24. Juni 2008
Anmaßung von Wissen
Manchmal können einen die Kollegen echt nerven. Etwa wenn Herr Bräuninger vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut für die Tagesschau orakelt:
tagesschau.de: Ist Spekulation auch dafür gut, um Zukunftsentwicklungen in den Preis mit aufzunehmen und uns vor abrupten Entwicklungen zu schützen?
Bräuninger: Das ist in einem gewissen Maß richtig. Manchmal kippt es dann und die Spekulation führt zu den abrupten Entwicklungen, wenn sie übertrieben ist. Im Augenblick sind wir sicher im Bereich der spekulativen Übertreibung, und das ist schädlich.
Genau das, was die Presse hören will. Der Mann entscheidet ganz spontan vor dem Mikrofon, wann positive Spekulation aufhört und negative Spekulation beginnt. Offenbar befinden sich einige Wissenschaftler bereits in der Zukunft, wissen das alles nicht so schlimm war und schauen besorgt auf unsere heutigen Überreaktionen zurück. Wenn er sich also so sicher ist, dass an der Börse alle übertreiben, warum spekuliert er nicht mit seinem ganzen Vermögen auf billigere Ölpreise in der Zukunft.
Viel entspannter erscheint dagegen sein Kollege vom Kieler Weltwirtschaftsinstitut:
tagesschau.de: Welchen Anteil haben Spekulanten am Preisauftrieb?
Gern: Der Begriff “Spekulant” ist unglücklich. Finanzinvestoren ermöglichen es, dass Zukunftserwartungen bereits heute in den Preisen zu sehen sind. Sie zeigen uns, dass das Öl knapp wird. Dadurch können wir schon heute unser Verhalten ändern. Ohne solche Zukunftserwartungen würde möglicherweise nur von heute auf morgen gehandelt. Der Ölpreis wäre vielleicht niedriger, aber wir würden kein Gefühl dafür bekommen, dass das Öl zur Neige geht. Und wenn dann das Öl knapp wird, steigt der Preis auf einmal sprunghaft an. Dann muss das Öl möglicherweise rationiert werden und ist nicht mehr für jeden Preis zu haben.
Positiv gewendet kann es sein, dass der hohe Ölpreis einen Technologieschub auslöst. Vielleicht haben wir in einigen Jahren Technologien, die den Ölverbrauch drastisch verringern werden. Dann würde der Ölpreis sofort sinken – selbst, wenn die Technologien noch nicht zur Hand sind. Allein die Erwartung eines sinkenden Verbrauchs würde die Preise drücken. Es ist nicht zwangsläufig, dass Spekulanten nur preistreibend wirken.
Der beschränkt sich ganz einfach auf eine Erläuterung der Funktion und Effekte von Spekulationen, ohne sich mit willkürlichen Wertungen aus dem Fenster zu lehnen.
Siehe auch: Econ 101 für G8-Finanzminister
Update: Statler richtet unseren Blick auf Paul Krugmans und Alan Reynolds Einschätzung, dass die Ölpreise nichts mit Spekulation zu tun haben. Ich sehe das ähnlich, obgleich eine Lagerung des Öls nicht nur in Tanklagern, sondern am einfachsten in der Rohstoffquelle zu bewerkstelligen ist. Hohe Preiserwartungen für die Zukunft können daher von den Ölproduzenten mit einer relativen Förderenthaltung antizipiert werden.
Verfasst von SteffenH um 10:20 Uhr in der Kategorie Rochus, Steckenpferde der Autoren, Wirtschaft (Trackback)
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