Wie auf der anderen Seite

Beim Lesen dieses Artikels über den Zusammenhang zwischen der sexuellen Neigung und der Hirnstruktur musste ich an eine aufgeheizte Debatte in diesem Blog denken, die ich allerdings nicht mehr genau lokalisieren konnte. Offenbar hat man herausgefunden, dass die Gehirne schwuler Männer denen von Frauen ähneln, die Gehirne lesbischer Frauen dagegen eher männliche Strukturen aufweisen. Dies deutet sehr stark auf eine biologische und damit vorgeburtliche Ursache von Homosexualität hin. In diese Richtung gehende Erklärungsansätze hatten damals mindestens einen Leser sehr erzürnt.

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16 Kommentare zu “Wie auf der anderen Seite”

  1. 18.06.2008 | 15:40

    Bist du sicher, dass “Scientific American” nicht von rechtsradikalen, evangelikalen, Bush-treuen Kreisen finanziert wird?

  2. 18.06.2008 | 15:56

    @Boche:
    Alle Intelligenzforscher sind rechtsradikal, evangelikal und sozialdarwinistisch. Das solltest Du längst wissen.

    @SteffenH:
    Danke für diesen Hinweis. Ich habe ihn gern benutzt.

  3. 18.06.2008 | 16:13

    @SteffenH

    Dies deutet sehr stark auf eine biologische und damit vorgeburtliche Ursache von Homosexualität hin. In diese Richtung gehende Erklärungsansätze hatten damals mindestens einen Leser sehr erzürnt.

    ist es nicht eher das Gegenteil, was zu wütenden Reaktionen führt??? nämlich Behauptungen, dass Homosexualität nichts biologisches sondern eine freie Entscheidung (also reine Willenssache) ist. oder noch “besser”, dass es eine Krankheit ist (z.B. irgendein schwulmachendes Virus) und Homosexuelle also ganz einfach “geheilt” werden können.

  4. Rayson
    18.06.2008 | 16:48

    Ich verweise mal auf dieses Zitat:

    Liberals tend to believe that sexual orientation is determined by genetics but that gender-difference in behavior is not, whereas conservatives tend to believe the reverse.

    (Matthew Yglesias)

  5. 18.06.2008 | 17:28

    @Rayson, der Graue

    Wobei “Liberals” hier im amerikanischen Kontext zu verstehen ist und damit eher auf die Linke verweist, richtig?

  6. DDH
    18.06.2008 | 19:54

    Och Steffen, ich weiß ja, Du meinst es nicht böse, aber mußt Du jetzt den Paläo-Affen Zucker geben? So eine Fußnotendebatte blähen die Jungs soch wieder zu einer neuen PFS-Tagung an der türkischen Riviera auf!

    Zur Sache: Genetik spielt eine Rolle bei der Disposition, aber nicht die einzige. Es ist ein Mix, und “die” Ursache konnte – zum Glück – noch nicht gefunden werden.

  7. 18.06.2008 | 21:37

    Zum Glück haben wir einen Spezialisten an Bord!
    Und zum Glück erklärt er uns, dass Unwissen Glück bedeutet.

  8. Jorad
    18.06.2008 | 22:42

    Ich glaub da spielt die Angst mit es könnte dazu kommen, dass einige Eltern dann anhand solcher Merkmale darüber entscheiden könnten ob sie das Kind bekommen wollen.
    Selbst für Anhänger von Abtreibungen bis zum letzten Monat ist so eine Auswahl (Marke Gattaca) dann menschenverachtend.
    Wenn es nicht auf das Thema Abtreibungen hinzielt, würde ich gern wissen warum das Wissen um die möglicherweise genetischen Ursachen irgendwie schlimm sein soll.

  9. 18.06.2008 | 22:47

    Die Annahme, dass abgetrieben würde, wenn man ‘wüsste’ ist meiner Ansicht nach nicht weniger schlimm als die Realisierung dieser Art Selektion.

  10. 19.06.2008 | 10:26

    Ich kann mich noch gut an diese Diskussion erinnern.
    Es stimmt wohl, dass die Gehirne schwuler Männer im statistischen Durchschnitt anders gebaut sind als die von Heterosexuellen. Der dicke Haken liegt in der Konstruktion dieser Aussage: der “statistische Durchschnitt”. Im statistischen Durchschnitt sind Männer größer als Frauen (auch wenn jeder Männer kennt, die buchstäblich zu ihren Frauen aufsehen), können Männer besser einparken als Frauen (aber viele Männer können es auch nicht, viele Frauen hingegen ausgezeichnet). Außerdem kann niemand sagen, ob sich der Bau der Amygdala “verweiblicht” hatte, bevor oder nachdem ein Mann schwul geworden war – weil das Gehirn ein recht plastisches Organ ist und sich die Amygdala erst in der Pubertät endgültig ausdifferenziert.
    Der Grund, warum viele Schwule Hypothesen der Art: “weibliche” Bau der Amygdala macht schwul ablehnen, besteht darin, dass sie eine offenen Einladung dazu sind, die sexuelle Orientierung zu pathologisieren, Schwulsein als “Krankheit” zu begreifen. (Ich sehe das anders, aber so wie unsere Gesellschaft nun mal konstruiert ist, wäre es vielleicht besser, wenn neurologische Hypothesen aus dem gesellschaftlichen Diskurs so herausgehalten würde, wie z. B. die Quantenphysik. Das Dumme ist nur: die meisten Menschen geben bereitwillig zu, von Quantenphysik keine Ahnung zu haben – bei Themen wie “sexuelle Orientierung” wimmelt es plötzlich vor selbsternannten “Experten”.)

