Was ist schuld am Hunger?

Über Jahrzehnte hatte sich die Ernährungssituation auf der Welt verbessert, ging der Hunger zurück. Und wo noch gehungert wurde, hatte dies meist lokale Gründe – Mißwirtschaft wie in Nordkorea, Bürgerkriege oder Kriege.

Und plötzlich überschlagen sich die Schlagzeilen, rückt das Thema “Hunger” wieder nach vorne.

Exemplarisch listet der Spiegel die angeblichen Gründe auf – überzeugen kann das nicht.

Die Weltbevölkerung nimmt unaufhörlich zu, die Anbauflächen nehmen ab.

Eigentlich ist doch das Bevölkerungswachstum in den meisten Staaten ziemlich zurückgegangen, die Weltbevölkerung wächst nur noch wenig und nähert sich der Stabilisierung.
Über die Veränderungen bei Anbauflächen weiß ich nichts, eine Abnahme klingt nicht sehr plausibel.

Die Klimakatastrophe bewirkt teils irreversible Verluste an Agrarland durch Dürren, Fluten, Stürme, Erosion.

Das ist natürlich völliger Bockmist, weil die “Klimakatastrophe” – wenn man überhaupt daran glauben will – eine Prognose für die fernere Zukunft ist.
Bisher hat es beim Klima keine Veränderungen gegeben, die irgendwie in der geschilderte Weise Folgen haben könnten.

Wegen veränderter Essgewohnheiten werden immer mehr Äcker und Urwälder zu Viehweiden. Deren Ertrag, in Kalorien gerechnet, ist wesentlich geringer.

Das ist wohl richtig.
Sollte aber durch bessere Anbaumethoden zu kompensieren sein.

Die Weltbank verlangt von Entwicklungsländern Marktreformen, etwa Schutzzölle abzuschaffen, was der lokalen Landwirtschaft oft massiv schadet.

Da geht dem Spiegel wieder mal der antikapitalistische Reflex durch.
Die “Schutzzölle” sorgen erst einmal dafür, daß die importierten Lebensmittel teurer werden, daß also genau der Effekt eintritt, der jetzt beklagt wird.
Für die Landwirtschaft ist es natürlich gut, wenn die Preise steigen, dann lohnt sich auch eine Vergrößerung der Produktion.

Spekulanten treiben die Rohstoffpreise hoch

Und wieder der Primitivreflex. “Spekulanten” verdienen daran, Trends als erste zu erkennen – sie machen diese aber nicht.

und der hohe Ölpreis wiederum führt dazu, dass “Energiepflanzen” statt Korn oder Futtermais angebaut werden.

Völliger Unfug.
Nicht der Ölpreis führt zum Biosprit-Wahnsinn, sondern die “grüne” Politik diverser Industriestaaten.

Millionen Bürgerkriegsopfer brauchen Nahrungshilfe, fallen selbst als Produzenten aus.

Richtig, aber nicht neu und daher keine Erklärung für die Veränderungen.

Letztlich sind es wohl nicht mangelnde Produktionskapazitäten, die eine ausreichende Versorgung der ganzen Weltbevölkerung verhindern.
Sondern mangelnde Marktwirtschaft.

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37 Kommentare zu “Was ist schuld am Hunger?”

  1. 14.04.2008 | 14:35

    “aber nicht neu”

    Das sagte Thilo Bode von “Foodwatch” heute morgen im ZDF-Frühstücksfernsehen auch und ohne auf das Betroffenheits-Nachgehake der Moderatorin einzugehen.

    Mindestens Milliarde Menschen hätten die ganze Zeit schon zu wenig zu essen, sagte Bode. “Seit Jahrzehnten haben wir Hunger auf der Welt.”

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/472422?inPopup=true

  2. 14.04.2008 | 14:42

    Grpmf, die Mediathek ist ja noch mit Frames. Besser ist dieser Link:
    http://www.zdf.de/….Moerderischer_Handel...

