EM-Notizen, 5. – 8. Spieltag

Es gibt jetzt nur noch anderthalb Favoriten. Nach den bisher gezeigten Leistungen sind die Niederländer der Topfavorit und Portugal ist dessen erster Herausforderer.

Ich will die Leistung unserer Nachbarn im Westen nicht kleinreden: Die haben ausgezeichnete Fußballer in ihren Reihen, spielen taktisch diszipliniert und wirken insgesamt sehr homogen. Nur ist das, was bei ihren Siegen bisher immer herausgestellt wurde, für mich nicht unbedingt so gegeben, nämlich die Qualität der Gegner. Es scheint so, als hätten bei Italienern und Franzosen die meisten Spieler ihre Glanztage bereits hinter sich. Erfolgreiche Glanztage zudem, was nicht gerade angetan ist, jetzt schon wieder diesen Extra-Schritt zu gehen und diesen Extra-Spurt einzulegen. Hinzu kommt aus meiner Sicht als bisherige Konstante in den beiden Spielen der Niederländer (Darf man da eigentlich auch “Holländer” sagen? Die Franzosen nennen uns schließlich auch “Alemannen”, und das sind die meisten von uns eben auch nicht…) die körperliche Überlegenheit der Oranjes. Aber klar: Wer zwei Spiele hintereinander gegen gewöhnlich starke europäische Auswahlmannschaften mit drei Toren Unterschied gewinnt, hat erstmal jede Menge Argumente auf seiner Seite.

Reden wir also über Deutschland. Was war da los? Nun, zunächst mal traf die deutsche Mannschaft auf einen cleveren Gegner, der sich genau die richtige Taktik zurechtgelegt hatte. Die deutschen Außenpositionen wurden konsequent zugestellt, und den beiden Schaltstellen Frings und Ballack trat immer mindestens einer auf und in die Füße. Erschreckend war, dass das gereicht hat, um das deutsche Spiel komplett lahmzulegen. Die Qualität einer Mannschaft zeigt sich, wenn sie auf diese Weise gefordert wird, und die Qualität dieser Mannschaft scheint nicht besonders hoch zu sein. Das hat nichts mit der individuellen Klasse von Spielern zu tun, sondern mehr mit dem Gesamtgefüge. Während der WM 2006 spielten die deutschen Gegner spätestens seit dem Viertelfinale gegen die meisten der jetzt aktiven Spieler genau so, und doch kam es nicht zu einer derart blamablen Vorstellung der DFB-Elf.

Ich habe zwei Thesen anzubieten.

Die erste lautet, dass weite Teile der Mannschaft am Vortag kräftig gebechert haben. Das ist eine These, die um so weniger absurd klingt, je mehr derjenige, der sie hört, persönlichen Kontakt zu Fußballprofis pflegt.

Die zweite aber, die ich für wahrscheinlicher halte, ist, dass es in der Mannschaft und zwischen Mannschaft und Trainer nicht mehr stimmt. Es sind da so einige Worte und Taten, die einen aufhorchen lassen. Da wäre der Streit zwischen Frings und Löw während des Polen-Spiels zu nennen. Oder die Aussage Kloses nach der Partie gegen Kroatien, jeder habe “sein eigenes Ding” machen wollen.

Ich bin der Meinung, Löw hat insbesondere durch seine Personalentscheidungen seine Autorität untergraben und für Missstimmung gesorgt.

Erinnern wir uns an Klinsmann. Wie brutal hat der Meriten beiseitegeworfen und nur die Spieler aufgestellt, die in seinem System den größten Erfolg versprachen. Er hat mit Kahn die bis dato unbestrittene Nr. 1 im Tor demontiert, er hat kurz vor Meldeschluss überraschend Kuranyi hinausgeworfen und Odonkor aufgestellt. Insbesondere die Kahn-Demontage war ein Signal.

