Tunnelblick

Ganz abgesehen davon, dass sich unser Umweltminister in einem Interview mit dem Deutschlandfunk eines unterirdischen Umgangstons bedient, demonstriert er aufs neue den für Politiker recht typischen Mangel an analytischer Komplexität. Der Mann kann mit der Kunst des “Thinking Beyond Stage One” offenbar wenig anfangen:

Spengler: Wäre es in dieser Situation des Klimawandels, in der Öl und Gas knapp und teuer werden, nicht doch klug, noch einmal unaufgeregt über den rot/grünen Atomausstieg nachzudenken?

Gabriel: Erstens weiß ich nicht, was Atomenergie mit Öl und Gas zu tun haben soll. Sie wärmen Ihre Wohnung zu Hause nicht mit Atomstrom und Sie fahren Ihr Auto, wenn ich das richtig vermute, nicht mit Brennstäben.

Spengler: Es geht trotzdem um den allgemeinen Energiemangel.

Gabriel: Es gibt keinen allgemeinen Energiemangel, sondern die Menschen leiden vor allen Dingen unter explodierenden Wärmekosten im Gasbereich und in der Tat in den letzten Jahren auch über Strompreissteigerungen. Aber das, was auch richtig Geld kostet, ist der Sprit im Auto und die Wärme in der Wohnung beziehungsweise das warme Wasser. Das wird mit Gas erzeugt.

Ihre Frage zeigt aber schon, wie ideologisch in Deutschland Kernenergie diskutiert wird. Ganz tief, bis in die tiefste Seele eines Journalisten offensichtlich hinein, steht unter Energiepolitik immer Kernenergie, obwohl die weltweit – übrigens auch in Deutschland – nicht mal drei Prozent des Endenergieverbrauchs ausmacht. Also dort müssen wir über ein paar andere Sachen diskutieren.

Spengler: Ich weise das zurück, dass Sie in meine Seele gucken können und dass ich da ideologisch – -

Gabriel: Ich kann nichts dafür, dass Sie anmoderieren mit Benzinpreisen und Gaspreisen und dann mit Kernenergie kommen. So eine Bauchlandung habe ich schon lange nicht gehört.

Vielleicht hätte ihm einer seiner Mitarbeiter ja vorher sagen können, dass auch Strom und nicht nur Wärme mit Gas erzeugt wird und Strom mit Atomkraft oder Gas produziert werden kann. Je weniger Atomstrom aber produziert wird, umso eher muss bei den derzeit miesen Investitionsbedingungen für Kohlekraftwerke auf Gaskraftwerke zurück gegriffen werden. Der Normalverdiener mit der Erdgasheizung konkurriert damit direkt als Nachfrager mit den Kraftwerksbetreibern, weshalb es für die Frage des Interviewers völlig irrelevant ist, ob man in seinem Keller zu Heizungszwecken einen Kernreaktor betreibt oder nicht. Erdöl kann ebenfalls zur Stromerzeugung eingesetzt werden oder ersetzt gegebenenfalls das Erdgas, das für die Atomenergie in die Bresche springen muss. Also würde im Zweifel auch der Autofahrer etwas von längeren Laufzeiten der Atomkraftwerke haben. Irrelevant ist auch der Hinweis auf den geringen Anteil der Endenergie, denn es geht hier um Primärenergieträger, zu denen die Atomkraft noch gut 12% in Deutschland beiträgt.

Das alles ist nicht schwer zu verstehen. Wohl auch nicht für den Herrn Minister, doch erlaubt ihm das selbstauferlegte Denkverbot in Sachen Atomkraft nicht mehr als einen Tunnelblick. Und inhaltliche Schwächen haben sich schon immer durch selbstbewusstes Auftreten umschiffen lassen.

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18 Kommentare zu “Tunnelblick”

  1. 17.06.2008 | 17:41

    Unglaublich, was für erbärmliche Gestalten hierzulande Ministersessel besetzen dürfen!

  2. R.A.
    17.06.2008 | 17:46

    Ich glaube nicht, daß Gabriel diese Zusammenhänge wirklich nicht durchschaut – die sind so elementar, die müßte selbst er hinkriegen.

    Vielmehr macht er hier die dummdreiste Tour um die berechtigten Fragen des Journalisten abzublocken.
    So nach dem Motto: “Frechheit siegt” – und am Ende bleibt beim Zuhörer nur noch hängen, daß der Minister sich irgendwie in der Diskussion durchgesetzt hat.

