Musik als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln

Nur, weil ich das Wochenende über bei meiner Liebsten verweilen durfte, kam ich in den Genuss des diesjährigen Juhrowischn-Zong-Konntästs, dem Nachfolger des ehedem beliebten Grang-Prieh-Döhrowisionn-Della-Schonnsonn.

Aber es war schon witzig, diese Vielfalt zu erleben. Vielfalt nicht nur an Musikstilen und Sprachen, sondern auch die Einstellung zu diesem Wettbewerb betreffend. Die aus meiner Sicht köstlichen Beiträge von Bosien-Herzegowina, Kroatien, Frankreich und Spanien (mein Tipp für den Sommerhit 2008!) konnte nie und nimmer dazu gedacht sein, am Ende die Trophäe in Empfang zu nehmen. Dem russischen Beitrag hingegen hörte und sah man den Willen an, dass die Investition Rendite abwerfen möge. Dem deutschen auch, nur dass man da die Investition irgendwie vergessen hatte.

Das Abstimmungsverhalten ist ja Gegenstand ständiger Diskussionen. Blogger-Kollegen wie Stefan Niggemeier bemühen sich gerne nachzuweisen, dass a) eine “Ostblock”-Abstimmung nicht ausreichend ist, um den Sieger vorherzusagen und b) auch “klassische Grand-Prix-Nationen” deutlich weiter vorne landen können als die deutschen Beiträge zuletzt. Nun ist da einerseits was dran, denn bei den vielen Punkten, die da zu vergeben sind, sind die Nationen-Präferenzen schnell vergeben und der Geschmack darf auch mal ran. Und wenn interessante oder gut gemachte Beiträge genug im Bereich von 4 bis 7 Punkten sammeln, können sie auch ganz gut abschneiden. Auch variiert innerhalb der begrenzten Liste der präferierten Nationen, was diesmal als besonders gelungen empfunden wird. Aber gewisse Stimmblöcke sind nun einmal unübersehbar, und wenn der relative Erfolg eines skandinavischen Beitrags als Beleg für neutrales Abstimmungsverhalten herhalten soll, entbehrt das nicht eines hintergründigen Humors. Ich habe jedenfalls die Chance genutzt, um meiner Liebsten gegenüber meine hellseherischen Fähigkeiten zu demonstrieren, indem ich die Punktevergabe der einzelnen Länder für die jeweiligen Top 3 vorhersagte. Ok, manchmal lag ich daneben, aber die Treffer waren die Regel…

Um das mal durch Zahlen etwas zu untermauern, habe ich die Ergebnisse der letzten drei Jahre in einer Datenbank zusammengefasst und danach ausgewertet, welches Land welche anderen Länder jeweils unter den Top 3 aufführte. Da offenbaren sich dann schon die eifrigen Auswanderernationen und alte Nachbarschaften. Zum Beispiel hat Armenien von den Ländern Frankreich, Belgien, Bulgarien, Niederlande, Russland, Spanien und Türkei in allen drei Jahren immer mindestens 8 Punkte erhalten. Griechenland und die Türkei konnten sich stets der besonderen Punktevergabe aus Deutschland sicher sein, während Russland auf Armenien, Estland, Israel, Estland, Weißrussland und die Ukraine vertrauen durfte.

Exkurs: Weitet man das Kriterium auf zwei von drei Jahren aus, wird die Aussage zwar etwas verwässert, aber dafür auch andere Präferenzen sichtbar. Sollte sich jemand für die Datenbank oder die Auswertungen interessieren, kann er/sie das hier übrigens gerne in den Kommentaren kundtun, und ich werde sehen, was sich machen lässt.

Ich fand das Spektakel ganz interessant. Nur wird es mir zu langweilig, bei der Vorhersage des Abstimmverhaltens die billigen Triumphe einzufahren. Dieser Teil des “Bewerbs” (Gruß an unsere österreichischen Freunde!) ist vom Kult zum Kampf verkommen und wäre, wenn die Nachwirkungen des eisernen Vorhangs nicht weiter derart plakativ aufgezeigt werden sollen, dringend zu reformieren.

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8 Kommentare zu “Musik als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln”

  1. Buenavista
    25.05.2008 | 19:13

    Das Abstimmverhalten ist doch so, weil 90% der Lieder ödester Musikbrei ist. Dann greifen diese nationalen Abstimmungsverhalten. Dass sich seelen- und sprachverwandte Ländergruppen ebenso Punkte zuschanzen wie die Migranten ihren Heimatländern ist wirklich nicht verwunderlich.

    Ich behaupte aber, dass man mit einem gutem eingängigen Song (kurzes Röckchen ohne sichtbare plastische Eingriffe im Gesicht helfen) das Ding auch gewinnen kann.

    Der deutsche Beitrag war dagegen visuelle und akustische 3-Minutenfolter, wie etwa die Hälfte der anderen. Dann gibts noch die Kategorien “gerade noch erträglich”, “geht so”, “ok, nicht schlecht” und eben so 3 oder 4, bei denen man nicht das nächste Bier holt.

