25. Mai 2008
Musik als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln
Nur, weil ich das Wochenende über bei meiner Liebsten verweilen durfte, kam ich in den Genuss des diesjährigen Juhrowischn-Zong-Konntästs, dem Nachfolger des ehedem beliebten Grang-Prieh-Döhrowisionn-Della-Schonnsonn.
Aber es war schon witzig, diese Vielfalt zu erleben. Vielfalt nicht nur an Musikstilen und Sprachen, sondern auch die Einstellung zu diesem Wettbewerb betreffend. Die aus meiner Sicht köstlichen Beiträge von Bosien-Herzegowina, Kroatien, Frankreich und Spanien (mein Tipp für den Sommerhit 2008!) konnte nie und nimmer dazu gedacht sein, am Ende die Trophäe in Empfang zu nehmen. Dem russischen Beitrag hingegen hörte und sah man den Willen an, dass die Investition Rendite abwerfen möge. Dem deutschen auch, nur dass man da die Investition irgendwie vergessen hatte.
Das Abstimmungsverhalten ist ja Gegenstand ständiger Diskussionen. Blogger-Kollegen wie Stefan Niggemeier bemühen sich gerne nachzuweisen, dass a) eine “Ostblock”-Abstimmung nicht ausreichend ist, um den Sieger vorherzusagen und b) auch “klassische Grand-Prix-Nationen” deutlich weiter vorne landen können als die deutschen Beiträge zuletzt. Nun ist da einerseits was dran, denn bei den vielen Punkten, die da zu vergeben sind, sind die Nationen-Präferenzen schnell vergeben und der Geschmack darf auch mal ran. Und wenn interessante oder gut gemachte Beiträge genug im Bereich von 4 bis 7 Punkten sammeln, können sie auch ganz gut abschneiden. Auch variiert innerhalb der begrenzten Liste der präferierten Nationen, was diesmal als besonders gelungen empfunden wird. Aber gewisse Stimmblöcke sind nun einmal unübersehbar, und wenn der relative Erfolg eines skandinavischen Beitrags als Beleg für neutrales Abstimmungsverhalten herhalten soll, entbehrt das nicht eines hintergründigen Humors. Ich habe jedenfalls die Chance genutzt, um meiner Liebsten gegenüber meine hellseherischen Fähigkeiten zu demonstrieren, indem ich die Punktevergabe der einzelnen Länder für die jeweiligen Top 3 vorhersagte. Ok, manchmal lag ich daneben, aber die Treffer waren die Regel…
Um das mal durch Zahlen etwas zu untermauern, habe ich die Ergebnisse der letzten drei Jahre in einer Datenbank zusammengefasst und danach ausgewertet, welches Land welche anderen Länder jeweils unter den Top 3 aufführte. Da offenbaren sich dann schon die eifrigen Auswanderernationen und alte Nachbarschaften. Zum Beispiel hat Armenien von den Ländern Frankreich, Belgien, Bulgarien, Niederlande, Russland, Spanien und Türkei in allen drei Jahren immer mindestens 8 Punkte erhalten. Griechenland und die Türkei konnten sich stets der besonderen Punktevergabe aus Deutschland sicher sein, während Russland auf Armenien, Estland, Israel, Estland, Weißrussland und die Ukraine vertrauen durfte.
Exkurs: Weitet man das Kriterium auf zwei von drei Jahren aus, wird die Aussage zwar etwas verwässert, aber dafür auch andere Präferenzen sichtbar. Sollte sich jemand für die Datenbank oder die Auswertungen interessieren, kann er/sie das hier übrigens gerne in den Kommentaren kundtun, und ich werde sehen, was sich machen lässt.
Ich fand das Spektakel ganz interessant. Nur wird es mir zu langweilig, bei der Vorhersage des Abstimmverhaltens die billigen Triumphe einzufahren. Dieser Teil des “Bewerbs” (Gruß an unsere österreichischen Freunde!) ist vom Kult zum Kampf verkommen und wäre, wenn die Nachwirkungen des eisernen Vorhangs nicht weiter derart plakativ aufgezeigt werden sollen, dringend zu reformieren.
Verfasst von Rayson um 17:37 Uhr in der Kategorie Steckenpferde der Autoren (Trackback)
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