Löw signalisiert genau andersherum. Er hält an Spielern fest, weil sie in der Vergangenheit gute Leistungen gebracht haben. Aber der Gegensatz zu ihrem gegenwärtigen Leistungsvermögen ist offensichtlich – Lehmann ist nicht der beste deutsche Torwart, zu Metzelder gibt es bessere Alternativen, Kuranyi konnte in dieser Saison nicht überzeugen, Schweinsteiger hat sich im Niveau nach unten entwickelt und Odonkor von einem Überraschungseffekt gelebt, der längst verbraucht ist.

Es gibt da offensichtlich in der Mannschaft aber Gruppen und Grüppchen, deren Mitglieder sich gegenseitig stützen. So konnte man vernehmen, dass Lehmann, Metzelder und Mertesacker sich als unzertrennbares Team betrachten, und auch Ballack unterstützte Lehmann in einer auffälligen Art und Weise.

All das nagt an der Autorität des Trainers. Die fachliche Kompetenz Löws ist allgemein anerkannt, aber im Vergleich zum Naturtalent Klinsmann sind seine Management-Fähigkeiten anscheinend sehr schwach ausgeprägt. Das kann ein Vorteil sein, wenn in der Mannschaft alles stimmt und jeder andere als unterstützende Eingriff von außen nur stören würde. Das ist aber sofort ein Nachteil, wenn Krisenherde entstehen.

Auch der demonstrative Demontage-Akt, nämlich der gegen Hildebrand, war eher ein Zeichen der Schwäche, sowohl was die betroffenen Personen betraf als auch die Art, wie es ihnen kommuniziert wurde (nicht Löw suchte das Gespräch mit Hildebrand, sondern Köpke).

Ebenso wie die Maßnahme, drei Spieler überraschend in den erweiterten Kader zu berufen, aber dann dennoch nur auf die alte Garde zu setzen. Solche Inkonsequenzen werden in Teams genau beobachtet.

Es kann sein, dass es für Österreich reicht. Aber spätestens im Viertelfinale ist mit dieser Mannschaft und diesem Trainer Schluss. Was das für Löws Zukunft bedeutet, wissen wir nicht. Immerhin hat ihn Zwanziger in der Logik des Berufsfußballs zum Abschuss freigegeben, denn wenn ein Präsident indirekt (also positiv gedreht über ein demonstratives Bekenntnis) etwas dementiert, was bisher noch keiner gefordert hat, dann brodelt es wirklich…

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3 Kommentare zu “EM-Notizen, 5. – 8. Spieltag”

  1. Florian
    14.06.2008 | 20:14

    Es ist wirklich nicht nötig, da irgendwelche Geheimnisse im deutschen Team zu wittern.
    Die Wirklichkeit ist viel banaler:

    Die deutschen Spieler sind überwiegend Bundesliga-Mittelmaß.
    Dass Podolski in der Nationalmannschaft so viel mehr glänzt als im Verein liegt eben auch daran, dass er im Verein gegenüber einem Toni einfach weniger brillieren kann als in der Nationalmannschaft gegenüber Odonkor.

    Und die Möglichkeit einer Mannschaft mittelmäßiger Spieler sind eben begrenzt.
    Es ist das große Verdienst von Löw, dass er aus diesem mittelmäßigen Rohmaterial die beste mögliche Leistung herauskitzelt.
    Dass das dann nicht reicht, um gegen Italien oder die Niederlande zu bestehen, ist dann aber nicht die Schuld des Trainers.

  2. 14.06.2008 | 20:19

    Du hast recht, Florian. Nötig ist das nicht. Und deine Erklärungen decken sicher auch einen Großteil der Wirklichkeit ab. Nur: 2006 war das nicht anders. Und doch wurden die Mannschaften der Vorrunde, wurden Schweden und Argentinien geschlagen. Selbst die Leistung gegen Italien war noch aller Ehren wert.

    Ich würde auch nicht mutmaßen, wenn ich keinen Grund dafür sähe.

  3. Dagny
    15.06.2008 | 15:01

    Der Bericht im SPIEGEL geht in eine ähnliche Richtung, wenngleich das Fazit des Autoritätsverlustes des Trainers nicht ausgesprochen wird:

    http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,559787,00.html

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