Politisches Nichtwissen: Rational und teuer

Wählen zu gehen, ist eigentlich irrational. Bei einer großen Zahl von Wählern, wie sie zumindest bei Wahlen zu Land- und Bundestag sicher gegeben ist, hat die einzelne Stimme keine Auswirkungen auf das Gesamtergebnis. Warum also sollte jemand Zeit und Mühe dafür aufwenden, seine Stimme abzugeben?

Allerdings sind heutzutage Zeitaufwand und sonstige Mühen relativ gering, so dass schon ein vielleicht ein wenig zu hoch eingeschätzter Erwartungswert des Einbringens der eigenen Präferenzen den Wahlakt lohnenswert erscheinen lässt, oder auch ein Zusatznutzen, z.B. sich der Welt als verantwortungsbewusster Staatsbürger zu präsentieren.

Wirklich irrational hingegen dürfte das Verhalten sein, dass in Sonntags- und Präsidentenreden stets eingefordert wird, nämlich sich vor der Stimmabgabe intensiv zu informieren über die Alternativen, die da zur Wahl stehen. Das kostet sicher Zeit und womöglich auch Geld, und manchem mag es zudem noch als zu kompliziert erscheinen. Der eigene Nutzen steigt durch die zusätzlich gewonnenen Informationen aber nicht, denn die eigene Stimme bleibt so einflusslos wie vorher auch. Dass wir bei politischen Umfragen, ob als veröffentlichtes abstraktes Ergebnis oder leibhaftig in Form “vorgeführter” Interviewter, einem so großen Ausmaß an erschütterndem Unwissen begegnen, ist also nicht das Resultat von Faul- oder Dummheit, sondern von rationalem Verhalten. Daneben gibt es natürlich auch eine Anzahl politisch sehr gut informierter Menschen, worunter wir dann nicht nur Leute mit einem seltsamen Hobby, sondern vor allem auch jene erwarten können, die ihr politisches Wissen beruflich verwerten können, für die sich eine Suche nach mehr Informationen also auch wirklich lohnt.

Nun hat das die Ökonomen, die sich mit den Mechanismen von Politik beschäftigen, eigentlich nicht besonders beunruhigt, denn sie nehmen an, dass die Einstellungen der Uninformierten zufällig um die Einstellungen der Informierten herum verteilt sind, sich bei einer hinreichend großen Zahl also praktisch gegenseitig neutralisieren, so dass am Ende die zielgerichteten Entscheidungen der Informierten den Ausschlag geben. Die Vernunft setzt sich also am Ende trotzdem durch, die Welt ist in Ordnung.

Bryan Caplan, auch als Blogger bei EconLog bekannter Ökonom an der George Mason University in Virginia (USA), hält diese Annahme für falsch. In seinem Buch “The Myth of the Rational Voter” räumt er mit zwei bislang ex- oder implizit als gegeben angenommenen Meinungen auf:

Die Wähler entscheiden nach ihrem direkten individiellen Nutzen, also z.B. danach, wer ihnen direkt nach der Wahl mehr Steuersenkungen verspricht.

Caplan sagt, gerade weil die eigene Stimme praktisch überhaupt keinen Einfluss auf das Ergebnis hat, brauchen sich die Wähler gar nicht darum zu kümmern, welche Folgen eine von ihnen als sympathisch empfundene grundsätzliche, “ideologische” Einstellung auf ihr persönliches Wohlergehen hat. Beispiel: So könnte jemand, dem eine qualifizierte Berufsausbildung fehlt, große Sympathien für Rezepte der Linkspartei empfinden, wie z.B. die Einführung von hohen Mindestlöhnen, obwohl er dadurch seine eigenen Jobchancen erheblich verringern würde. Oder ein Unternehmer entscheidet sich für eine Partei, die Freihandel propagiert, obwohl er selbst viel mehr von protektionistischen Maßnahmen profitierte.

Das Risiko von ideologischen Irrtümern geht wegen der Bedeutungslosigkeit der eigenen Stimme gegen Null. Man kann sich bei der Wahl also z.B. an ganz anderen Dingen orientieren wie z.B. der eigenen Stellung in einer Gruppe oder eine die eigenen Emotionen am geschicktesten ansprechende Rhetorik bevorzugen.

Bei Marktentscheidungen ist das anders. Zwar steht es natürlich auch in Märkten jedem frei, seine Entscheidungen auf Ahnungslosigkeit oder falschen Vorstellungen basieren zu lassen, nur wird er nicht umhin können, die Folgen seiner Entscheidungen auch alleine zu tragen. Zum Beispiel mag sich jemand für eine bestimmte Automarke entscheiden, weil er die Modelle dieses Herstellers besonders ästhetisch findet oder weil er darauf erpicht ist, von einem Markenimage zu profitieren; wir dürfen aber annehmen, dass eine hohe Reparaturanfälligkeit des gewählten Fahrzeugs nicht ohne Einfluss auf seine zukünftigen Entscheidungen bleiben würde.


Die Irrtümer der uninformierten Wähler sind zufällig verteilt.

Caplan nutzt eine Untersuchung aus dem Jahr 1996, um das Gegenteil zu belegen. Dabei handelt es sich um das “Survey of Americans and Economists on the Economy” (“SAEE”), in dem die Antworten auf politisch relevante ökonomische Fragestellungen von 1.510 zufällig ausgewählten Amerikanern mit denen von 250 Ökonomen verglichen wurden. Dass sich Caplan ausgerechnet die Ökonomie ausgesucht hat, mag mit seiner persönlichen Betroffenheit zusammenhängen oder damit, dass diese Stelle eben gut beleuchtet war, aber es lässt sich nicht leugnen, dass sich politische Parteien auch gerade durch ihre wirtschaftlichen Programmpunkte voneinander unterscheiden, ökonomische Fragen also eine hervorgehobene Rolle im politischen Geschehen einnehmen.

Was die betreffende Untersuchung besonders geeignet erscheinen lässt, ist, dass zusätzlich zu den Antworten auf Fragen wie z.B. “Sind die Steuern zu hoch?”, “Gibt es zu viele Einwanderer?” oder “Greift die Regierung zu stark ins Wirtschaftsgeschehen ein?” auch Kontrollvariablen abgefragt wurden wie z.B. realisierte und erwartete Entwicklung des persönlichen Einkommens, politische Einstellung, Bildungsabschluss, Geschlecht und subjektiv empfundene Jobsicherheit. Diese Variablen nutzt Caplan, um eine “erleuchtete Öffentlichkeit” zu konstruieren, also eine Öffentlichkeit, die sich nur in zwei Variablen von der gegebenen unterscheidet, nämlich im Bildungsniveau allgemein und speziell in Ökonomie. Es stellte sich heraus, dass diese “erleuchtete Öffentlichkeit” grundsätzlich mit ihren Antworten näher bei den befragten Ökonomen als beim allgemeinen Durchschnitt lag. Nur 20% der Meinungsabweichungen zwischen allgemeiner Öffentlichkeit und Ökonomen konnten auf andere Variablen als auf das Ausmaß allgemeiner und wirtschaftlicher Bildung zurückgeführt werden.

