestens genau so gut sichtbar wie auf den Aussichtstürmen nahe der Berliner Mauer.

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10 Kommentare zu “Die Zeit heilt alle Wunden”

  1. 25.07.2008 | 18:57

    Wen wundert es denn, dass Jugendliche keine Ahnung haben, was in der DDR so los war? Ich erinnere an diese unsäglichen “Ostalgie”-Wellen und die vielen das DDR-Regime verharmlosenden Filme. “Das Leben der Anderen” war der erste wirklich bekannte Film, der sich kritisch mit dem SED- und Stasi-Staat auseinander setzte.

    Richtig ist, dass zu wenig Aufklärung betrieben wird. Es reicht nicht, nur über das Dritte Reich zu informieren – zusätzlich muss über die neuere deutsche Geschichte in der Schule unterrichtet werden. Wir brauchen mehr und besseren Geschichtsunterricht.

  2. Thomas Wolf
    25.07.2008 | 20:16

    Dass Jugendliche bei elementarsten Bildungsinhalten mitunter erschreckende Schwächen haben (und zwar keineswegs nur im Fach Geschichte), vermag niemanden zu wundern, der schon einmal leibhaftige Schüler, Abiturienten oder Studenten in einer unterrichtsähnlichen Situation erleben durfte.
    Brisant sind im hier diskutierten Fall natürlich die politischen Implikationen.

    Was wäre nun zu tun, um Abhilfe zu schaffen? Schulische Aufklärung betreiben etwa? Aber auf gar keinen Fall!

    [D]ie CDU hatte den Antrag gestellt, die DDR-Geschichte stärker in die Rahmenrichtlinien für den Unterricht zu integrieren. Dagegen wandte sich [der Berliner Geschichtsprofessor Bodo von] Borries: Denn so würde man Schüler eventuell in “Konflikte mit ihren Familien treiben”.

    http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,567907-2,00.html

    Falls SPON den guten Professor richtig zitiert hat (das ist ja so selbstverständlich nicht), dann wäre diese Aussage schon atemberaubend. Vielleicht sollte man in Landkreisen mit viel NPD-Wählerschaft im Geschichtsunterricht lieber auf die Behandlung der Nazizeit verzichten? Man will ja die Kinder nicht “in Konflikte mit ihren Familien treiben”. Neinneinnein.

  3. 25.07.2008 | 20:35

    @Thomas Wolf

    Diesen Absatz halte ich auch für atemberaubend.

    Auf einer Meta-Ebene muss man wohl mittlerweile konstatieren, dass sich die dunkelrote Berliner Koalition eine Welt zurechtbastelt, wie sie ihr gefällt. Missliebige Staatsanwälte werden versetzt, missliebige Bürgermeister aus Anhörungen ausgeladen und missliebige Gutachten durch so kluge Menschen wie den Herrn Professor Borries diskreditiert.

    Wenn die Welt nicht zum Bild der Ideologen passen will, kann man vielleicht die Welt etwas kosmetisch verschönern. Der Berliner Senat ist eine politische Brigitte Nielsen.

  4. 25.07.2008 | 21:08

    Das ganze Unwissen wundert mich nicht. Ich, Abiturjahrgang 1997 in Ba-Wü, bin gänzlich ohne DDR-Geschichte (abseits der Ost-Verträge) in die Welt entlassen worden.

    SPON befragte übrigens in seinem Artikel hierzu den Hamburger Geschichtsprofessor Bodo von Borries:
    “Der mangelhafte Wissensstand der Schüler sei zwar völlig richtig beschrieben, so Borries – es sei aber ein alter Hut, dass Schüler zu wenig über alle möglichen geschichtlichen Themen wüssten. Aus seiner Sicht gehört die Geschichte der DDR auch nicht zu den drei wichtigsten Themen für den Geschichtsunterricht, “eher zu den 15 bis 20 wichtigsten”.”