    Der Punkt ist halt, daß kaum ein Journalist sich trauen wird, auf die Frechheit mit der Bauchlandung angemessen zu kontern.

  3. 17.06.2008 | 17:58

    @R.A.:

    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er nicht so weit denken kann. Umso schlimmer, wir werden von Leuten regiert, die aus diversen Gründen die Dummheit von Radiohörern bedienen und wenn es nur mit dem Ziel ist unangenehmen Fragen von Journalisten aus dem Weg zu gehen und den Spieß mit einer Dominanznummer umzudrehen. Die Erkenntnis ist zum Fürchten. Kein Typ den ich mir in meinem persönlichen Umfeld wünschte…

  4. 17.06.2008 | 18:12

    Das ist doch nichts Neues: Politiker sind schlechte Menschen.

  5. 17.06.2008 | 18:50

    …unfassbar.

  6. Eloman
    17.06.2008 | 18:57

    Ob er die Nummer mit Michel Friedman auch gebracht hätte?

  7. 17.06.2008 | 19:04

    Nach Gabriels Logik könnte er sich dann auch seine geliebte Windkraft und Solarenergie in die Haare schmieren – damit kann man auch kein Auto antreiben. Nach der Logik anderer Leute sind Energieträger recht weitgehend substitutional.

    Diese Zusammenhänge sind so banal, dass allein R.A.s Vermutung eine nachvollziehbare Erklärung für solche Einlassungen ist.

  8. 17.06.2008 | 23:38

    Ich glaube auch, dass dies Taktik ist. Besser so einen Umweltminister als Herrn Tritin.

    Bemerkenswerter finde ich jedoch den Vorschalg in jeder Tankstelle einen Beamten zu installieren, der Benzinpreise auf soziale Gerechtigkeit prüft. Kann ja nicht sein, dass Krankenschwester und Chefarzt das gleiche zahlen.

    Auch die Idee des “Contractings” ist nonsense. Denn der Vermieter kann für eine gut gedämmte Wohnung mit entsprechend weniger Verbrauch durchaus eine höhere Miete auf dem Markt durchsetzen.

  9. 17.06.2008 | 23:43

    Gas erzeugt bei uns in nennenwerten Mengen Strom? Ich dachte, dass die Gaskraftwerke die sind, die schnell anlaufen können, falls es zu Verbrauchsspitzen kommt.

    Aus dem Rest der Diskussion klinke ich mich lieber aus. Ich bin nämlich gegen Atomkraftwerke, hätte aber nichts gegen Kohlekraftwerke. Da ist der Schaden etwas regionaler wenn da ein uns um die Ohren fliegt. Der Klimawandel ist mir in dem Moment – und auch sonst – ziemlich egal.

  10. soulcase
    18.06.2008 | 1:23

    @Boche:
    Dass diese Gestalten einen Ministersessel besetzen dürfen, liegt aber leider auch daran, dass irgendjemand für diese Gestalten gewählt hat.
    Und evtl. auch daran, dass sich nicht genügend “Normalbürger” engagieren und zur Wahl stellen?

  11. t.i.n.a.
    18.06.2008 | 2:58

    Sicher das Gabriel überhaupt gegen Atomkraft ist?
    Vattenfall und Co. können den Rückbau doch eh nicht aus eigener Tasche bezahlen, den Ausstieg kann sich die BRD schlicht nicht leisten.

  12. FG
    18.06.2008 | 8:37

    Das Argument mit den 3 % stammt aus anderen Zusammenhängen und hat dort sogar eine gewisse Stichhaltigkeit, nämlich dass Atomkraft global kaum geeignet ist CO2-intensive Energieerzeugung in relevantem Maße zu ersetzen. Da bekommt auch die Erwähnung der Unmöglichkeit des AKW im Kofferraum Sinn.

    Dass Herr Gabriel nicht in der Lage ist den Unterschied zwischen den beiden Problemfeldern zu erkennen ist tatsächlich mehr als bedenklich.

  13. 18.06.2008 | 9:05

    Der Interviewer hätte eigentlich auf Gabriel gar nicht eingehen dürfen, das erträgt man halt und fertig.

    Allerdings finde ich es genauso seltsam reflexhaft bei der Union, dass sie bei jeder Energiemeldung gleich “Atomkraft her” krähen.

    Wo die Unionschristen allerdings ein neues Kraftwerk bauen wollen, das sagen sie auch nicht. Vermutlich, weil sie wissen, dass es nicht durchsetzbar ist. Wobei ich vermute, dass ein neues AKW am wahrscheinlichsten neben einem alten AKW möglich ist.