  3. FG
    14.04.2008 | 14:58

    Völliger Unfug.
    Nicht der Ölpreis führt zum Biosprit-Wahnsinn, sondern die “grüne” Politik diverser Industriestaaten.

    Das ist natürlich – mit Verlaub – so pauschal genauso völliger Unfug. selbstverständlich lassen Preissteigerungen bei einem Gut die Nachfrage bei einem Substitutionsgut steigen, was selbstverständlich auch Auswirkungen auf dessen Preis hat und damit auf die Opportunitätskosten der Lebensmittelproduktion. Da braucht es keine Biosprit-Zwngsbeglückung.
    Dass selbige die Lage noch verschärft allerdings ist sicher richtig.

    Bei den Aspekten Anbaufläche und Kompensierbarkeit des Umstiegs auf Fleischproduktion wäre ich für Quellen oder sowas dankbar.

  4. 14.04.2008 | 15:35

    @FG

    Wenn das fragliche Gut allein durch Förderung als Substitutionsgut fungiert, hält R.A.s Anti-Politik-Argument in einem weiteren Sinne, da m.E. Agrarsubventionen höchstens grün angestrichen sind, aber ganz andere Motive dahinterstecken.

  5. 14.04.2008 | 15:54

    [...] Wenn man die aktuelle Berichterstattung verfolgt, könnte man denken, die Folgen der Preiserhöhung seien wirklich fatal, weil sich die armen Menschen sich höhere Preise nicht leisten können.  850 Millionen Menschen hungern auf der Erde und sind von der Preisexplosion betroffen. Was von der Argumentation zu halten ist, ist bei den bissigen Liberalen richtig dargestellt. [...]

  6. R.A.
    14.04.2008 | 16:02

    @FG:
    > Preissteigerungen
    > bei einem Gut die
    > Nachfrage bei einem
    > Substitutionsgut
    > steigen …
    M. W. wäre Biosprit aber bei normalen Marktbedingungen noch weit davon entfernt, Öl wirtschaftlich substituieren zu können.
    Das hängt alleine an der politischen Seite.

  7. R.A.
    14.04.2008 | 16:27

    @Marc:
    > Thilo Bode von
    > “Foodwatch” …
    Schon typisch für manche Medien. Da geht es ums Essen, also wird “Foodwatch” angerufen.

    Dabei haben die sich ja nur fürs edle Essen zuständig erklärt, wo auf Kosten der Erträge auf Kriterien wie “Bio”, “Genfrei” oder “eurythmisch bei Mondschein bepflückt” geachtet wird.

    Wenn es also um den Hunger in der dritten Welt geht, ist Foodwatch nicht nur völlig unzuständig, sondern im Gegenteil eher bei den Verursachern zu suchen.

  8. 14.04.2008 | 20:24

    Schuld am Hunger ist ein ganz einfaches Gesetz. Alle Vorteile haben Nachteile. Heißt wenn Viele genug zu Essen haben können Andere nur zu wenig haben.

  9. 14.04.2008 | 20:35

    Kuchentheorie. Ist ökonomisch äußerst fragwürdig.

  10. 14.04.2008 | 20:36

    Weil die Menge der produzierten Nahrungsmittel je Zeiteinheit ja sowas wie eine Naturkonstante ist! Klar, das ist es!

  11. 14.04.2008 | 20:36

    hehe

  12. Lina
    14.04.2008 | 22:12

    @ Rayson

    “Kuchentheorie. Ist ökonomisch äußerst fragwürdig.”

    Aber sehr robust als Überlieferung (falls hier Marie-Antoinettes Wort gemeint ist). Und wenn ich sehe, was wir den Dritte-Welt-Ländern über- und hinterlassen, in der Praxis sehr nachhaltig…

    Wir geben ihnen unsere subventionierte Milch zu trinken, damit sie die eigene vergessen können. Hier läuft seit undenklichen Zeiten so vieles falsch, dass es mir angesichts der aktuellen Horrorszenarien die Sprache verschlägt. Kann Politik so dumm sein?