Wertet man die SAEE-Ergebnisse vor diesem Hintergrund aus, dann ist die Uninformiertheit im gegebenen Fall für vier sehr systematische, also keineswegs zufällige, Verzerrungen verwantwortlich:

  1. Antimarkt (“antimarket bias”): Die Wirksamkeit des Marktmechanismus wird tendenziell unterschätzt.
  2. Antifremdheit (“antiforeign bias”): Der wirtschaftliche Nutzen aus der Interaktion mit Fremden (Ausländern) wird tendenziell unterschätzt (Freihandel, Einwanderung).
  3. Arbeitsplatzerhaltung (“make-work bias”): Der wirtschaftliche Nutzen aus der Einsparung menschlicher Arbeit wird tendenziell unterschätzt.
  4. Pessimismus (“pessimistic bias”): Die Ernsthaftigkeit wirtschaftlicher Probleme wird über-, die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterschätzt.

Wir haben es hier also mit einer sehr konkreten Form von “Demokratieversagen” zu tun: Das aufgrund des konkreten Entscheidungsverfahrens rationale Nichtwissen führt eben doch dazu, dass der Nutzen für alle geringer ist. Dieser Effekt wird zwar etwas dadurch gemildert, dass Politiker auch befürchten müssen, für eine insgesamt miese wirtschaftliche Bilanz ihrer Regierungszeit verantwortlich gemacht und deswegen abgewählt zu werden, so dass sie versuchen, sich zwischen den Erwartungen ihrer Wählerschaft und den aus ihrer eigenen Sicht als notwendig angesehenen Maßnahmen hindurchzulavieren (wem fällt da nicht die SPD ein?), aber er existiert.

Und er hat auch Auswirkungen auf die Ökonomie selbst. Wirtschaftswissenschaftler gehen, wenn sie den optimalen Mix von Staat und Markt versuchen zu ermitteln, von einem zu optimistischen Demokratiebild aus. Systematische Verzerrungen der beschriebenen Art sind dort bislang nicht eingebaut, sie liefern also eine weitere Begründung dafür, Staatsaktivitäten zugunten von Marktentscheidungen zurückzufahren. In seiner Ablehnung des “Demokratiefundamentalismus”, den Caplan dem gerne (und fälschlich) bei Ökonomen diagnostizierten “Marktfundamentalismus” gegenüberstellt, ist ihm recht zu geben. Demokratie ist der beste aller schlechten Wege, Kollektiventscheidungen zu treffen, aber dieser Mechanismus ist offenbar kein Ideal, das auf möglichst viele Bereiche auszudehnen wäre.

Welche Schlussfolgerungen wären für die Demokratie zu ziehen? Caplan diskutiert verschiedene Wege, angefangen von einer Art “Führerschein für Wähler” bis hin zu einem nach Bildung gestaffelten Mehrstimmrecht. So richtig zu überzeugen vermag mich das nicht. Vielleicht schafft man es ja auch ohne solche Schmankerl, mehr Bildung zu einem zentralen politischen Thema zu machen und auch mehr Ressourcen dafür zu mobilisieren. Caplans Analyse bringt dafür eine weitere wichtige Begründung: Mehr Bildung erhöht nicht nur das individuelle Wohl, sondern auch das kollektive.

Vielleicht würde auch eine konsequentere Orientierung am Subsidiaritätsprinzip die Situation verbessern. Die Folgenlosigkeit der eigenen ideologischen Verblendung ist am ehesten in größeren politischen Einheiten anzutreffen. Je größer die Übereinstimmung zwischen denen ist, die über ein Kollektivgut entscheiden, und jenen, die Kosten und Nutzen dieses Guts unmittelbar zu spüren bekommen, um so mehr ähnelt das Verfahren einer Entscheidung am Markt. Aber machen wir uns keine Hoffnungen, dass je eine Föderalismusreform das aus “unpolitischer” Sicht ideale aktuelle Kuddelmuddel beseitigen könnte. Wie auch sonst die Libertären nicht zu Unrecht darauf hinzuweisen pflegen, dass man von den Leuten, die für das aktuelle System verantwortlich sind und von ihm profitieren, nicht erwarten kann, daran aufgrund solcher Argumente wie der Caplans etwas zu ändern.

Das Buch “The Myth of the Rational Voter: Why Democracies Choose Bad Policies” (bald auch als Taschenbuch) ist übrigens meiner Meinung ungeachtet, wie man zu den Thesen Caplans steht, eine zu empfehlende Lektüre. Der Stil des Autors ist sehr angenehm und wenig evangelistisch. Er versucht, Gegenargumente selbst aufzugreifen und ausführlich zu behandeln. Und nebenbei erfährt man eine Menge darüber, wie Ökonomen zu unterschiedlichen politischen Fragestellungen denken, und wie gering die Meinungsunterschiede innerhalb der Profession im Grunde sind, wenn man sie mit den Übereinstimmungen vergleicht.

Auch Bastiat wird übrigens von Caplan gerne zitiert…

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24 Kommentare zu “Politisches Nichtwissen: Rational und teuer”

  1. 23.06.2008 | 14:25

    Schade, dass es noch keine deutsche Übersetzung gibt.

  2. 23.06.2008 | 15:29

    Eine sehr schöne Zusammenfassung des Buches. Ich denke Bryan Caplans Buch ist mit das beste was zur Frage der politischen Ökonomie in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen ist. Wirklich schade, dass es keine deutsche Ausgabe gibt und wohl auch nicht geben wird. Andererseits empfehle ich den deutschen Interessenten etwas mehr Mut, auch mal ein englischsprachiges Buch in die Hand zu nehmen.

  3. 23.06.2008 | 15:35

    @SteffenH

    Kann dein Institut mit seinem sicher mächtigen Budget nicht mal eine Übersetzung finanzieren? So für mutlose deutsche Inrteressenten? ;-)

  4. 23.06.2008 | 15:53

    Ich würde sofort damit anfangen, wenn Geld da wäre. Leider sind deutsche Liberale alles andere als spendierfreudig. Ich hab Bryan mal gefragt, ob überhaupt eine Übersetzung geplant ist. Allein die gesponsorte Übersetzung von guten englischsprachigen Büchern wäre schon ein lohnenswertes Unterfangen für unseren Laden. ;-) Also wer sich gern an der Finanzierung von Übersetzungsprojekten beteiligen möchte, kann sich gern beim IUF melden.

  5. 23.06.2008 | 16:01

    Bei einer großen Zahl von Wählern, wie sie zumindest bei Wahlen zu Land- und Bundestag sicher gegeben ist, hat die einzelne Stimme keine Auswirkungen auf das Gesamtergebnis.
    Das ist eine seltsame Behauptung. Wahlen gehen immer knapper aus, in Hessen betrug der Abstand zwischen SPD und CDU nur einige tausend Stimmen – also nicht der Rede wert. (Bei der letzten Bundestagswahl war es nicht viel anders.) Gerade in Zeiten, in denen Wahlen immer knapper ausgehen, wird es immer lohnenswerter und auch wichtiger, seine Stimme abzugeben.

    Von einem wie auch immer gearteten Mehrheitswahlrecht halte ich überhaupt nichts. “One man, one vote.” Die einfachste Sache der Welt, daran etwas zu ändern besteht überhaupt kein Anlass.

  6. 23.06.2008 | 16:17

    Das ist eine seltsame Behauptung.

    Selbst bei “nur” tausend Stimmen Differenz bleibt es bei der Bedeutungslosigkeit der einzelnen. Melde dich also wieder, wenn die Abstände nur eine einzige Stimme betragen.

