Anmaßung von Wissen

Manchmal können einen die Kollegen echt nerven. Etwa wenn Herr Bräuninger vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut für die Tagesschau orakelt:

tagesschau.de: Ist Spekulation auch dafür gut, um Zukunftsentwicklungen in den Preis mit aufzunehmen und uns vor abrupten Entwicklungen zu schützen?

Bräuninger: Das ist in einem gewissen Maß richtig. Manchmal kippt es dann und die Spekulation führt zu den abrupten Entwicklungen, wenn sie übertrieben ist. Im Augenblick sind wir sicher im Bereich der spekulativen Übertreibung, und das ist schädlich.

Genau das, was die Presse hören will. Der Mann entscheidet ganz spontan vor dem Mikrofon, wann positive Spekulation aufhört und negative Spekulation beginnt. Offenbar befinden sich einige Wissenschaftler bereits in der Zukunft, wissen das alles nicht so schlimm war und schauen besorgt auf unsere heutigen Überreaktionen zurück. Wenn er sich also so sicher ist, dass an der Börse alle übertreiben, warum spekuliert er nicht mit seinem ganzen Vermögen auf billigere Ölpreise in der Zukunft.

Viel entspannter erscheint dagegen sein Kollege vom Kieler Weltwirtschaftsinstitut:

tagesschau.de: Welchen Anteil haben Spekulanten am Preisauftrieb?

Gern: Der Begriff “Spekulant” ist unglücklich. Finanzinvestoren ermöglichen es, dass Zukunftserwartungen bereits heute in den Preisen zu sehen sind. Sie zeigen uns, dass das Öl knapp wird. Dadurch können wir schon heute unser Verhalten ändern. Ohne solche Zukunftserwartungen würde möglicherweise nur von heute auf morgen gehandelt. Der Ölpreis wäre vielleicht niedriger, aber wir würden kein Gefühl dafür bekommen, dass das Öl zur Neige geht. Und wenn dann das Öl knapp wird, steigt der Preis auf einmal sprunghaft an. Dann muss das Öl möglicherweise rationiert werden und ist nicht mehr für jeden Preis zu haben.

Positiv gewendet kann es sein, dass der hohe Ölpreis einen Technologieschub auslöst. Vielleicht haben wir in einigen Jahren Technologien, die den Ölverbrauch drastisch verringern werden. Dann würde der Ölpreis sofort sinken – selbst, wenn die Technologien noch nicht zur Hand sind. Allein die Erwartung eines sinkenden Verbrauchs würde die Preise drücken. Es ist nicht zwangsläufig, dass Spekulanten nur preistreibend wirken.

Der beschränkt sich ganz einfach auf eine Erläuterung der Funktion und Effekte von Spekulationen, ohne sich mit willkürlichen Wertungen aus dem Fenster zu lehnen.

Siehe auch: Econ 101 für G8-Finanzminister

Update: Statler richtet unseren Blick auf Paul Krugmans und Alan Reynolds Einschätzung, dass die Ölpreise nichts mit Spekulation zu tun haben. Ich sehe das ähnlich, obgleich eine Lagerung des Öls nicht nur in Tanklagern, sondern am einfachsten in der Rohstoffquelle zu bewerkstelligen ist. Hohe Preiserwartungen für die Zukunft können daher von den Ölproduzenten mit einer relativen Förderenthaltung antizipiert werden.

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5 Kommentare zu “Anmaßung von Wissen”

  1. 24.06.2008 | 11:09

    Ich verstehe nicht, wie dei Spekulation den heutigen Preis beeinflussen kann. Zunächst beeinflusst Spekulation den Terminpreis und – okay – Öl kann dann heuet gekauft, gelagert und morgen zum teureren Terminpreis verkauft werden. Man müsste also ein Anstieg der Öllager erkennen. Und entsprechend einen Preisverfall, wenn die se aufgelöst werden. Spekulanten trinken das Öl ja nicht, sie sorgen für einen Anstieg von Angebot und Nachfrage gleichermaßen. Aber okay, ich sehe ein, dass dies, Lagern sei Dank, zu unterschiedlichen Zeitpunkten passieren kann.

    Ganz und gar nicht verstehe ich den unterstellten Zusammenhang jedoch bei Agrarprodukten. Weizen, etwa, kann ja nicht lange kostengünstig gelagert werden. Wie soll denn da eine Zukunftserwartung oder Spekulation im allgemeinen zu einem Anstieg des heutigen Preisniveaus führen? Wenn irgendwelche Derivate auf zukünftige Preise gehandelt werden ist das erstmal folgenlos für den heutigen Preis.

  2. 24.06.2008 | 11:38

    @Dirk:

    Man kann Öl aus der Erde pumpen und in Lagern zwischenspeichern oder man kann das Öl in der Erde lasse und es dort lagern. Wenn also Spekulanten heute bereits riesige Ölmengen für den zukünftigen Verbrauch kaufen, dann reichen dazu finanzielle Kontrakte mit entsprechenden Verträgen (Futures), die wiederum die Erdölförderer dazu bewegen ihr Öl in den Lagerstätten zu lassen. Also kann eine Spekulation sehr wohl die heutige Angebotsmenge beeinflussen, auch wenn es nicht zu einer erheblichen Ausweitung der Lagerung in Öltanks kommt.

    Was das Getreide betrifft, so bestimmen Zukunftskontrakte über das was heute für das nächste Jahr angebaut wird, wie, wann welche landwirtschaftlichen Flächen genutzt werden. Das hat dann Einfluß auf die aktuelle Angebotsmenge, ohne dass Getreide tatsächlich über lange Zeiträume gelagert werden muss.

  3. 24.06.2008 | 12:02

    Was das Öl angeht, okay. Aber nur weil es gelagert wird (entweder in Öltanks oder im Sand). D.h., wenn man den Preisanstieg mit Spekulation erklären möchte, muss man zeigen, dass entweder die Öltanks voller werden oder aber, dass die Ölförderung gedrosselt wurde (Lagerung unter dem Sand).

    Zum Getreide. Sagen wir der Futurepreis mit Laufzeit 1 Jahr für Getreide liegt 20 Prozent über dem derzeitigen Marktpreis. In wieweit beeinflusst das die heutige Angebotsmenge? Doch wohl kaum oder?

  4. Cologne
    26.06.2008 | 2:45

    “From November 2000 to November 2001, the volume of crude oil futures contracts in New York rose from 2.8 million to 3.2 million – even as the price of crude fell from $34 to $20″

    Daraus schließe ich, dass die Anzahl der gehandelten Futures keinen Einfluss auf den Ölpreis hat und Spiegel&Co mal wieder nur Sch** reden. Nicht war?

  5. 26.06.2008 | 20:35

    Nur ein Bruchteil der gehandelten Kontrakte ist durch reale Produktion unterlegt. Es handelt sich ganz überwiegend um reine Kompensationsgeschäfte. Wer einen Call auf Weizen kauft, will ja nicht eine Tonne Getreide in den Vorgarten gestellt bekommen, sondern den Preisunterschied zum Marktpreis kompensiert haben. Effizient ist das trotzdem.

    Im Übrigen beeinflussen die vor 3 Monaten gekauften 3-Monats-Futures die heutige Marktlage ganz direkt. Und natürlich kann Spekulation genauso mit fallenden Preisen zusammenhängen.

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