    Also ich weiß ja nicht, was an Geschichte für deutsche Schüler sonst wirklich wichtig sein sollte, wenn nicht die zwei deutschen Diktaturen und der Weg in das heutige Deutschland?!

  5. 25.07.2008 | 21:47
  6. 25.07.2008 | 21:55

    Gut recherchiert, Christian.

    Die Initialen des Herrn qualifizieren aber doch eigentlich eher für Schwarz-Gelbes.

  7. Boris Eichler
    25.07.2008 | 22:12

    Der Film „Der Rote Kakadu“ zeigt Samstag abend bei Pro7 junge Menschen im Dresden von 1961, kurz vor dem Mauerbau, und wie sie nichts anderes wollen, als Freiheit auszuloten und zu genießen. Übrigens auch die Freiheit, sich durch marktwirtschaftliches Agieren die Mittel dafür zu beschaffen. Das führte in der DDR systembedingt unmittelbar in den Schwarzmarkt. Und nebenbei ist „Der Rote Kakadu“ auch ein schöner Liebesfilm, der nicht verschweigt: Die einzige real existierende Freiheit in der DDR war die sexuelle Freiheit. Wenn man sich die jüngst veröffentlichte Studie zu den nicht vorhandenen Kenntnissen junger Leute über die DDR anschaut, möchte man meinen: Schülern nur diesen einen Film vorzuführen, mit anschließender Diskussion, dabei ein Zeitzeuge zu Gast – das müsste hundert Mal effektiver sein als alle Geschichtsstunden bisheriger Machart in Brandenburg oder Berlin.
    http://www.fnst-freiheit.org/webcom/show_article.php/_c-449/_nr-1231/_p-1/i.html

  8. 26.07.2008 | 1:02

    Man treibt die Schüler nicht in Konflikt mit ihren Familien. Der Frühstückstisch, die Freunde (und deren Frühstückstische), der Onkel, der Leiter der Jugendgruppe und vor allem die Medien, die “im Vorbeigehen” konsumiert werden, sind in politischen Fragen erheblich wichtiger als die Schule. Diese wird nur als Ort der Vermittlung von Fakten (und eben nicht als Ort der Charakter- und Meinungsbildung) gesehen. Welche Schlüsse aus diesen Fakten gezogen werden, das liegt eben mehr an dieser “aktiven Umwelt”. Die wenigen Schüler, die in ihren Einschätzungen der Schule und nicht der Umwelt zuneigen, sind die, die ihre “aktiven Umwelt” im Wesentlichen bei der Schule und den Lehrern finden.
    Das gilt für die Glorifizierung der DDR ebenso wie für die scheinbar von Argumenten unterfütterte Überzeugung, dass “die Ausländer” an allem Schuld tragen

  9. ftt
    26.07.2008 | 13:02

    Ich muss sagen, dass ich schockiert bin.

    Zur Ostalgie- bzw. Verharmlosungswelle kann ich mich erinnern, dass vor einigen Jahren vor einem Zweitligaspiel eines Ostclubs bei einem Verein aus dem Westen die Stadionordner des Westens dafür gesorgt hatten, dass die vielfach aufgehängten DDR-Zaunfahnen entfernt werden mussten. Bezeichnend war nun, dass der DSF-Kommentator sich über diese vermeintliche Kleinlichkeit mokiert hat.

  10. karaleva
    30.07.2008 | 10:58

    Herr von Borries wurde weitgehend falsch zitiert und missverstanden. Wer seine Expertise zu den Studien gelesen hat, dem wird sehr schnell klar, dass er ihnen statistische Ungenauigkeit vorwirft. Die Ergebnisse zu denen beide Studien, die er im Auftrag von Zöllner vergleichen sollte, kommen, lassen sich seiner Meinung nach nicht aus dem statistischen Material, das die Autoren vorlegen ableiten. Und ist euch aufgefallen, dass er auf SPON nie mit einem einzigen ganzen Satz zitiert wird? Hier der Link zur Studie zum Selberlesen: http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/politische_bildung/kenntnisse_ddr_geschichte.pdf

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