  11. 19.06.2008 | 10:54

    @MartinM

    Ich habe immer meine Probleme, wenn die Tabuisierung von Wissen oder Wissensdrang gefordert wird, weil man den Menschen nicht zutraut, mit diesem Wissen richtig umzugehen. Das war ja auch Teil der damaligen Debatte.

    Genetische Weichenstellungen werden für alles mögliche herausgefunden, aber was eine Krankheit ist und was nicht, das ist allein eine gesellschaftliche Konvention, die mit den Forschungsergebnissen der Neurologie erstmal nichts zu tun hat. In den letzten Jahren scheint mir z.B. der Krankheitsbegriff zumindest implizit immer mehr ausgedehnt worden zu sein auf alles, was nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht, woraus dann sofort ein Anspruch auf Korrektur, “Heilung”, abgeleitet wird, nicht zuletzt gefördert durch jene, die davon wirtschaftlich profitieren. Aber das hat wie gesagt nichts mit Forschungsergebnissen zu tun, die z.T. jahrzehntelang schon bekannt sind, sondern mehr mit dem Vordringen von Hedonismus und Narzissmus.

  12. 19.06.2008 | 13:22

    @Boche

    Wobei “Liberals” hier im amerikanischen Kontext zu verstehen ist und damit eher auf die Linke verweist, richtig?

    Selbstverständlich!

  13. Eloman
    19.06.2008 | 14:17

    Gibt es nicht auch schwule Pinguine und Schafe usw.? Vielleicht sollte man deren Gehirne mal untersuchen. Letztendlich ist der mensch doch auch nur ein, wenn auch hochentwickeltes, Tier.

  14. 20.06.2008 | 14:43

    In den letzten Jahren scheint mir z.B. der Krankheitsbegriff zumindest implizit immer mehr ausgedehnt worden zu sein auf alles, was nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht, woraus dann sofort ein Anspruch auf Korrektur, “Heilung”, abgeleitet wird, nicht zuletzt gefördert durch jene, die davon wirtschaftlich profitieren

    Wohl wahr, lieber Rayson. Denn jede Krankheit ruft ja sofort nach ihren Therapeuten. Wer schlecht lesen kann, “hat Legasthenie” und bedarf also eines spezialisierten Therapeuten. Jeder soundsovielte Deutsche “leidet unter Depressionen” und ist somit behandlungsbedürftig; früher hatte man mal einen Durchhänger.

    Besonders erfolgversprechend ist das Feld der Sucht. Workaholics, Internetsüchtige, Sexsüchtige. Kürzlich hat jemand, glaube ich, die Telefoniersucht als Krankheit entdeckt.

    Nur für meine Lesesucht scheint sich immer noch kein Therapeut zu interessieren. :(

    Herzlich, Zettel

  15. Ben Czerny
    20.06.2008 | 15:52

    “In den letzten Jahren scheint mir z.B. der Krankheitsbegriff zumindest implizit immer mehr ausgedehnt worden zu sein auf alles, was nicht dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entspricht, woraus dann sofort ein Anspruch auf Korrektur, “Heilung”, abgeleitet wird, nicht zuletzt gefördert durch jene, die davon wirtschaftlich profitieren. Aber das hat wie gesagt nichts mit Forschungsergebnissen zu tun, die z.T. jahrzehntelang schon bekannt sind, sondern mehr mit dem Vordringen von Hedonismus und Narzissmus.”

    Das sehe ich ganz genauso!

    Vor der Tagesschau:
    “Fragen Sie gezielt nach der neuen Apothekenumschau. Darin erklären wir Ihnen genau, warum Sie krank sind. Das passende Medikament haben wir natürlich auch schon!”

    Das Schlimme ist: auch eingebildete (”eingeredete”) Kranke entwickeln Leidensdruck.

    Und über die Richtigkeit und Wichtigkeit individueller Bedürfnisse richtet man als Liberaler ja nicht.

  16. 24.06.2008 | 9:44

    @MartinM:

    Ob man diese systematische Veränderung des Gehirns nun Krankheit nennt oder nicht, ist für die Wahrnehmung der sich daraus ergebenden Unterschiede ziemlich belanglos. Es wäre nicht besser, wenn Homosexualität tatsächlich eine pure Folge einer anderen Erziehung wäre und deshalb von einigen mit Vorurteilen belegt würde.

    Wir haben doch auch kein Problem zu sagen, dass eine dunkle Hautfarbe genetisch bedingt ist und dennoch eine Diskriminierung abzulehnen sei. Warum also das hadern mit biologischen Erklärungen für die sexuelle Prägung eines Menschen. Schließlich sollte die Ursache ohne Einfluss auf den individuellen Umgang mit diesem Phänomen sein. Daher kann ich nicht verstehen, warum viele Leute damit so ein großes Problem haben.

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