17. Mai 2008
Selektive Wahrnehmung
Der Pantoffelpunk beschwert sich, dass einige Zeitungen darüber berichten, dass linksextrem wie auch islamistisch motivierte Straftaten im vergangenen Jahr deutlich zugenommen haben, während die Zahl der rechtsextrem motivierten Verbrechen zurückgegangen ist. Der Grund für seine Ablehnung ist dabei nicht, dass diese Aussage nicht stimmt, sondern er stößt sich offenbar vielmehr daran, dass dabei das Offensichtliche außer Acht gelassen wird: Die absolute Zahl der rechtsextremen Straftaten ist immer noch sechs Mal so hoch wie die der linksextremen und 24mal höher als die der islamistischen. Diese “freie Interpretation”, wie er es nennt, wird dann zum Anlass für eine der üblichen Tiraden zwischen Verschwörungstheorie und Agitprop, die sein Blog für mich unterhaltsam machen.
Doch muss man auch dem guten Punk selbst vorwerfen, die Zahlen eher selektiv zu interpretieren. Denn nach den von ihm zitierten Zahlen gibt es zwischen der Zahl der Gewalttaten kaum noch einen Unterschied zwischen Rechts und Links, und die Zahl der islamistischen Gewalttaten steigt auf deutlich niedrigerem Niveau dafür um so stärker an. Die wirklich extreme “Übermacht” der Rechtsextremen liegt mehr im Bereich der “sonstigen Straftaten”. Die Quelle listet hier als Beispiele Sachbeschädigung und Nötigung auf – wer sich aber ein wenig mit Extremismus beschäftigt, der weiß, dass hier auch die so genannten “Propagandadelikte” und die Volksverhetzung eine Rolle spielen. Und die können nun einmal nur Rechtsextreme begehen, weil es keine entsprechenden Gesetze gibt, die auf linksextreme Äußerungen anzuwenden wären (wer die DDR verherrlicht, muss sich nicht vor der Justiz fürchten).
Zieht man aber beide Kategorien ab, so kommt man bei den Rechtsextremen nur noch auf 555 “sonstige Straftaten”, also gut ein Viertel der entsprechenden Straftaten von Linksextremen.
Eine seriöse Deutung wäre also folgende:
Die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten in Deutschland ist im vergangenen Jahr sehr leicht zurückgegangen; die erfreulichen Trends bei rechts- und linksextremen Gewalttaten wurden zum Teil durch einen deutlichen Anstieg islamistischer Gewalttaten wieder aufgefangen. Bei den sonstigen Straftaten ist ein deutlicher Anstieg linksextrem und vor allem islamistisch motivierter Straftaten zu verzeichnen, während sich die Zahl entsprechender rechtsextremer Gewalttaten stabil hält.
Wo liegt nun die größere Gefahr? Das ist sehr schwer zu beurteilen. Ja, bei den Gewaltdelikten ist der Rechtsextremismus immer noch genau so bedrohlich wie die beiden anderen Faktoren zusammen – was aber vor allem daran liegt, dass der Islamismus keine ständige Gefahr darstellt. Der Linksextremismus ist nach wie vor die geringere Gefahr für Leib und Leben der übrigen Bürger, aber durchaus bei der Bedrohung von Freiheit und Eigentum auf dem Vormarsch. Im Ergebnis kann man also sagen: Rechts- wie Linksextreme sind nach wie vor eine Gefährdung, tun sich nicht viel in ihrem Bedrohungspotenzial und haben leicht, aber nicht nennenswert abgenommen.
Im Fazit: Die Bedrohung durch Extremisten wächst nicht, aber sie schrumpft auch nicht. Wachsamkeit ist nach wie vor nötig, Sicherheitswahn à la Schäuble aber ganz und gar nicht.
Verfasst von Karsten um 00:16 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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