  7. 23.06.2008 | 16:46

    Und selbst wenn alle Wähler rational wären – es gäbe kein Verfahren, welches Präferenzlisten der Wähler in eine rationale kollektive Präferenzliste übersetzt – ausser einer Diktatur. Das ist Arrows Unmöglichkeitstheorem. Ein weiterer Grund nur soviel Staat wie nötig zuzulassen.

  8. FG
    23.06.2008 | 17:09

    Melde dich also wieder, wenn die Abstände nur eine einzige Stimme betragen.

    Gewonnen! ;-)

  9. 23.06.2008 | 17:19

    Erst dann, wenn die Wähler beim nächsten Mal auch wieder davon ausgehen ;-)

  10. 23.06.2008 | 17:44

    @Dirk:

    Caplan redet der Diktatur auch nicht das Wort, sondern nach meiner Ansicht eine Rückführung der Entscheidungsebene auf ein Niveau, auf dem der Wähler sich die Konsequenzen seiner Entscheidung möglichst individuell zuordnen kann. Es gibt tatsächlich nicht viele politische Aufgaben, die nicht auf kommunaler Ebene lösbar wären. Schließlich muss man jedem Kostengewinn durch Skalenerträge einer öffentlichen Bereitstellung die Verluste aufgrund politischer Ineffizienzen gegenrechnen.

  11. 23.06.2008 | 18:18

    Erst dann, wenn die Wähler beim nächsten Mal auch wieder davon ausgehen ;-)

    Wer sagt denn, dass sie das nicht tun? Und wer sagt denn, dass eine große Zahl der Wähler sich nicht der Tatsache bewusst ist, dass es gut und wichtig für die Legimität einer gewählten Regierung ist, wenn sich ein möglichst großer Prozentsatz an der Wahl beteiligt, sich die letztendlich gewählten Vertreter also auf eine breite Basis stützen können, ergo demokratisch legitimiert sind?

  12. 23.06.2008 | 19:10

    Wer sagt denn, dass sie das nicht tun?

    Ich. Und die Wahlstatistik.

    Und wer sagt denn, dass eine große Zahl der Wähler sich nicht der Tatsache bewusst ist, dass es gut und wichtig für die Legimität einer gewählten Regierung ist, wenn sich ein möglichst großer Prozentsatz an der Wahl beteiligt, sich die letztendlich gewählten Vertreter also auf eine breite Basis stützen können, ergo demokratisch legitimiert sind?

    Das wäre dann, obwohl ich bezweifle, dass diese Haltung außerhalb von Sonntagsreden tatsächlich den Ausschlag zu geben vermag, einer der erwähnten Zusatznutzen, den die Leute für sich festmachen und der sie motiviert, zur Wahl zu gehen. Es bleibt aber auch dann irrational, sich nur für die eigene Stimmabgabe genauer zu informieren.

  13. gelegentlicher Besucher
    23.06.2008 | 20:02

    Werfen Schöffen eigentlich bei jedem Prozess eine Münze? Denn wenn das Urteil irgendwelche Wirkungen auf sie haben würde wären sie ja befangen, die Entscheidung kann also in diesem Sinne niemals “rational” sein.

  14. 23.06.2008 | 20:19

    @gelegentlicher Besucher

    Die Aussage, dass wegen der großen Zahl Nichtinformiertheit zufällig verteilt ist, erfordert nicht, dass die Entscheidung im Einzelfall dem Zufall überlassen wird. Sie erfordert nur die Abwesenheit von systematischen Abweichungen wegen Nichtinformiertheit. Und dass diese eben vorliegen, ist gerade die These Caplans.

    Schöffen bekommen, wenn der Richter sie nicht ins Land der Träume entlässt, im Lauf eines Verfahrens nolens volens jede Menge Informationen geliefert. Sie stehen also gar nicht vor der Frage, ob sie mehr Zeit dafür aufwenden sollen – sie müssen einfach. Und zum Schluss, zumindest in unserem Rechtssystem, können zusätzliche Informationen beim Richter eingeholt werden. Wenn man sich einen Film wie die “Zwölf Geschworenen” anschaut, spricht aber auch einiges für die These, dass Schöffen sehr wohl dazu neigen, leichtfertig auf persönlichen Vorurteilen basierende Urteile zu fällen, weil sie mit deren Folgen nicht zu leben haben…

  15. 24.06.2008 | 7:33

    [...] b.l.o.g. – bissige liberale ohne gnade » politisches nichtwissen: rational und teuer bildung für erwünschte ergebnisse (tags: politik gesellschaft demokratie wahlen rationalität wissen information via:mento.info) [...]

  16. 24.06.2008 | 12:55

    [...] Rationale Ignoranz, und was sie für das Verständnis demokratischer Entscheidungen bedeutet — exzellent diskutiert bei den BLOGgies. [...]

  17. gelegentlicher Besucher
    24.06.2008 | 17:58

    @Rayson

    Was ich damit andeuten wollte, ist dass das ein Versuch ist eine nichtökonomische Frage mit ökonomischen Mitteln zu analysierenn. Wenn ein Nutzenmaximierer nicht zur Wahl gehen würde und viel Leute es trotzdem tun, dann ist die Theorie vom Nutzenmaximierer eben auf Wahlentscheidungen nicht anwendbar. Wenn man dann einen kleinen Zusatznutzen postuliert kann man die Theorie formal anwenden hat aber an Vorhersagekraft nichts gewonnen. Und dann muss man im nächsten Schritt postulieren, dass der Zusatznutzen klein bleibt, weil man sonst die Uninformiertheit vieler Wähler nicht erklären kann. Wenn sich einzelne Wählergruppen hinterher als besser informiert erweisen kann man sich ihre Präferenzordnungen entsprechend definieren u.s.w. Das sind Verrenkungen die man so ähnlich für jede Theorie machen kann. Man kann z.B. ähnlich gut oder schlecht mit der Annahme arbeiten, dass Menschen möglichst wenig physikalische Arbeit an ihrer Umgebung leisten. Das erklärt einige Verhaltensweisen, z.B. in guter Näherung die Abstandsgrenzen ab denen man mit dem Rad fährt statt zu Fuß zu gehen, und andere eben nicht. Aber: Mit geeigneten Randbedingungen kann ich auch damit alles erklären, ich muss nur für jede neue rückblickende “Vorhersage” eine neue Bedingung setzen.

    Der entscheidende Punkt ist, dass die Wahlentscheidung kein Versuch der individuellen Nutzenmaximierung sondern wie das Urteil des Schöffen eine etwas abstrahierter Entscheidung über Gewaltanwendung und damit eine im Wesentlichen moralische Entscheidung ist.