    Und sie will auch nicht lernen:

    “The EU Commission on Monday rejected claims that producing biofuels is a “crime against humanity” that threatens food supplies, and vowed to stick to its goals as part of a climate change package. “There is no question for now of suspending the target fixed for biofuels,” said Barbara Helfferich, spokeswoman for EU Environment Commissioner Stavros Dimas. “You can’t change a political objective without risking a debate on all the other objectives,” which could see the EU landmark climate change and energy package disintegrate, an EU official said.” (Quelle: Benny Peiser)

    Letzteres muss man sich auf der Zunge zergehen lassen; das schmeckt nur noch nach Apparat…

  13. 14.04.2008 | 22:31

    [...] Leider hab ich gerade nicht ausreichend Zeit, um mich ausführlich mit dem Phänomen der steigenden Lebensmittelpreise auseinander zu setzen. R.A. kritisiert hier schön die gängigen Weisheiten unserer denkbar unkritischen Presse. [...]

  14. Michel
    14.04.2008 | 23:41

    Den Verlust an Anbaufläche gibt es wirklich, järlich gehen bei der Bewirtschaftung rund 6 cm Bodendecke verloren, was zu einem Verlust von 2% pro Jahr führt. Diese wurden durch neuerschließung von 1% und höhere Produktivität kompensiert. Diese Trends halten shocn seit Jahrzehnen an. Was neu ist ist die Konkurenz der Lebensmittelproduktion mit der von Energiepflanzen. Diese haben einen extremen Flächen verbrauch zur Verdeutlichung: Würden alle Autos in Deutschland mit Raps fahren, würde die Fläche der Bundesrepublik nicht ausreihen um diesen zu produzieren. Demnach reicht schon eine Beimischpflicht von 5% aus, um Landwirstschafliche Fläche wesendlich zu verknappen.

  15. 15.04.2008 | 3:49

    “falls hier Marie-Antoinettes Wort gemeint ist”

    Nein, ist es nicht. Rayson meint damit dasselbe wie ich mit der Naturkonstante: Die Vorstellung, man habe es mit einem Kuchen zu tun, den man nur verteilen, dessen Größe man aber nicht beeinflussen kann.

  16. 15.04.2008 | 3:55

    Im Übrigen: Weniger Menschen, weniger Verbrauch fossiler Energieträger. Von daher ist das Programm vielleicht gleich doppelt wirksam.
    Mehr fällt mir zum eurokratischen Zynismus eigentlich nicht ein.

  17. 15.04.2008 | 7:56

    Ich glaube auch nicht, dass unsere Nutzpflanzen die richtigen für Biospritproduktion sind. Die sind für Nahrungsmittelzwecke optimiert, aber wenn ich Ethanol daraus machen will, müssen die beispielsweise nicht gut schmecken.

    Da wir – so mein Eindruck – jetzt keinen Treibstoffnotstand haben, wäre es doch sinnvoll auf effizientee Energiepflanzen zu warten, die nicht unbedingt auf Böden wachsen müssen, die gut für Nahrungsmittekproduktion sind.

  18. Lina
    15.04.2008 | 8:07

    @ David

    Aha, Kuchen als Naturkonstante, auch gut, danke.

    “Weniger Menschen, weniger Verbrauch fossiler Energieträger”

    Was Du da sagst, passt überraschend gut zur Feststellung, dass Hungersnöte auch künstlich durch Krieg oder verfehlte Politik hervorgerufen oder absichtlich mit genozidaler Absicht ausgelöst werden.

    (Was nehmen wir – und in welcher Kausalkette?)

  19. 15.04.2008 | 8:25

    Im Übrigen: Weniger Menschen, weniger Verbrauch fossiler Energieträger. Von daher ist das Programm vielleicht gleich doppelt wirksam.
    Mehr fällt mir zum eurokratischen Zynismus eigentlich nicht ein.

