Der Durchschnittsökonom

Im Prinzip kann ich Rayson in seiner Einschätzung nur zustimmen, Paul Krugman bliebe ein ausgezeichneter Ökonom. Doch was hilft es, wenn die politische Agenda diese Eigenschaft zu einer Karikatur ihrer selbst macht. So äußert sich Krugman in dem o.g. Interview zur Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten und Frankreich:

In Amerika denkt man, der europäische Arbeitsmarkt sei schwach. Dabei hat der Durchschnittsfranzose statistisch genauso wahrscheinlich einen Job wie ein Amerikaner.

Sicherlich wird sich die Beschäftigungswahrscheinlichkeit eines durchschnittlich ausgebildeten Franzosen durchschnittlichen Alters nicht so sehr von seinem durchschnittlichen amerikanischen Zeitgenossen unterscheiden. Schließlich haben es nicht so sehr die durchschnittlich ausgebildeten Arbeitskräfte jüngeren bis mittleren Alters schwer am Arbeitsmarkt, sondern eher ihre Landsleute mit unterdurchschnittlicher Ausbildung und überdurchschnittlichem Alter. Genau diese Gruppen der Arbeitkräfte sind es jedoch, die in Europa aufgrund der Arbeitsmarktregulierung deutlich schlechtere Karten als ihre amerikanischen Kollegen haben. Anders lässt sich die Diskrepanz zwischen Krugmans Feststellung und des doch erheblichen Unterschied in der Arbeitslosenquote zwischen Frankreich (8,3%) und den USA (4,6%) kaum erklären.

Da Krugman in seinem Wahlkampf jedoch offenbar den Medianwähler anspricht, dessen politische Präferenzen entsprechend der individuellen Betroffenheit etwa in der Mitte des Spektrums sozialer Problemwahrnehmung angesiedelt sind, scheinen ihn die Problemfälle, die den Unterschied des französischen (europäischen) und amerikanischen Arbeitsmarktes im Wesentlichen ausmachen, offenbar wenig zu stören. So wie der Durchschnittsarbeiter in Frankreich und den USA einen Job bekommen dürfte, schaffen es auch Ökonomen dies und jenseits des Atlantik mit durchschnittlich eleganten semantischen Tricks ihren politischen Präferenzen in der Presse wirksam Ausdruck zu verleihen.

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7 Kommentare zu “Der Durchschnittsökonom”

  1. 7.07.2008 | 21:16

    Krugmans Aussage ist schlicht falsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Franzose erwerbstätig ist, beträgt 64,3 Prozent. Bei einem Deutschen sind es 70,1 Prozent und bei einem Amerikaner 74,6 Prozent (Quelle). Der europäische Arbeitsmarkt (Die Erwerbstätigenquote der EU-19 ist 66,8 Prozent) IST schwach, verglichen mit den USA, erst recht wenn man bedenkt, wie viele Zuwanderer in den US-Arbeitsmarkt integriert werden konnten.

  2. 7.07.2008 | 21:24

    Die Betrachtung des Medians steht der ökonomischen Sichtweise, die sich immer um die Ränder (marginal products, marginal rate, marginal,…) kümmert entgegen.

  3. 7.07.2008 | 21:44

    @Holger:

    Danke für die Klärung. Ich hatte schlichtweg keine Zeit mehr zu recherchieren, so dass ich die Aussage erstmal akzeptierte. Allerdings sind die von dir genannten Daten ja auch gemittelt, zumindest über die Qualifikation. Selbst wenn man aber von einer gleichen Beschäftigungswahrscheinlichkeit des Durchschnittsbürgers im Bezug auf die Altersgruppe und Qualifikation ausgegangen wäre, hätte man Krugmans Ansicht bestenfalls zynisch nennen können.

    @Dirk:

    Das stimmt. Natürlich versucht Krugman den Grenzwähler seiner politischen Position zu beeinflussen. Dieser lässt sich aber eben nur durch ein Argument beeinflussen, dass er selbst nicht so einfach, d.h. ohne Aufwand nachprüfen kann. Und Krugman muss natürlich aufpassen, dass er mit seiner Aussage nicht völlig daneben liegt. Ich halte es nicht für völlig ausgeschlossen, dass der durchschnittlich gebildete Franzose mit durchschnittlichem Alter mit nahezu gleicher Wahrscheinlichkeit einen Job hat. Aber mit solchen Statements weicht Krugman schlichtweg dem Problem aus und holt damit den größten Teil der nicht Betroffenen auf seine Seite. Das ist jedenfalls meine Interpretation…

  4. 7.07.2008 | 22:19

    Für diejenigen die diese Argumentation noch nicht kennen:

    Das liegt doch nur daran, dass so viele Amerikaner im Gefängnis sitzen! Die kommen nicht in die Arbeitslosenstatistik! ;)

  5. FG
    8.07.2008 | 10:30

    @ Holger

    Woraus liest Du die Zahl 74,6 % ab? Ich kann die nicht finden.

    Im übrigen ist es wirklich nicht ganz sauber, die OECD Zahlen so absolut zu vergleichen, da es sich zum Teil um unterschiedliche Erhebungsmethodiken und unterschiedliche definitionen handelt. Ein kurzer Blick in die Metadaten zeigt z.B., dass in Deutschland die Personen ab einem Alter von 15 Jahren betrachtet werden, während es in den USA bei 16 Jahren losgeht. In den USA werden Bewohner von Altersheimen nicht berücksichtigt, während sie in Deutschland dabei sind.

    Ich kann jetzt auch nicht sagen, ob Krugman recht hat oder nicht, aber auch die seriöse OECD-Quelle bedarf einer kritischen Würdigung. Der internationale Vergleich von derartigen Daten birgt immer eine Reihe von Fußangeln.

  6. 8.07.2008 | 21:27

    @SteffenH
    Nun, Krugman schrieb ja von Durchschnittsfranzosen und -amerikanern. Insofern erscheint mir die Betrachtung des Durchschnitts adäquat. Daten nach Qualifikationsniveau gibt es hier

  7. 8.07.2008 | 21:30

    @FG
    In meinem Link werden nur Männer und Frauen getrennt ausgewiesen. Die Anteile für Männer und Frauen gemeinsam muss man sich mit dem Applet selbst zusammenklicken. Das funktioniert mit Javascript, so dass man leider keine Links auf die fertigen Tabellen hat.

    Die Daten basieren natürlich auf unterschiedlichen Erhebungsmethoden, sind aber durchaus ganz gut vergleichbar. Es gibt internationale Standards.

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