    Das Faktenwissen hätte da auch wenn man es einholen würde wenig Einfluss. Man braucht z.B. in gängigen Foren oder Blogs nicht viel Zeit aufzuwenden um zu erkennen, dass die Ideologie die Meinung zu einzelnen Fakten auch bei sehr intelligenten Menschen viel stärker beeinflusst als umgekehrt. Weil die einzelnen Fakten nämlich als Rechtfertigung einer Grundentscheidung dienen, die viel allgemeiner getroffen worden ist. Man kann einen Libertären so gut wie nie dazu bringen ein Marktversagen zuzugeben und einen Sozialisten so gut wie nie dazu einen Markterfolg zuzugeben, weil das wenn es als formale Frage gestellt wird eben nicht die eigentliche Frage ist, sondern eine Einkleidung der Frage wie wichtig Märkte sein sollen. Wenn z.B. ich mich ganz konkret informiere um eine Wahlentscheidung zu treffen meine ich damit nicht, dass ich mich erkundige was zu welchem Thema die beste Politik wäre, genausowenig wie ein Schöffe sich hauptsächlich informiert was im Stafgesetzbuch steht. Das ist in beiden Fällen eine relevante Frage, aber nicht die über die man hauptsächlich nachdenkt, im Falle des Strafgesetzbuches nicht weil der Richter es dem Schöffen sagt ohne dass die Meinung mehrer Richter gegeneinander abzuwägen wäre und im Falle der richtigen Politik nicht, weil meine Meinung dazu auch zwischen den Wahlen steht. Sondern ich versuche abzuschätzen, was die jeweiligen Parteien an der Macht tatsächlich tun würden.

    Die unmittelbaren Eigeninteressen sind so weit sie sich nicht auf eigene Rechte beziehen, die auch dritte respektieren müssten nicht das Signal sondern Teil der Störung. Und die extreme Unwahrscheinlichkeit von der eigenen Stimme zu profitieren ermöglicht Unbefangenheit und ist daher eine der besseren Eigenschaften des Systems. Wenn man (was z.B. durch ein Losverfahren oder durch Zwischenaggregierungen problemlos möglich wäre) die Wahrscheinlichkeit jedes beliebigen Wählers wahlentscheidend zu sein stark erhöhen würde, wäre das eben kein besseres System.

    Die ganze Frage ist eben nicht, welches Verhalten irgendein gedachtes Allgemeinziel am besten erreicht, sondern welches Verhalten moralisch vertretbar ist. Und darum ist es auch mehr als irrelevant, was ein gebildeterer Wähler gedacht hätte, es ist z.B. (auch außerhalb Deutschlands) noch gar nicht so lange her, dass der große Hoffnungen in die Eugenik gesetzt hat. Und dabei besteht überhaupt kein Zweifel, dass die lange existenten Eugenikprofessoren weit mehr von Biologie verstanden als der (zu den meisten Zeiten in den meisten Staaten) deutlich eugenikskeptischere Pöbel.

    Ich habe das Buch nicht gelesen und weiß angesichts der Zusammenfassung im Moment auch nicht recht ob ich das noch tun will, aber nach der Zusammenfassung scheint mir der erleuchtete Wähler eine auf falschen Voraussetzungen basierende also widersprüchliche und damit beliebig prägbare Konstruktion. Beispiel antimarket bias: Wenn der Autor links stünde würde er einfach argumentieren, dass gebildete Menschen in den USA heute tendentiell linker und damit marktfeindlicher sind. Und in der Tat gibt es genung andere Leute die genau so ermüdend argumentieren. Aber kein Problem, dann korrigiert man eben noch die politische Einstellung weg. Und in der Tat bleiben nach Rausrechnung der Linken vermutlich die Rechten übrig. Durch geeignete Auswahl der kontrollierten Variablen kann man dem Übermenschen erleuchteten Wähler wohl praktisch beliebige Meinungen unterschieben. Und die gefundenen Biases sagen uns dann im Wesentlichen wie der Autor von der real existierenden öffentlichen Meinung abweicht.

  18. Ben Czerny
    24.06.2008 | 18:06

    Danke für die wirklich gute Buchvorstellung. Auch deinen Kommentar, rayson, finde ich ausgewogen und vorsichtig. Das gefällt mir.
    Bryan Caplan kannte ich sogar. Ich weiß nur nicht mehr, woher.

    Wenn ich die Zeit hätte, würde ich mir mal in aller Ruhe überlegen, ob das mit der erleuchteten Öffentlichkeit” methodologisch in Ordnung geht.

    Kann es da keinen bias durch “deformation professionelle” geben? Ich meine, wenn man zum Beispiel 250 Juraprofessoren zur Wirksamkeit und Notwendigkeit politischer Steuerung in Form von Gesetzgebung befragt, bekommt man wahrscheinlich auch ein recht optimistisches Ergebnis, das hier bei BLOG sicher als zu staatsgläubig kritisiert werden würde.

  19. 26.06.2008 | 0:34

    @gelegentlicher Besucher, Ben Czerny

    Mehr dazu morgen. Bin heute zu sehr in EM-Stimmung.

  20. 26.06.2008 | 22:36

    @gelegentlicher Besucher

    Der Begriff des “Nutzens” ist nun einmal ein weiter. Das mag für die störend wirken, die ihn nicht mögen, lässt sich aber nicht ändern. Wir werden wohl weiterhin davon ausgehen müssen, dass Menschen, wenn man sie lässt, das tun, was sie tun wollen, und es spricht nichts dagegen, die Erfüllung ihres Willens dann als Zufluss von Nutzen zu betrachten. Ich habe da auch gar nichts gegen Empirik einzuwenden: Man frage die Leute, was sie bewegt, zur Wahl zu gehen, und man wird sehen.

    Es hat auch mit “Verrenkungen” nichts zu tun, wenn man sich über den Umstand, dass uninformierte Wähler in ihren Ansichten in ganz bestimmten Richtungen von informierten Wählern abweichen, Gedanken macht. Caplan bringt hier einen Erklärungsansatz, den man widerlegen kann oder auch nicht. Einfach nur darüber zu schwadronieren, dass Erklärungsansätze manchmal unvollständig sind, bringt die Erkenntnis nicht weiter.

    Der entscheidende Punkt ist, dass die Wahlentscheidung kein Versuch der individuellen Nutzenmaximierung sondern wie das Urteil des Schöffen eine etwas abstrahierter Entscheidung über Gewaltanwendung und damit eine im Wesentlichen moralische Entscheidung ist.

    So ähnlich sagt das auch Caplan.

    Das Faktenwissen hätte da auch wenn man es einholen würde wenig Einfluss. Man braucht z.B. in gängigen Foren oder Blogs nicht viel Zeit aufzuwenden um zu erkennen, dass die Ideologie die Meinung zu einzelnen Fakten auch bei sehr intelligenten Menschen viel stärker beeinflusst als umgekehrt.

    Damit blendest du aber aus, wie Caplan dieses Problem umgangen ist. Er ist nämlich allein dadurch, dass er die Grundgesamtheit “Öffentlichkeit” nur um den Einfluss zweier Kontrollvariablen, nämlich allgemeine und ökonomische Bildung, korrigiert hat, zu signifikant abweichenden Ergebnissen gekommen. Die Ideologie hat ihren Platz nur in den 20%, die nicht durch diese Variablen erklärt werden konnten. Es sei denn natürlich, du könntest überzeugend anführen, dass nur Anhänger einer bestimmten Richtung unter den mehr Gebildeten zu finden sind.

    Und die extreme Unwahrscheinlichkeit von der eigenen Stimme zu profitieren ermöglicht Unbefangenheit und ist daher eine der besseren Eigenschaften des Systems. Wenn man (was z.B. durch ein Losverfahren oder durch Zwischenaggregierungen problemlos möglich wäre) die Wahrscheinlichkeit jedes beliebigen Wählers wahlentscheidend zu sein stark erhöhen würde, wäre das eben kein besseres System.

