EM-Notizen, -10. Tag

Also gleich vorweg: Ich bin natürlich ein Fan der deutschen Mannschaft. Alles andere wäre gekünstelt. Zwar würde sich wohl kaum einer mehr freuen als ich, wenn die Ungarn endlich mal wieder eine ernstzunehmende Auswahl zustande brächten, aber wenn es gegen Deutschland ginge, wäre dann auch wieder 1954. Schön daran ist allerdings, dass die deutsche Mannschaft ein Spiegelbild erfolgreicher Einwanderung ist, und das kann man dann auch mögen, wenn man nicht so der Nationalist ist.

Was das Abschneiden der Deutschen bei dieser EM angeht: Warum sollte ich hier von meinem Standard-Pessimismus abweichen? So, wie Klinsi bei den Spielern die WM zum El Dorado gesteigert hat, kann es nur zum Kater kommen, wenn dieselben Spieler sich jetzt einem härteren Turnier stellen müssen. Denn die EM ist, obwohl im Prestige geringer, wegen der europäischen Leistungsdichte der schwierigere Wettbewerb.

Klinsis hat es mit vielen Mitteln geschafft, aus einem geringqualifizierten Team ein mittelmäßiges mit Luft nach oben zu schaffen. Da spielten viele Aspekte eine Rolle, nicht nur das Setzen auf professionelle physiologische und psychologische Unterstützung oder das Propagieren einer neuen Taktik. Mindestens ebenso wichtig waren die motivationsfördernden Elemente wie die Bedeutung der WM im eigenen Land, die Möglichkeiten für junge Spieler, sich zu präsentieren, oder die Underdog-Situation zu Beginn.

Bei der EM ist vieles anders: Die ehemals Jungen sind jetzt Arrivierte (obgleich im jungen Alter), die EM findet im Ausland statt, und die deutsche Elf gehört zu den Favoriten.

Jetzt kommt noch eins dazu: Wenn man ihn mit Pokerbegriffen umschreiben sollte, ist der Trainer ein sehr “tighter” Spieler, ein “Rock”. Die Nominierung hat gezeigt, dass er im Zweifel immer gegen das Risiko entscheidet, aber damit eben auch gegen die Chance. Ein solches Spiel, eine solche Mannschaft ist berechenbar, und das kann zu einem entscheidenden Nachteil werden.

Ein “looser” Spieler hätte mehr auf den “Flop” gesetzt, also darauf, dass bei jungen Talenten wie Marin oder Helmes, die international weitgehend unbekannt sind, in diesem Turnier ein Knoten platzt, und dass sie so entscheidend werden können wie Odonkor und Neuville weiland im Spiel gegen Polen. Und genau das ist der Unterschied zwischen Löw und Klinsi. So absurd es klingt: Der Odonkor und der Neuville der WM hätten nur Marin und Helmes sein können. Nur die hätten genug Überraschungsmoment mitgebracht, und sie hätten beim Gegner die Unsicherheit produziert, die nur “loose” Spieler erzeugen können.

Jetzt ist es wie vor vier Jahren: Man erscheint mit einem weitgehend bekannten Team, und es fehlt irgendwie an Inspiration und unbedingtem Willen.

Meine Prognose: maximal Viertelfinale, wahrscheinlich aber Ausscheiden in der Gruppenphase.

P.S. Ich hätte zurück nach Hause geschickt: Schweinsteiger, Kuranyi und Jones.

Ähnliche Beiträge


3 Kommentare zu “EM-Notizen, -10. Tag”

  1. 30.05.2008 | 0:16

    Leider könnte dieser Eintrag hier ziemlich wahr sein, auch wenn ich es nicht hoffen mag.

    Übrigens ist er qualitativ deutlich hochwertiger, als diese ganzen “Journalisten-Meinungen”, die jeden Tag auf SPON publiziert werden, zusammen.

  2. 31.05.2008 | 21:19

    [...] Serbien. Kein Grund zur Euphorie, aber auch keiner für mehr Pessimismus. Ich halte an meiner Prognose fest, und was die Nominierungsentscheidungen angeht, sehe ich mich sogar [...]

  3. Die Stimme aus dem Off
    1.06.2008 | 9:36

    Da bin ich mit meinem Pessimismus ja nicht alleine, leider habe ich noch keine Idee wer bitte die EM gewinnen wird. Habe ich mich bei der WM noch dumm und dämlich durch Wetten verdient, befürchte ich schon bei diesem Turnier leer auszugehen. Das ist tragisch.

Bad Behavior has blocked 1036 access attempts in the last 7 days.