    Zynisch und ineffizient. Würden wir da nicht die falschen Völker aushungern? In China will man doch Auto fahren, da müsste man doch Hunger erzeugen…

  20. R.A.
    15.04.2008 | 9:47

    @Marc:
    > wäre es doch
    > sinnvoll auf
    > effizientee
    > Energiepflanzen zu
    > warten
    Du bist doch vom Fach: Sind solche Pflanzen “in Aussicht”?
    Grundsätzlich wäre ja nichts dagegen zu sagen, wenn man Anbauflächen für Energie nutzen kann, auf denen mit Nahrungsmitteln nicht viel zu machen ist.

  21. R.A.
    15.04.2008 | 10:08

    Was Thilo Bode laut Joachim noch zum Thema sagt, finde ich schon wesentlich treffender:

    Über 50 Milliarden Euro, das heisst die Hälfte des ganzen EU-Budgets, geht in die Subventionen, die die Umwelt schädigen und die 3.Welt schädigen, übrigens auch die Verbraucher sehr viel kosten. Und das muss jetzt mal ein Ende haben. Wichtig wäre es hier einmal eine öffentliche Debatte zu beginnen. Unsere Landwirtschaft ist ein unmenschliches System.

    Aber das Problem ist natürlich, daß man nicht gleichzeitig die Interessen von Erzeugern und Verbrauchern in der dritten Welt fördern kann.

    Hier wird zu Recht beklagt, daß die Milchbauern dort wg. der EU-Subventionen keine Chance haben.
    Die Leute, die von dieser Milch leben, sehen das wohl anders.

  22. 15.04.2008 | 10:22

    Das “vom Fach” ist jetzt auch schon fünf Jahre her.

    Ein Weg, um zu Energiepflanzen zu kommen wird allerdings auch als Teufelswerk betrachtet: Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen. Wobei ich in dem Bereich noch eher Chancen für “Genpflanzen” sehe, weil man sie nicht essen wird. Allerdings sollten die Züchter es vermeiden Nährpflanzen zu modifizieren, denn dann ist das Geschrei von wegen Auskreuzung und Gentransfer erst recht groß.

    Mir scheint BtL-Kraftstoff (Biomass to Liquid) sinnvoll, da dabei alles organische verwertet werden kann, auch die Abfälle aus Land- oder Forstwirtschaft.

  23. 15.04.2008 | 16:25

    Würden wir da nicht die falschen Völker aushungern?

    Can’t get everything. Kleinvieh macht auch Mist.

  24. 15.04.2008 | 19:08

    [...] die Ursachen der hohen Lebensmittelpreise… 15 04 2008 …sind natürlich komplexer als vom Spiegel dargestellt. dennoch werden die Grundprobleme aufgelistet. wenn man allerdings nicht in der Lage ist, einen solchen Artikel in seiner Gesamtheit zu verstehen (oder überhaupt zu lesen), sollte man auch nicht argumentationsbefreit dagegen anwettern. an anderer Stelle wird das Ganze immerhin halbwegs richtig betrachtet und es wird von (in dem Zusammenhang wichtigen) Preissignalen gesprochen. [...]

  25. 15.04.2008 | 23:01

    Habt ihr das hier gelesen? (Spon mal wieder ich weiß). Eingentlich nur noch zum Kotzen. Es fängt schon an mit “Experten” und “von soundsoviel Staaten unterzeichnet”