    Nein, das wäre es nicht. Aber die völlige Loslösung von Entscheidungsbefugnis und Tragen der Folgen ist sicher auch keine gute Eigenschaft, denn sie verhindert Lernen und Aufrichtigkeit. Oder anders gesagt: Sie ermöglicht das Leben in Illusionen. Der Vergleich mit den Schöffen geht fehl, denn Schöffen sollen ja gerade nicht ideologisch oder moralisch entscheiden, sondern nach Fakten, die notfalls lang und ausführlich in Verhandlungen ausgebreitet werden. Anderenfalls bräuchte man sie nicht am Verfahren teilnehmen zu lassen.

    Die ganze Frage ist eben nicht, welches Verhalten irgendein gedachtes Allgemeinziel am besten erreicht, sondern welches Verhalten moralisch vertretbar ist. Und darum ist es auch mehr als irrelevant, was ein gebildeterer Wähler gedacht hätte, es ist z.B. (auch außerhalb Deutschlands) noch gar nicht so lange her, dass der große Hoffnungen in die Eugenik gesetzt hat. Und dabei besteht überhaupt kein Zweifel, dass die lange existenten Eugenikprofessoren weit mehr von Biologie verstanden als der (zu den meisten Zeiten in den meisten Staaten) deutlich eugenikskeptischere Pöbel.

    Nein, sorry, diese Verengung ist eine künstliche. Wenn es so etwas wie gesellschaftliche Probleme gibt, und die muss es geben, wenn demokratisch abgestimmt wird, dann spielt es natürlich eine sehr große Rolle, was eine Lösung des Problems ist und was nicht. Ich frage mich, warum es moralisch richtig sein soll, keine Ahnung von den Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen zu haben, über die man da entscheidet. Denn um moralisch urteilen zu können, müsste ich doch gerade darüber besser informiert sein. Aber vielleicht ist das für dich schon zu viel Verantwortungsethik? Ich wüsste darüber hinaus auch wirklich nicht, worin der moralische Nutzen der Anwendung falscher Mittel liegen sollte. Das fragwürdige bei deinem Beispiel Eugenik sind doch auch vor allem erstmal die Ziele.

    Ich habe das Buch nicht gelesen und weiß angesichts der Zusammenfassung im Moment auch nicht recht ob ich das noch tun will, aber nach der Zusammenfassung scheint mir der erleuchtete Wähler eine auf falschen Voraussetzungen basierende also widersprüchliche und damit beliebig prägbare Konstruktion. Beispiel antimarket bias: Wenn der Autor links stünde würde er einfach argumentieren, dass gebildete Menschen in den USA heute tendentiell linker und damit marktfeindlicher sind.

    Ich glaube, du hast die statistische Vorgehensweise Caplans nicht ganz verstanden. Das kann sehr gut an meinen mangelnden Fähigkeiten liegen, diese zu erklären, zumal ich selbst nicht gerade ein Meister dieses Fachs bin. Aber man kann eben den Einfluss von Kontrollvariablen auf Ergebnisse neutralisieren, und Caplan hat das anhand einer veröffentlichten Studie nachvollziehbar (also auch der methodischen Kritik zugänglich) gemacht. Soweit ich informiert bin, ist dieser Ansatz auch bei seinen Kritikern bisher gänzlich unwidersprochen geblieben.

  21. 26.06.2008 | 22:45

    @Ben Czerny

    Wenn ich die Zeit hätte, würde ich mir mal in aller Ruhe überlegen, ob das mit der erleuchteten Öffentlichkeit” methodologisch in Ordnung geht.

    Siehe dazu auch oben in meiner Antwort auf den “gelegentlichen Besucher”. Oder am besten das Buch kaufen. Aber wenn ich dann auch mal mit der Autorität argumentieren darf: Wenn die Methodik falsch wäre, hätte ihn irgendeiner seiner kritischen Freunde bei der George Mason Uni, die alle sehr auf den akademischen Ruf ihrer Fakultät bedacht sind, schon rechtzeitig korrigiert.

    Kann es da keinen bias durch “deformation professionelle” geben? Ich meine, wenn man zum Beispiel 250 Juraprofessoren zur Wirksamkeit und Notwendigkeit politischer Steuerung in Form von Gesetzgebung befragt, bekommt man wahrscheinlich auch ein recht optimistisches Ergebnis, das hier bei BLOG sicher als zu staatsgläubig kritisiert werden würde.

    Bist du dir da sicher? Ich nicht. Die “Notwendigkeit” führt da übrigens auch aus dem Fachgebiet heraus.

    Aber die eigentliche Frage: Was ist “déformation”, und was ist einfach nur Einsicht?

    Auch hier würde Caplan natürlich wieder die “erleuchtete Öffentlichkeit” anführen, die eben nicht aus Ökonomieprofessoren besteht.

  22. gelegentlicher Besucher
    1.07.2008 | 4:44

    @Rayson
    zum Nutzen:
    Mein Problem ist nicht, dass der Begriff weit gefasst ist, sondern dass er aus einem anderen Anwendungsbereich stammt und nur dort seine Nützlichkeit erwiesen hat. Wenn man ihn für Tauschwirtschaft verwendet kann man daraus schöne Gleichgewichtstheoreme herleiten, d.h. es ist da ein Teil eines Modells, mit dem man die Wirklichkeit verstehen kann. Auch da ist es aber nur eine gute Näherung, weil Menschen eben in der Praxis nicht immer transitive Präferenzordnungen haben, Güter nicht beliebig teilbar sind, Märkte nicht ständig im GG sind u.s.w. Trotzdem kann man damit Märkte verstehen und das ist eine gute Sache; um es mal böse auszudrücken ist Wissenschaft die Erfahrung wo man pfuschen kann und wo eben nicht. Und daraus kann man sich dann auch praktische Vorhersagen meinetwegen über die Folgen von staatlichen Preiskontrollen herleiten, auf die man ohne das Modell nicht so einfach käme, man kriegt also nützliche Vorhersagen, was der Prüfstein eines nützlichen Modells. Wie gesagt, wenn in den Nutzen das eine oder andere altruistische Motiv eingerechnet wird habe ich damit kein Problem.
    Aber: Es ist eine Näherung, menschliche Auswahlfunktionen basieren empirisch Sichtbar nunmal auf Heuristiken die oft nicht transitiv rationalisierbar sind. Und abseits von Märkten sehe ich halt sehr wenig Grund zu der Annahme, dass die Näherung funktioniert. Was eine Befragung über Motive zur Wahl zu gehen da beitragen soll sehe ich auch nicht. Welche Ergebnisse sollten denn da für oder gegen die Nützlichkeit des Begriffs sprechen?

