9. Mai 2008
Geschichte aus erster Hand
Gestern traf ich auf einer Messe einen alten Mann. Seine Gebrechlichkeit – er ging, sehr tief gebückt, an zwei Krücken – sowie der dazu nicht passende Ort (ringsumher nur Anzugmenschen in vertrieblich-geschäftlicher Erregung) verleitete mich zu der Fehlannahme, ich hätte es mit einem dieser Werbegeschenksammler zu tun. Messeerfahrene werden sie kennen, diese Bettlern ähnlichen Leute mit den prall gefüllten Einkaufsbeuteln und Plastetüten.
“Sind Sie IT-Fachmann? Was bedeutet http?” fragte er mich. Eine ungewöhnliche Frage für einen Werbegeschenksammler. Nachdem ich seine Frage beantwortet hatte, kamen wir ins Gespräch. Im großen Kontrast zu seinem gebrechlichen Äußeren stand seine Neugier, die Klarheit seiner Gedankens und das Interesse an den Meinungen anderer.
Und dann erfuhr ich: Ein Blogger stand mir gegenüber!
Der 87-jährige Mann hat im letzten Jahr begonnen, seine Lebensgeschichte wie auch seine (“kunterbunten” nennt er sie) Gedanken über Gott und die Welt in eine Spracherkennungssoftware zu sprechen. Und eine Freundin von ihm füttert damit dieses Blog.
Man findet dort Biografisches (das Kürzel BI vor den Titeln kennzeichnet entsprechende Einträge), seine in der Gegend von Danzig beginnende und ihn durch Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung führende Lebensgeschichte. Daneben kann man auch seine (am Kürzel GK erkennbaren) Gedanken über dies und jenes, über Politik, die Gesellschaft und über seinen Gott lesen. Man erschrecke nicht: Der Mann hat Ansichten, die wohl teilweise recht abstrus erscheinen. Nicht nur, dass ihm Nation und “Volksgemeinschaft” wichtige Begriffe sind (auch, wenn er meiner Ansicht nach kein Nationalist ist). Bei Familien braucht es seiner Ansicht nach mindestens 3 Kinder, damit sich ein ominöser Gemeinschaftssinn “herbei-mendelt”. Und rund um eine befürchtete Begrenztheit der Erdölressourcen baut er fixe, von Zukunftsangst bestimmte Ideen auf. Man spürt, dass die Ideenwelt, in der sich sein Geist herausgebildet hat, die des Europas im beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts war.
Aber: Der Mann hungert förmlich nach Reaktionen und Meinungen zu seinen Thesen und Geschichten! Wer deshalb Lust und Zeit hat, möge sich doch dort als Kommentator betätigen. Es dürfte immer seltener werden, dass man mit Menschen einer solch langen Lebenserfahrung in Austausch treten kann. Nur etwas Geduld muss man sicher mitbringen. Die Antworten werden ihm in seine Offline-Welt übermittelt, dann dort von ihm beantwortet und zu seiner Freundin zurückgeschickt, die sie online stellt.
Verfasst von Boche um 13:16 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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