    @Holger: Gabriel Logik bei alternativen Energien passt schon, denn die sollen ja Atomkraftwerke ersetzen helfen. Heizen oder Autos antreiben will er damit ja nicht.

  14. 18.06.2008 | 10:06

    @FG:

    Wenn ich über Substitutionalität von Primärenergieträgern rede, kann ich nicht den Anteil der Atomkraft an der Endenergieerzeugung ins Feld führen. Das ist dein Äpfel und Birnen-Vergleich. Atomkraft hätte, bei all den zu lösenden Problemen langfristig ein größeres Potential als diverse erneuerbare, allein weil die Energiedichte in den Brennstoffe so groß ist. Ob sich damit rasch der vermeintliche Klimawandel aufhalten ließe ist eine andere Frage, sollte aber von Leuten wie Gabriel, die die meiste politische Kraft in die wirkungslosesten Maßnahmen legen, nicht so selbstbewusst beantwortet werden.

    Es mag also unklar sein, wie groß der Substitutionseffekt zwischen Erdöl/-gas und Kernkraft ist, aber den Zusammenhang mit derart platten Bemerkungen vom Tisch zu wischen ist schon ein Schauerstück.

  15. 18.06.2008 | 10:06

    @soulcase

    Gern lausche ich deinen Vorschlägen, wie ich als Abgeordneter in den Bundestag gelange.

  16. FG
    18.06.2008 | 10:28

    @ Steffen

    Wenn ich über Substitutionalität von Primärenergieträgern rede, kann ich nicht den Anteil der Atomkraft an der Endenergieerzeugung ins Feld führen.

    Ähh ja, richtig. Sag ich doch auch.

  17. 18.06.2008 | 11:42

    Mal abgesehen von der konkreten Pampigkeit des Herrn Minister:
    “Erstens weiß ich nicht, was Atomenergie mit Öl und Gas zu tun haben soll.” Hierauf könnte man – wenn man dann will – mit der “Energiesubstitution” argumentieren. Als Moderator hätte ich nicht so gekontert – schon um Gabriel nicht die Gelegenheit zu geben, mich als “Atomkraftfan” anzuprangern.
    ” Sie wärmen Ihre Wohnung zu Hause nicht mit Atomstrom und Sie fahren Ihr Auto, wenn ich das richtig vermute, nicht mit Brennstäben.”
    Mit dieser billigen Polemik hat “Siggy Pop” sich selbst bloßgestellt – zumindest für politisch aufgeweckte Hörer (und die dürfte der Deutschlandfunk im weitaus größerem Umfang haben als irgendein Dudelfunksender).
    Hätte dieses Interview an dieser Stelle geendet, hätte der Minister ziemlich blöd dagestanden.
    Aber als erfahrener “Polit-Profi” (wenn auch der tapsig-flapsigen Art) geht Gabriel zum Gegenangriff auf Spengler über. Bewährte Taktik: “diese unfairen Journalisten immer”. Hinzu kommt, dass die Auseinandersetzung mit der Kernenergie in Deutschland quasi-fundamentalistische Züge trägt, es damit zwischen bösem “Atomlobbyist” und verantwortungslosem “zuruck in die Steinzeit” Spinner. Gabriel könnte also “punkten”, indem er Sprengler im “Reich des Bösen” verortet.
    Gabriel wäre aber nicht “Siggy Pop”, wenn er diese Taktik nicht doch vermasseln würde:
    “Gabriel: Ich kann nichts dafür, dass Sie anmoderieren mit Benzinpreisen und Gaspreisen und dann mit Kernenergie kommen. So eine Bauchlandung habe ich schon lange nicht gehört.” Klassisches Eigentor, Herr Minister, zumindest im “Deutschlandfunk”. Damit dürfte auch dem letzten Hörer klargeworden sein: der Minister ist eitel, empfindlich und unhöflich.
    Ich höre morgens “Deutschlandfunk” (nach dem Interview mit Gabriel war ich schlagartig wach, wirksamer als ‘ne kalte Dusche) – Sprengler gehört zu selten gewordenen Rundfunkjournalisten, die in Interviews nachhaken und sich nicht mit vorformulierten Phrasen abspeisen lassen – er hat deshalb schon so manchen aalglatten Politiker die Beherrschung verlieren lassen.

  18. Mathias
    21.06.2008 | 19:40

    Mit Atomstrom kann man auch Wasser spalten. Nur mal so…

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