    Zur statistischen Vorgehensweise:
    Ich argumentiere hier natürlich zugegebenermaßen aus einer unvollständig informierten Position: Da Caplan nach Deiner Zusammenfassung mit Mehrfachstimmrechten oder stimmrechtslosen Klassen effektiv die Abschaffung der Demokratie vorschlägt werde ich sein Buch nicht kaufen, weil ich die formale Kollaboration am Erfolg desselben für mich für verwerflich halten würde, obwohl mein Exemplar für den Gesamaterfolg ähnlich unwichtig wäre wie meine Stimme für ein Wahlergebnis. Hilfsweise habe ich mir einige seiner Äußerungen zu diesem Thema zusammengegoogelt:
    Eine längere Zusammenfassung des Buchs beim Cato Institute, Den Fragenkatalog der SAEE (mit Antworthäufigkeiten aber ohne Korrelationen zwischen den Antworten der einzelnen Fragen u.s.w.) und einen Artikel von Caplan “Libertarianism Against Economism.(Statistical Data Included)” von 2001 der vor zwei Tagen noch vollständig im Netz war und es jetzt anscheinend nicht mehr ist, der aber eine Frühform eines ähnlichen oder sogar des selben Arguments gibt (und zwar wie der Titel nahelegt mit Zahlen).

    Nach allem was ich gesehen habe läuft das alles auf eine ganz normale Varianzanalyse raus. Ich habe durchaus verstanden was das ist, allerdings auch, dass die Methode keine Magie ist. Insbesondere ist es keine rein mathematische Frage, ob es noch Confounder gibt, die man nicht erhoben hat.

    Konkret: Für die erleuchtete Öffentlichkeit erklärt er einen Großteil der Varianz mit allgemeiner Bildung (wohl mit dem angegebenen höchsten Bildungsabschluss) und einer aus den Sachfragen der SAEE konstruierten ökonomischen Bildung (und nicht wie ich oben tatsächlich falsch verstanden hatte der politischen Haltung). Für den unmittelbaren Zweck nachzuweisen, dass die Meinung der Ökonomen nicht ein Effekt ihres Einkommens (Klasseninteresse) ist, reicht das. Aber um zu zeigen, dass die Bildung an sich tatsächlich der Grund der anderen Meinung ist reicht es nicht, den es könnte eine dritte Variable Ursache für Beides sein. Konkret für die ökonomische Bildung hätte ich z.B. die Persönlichkeitseigenschaften in Verdacht, die einen wenn man an der Uni ein elective aussucht Wirtschaft interessanter als z.B. Anthropologie finden lassen. In dem Artikel von 2001 kommt bei der Allgemeinbildung ein Codingproblem dazu, dass allerdings in neueren Versionen des Arguments behoben sein könnte: Die Bildung ist als lineare Skala codiert, wo jede Stufe (nichts, high school, …) einen Punkt bringt. Das führt dazu, dass der Unteschied zwischen Bachelor und höheren Abschlüssen kaum aufglöst wird. Ich vermute aber aufgrund der politschen Zusammensetzung der meisten sozialwissenschaftlichen Fakultäten, dass gerade da ein Knick in der Meinung ist, dass sie also bis dahin “rechter” und danach wieder “linker” wird. Aber das Problem könnte in den seit 2001 verflossenen Jahren gelöst sein, darauf kommt es mir jetzt nicht so an. In dem Zusammenhang, in dem er in der Cato-Zusammenfassung verwendet geht das Argument etwa so: 1. Die Ökonomen sagen alle was ich sage und sind die Experten und Experten haben normalerweise Recht. 2. Die Linken sagen, die Ökonomen würden nur aus Klasseninteresse so reden. 3. Ich kann aber beweisen, dass Reichtum dabei keine Rolle spielt. Schritt 3 ist dabei keine zusätzliche direkte Bestätigung für Schritt 1 sondern eine Widerlegung von Schritt 2. Und dafür reicht das mathematische Argument auch. Für “Wenn ich die Bildung hochrechne sagen alle was ich sage” reicht es aber nicht, denn dann muss man voraussetzen, dass die Korrelation zwischen Bildung und Meinung auch eine Kausalität ist, was in dem Zusammenhang ja ziemlich genau die zu zeigende Aussage wäre. Präsentiert er das Argument vielleicht doch in der ersten Variante? Das würde erklären warum ihm keiner widerspricht, es gäbe dann keinen Grund ihm zu widersprechen. Das wäre aber ehrlich gesagt ein ganz anderes Argument als das in Deiner Zusammenfassung. Noch ehrlicher gesagt ein fast schon irrelevantes Argument, weil Nr. 2 zumindestens in der Verengung auf unmittelbar finanzielle Interessen sowieso niemand ernstzunehmendes behauptet.

    Zur Frage der Schöffen:
    Wenn die nicht moralisch sondern nur nach Fakten entscheiden sollen, wieso entscheidet der besser ausgebildete Berufsrichter dann nicht allein?

    Zur Frage der Relevanz der Informiertheit:
    Natürlich kann Information für ein Individuum entscheidungsrelevant sein. Daraus kann man aber eben nicht folgern, dass die Individuen mit der Information besser entscheiden. Natürlich hast Du Recht, dass mein Eugenikbeispiel eine Frage der Ziele ist. Aber: Die mit den falschen Zielen hatten einen viel größeren Anreiz Informationen zu sammeln. Jemand für den Sterilisation von “Minderwertigen” sowieso nicht in Frage kam, konnte es nämlich völlig egal sein wie die mendelschen Gesetze nochmal gehen oder wie häufig welche Erbkrankheit ist. Und ich meine rein empirisch, dass die Akzeptanz der Eugenik durchaus positiv mit dem Wissen über sie korreliert hat. Auch wenn Bildung dem einzelnen Individuum zu einer besseren Entscheidung verhelfen könnte, kann man darum nicht schließen, dass die mit dem meisten Wissen die beste Entscheidung haben. Vielleicht ein paar andere Beispiele: Wenn es um die Umsetzbarkeit des Kommunismus geht würde man sich ja auch nicht auf die verlassen, die sich in Marx-Engels-Werken am besten auskennen. Die meisten Leute wollen sich in der Atomkraftfrage nicht auf das Urteil des durchschnittlichen Kerntechnikers verlassen (Ich selbst bin mir da nicht einig). Und das ist auch logisch, Kerntechnik studieren wohl eher Kernkraftbefürworter und man kann daraus wohl kaum folgern dass der durchschnittliche Grüne zum Kernkraftbefürworter würde wenn man ihn zwänge Kerntechnik zu studieren. Oder eben: Die meisten Menschen haben einen erheblichen Vertrautheitsbias, es ist daher naheliegend, dass Ökonomen den Markt im Durchschnitt überschätzen könnten. Oder: Jemand der in Kategorien von Ausbeutung statt von Effizienz denkt ist von vornherein für Mindestlöhne. Die Tatsache, dass er den Einfluss auf die Arbeitslosigkeit meisten leugnet spricht nicht gegen seine Entscheidung, weil sie nicht in die Entscheidung eingegangen ist. Das ökonomische Unwissen ist in diesem Fall eine Folge und nicht der Grund der falschen Entscheidung; nachträglich muss die getroffene Entscheidung auch aus jeder anderen Sicht richtig sein. Aber wenn er direkt vor die Wahl zwischen “Mindestlohn” und “weniger Arbeitslosigkeit” gestellt würde (meinetwegen weil ein erpresserischer Kapitalist aus Propagandagründen ein Werk in einem Land ohne Mindestlohn gründen will), würde er sich allemal für den Mindestlohn entscheiden. Und darum kann er es sich leisten über den tatsächlichen Zusammenhang naja eben rational ignorant zu sein. Der eigentliche Punkt ist eben, dass Demokratie nicht die optimalen Entscheidungen generieren soll. Die Frage ist nicht, wer die besten Entscheidungen treffen könnte (triviale Antwort natürlich ich :-) )sondern wer das Recht hat sie zu treffen. Was ein gebildeterer Wähler gedacht hätte ist nicht deshalb irrelevant weil seine Bildung irrelevant wäre, sondern weil er moralisch keinen Vorzug vor dem ungebildeten Wähler hat und darum auch nicht das Recht ihn zu beherrschen.

