Geschichte aus erster Hand

Gestern traf ich auf einer Messe einen alten Mann. Seine Gebrechlichkeit – er ging, sehr tief gebückt, an zwei Krücken – sowie der dazu nicht passende Ort (ringsumher nur Anzugmenschen in vertrieblich-geschäftlicher Erregung) verleitete mich zu der Fehlannahme, ich hätte es mit einem dieser Werbegeschenksammler zu tun. Messeerfahrene werden sie kennen, diese Bettlern ähnlichen Leute mit den prall gefüllten Einkaufsbeuteln und Plastetüten.

“Sind Sie IT-Fachmann? Was bedeutet http?” fragte er mich. Eine ungewöhnliche Frage für einen Werbegeschenksammler. Nachdem ich seine Frage beantwortet hatte, kamen wir ins Gespräch. Im großen Kontrast zu seinem gebrechlichen Äußeren stand seine Neugier, die Klarheit seiner Gedankens und das Interesse an den Meinungen anderer.
Und dann erfuhr ich: Ein Blogger stand mir gegenüber!

Der 87-jährige Mann hat im letzten Jahr begonnen, seine Lebensgeschichte wie auch seine (“kunterbunten” nennt er sie) Gedanken über Gott und die Welt in eine Spracherkennungssoftware zu sprechen. Und eine Freundin von ihm füttert damit dieses Blog.

Man findet dort Biografisches (das Kürzel BI vor den Titeln kennzeichnet entsprechende Einträge), seine in der Gegend von Danzig beginnende und ihn durch Krieg, Gefangenschaft und Vertreibung führende Lebensgeschichte. Daneben kann man auch seine (am Kürzel GK erkennbaren) Gedanken über dies und jenes, über Politik, die Gesellschaft und über seinen Gott lesen. Man erschrecke nicht: Der Mann hat Ansichten, die wohl teilweise recht abstrus erscheinen. Nicht nur, dass ihm Nation und “Volksgemeinschaft” wichtige Begriffe sind (auch, wenn er meiner Ansicht nach kein Nationalist ist). Bei Familien braucht es seiner Ansicht nach mindestens 3 Kinder, damit sich ein ominöser Gemeinschaftssinn “herbei-mendelt”. Und rund um eine befürchtete Begrenztheit der Erdölressourcen baut er fixe, von Zukunftsangst bestimmte Ideen auf. Man spürt, dass die Ideenwelt, in der sich sein Geist herausgebildet hat, die des Europas im beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts war.

Aber: Der Mann hungert förmlich nach Reaktionen und Meinungen zu seinen Thesen und Geschichten! Wer deshalb Lust und Zeit hat, möge sich doch dort als Kommentator betätigen. Es dürfte immer seltener werden, dass man mit Menschen einer solch langen Lebenserfahrung in Austausch treten kann. Nur etwas Geduld muss man sicher mitbringen. Die Antworten werden ihm in seine Offline-Welt übermittelt, dann dort von ihm beantwortet und zu seiner Freundin zurückgeschickt, die sie online stellt.

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10 Kommentare zu “Geschichte aus erster Hand”

  1. Lina
    9.05.2008 | 19:44

    @ Boche

    “Der Mann hungert förmlich nach Reaktionen und Meinungen”

    Sehr freundlich von Dir, dem hungrigen alten Mann über Dein Blog ein Publikum für seines zu verschaffen! Und Du nennst gute Gründe.

    Ich hab’ zwar noch einen wachen, noch älteren Opa, aber ich geh’ da mal hin…

  2. 9.05.2008 | 22:41

    @Lina

    Ja, vielleicht liegt mir das so am Herzen, weil ich keinen Opa mehr kennengelernt habe.

  3. Lina
    9.05.2008 | 23:23

    @ Boche

    Oh, das ist wirklich schade! Informationen aus nächster Hand sind die besten, auch wenn da vielleicht manches unter den Tisch fällt, was die enge Beziehung belasten könnte (-;…

    Ich war also da und habe ein Fundstück mitgebracht, das Deinen Eindruck bestätigt: “Die Väter des Grundgesetzes sind leider von einem Extrem ins andere geraten, als sie in Paragraph eins die Würde des Menschen für wichtiger hielten als das Wohl der Gemeinschaft.”

    Gewarnt war ich ja schon… Was hätten sie sonst nehmen sollen? Hier eignet sich nur das Einzelexemplar Mensch; schützt man ihn zuerst, ist auch das Wohl seiner Gemeinschaft gesichert. Sollte man jedenfalls meinen…

  4. F. Alfonzo
    10.05.2008 | 0:55

    Ja, vielleicht liegt mir das so am Herzen, weil ich keinen Opa mehr kennengelernt habe.

