20. Mai 2008
Fruchtfliegen
Woran denken Sie, wenn Sie in der Zeitung das Wort »Fruchtfliege« lesen? Vielleicht an den Biologieunterricht, in dem die Fruchtfliege als Modellorganismus in der Genetik vorgestellt wurde? Vielleicht an die gelben Klebstofffallen, mit denen man die ungebetenen Gäste vom sommerlich gefüllten Obstkorb fernhalten möchte? An das kurze Leben dieser Tiere? Oder an die Schäden, die man im Obstanbau befürchtet, wenn mal wieder eine Fruchtfliegenplage erwartet wird?
Wenn ich von solchen Schädlingen lese, dann denke ich manchmal auch an Professor Dietrich Dörner und sein Buch »Die Logik des Misslingens«. Dörner befasst sich darin mit Modellen für das Handeln in komplexen Situationen und erklärt an vielen Beispielen das Versagen von Führungskräften, die sich an der Lösung komplexer Probleme versucht haben. Wenn solche Führungskräfte eine Fruchtfliegenplage voraussehen, dann haben sie immer eine ganz schnelle Lösung parat: man könnte doch richtig kräftige Insektizide einsetzen oder man könnte tausende Menschen zum Einsammeln der Insekten auf die Felder schicken …
Ein deutscher Umweltminister darf heute an den Einsatz von Insektiziden gegen Fruchtfliegen überhaupt nicht denken. Er weiß: »Gute« Insektizide gibt es nicht. Und er kann heute auch nicht mehr tausende Menschen auf die Felder schicken — zumindest solange man keinen Auftraggeber zwingen kann, ihnen einen protektionistisch wirksamen Mindestlohn dafür zu zahlen. Ein deutscher Umweltminister löst das Problem natürlich auf ganz natürliche Art und Weise.
Herr Gabriel hat gemeinsam mit zwei anderen Autoren für die gestrige Ausgabe der F.A.Z. einen Gastbeitrag geschrieben, in dem die Fruchtfliegen ein wichtiger Aufhänger sind. Eine Fruchtfliegenart hat sich von Kenia über den gesamten afrikanischen Kontinent ausgebreitet und bedroht nun die Mango-Ernten. In Sri Lanka soll es einen natürlichen Feind dieser Fruchtfliege geben, den man nun von dort importieren müsse.
Im weiteren Verlauf des Artikels geht es dann darum, dass man Sri Lanka diesen natürlichen Feind eigentlich im Rahmen eines Abkommens über die biologische Vielfalt abhandeln müsse, denn das Land habe momentan den Export dieser wichtigen Ressource gestoppt. Und es gibt natürlich wieder einmal Forscher und Berater, die ganz sicher sind, dass dieser natürliche Feind ganz gefahrlos »in Afrikas Ökosystem« ausgesetzt werden kann (»in Afrikas Ökosystem« ist ein wörtliches Zitat aus dem Artikel, das man sich genießerisch auf der Zunge zergehen lassen sollte).
Hätte sich Herr Gabriel von Professor Dörner beraten lassen, dann würde er solche Lösungen nicht im Brustton der Überzeugung verkünden. Dietrich Dörner hat sich eingehend mit Modellen befasst, in denen Räuber-Beute-Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. Und wenn man eines aus seinem Buch lernen kann, dann das Misstrauen gegenüber solchen ganz einfachen Lösungsansätzen: ich importiere ein Tier aus einem ganz anderen Lebensraum, vermehre es, lasse es auf den Schädling los und alles wird gut.
Im Regelfall wird davon eben überhaupt nichts gut. Die Geschichte hat gezeigt, dass durch so »einfache« Maßnahmen manches scheinbar unbeteiligte Tier ausgerottet und mancher Lebensraum zerstört wurde. Die Wissenschaft stellt Modelle zu den Beziehungen zwischen Räuber- und Beutepopulationen zur Verfügung. Aber man müsste eben als Umweltminister und letztes politisches Talent der SPD erst mal darauf kommen, sich von mehreren Seiten beraten zu lassen.
Es überrascht andererseits nicht, dass ein deutscher Minister solche Lösungsansätze vertritt. Denn in der Innenpolitik machen sie es ja auch nicht anders: gegen »Armut« hilft »Mindestlohn« und gegen weiter bestehende Armut hilft dann wahrscheinlich ein höherer »Mindestlohn«. Dass ein Mindestlohn nach der geltenden Armutsformel überhaupt nicht gegen Armut helfen kann, weil er eben immer nur der Lohn der anspruchslosen Arbeit sein wird und weil ein bestimmter Teil aller Beschäftigten wirklich nur anspruchslose Arbeiten erledigen kann, wird schon bei der Zielsetzung übersehen.
Das strategische Denken in komplexen Situationen ist erlernbar. Und das Lernen beginnt meist in dem Augenblick, in dem man über die eigenen Fehler in der Computer- oder Spielsimulation erschrickt. Manchmal träume ich davon, den gesamten Bundestag für 14 Tage in Professor Dörners Versuchslabor zu schicken. Aber dann denke ich daran, dass die Abgeordneten viel zu viel mit ihren Mindestdiäten zu tun haben und so möchte ich sie lieber doch in Ruhe lassen. Es ist ja noch immer irgendwie gut gegangen …
Verfasst von stefanolix um 19:19 Uhr in der Kategorie Politik, Rochus, Umweltpolitik (Trackback)
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