  23. Ben Czerny
    1.07.2008 | 22:34

    Danke für den ansprechenden Beitrag, gelegentlicher Besucher.

  24. 2.07.2008 | 15:13

    @gelegentlicher Besucher

    Dass du abseits von Märkten sehr wenig Grund zur Annahme siehst, dass der Nutzenbegriff sinnvoll angewendet werden kann, ist deine subjektive Meinung. Ich sehe das anders. Für mich hat gerade “Public Choice” verblüffend wirklichkeitsnahe Erklärungsansätze politischen Handelns geliefert, übrigens auch durchaus empirisch getestet, und Gary Becker hat für seinen “ökonomischen Imperialismus”, wie die Gegner dieser Methode manchmal sagen, sogar einen Nobelpreis (für die Freunde des Absonders von getrockneten Weinbeeren: das Pendant für Ökonomen) eingeheimst. Hier wie da gilt natürlich, dass ein Einblick aus einer bestimmten Richtung nur selten das Ganze erfasst. Nur ist das kein Gegenargument.

    Ich kann mir einige Gründe vorstellen, Caplans Buch nicht zu kaufen. Dem einen gefällt die Lektüre in dieser Fremdsprache nicht, den anderen interessiert das alles nicht so sehr, und einen Dritten wiederum ist es die Zeit und das Geld dann doch nicht wert, weil er beides lieber für Dinge einsetzt, die ihm wichtiger sind. Der Grund, den du nennst, stößt hingegen bei mir auf absolutes Unverständnis. Diese Art fundamentalistischen Denkens (übrigens von Caplan als “Demokratiefundamentalismus” im Buch auch beschrieben) ist mir so fremd wie sonst kaum noch etwas (ich müsste mich ja der Förderung des Schießbefehls an der Mauer bezichtigen, weil ich die DDR-offizielle Ausgabe von Marx’ “Das Kapital” besitze…). Die Gefahr einer selbstgewählten Isolation wäre mir einfach viel zu groß. Oder vielleicht anders gesagt: Meine Neugier würde immer gewinnen. Daraus will ich jetzt keine Urteile ableiten, aber vielleicht ist das ein Indiz dafür, wie weit wir in unserem Denken voneinander entfernt sind. Nichtsdestotrotz ist es natürlich nicht einfach, mit jemandem zu diskutieren, der seine Urteile über die im Buch ausgebreitete Argumentation auf ein bewusstes Ignorieren des Buches selbst basiert. Und ich werde dir jetzt sicher nicht den Gefallen tun, nach und nach alle Kapitel zu zitieren ;-)

    Aber jetzt werde ich noch einmal so tun, als ob…

    Du bist auf der Suche nach Variablen, die quasi “in Wirklichkeit” hinter denen der Bildung und der Qualifizierung als Ökonom stecken. Die kann es natürlich geben, und Caplan ruft auch dazu auf, man möge sie ihm doch bitte gerne zeigen, wenn man sie gefunden hat. Nur kann es sich kaum mehr um die handeln, die bereits mit der SAEE erhoben wurden. Darunter fielen nämlich z.B. auch Parteizugehörigkeit und ideologische Ausrichtung, und es wäre eigentlich höchst verwunderlich, wenn die von dem, was du zunächst als “Persönlichkeitsstruktur” bezeichnest, dann aber auch wieder auf die Einstufung in “links” und “rechts” reduzierst, völlig unbeeinflusst bliebe. Wie Caplan aber zeigt, erklären diese Aspekte max. 20% der Abweichung zwischen Ökonomen und Nicht-Ökonomen. Vielleicht hierzu mal ein längeres Zitat (Hervorhebungen im Original):

    [Einschub: Im Folgenden sind Zitate in Englisch von Caplan, in Deutsch vom "gelegentlichen Besucher"]

    Ideological bias [zwischen Ökonomen und Nicht-Ökonomen] is an even weaker read. Controlling for individuals’ party identification and ideology makes the lay-expert gap a little larger. Ideologically moderate, politically independent economists are totally at odds with ideologically moderate, politically independent noneconomists. How can this be? Economics only looks conservative compared to other social sciences, like sociology, where leftism reigns supreme. Compared to the general public, the typical economist is left of center. Furthermore, contrary to critics of the economics profession, economists do not reliably hold right-wing positions. They accept a mix of “far right” and “far left” views. Economists are more optimistic than very conservative Republicans about downsizing or excessive profits – and more optimistic about immigration and welfare than very liberal Democrats.

    Zudem: Bei den 37 SAEE-Fragen wirkt sich eine Korrektur um den Einfluss allgemeiner Bildung 19mal in dieselbe Richtung aus wie die Korrektur um die Eigenschaft “Ökonom”. Nur bei zwei Fragen (Caplan sagt leider nicht, welche) ist das nicht der Fall. Der von dir übrigens genannte Unterschied zwischen Bachelor und höheren Abschlüssen geht übrigens eigentlich ziemlich unter (mal abgesehen davon, dass “links” und “rechts” als Erklärung bereits ausgeschlossen werden konnten): Der Durchschnitt der Öffentlichkeit erreicht nicht College-Niveau, die Korrektur zur “erleuchteten Öffentlichkeit” hebt ihn aber auf Ph.D.-Level.

    Jetzt zu einem anderen deiner Einwände:

    In dem Zusammenhang, in dem er in der Cato-Zusammenfassung verwendet geht das Argument etwa so: 1. Die Ökonomen sagen alle was ich sage und sind die Experten und Experten haben normalerweise Recht. 2. Die Linken sagen, die Ökonomen würden nur aus Klasseninteresse so reden. 3. Ich kann aber beweisen, dass Reichtum dabei keine Rolle spielt. Schritt 3 ist dabei keine zusätzliche direkte Bestätigung für Schritt 1 sondern eine Widerlegung von Schritt 2. Und dafür reicht das mathematische Argument auch. Für “Wenn ich die Bildung hochrechne sagen alle was ich sage” reicht es aber nicht, denn dann muss man voraussetzen, dass die Korrelation zwischen Bildung und Meinung auch eine Kausalität ist, was in dem Zusammenhang ja ziemlich genau die zu zeigende Aussage wäre. Präsentiert er das Argument vielleicht doch in der ersten Variante? Das würde erklären warum ihm keiner widerspricht, es gäbe dann keinen Grund ihm zu widersprechen. Das wäre aber ehrlich gesagt ein ganz anderes Argument als das in Deiner Zusammenfassung. Noch ehrlicher gesagt ein fast schon irrelevantes Argument, weil Nr. 2 zumindestens in der Verengung auf unmittelbar finanzielle Interessen sowieso niemand ernstzunehmendes behauptet.

    Caplan sagt, es gebe im allgemeinen zwei Einwände, die Meinung von Ökonomen als die Meinung von Experten zu qualifizieren. Der eine wäre, dass ein “self-serving bias” vorliege, dass Ökonomen also im Eigeninteresse argumentieren. Und es ist keinesfalls so, dass “niemand” das behauptet (Caplan bringt Beispiele). Wer wen allerdings ernst nimmt, ist wieder eine subjektive Geschichte.