    Ok waren Israel, Aserbaidschan, Armenien, Portugal. Den schlimmsten Beitrag hab ich jetzt verdrängt aber Deutschland war mit dabei.

    Ich hätte auf die Griechin getippt: Sah hübsch aus, hatte einen eingängigen Song. Die Russen waren mir zu übertrieben. Aber ok, wenn die Oligarchen jetzt das Ding in Moskau bezahlen.

    Das schlimmste war aber die serbische Folklore. Das war ja noch entsetzlicher als Musikantenstadel.Wäre anstatt der Jodelmusik in “Mars attacks” verwendungsfähig gewesen.

    Das nächste Mal gewinnt Aserbaidschan. Bei den Ölpreisen muss das einfach klappen und islamische Länder mit shakiratauglichen Sängerinnen können nicht ganz so übel sein.

  2. FTT
    25.05.2008 | 20:58

    Der schlechteste Beitrag, den ich gehört habe, war der polnische (“unseren” habe ich glücklicherweise verpasst). Interessanterweise haben dem polnischen Beitrag nicht einmal die große polnische Diaspora bzw. die vielen Deutschpolen zu Punkten verholfen.

  3. Lina
    25.05.2008 | 21:31

    Klasse Titel! Aber ist es nicht wieder typisch für Euch Blogger, den RECHNER ins Zentrum eines *Grand Prix goes Byzanz*-Mega-Events zu rücken? (Ihm sollte allein schon Deine Liebste die Schau gestohlen haben (-;…)

    Doch Du bist nicht allein. Der Schriftsteller *Richard Wagner stellt (auf achgut) ähnliche Überlegungen an; auch von ihm erfährt man: “Im Grunde handelt es sich bei der Sache inzwischen um eine hundertprozentige Osteuropa-und-Anrainer-Show.” Ja, doch, sehr interessant, wirklich, hat ja schliesslich hohen Erkenntniswert.

    Mir persönlich hat an Deinem Eintrag besonders gut gefallen, dass Du den “Juhrowischn-Zong-Konntäst” als Nachfolger des “Grang-Prieh-Döhrowisionn-Della-Schonnsonn” so schön ausbuchstabiert hast. Douze Points!

  4. Buenavista
    25.05.2008 | 21:45

    Sowas in einer aufgekratzten Gruppe in Partylaune anzusehen ist voll ok.
    Allein vor dem Fernseher ist nicht zu empfehlen.

    Aber nicht vergessen, dass der grausamste Song für Deutschland, den es je gab, das Ding seinerzeit GEWONNEN hat.

    Insofern haben wir nochmal Glück gehabt.

  5. tigger
    26.05.2008 | 1:20

    Das war wohl die russische Version von Cat Steven’s “Wild World”.

  6. 26.05.2008 | 14:55

    Hatte diesesmal auf Armenien, Ukraine und Griechenland als die ersten drei Plätze getippt; naja…

  7. Die Stimme aus dem Off
    27.05.2008 | 20:02

    Ich durfte es auch wieder live miterleben. Als Vertreter der deutschen Minderheit unter einer Vielzahl von Griechen konnte ich deren Sachbezogenheit bezeugen:
    Grieche 1: “Ja, das war auch ein gutes Lied.”
    Grieche 2 (spricht nur gebrochen Deutsch): “Ja, hatta guht gemacht! Aber nix so gut wie griechische Beitrag. Griechische Beitrag ist der Bäste!”
    Ich:”Ich werde natürlich auch die Griechin wählen.” (Anerkennendes und zustimmendes Nicken.)
    Griech 3: “Also ich wähle die Ukrainerin, die hatte so geile Ti****” (Ellebogstoß von seiner Frau folgte sofort)
    Frau: “Jungs, Ihr werdet ja wohl ALLE die Griechen wählen.” (Es folgt unterwürfiges nicken.)
    Dann kam die telefonische Abstimmung; Griechenland 12 Punkte, hehe.

  8. DDH
    28.05.2008 | 17:38

    Der beste ESC-Beitrag kam m.E. wirklich aus Israel, von Boaz Mauda, der “yemenitischen Nachtigall”, wie der junge IDF-Soldat und Landarbeiter, der das israelische Pendant zu DSDS gewonnen hat, bisweilen auch genannt wird. War ein exzellenter, gefühlvoller Auftritt und eine tolle Ballade (geschrieben von Dana International, der einstigen Grand Prix Gewinnerin).

    Und meinen DSDS-Liebling Fady Maalouf schicken wir sicher nicht zum Grand Prix! Dann lieber jemanden, der allenfalls einen schlechten Ruf zu verteidigen hat.

    Siehe auch: http://dominikhennig.blogspot.com/2008/05/wenn-nachtigallen-von-polit-rlpsern.html

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