17. Juni 2008
Tunnelblick
Ganz abgesehen davon, dass sich unser Umweltminister in einem Interview mit dem Deutschlandfunk eines unterirdischen Umgangstons bedient, demonstriert er aufs neue den für Politiker recht typischen Mangel an analytischer Komplexität. Der Mann kann mit der Kunst des “Thinking Beyond Stage One” offenbar wenig anfangen:
Spengler: Wäre es in dieser Situation des Klimawandels, in der Öl und Gas knapp und teuer werden, nicht doch klug, noch einmal unaufgeregt über den rot/grünen Atomausstieg nachzudenken?
Gabriel: Erstens weiß ich nicht, was Atomenergie mit Öl und Gas zu tun haben soll. Sie wärmen Ihre Wohnung zu Hause nicht mit Atomstrom und Sie fahren Ihr Auto, wenn ich das richtig vermute, nicht mit Brennstäben.
Spengler: Es geht trotzdem um den allgemeinen Energiemangel.
Gabriel: Es gibt keinen allgemeinen Energiemangel, sondern die Menschen leiden vor allen Dingen unter explodierenden Wärmekosten im Gasbereich und in der Tat in den letzten Jahren auch über Strompreissteigerungen. Aber das, was auch richtig Geld kostet, ist der Sprit im Auto und die Wärme in der Wohnung beziehungsweise das warme Wasser. Das wird mit Gas erzeugt.
Ihre Frage zeigt aber schon, wie ideologisch in Deutschland Kernenergie diskutiert wird. Ganz tief, bis in die tiefste Seele eines Journalisten offensichtlich hinein, steht unter Energiepolitik immer Kernenergie, obwohl die weltweit – übrigens auch in Deutschland – nicht mal drei Prozent des Endenergieverbrauchs ausmacht. Also dort müssen wir über ein paar andere Sachen diskutieren.
Spengler: Ich weise das zurück, dass Sie in meine Seele gucken können und dass ich da ideologisch – -
Gabriel: Ich kann nichts dafür, dass Sie anmoderieren mit Benzinpreisen und Gaspreisen und dann mit Kernenergie kommen. So eine Bauchlandung habe ich schon lange nicht gehört.
Vielleicht hätte ihm einer seiner Mitarbeiter ja vorher sagen können, dass auch Strom und nicht nur Wärme mit Gas erzeugt wird und Strom mit Atomkraft oder Gas produziert werden kann. Je weniger Atomstrom aber produziert wird, umso eher muss bei den derzeit miesen Investitionsbedingungen für Kohlekraftwerke auf Gaskraftwerke zurück gegriffen werden. Der Normalverdiener mit der Erdgasheizung konkurriert damit direkt als Nachfrager mit den Kraftwerksbetreibern, weshalb es für die Frage des Interviewers völlig irrelevant ist, ob man in seinem Keller zu Heizungszwecken einen Kernreaktor betreibt oder nicht. Erdöl kann ebenfalls zur Stromerzeugung eingesetzt werden oder ersetzt gegebenenfalls das Erdgas, das für die Atomenergie in die Bresche springen muss. Also würde im Zweifel auch der Autofahrer etwas von längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke haben. Irrelevant ist auch der Hinweis auf den geringen Anteil der Endenergie, denn es geht hier um Primärenergieträger, zu denen die Atomkraft noch gut 12% in Deutschland beiträgt.
Das alles ist nicht schwer zu verstehen. Wohl auch nicht für den Herrn Minister, doch erlaubt ihm das selbstauferlegte Denkverbot in Sachen Atomkraft nicht mehr als einen Tunnelblick. Und inhaltliche Schwächen haben sich schon immer durch selbstbewusstes Auftreten umschiffen lassen.
Verfasst von SteffenH um 17:25 Uhr in der Kategorie Sozialpolitik,Umweltpolitik,Wirtschaft (Trackback)
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