  26. ricardo
    16.04.2008 | 4:12

    bevölkerungsexplosion ist ein heikles thema, kaum jemand spricht darüber. ich würder aber trotzem gerne wissen welchen einfluss eine rasch anwachsende bevölkerung mit sich bringt.
    Robert Malthus beschäftigte sich im 19. Jahrunhundert mit der Frage. Er meinte, die lebensmittleproduktion in England von damals, könne auf dauer mit der bevölkerungszunahme nicht mithalten, die folge wäre massenhaftes verhungern. natürlich lag er falsch wie wir heute wissen.
    aber was ist mit heute, in anderen regionen? viele afrikanische und islamische länder wachsen momentan enorm an, so auch haiti, welches aktuell im blickfeld der medien ist. ein paar zahlen zu dem land: haiti wächst in etwa 2.5%, das bedeutet, dass sich ca. alle 25 jahre die dortige bevölkerung verdoppelt, obwohl jeder 20. HIV positiv ist ( zahlen aus dem CIA Factbook – zum vergleich, die EU zone wächst um 0,15%)
    dazu kommt, dass das Land beinahe alle lebensmittel importiert. geld ist kam vorhanden, ca 50% des staats-budget kommt vom ausland. flächenmässig ist das land ein bisschen kleiner als armeinien, hat aber in etwa 3 mal mehr einwohner (armeinien ca 3 mio, haiti ca 9 mio) eine besserung ist also nicht in sicht.

    noch um die neunziger hatte afrika in etwa die gleiche einwohnerzahl wie westeurpa, in den kommenden 5-10 jahren wird afrika die doppelte einwohnerzahl haben. die folge davon ist, dass immer mehr anbaufläche der urbanisierung zum opfer fällt. ein anderes problem ist, dass weite flächen durch bürgerkriege nicht mehr anbaufähig sind, wegen minen oder vergiftung etc.

    afghanistan, pakistan, indonesien, bangladesch etc. wachsen in etwa auch in diesem tempo, auch diese länder leiden an den nahrungsmittel engpässen wie haiti.

    wer weiss da mehr zu diesem thema?

  27. R.A.
    16.04.2008 | 10:00

    @write2think:
    Vielleicht sollte man etwas vorsichtig sein, anderen Leuten “argumentationsbefreit” etc. vorzuwerfen, wenn man selber nicht in der Lage ist, auch nur ein einziges Argument zu entkräften.

    @Dirk:
    Diese Resolution paßt wirklich wie die Faust aufs Auge: Man stellt fest, daß die Produktionsmengen nicht reichen, und empfiehlt als Gegenmittel die Rückkehr zur traditionellen (ertragsschwächeren)
    Landwirtschaft.

    Was diese dogmatisch verbohrten “Experten” empfehlen, sollte man fast als Beihilfe zum Mord anklagen.

  28. R.A.
    16.04.2008 | 10:32

    Zu diesem Thema gibt es bei der FDOG eine sehr schöne Darstellung.

    Da sieht man auch, daß die von ricardo angesprochene Bevölkerungszunahme eigentlich nicht das Problem ist.

  29. 16.04.2008 | 13:33

    [...] Harter Tobak. Der Autor R.A. zielt damit auf die angebliche Empfehlung, die moderne Landwirtschaft in den Zustand, des Wanderfeldbaus zurückzuversetzen. Daraus lassen sich nun mehrere Erkenntnisse ableiten: [...]

  30. R.A.
    16.04.2008 | 14:39

    @dudodo:
    Wie goldig.
    Extra einen neuen Blog aufmachen, nur um bei Fehlen jeglicher Gegenargumente irgendeine “Angst” zu unterstellen.

  31. 16.04.2008 | 14:58

    @R.A.

    Der von dir vorhin verlinkte Bericht scheint aber tatsächlich eher wieder eher ein Beispiel für jounalistische Armut zu sein denn für Expertenschwachsinn. Siehe hier:
    http://iufberlin.wordpress.com/2008/04/16/radikaler-lesefehler/

  32. U.
    16.04.2008 | 17:28

    @R.A.:

    wenn ich Argumente entkräften wollte, müsstest Du erst mal welche haben. bisher sehe ich nur Behauptungen – aber die lassen sich leicht entkräften:

    1) die Weltbevölkerung wächst stetig. das Wachstum hat zwar in den letzten Jahren nicht mehr so zugelegt – aber 75 Mio Zuwachs im Jahr würde ich nicht als statisch bezeichnen.