    Economists are richer than noneconomists, but millionaires without economics degrees think like other people, and economists who drive taxis think like other economists. In fact, the paltry evidence of self-serving bias should be taken at less than face value. Income has a small influence on beliefs, but is the direction really selfish? The rich worry less about foreign aid and welfare, not just excessive profits and executive pay.

    Der andere Einwand beträfe den “ideological bias”, den ich eben behandelt habe. Beide werden aber durch die Konstruktion einer “erleuchteten Öffentlichkeit” ausgeschlossen, die nur in zwei Parametern von der “allgemeinen” abweicht, aber eben nicht in ideologischer Einstufung, Parteinähe, Jobsicherheit oder Einkommensaspekten.

    Dein Satz 1 entspricht entspricht nicht dem Inhalt des Buches. Es würde mich wirklich wundern, wenn das in der Zusammenfassung beim Cato-Institut, für deren Verlinkung ich mich aber bedanken möchte, so stünde. Also noch ein Zitat (kursive Hervorhebungen im Original, andere von mir – alle Zitate sind übrigens auf den Seiten 82-83 der Hardcover-Ausgabe zu finden, nur so für den Fall der Fälle…):

    Shooting down the leading opponents of the “economists right, public wrong” position does not prove that it is true. But it significantly increases the probability. Think of it this way: Common sense advises us to trust the experts. Critics challenge the experts’ objectivity, and their complaints turn out to be in error. The sensible response is to reaffirm the commonsense position. Indeed, after the strongest challengers fail, we should become more confident that economists are right and the public is wrong.

    There is no reason, then, to deny economists a normal level of defference in their field of expertise. But the profession also deserves an affirmative defense. Frankly, the strongest reason to accept its reliability is to flip through a basic economics text, then read the SAEE questions for yourself. You may not be fully convinced of economists’ wisdom. I, too, doubt on it on occasion. But it is hard to avert your gaze from the public’s folly. Time and agian, it gravitates towards answers that are positively silly.

    Zur Beurteilung dieser Aussage muss man natürlich wissen, dass viele der SAEE-Fragen auf messbare Fakten abstellen.

    Caplan will und muss nicht zeigen, dass Ökonomen immer Recht haben. Ihm kommt es darauf an, dass die Differenzen zwischen Ökonomen und der Öffentlichkeit auf systematischen Abweichungen beruhen, und das eben über ein Bündel von z.T. sehr unterschiedlichen Fragen hinweg.

    Zur Frage der Schöffen:
    Wenn die nicht moralisch sondern nur nach Fakten entscheiden sollen, wieso entscheidet der besser ausgebildete Berufsrichter dann nicht allein?

    Vier-Augen-Prinzip? (ja, es sind sechs Augen, aber der Grund bleibt ;-) )

    Auch wenn Bildung dem einzelnen Individuum zu einer besseren Entscheidung verhelfen könnte, kann man darum nicht schließen, dass die mit dem meisten Wissen die beste Entscheidung haben.

    Ich würde das a priori immer annehmen. Man sollte sich vielleicht mal fragen, wen man konsultieren würde, wenn es um die eigene Geldanlage oder Gesundheit geht: Einen erfahrenen Experten oder einen Laien?

    Vielleicht ein paar andere Beispiele: Wenn es um die Umsetzbarkeit des Kommunismus geht würde man sich ja auch nicht auf die verlassen, die sich in Marx-Engels-Werken am besten auskennen.

    Kommunismus ist keine Wissenschaft, sondern eine Theorie. Will sagen: Wenn es keine Leute gibt, die sich in diese Idee vernarrt haben, existiert auch das Problem gar nicht mehr. Ökonomische Probleme aber haben die Eigenschaft, unabhängig von allen Theorien zu existieren. Innerhalb der Ökonomie gibt es übrigens viele Theorien, aber wenn es auf einen Vergleich mit der Meinung der Öffentlichkeit ankommt, sind die Gemeinsamkeiten eben größer als die Unterschiede.

    Die meisten Leute wollen sich in der Atomkraftfrage nicht auf das Urteil des durchschnittlichen Kerntechnikers verlassen (Ich selbst bin mir da nicht einig). Und das ist auch logisch, Kerntechnik studieren wohl eher Kernkraftbefürworter und man kann daraus wohl kaum folgern dass der durchschnittliche Grüne zum Kernkraftbefürworter würde wenn man ihn zwänge Kerntechnik zu studieren.

    Welche Argumente gibt es denn gegen das Vorhandensein von Wirtschaft? Auch hier wieder: Du verwechselst die Expertise in einer Technik, die man anwenden kann oder nicht, mit der Expertise in der Erforschung eines unabhängig von diskretionären menschlichen Willensentscheidungen existierenden Phänomens. Ohne Kerntechnik gibt es keine Kerntechniker, ohne Ökonomie keine Ökonomen, aber eine Welt ohne Ökonomie ist noch nicht erfunden worden. Oder anders gesagt: Kerntechnik verhält sich zur Physik ungefähr so wie Keynesianismus zur Ökonomie. Ich würde jedenfalls niemandem trauen, der eine Meinung zur Kerntechnik äußert, ohne über hinreichendes Physik-Wissen zu verfügen.

    Dass, und da komme ich zum Schluss deines Kommentars, eine Öffentlichkeit Dinge, über die zu entscheiden hat, auch in einer bestimmten Art und Weise bewerten muss, ist davon unbenommen. Nur sollte die Bewertung eben nicht auf Falschinformationen basieren. Wenn, wie in deinem Beispiel, jemand aus einer bestimmten Idee von Gerechtigkeit heraus für Mindestlöhne ist, sollte er zumindest wissen, welche Folgen das auf die Arbeitslosigkeit haben kann. Nur dann ist seine Entscheidung auch hinreichend moralisch begründet. Wir haben es also mit zwei Schritten zu tun, und nur der Hinweis darauf, dass auf den ersten Schritt, nämlich die Erlangung eines hinreichenden Wissens, auch ein zweiter folgt, nämlich die Bewertung von Alternativen, kann nicht dafür herangezogen werden, jegliche Probleme, die beim ersten Schritt entstehen, zu ignorieren, denn die Bewertung ist selbstverständlich nicht nur, aber eben in einem großen Maße auch vom Wissensstand abhängig.

    Das ist ein wenig das Dilemma, das sich mir nach der Lektüre von Caplans Buch stellt, insbesondere, wenn ich seine Empfehlungen betrachte. Ich kann es nachvollziehen, wenn er meint, dass den Gebildeteren eigentlich mehr Stimmen zustehen müssten, da sie besser in der Lage sind, die Auswirkungen von Maßnahmen zu überblicken. Andererseits aber gibt es keinen Grund, ihnen bei der Bewertung von Alternativen einen Vorrang einzuräumen. Deswegen würde ich auch weniger radikale Folgerungen ziehen und eben generell für mehr Bildung, auch und gerade ökonomische (gerne schon im aristotelesschen Sinne als “Haushaltsführung” zu verstehen), eintreten sowie für eine konsequente Befolgung des Subsidiaritätsprinzip, mit der Freiheit des Einzelnen als erste und wichtigste Ausprägung.

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