    Nun, ich erinnere mich noch an Gespräche mit einem meiner Großväter. Der wurde Ende des 19. Jahrhunderts geboren, hat also beide Weltkriege in ihrem vollen Ausmaß bewusst miterlebt.
    Auch wenn ich damals noch etwas zu jung war, um seine Erzählungen irgendwie im gesamten Kontext zu sehen, so war doch stets der Eindruck da, der Mann erwarte jeden Moment den Weltuntergang; sein gesamtes Verhalten war (verständlicherweise) geprägt von den Kriegserfahrungen. Sowas ist wirklich traurig.

    In diesem Zusammenhang kein Wunder, dass der von dir erwähnte Blogger etwas “abstrus” wirkt.
    …werde gleich mal in seinen Blog reinschauen.

  5. 10.05.2008 | 1:29

    Könnte es sein, dass dies der älteste Blogger Deutschlands ist? Egal, sehr interessant ist das! Ich war schon kurz dort, muss mir aber etwas mehr Zeit zum Lesen nehmen.

    Wenn ich mir überlege, dass Vorstände, denen ich Blogs als Mittel zur Unterstützung der firmeninternen Kommunikation nahegelegt habe, mich nur mit Fragezeichen in den Augen angesehen haben, eine wohl doch seltene Erfahrung, die du da gemacht hast.

  6. F. Alfonzo
    10.05.2008 | 1:37

    update:

    …nachdem ich jetzt mal ein paar Einträge gelesen habe:
    M.E. sind die i.d.R. kurz, knackig und auch nicht gerade falsch (zumindest nicht grundsätzlich), vor allem die GK-Einträge. Lebenserfahrung scheint mir auch eine Art von Wissenschaft zu sein.
    Respekt.

  7. F. Alfonzo
    10.05.2008 | 1:39

    @ Horst:

    Wenn ich mir überlege, dass Vorstände, denen ich Blogs als Mittel zur Unterstützung der firmeninternen Kommunikation nahegelegt habe

    Ziemlich gute Idee, nur so am Rande erwähnt. Hast du ihnen auch erklärt, was ein Blog eigentlich ist? Würde die Fragezeichen in den AUgen erklären…

  8. Lina
    10.05.2008 | 9:34

    @ Horst Schulte

    “Könnte es sein, dass dies der älteste Blogger Deutschlands ist?”

    Vielleicht? Als solcher könnte er sogar über Boches Interesse hinaus noch das der Medien finden, die mit Blogs zwar wenig am Hut haben, dafür aber viel mit Superlativen. Sollen wir es ihm wünschen (-;?

    Nach meiner Beobachtung, wie alte Leute zum Internet als Kommunikationsmittel stehen, ist das “Fragezeichen in den Augen” noch die mildeste Form der Reaktion; die meisten halten es für “Teufelszeug”. Und während die Presse Blogs gern als abzuqualifizierende Konkurrenz sieht (was die Alten ihrem gewohnten Zeitungs-Abo immer wieder mal entnehmen können – denke da gerade an die eifernde SZ…), könnten die Alten doch über Blogs einen auch für Dritte ergiebigen Erfahrungsaustausch betreiben.

    Es bräuchte halt (wie für die zweimal angesprochenen, ahnungslosen Vorstände) mehr Aufklärung über die Möglichkeiten, die so ein Blog, das Internet überhaupt, bieten kann. Aber wer macht das? Ich weiss jedenfalls, dass die meisten städtischen Alten-Servicezentren es tun.

  9. 10.05.2008 | 9:47

    @F. Alfonzo: Erklärt habe ich, was Blogs sind. Vielleicht hatten sie die schlechten Erfahrungen im Kopf, die Kleinfeld (Siemens) seinerzeit mit “seinem” Blog gemacht hatte. Inhalte wurden an die Presse weitergegeben und für “hinterlistige” Zwecke genutzt.

    @Lina:

    Sollen wir es ihm wünschen (-;?

    Das vielleicht nicht… Aber ich werde vielleicht was darüber bloggen. Da kann ja in dieser Richtung nix passieren :-)

    Ich weiss jedenfalls, dass die meisten städtischen Alten-Servicezentren es tun.

    Das finde ich sehr gut! Es eröffnet gerade auch älteren Leuten Möglichkeiten, ihre vielleicht aus körperlichen Gründen begrenzte Kommunikation zu erweitern. Dafür sind natürlich zunächst die Hürden zunehmen, die du angesprochen hast. Spätestens dann, könnte ich mir vorstellen, wenn eine vernünftige und erschwingliche Sprachsteuerung für die Bedienung geschaffen ist, könnte das einen richtigen Boom auslösen. Alternativ könnte man Podcasts einsetzen. Aber dafür müssten zu viele über ihren Schatten springen. Also wäre am Ende das “traditionelle” Bloggen, das geschriebene Wort, vermutlich die Basis.

  10. 10.05.2008 | 10:26

    [...] Das schrieb ein Blogger am 2. Mai dieses Jahres. Er ist 87 Jahre alt. Vielleicht der älteste Blogger Deutschlands? Bald jährt sich die Einrichtung seines Blogs. Boche traf ihn zufällig während einer IT-Messe und kam mit ihm ins Gespräch. [...]

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