    2) eine Abnahme der Landwirtschaftsflächen ist plausibel. dabei müssen nicht mal “Klimakatastrophen” die Ursache sein (das ist nämlich wirklich eine blöde Formulierung vom Spiegel). wenn man z.B. Pflanzen zur Gewinnung von Biokraftstoffen anbaut, so wird die zum Anbau von Lebensmitteln genutzte Fläche weniger. hinzu kommt dass die Klimaveränderung nix ist, was irgendwann in Zukunft mal kommen wird, sondern etwas, das jetzt da ist und stetig (wenn auch langsam) vorangeht. Stichworte sind hier Versteppung, ein Absinken des Grundwasserspiegels usw.

    3) die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten lässt sich eben nicht so einfach durch bessere Anbaumethoden kompensieren. für 1 Kalorie Fleisch müssen 4 pflanzliche Kalorien aufgebracht werden. man bräuchte also Anbaumethoden, die den Ertrag vervierfachen. dass das nicht SO einfach möglich ist, kannst Du Dir sicher selbst vorstellen. hinzu kommt, dass die Mittel für Forschung und Entwicklung im Bereich der Landwirtschaft in den letzten Jahren stetig reduziert wurden – mit großen Durchbrüchen da also leider nicht zu rechnen ist. ein weiterer Punkt ist, dass gerade in armen Ländern auch diese besseren Methoden erstmal genutzt werden müssen – was mit finanziellem Aufwand (Maschinen, besseres teureres Saatgut) verbunden ist.

    4) Schutzzölle schaden der lokalen Landwirtschaft. wenn sich die lokale Landwirtschaft mit Importeuren Preisschlachten liefern muss, kann das nicht förderlich sein. die Frage hier ist freilich, in welchem Rahmen die Schutzzölle liegen – denn diese sollten wirklich nur regulieren und nicht für einen feinen Zuwachs im Staatssäckl sorgen. ein Abschaffen fände ich auch falsch – aber Kontrolle wäre sicher vernünftig.

    5) richtig – Spekulanten verdienen daran Trends zu erkennen oder voraus zu ahnen. nicht selten tragen sie dann zu einer Beschleunigung/ Verschärfung der Situation bei. das ist normal und bei einem globalen Markt unvermeidbar.

    6) dass nicht der Ölpreis die Ursache des Anbaus von “Energiepflanzen” ist, hast Du völlig richtig erkannt. die Ursache ist die blödsinnige EU-Förderpolitik. wenn der Bauer mehr Geld durch Raps als durch Weizen verdient, wird er freilich Raps anbauen. es ist ja auch nicht die Aufgabe des einzelnen Bauern die Versorgung mit Lebensmitteln sicher zu stellen. er fungiert da nur als Dienstleister.

    genug Argumente?

    Grüße,
    U.

  33. 17.04.2008 | 12:56

    In eigener Sache aber absolut nicht OT.
    Auch wenn ich im Moment nicht aktiv blogge und mich mit Kommentaren zurückhalte, so empfehle ich ganz einfach mal einen älteren Artikel auf meinem eigenem Weblog.

    http://gebloggtewelten.de/2007/06/11/push-and-pull/

    Sicherlich nicht allgemein gültig, nicht der Weisheit letzter Schluss aber vielleicht eine Anregung sich vorzustellen wie die vom Weltagrarrat angesprochene nachhaltige Entwicklung aussehen könnte. Nur ein regionales Beispiel aber angepasst an die vorhandenen Ressourcen.

    Lesen kostet nix und was Mensch daraus schließt kann doch jeder selbst entscheiden. Die Welt ist weder weiß noch schwarz und das Letzte was wir mit Blick auf die Ernährungskrise gebrauchen können ist ein Tunnelblick und die Überzeugung im Besitze der absoluten wahrheit zu sein.

  34. 17.04.2008 | 15:47

    @balou:

    Ein interessanter Lesehinweis. Da Lesen nichts, naja außer der wertvollen Zeit, also fast nichts kostet, empfehle ich dir im Gegenzug mal die Lektüre von Georg W. Norton, Jeffrey Alwang: The Economics of Agricultural Development: World Food Systems and Resource Use. Vielleicht finden wir damit in Zukunft die richtigen Grautöne? ;-)

  35. R.A.
    17.04.2008 | 17:40

    @U:
    Vielen Dank für diese Antwort, so ist das schon viel interessanter.

    aber 75 Mio Zuwachs im Jahr würde ich nicht als statisch bezeichnen.

    Richtig. Aber vom exponentiellen Wachstum der Malthus-Modelle sind wir eben schon länger weg. Bevölkerungszunahme und mehr Fleischkonsum sind die Herausforderungen, aber deswegen müßte keiner hungern, da das Potential für Ertragssteigerungen beträchtlich ist.

    wenn man z.B. Pflanzen zur Gewinnung von Biokraftstoffen anbaut

    Kriegt man ein (unnötiges) weiteres Problem. Und der Knackpunkt ist halt, daß dieser dritte Trend sehr kurzfristig auf die beiden längeren Trends (Bevölkerung, Fleischkonsum) draufgesattelt wurde und der Markt kippte.

    Aber wie schon oben diskutiert wurde: Auch für Biotreibstoff gibt es Alternativen, die nicht zu Lasten der Ernährung gehen.

    die Klimaveränderung nix ist, was irgendwann in Zukunft mal kommen wird

    Irgendeine Klimaänderung kommt immer. Aber konkret in den letzten 20 Jahren hat die minimale Durchschnittserwärmung (die seit 10 Jahren auch wieder stabil ist) für die Agrarerträge nicht viel verändert (und müßte tendenziell eher positiv wirken).
    Lokal kann es natürlich aus den verschiedensten Gründen auch mal Probleme geben mit Dürre oder Verstädterung oder Abholzung.

    man bräuchte also Anbaumethoden, die den Ertrag vervierfachen.

    Das denn doch nicht – denn die Leute essen ja nicht plötzlich nur noch Fleisch.

    dass die Mittel für Forschung und Entwicklung im Bereich der Landwirtschaft in den letzten Jahren stetig reduziert wurden

    Ich weiß nicht, woher diese Zahl kommt – wahrscheinlich bezieht sie sich auch nur auf staatliche Forschungen. Die private Forschung dürfte aber wohl eher zugenommen haben, das ist doch eine Wachstumsbranche ohnegleichen.

    Ansonsten wäre es natürlich eine bessere Idee, mehr Geld für Forschung auszugeben, anstatt für die althergebrachte “Entwicklungshilfe”, die meist ja eher schädlich war.

    Schutzzölle schaden der lokalen Landwirtschaft.

    Und nützen (genau wie die EU-Agrar-Subventionen) den lokalen Verbrauchern.

    Das ist ein grundsätzliches Dilemma: Mehr Produktion bekommt man nur über höhere Preise. Und genau diese Preiserhöhungen können sich die Ärmsten nicht leisten und es gibt die Hungerunruhen.

    D.h. Landwirtschaftsförderung ist nur eine Hälfte der Medaille, es muß aber auch ein Wirtschaftswachstum möglich sein, daß den Verbrauchern die nötigen Einnahmen gibt.

  36. R.A.
    17.04.2008 | 17:41

    @balou, SteffenH:
    Erstklassige Lektüre, vielen Dank!

  37. 14.05.2008 | 11:06

    [...] konditionierten Kollegen zu merkwürdigen bis verwirrten Reaktion führte wenn zum Beispiel Kollege R.A. von den BLOGs eine Anklage der Verfasser wegen Beihilfe zum Mord [...]

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