Wishful thinking

Ein ganz besonderes Exemplar des schlampigen Umgangs der Medien mit den Ergebnissen empirischer Forschung scheint die Online-Ausgabe des Ärzteblatts wieder einmal zu präsentieren. Unter dem Titel “Nichtraucher: Weniger Nierenkrebs in Europa” werden Informationen zu einer Vergleichsstudie der europäischen Nierenkrebsinzidenz der letzten Jahre gegeben und mit der Mutmaßung eines der Autoren gewürzt, es könnte ein Zusammenhang mit dem Rückgang des Rauchens bestehen. Sicher, es könnte so sein. Nur müsste man das auch untersuchen. Aus dem Abstract der Studie geht jedoch mit keinem Wort hervor, ob eine Untersuchung dieses Zusammenhangs mit geeigneten statistischen Daten und Verfahren überhaupt erfolgte.

Update:

Ein freundlicher Leser hat mit die Studie geschickt. Und siehe da, es wurde keine statistische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Nierenkrebs und Rauchen von den Autoren vorgenommen. Der Zusammenhang zum veränderten Rauchverhalten wird lediglich in der Diskussion der deskriptiven Ergebnisse aus der Sekundärliteratur hergeleitet:

The present analysis confirms, and further quantifies, the declines in kidney cancer mortality reported from several European countries since the 1990s [1]. In general, the decreases were larger in men, in middle age, and in western European countries. This is consistent with a relevant role of tobacco in kidney cancer risk and mortality, as men, particularly from western Europe, are the population showing more favourable changes in smoking habits over the last few decades. It is more difficult to understand and explain the favourable trends in kidney cancer mortality in women from most European countries, including France and Spain, or several countries of central and eastern Europe, where the prevalence of tobacco, and consequently, tobacco-related cancer mortality, has been expanding over the last few years [2,19]. Being overweight is a second well recognized risk factor for kidney cancer, after tobacco smoking [20,21]. However, trends in overweight and obesity cannot explain the favourable trends observed in kidney cancer mortality, as, if anything, the prevalence of overweight and obesity has tended to increase over the last few years in several, though not all, European countries [22–24]. Dietary factors might also have some role, but their influence on renal carcinogenesis remains unclear. However, several studies found inverse relationships between a diet rich in vegetables and fruit and kidney cancer [25–30]. Reduced exposure to occupational carcinogens might also have had a favourable role, although the impact of occupational exposures on kidney cancer risk remains unquantified. Hypertension has also been related to the risk of kidney cancer, but it is unclear whether pharmacological control of hypertension might have had some measurable effect on kidney cancer rates [31–33]. Likewise, better control of UTIs might also favourably influence the risk of kidney cancer [21].

Etwas dürftig für eine derartige Schlagzeile. 

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10 Kommentare zu “Wishful thinking”

  1. FG
    11.04.2008 | 14:28

    Ähm, im verlinkten Abstract lese ich den Satz:

    “Apart from a favourable role of reduced tobacco smoking in men, the interpretation of these trends remains undefined.”

    Könnte es sein, dass ab und zu auch Blogger schlampig arbeiten?

  2. 11.04.2008 | 15:22

    Ja, das habe ich auch gelesen, aber es deutet im Abstract nichts auf eine tatsächliche Analyse dieser Mutmaßung hin. Normalerweise wird die Methodik kurz umrissen bevor man derartige Aussagen macht. Deshalb auch meine Frage, ob jemand der Leser Zugriff auf diese Studie hat, damit ich die Stichhaltigkeit dieser Aussage überprüfen kann. Das hat also eher etwas mit einer schlampigen Dokumentation und Präsentation von Forschungsergebnissen zu tun. Ich hoffe du begnügst dich nicht auch sonst mit derart lapidaren Feststellungen als Forschungsbelege.

  3. Die Stimme aus dem Off
    11.04.2008 | 17:52

    Vielen Dank für diesen Artikel! Der kommt genau richtig!

    Am Ärzteblatt zweifle ich nämlich auch mittlerweile. Als bei mir eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde sagte mein Arzt mir, dass alle wurzeltoten Zähne gezogen werden müssten. Ich fragte ihn warum und er sagte, dass das mittlerweile eine Standardmaßnahme sei, wegen ständiger Hintergrundinfektionen über die Zahnwurzeln.

    Wenn man sich damit noch nie beschäftigt hat, staunt man natürlich zuerst einmal. Warum sollten Zahnwurzeln auf das Herz und die Abwehrkräfte gehen? Schon seit hundert Jahren vermutet man, dass wohl irgendwie Bakterien über die Zahnwurzeln in den Blutkreislauf gelangen müssen. Völlig unabhängig davon, ob es wehtut oder nicht. In den Staaten soll es sogar eine ziemlich große Anti-Endotonie-Bewegung deswegen geben. Das hat wohl mal so ein Prof. aus Chicago vor ungefähr hundert Jahren vermutet und sogar halbwegs belastbare Daten/Erkenntnisse gewonnen. Heute weiß man wohl sicher, dass Bakterien in den Blutkreislauf gelangen, weil sie nicht auf Sauerstoff angewiesen sind.

    Wenn das so ist, warum wird dann überhaupt noch eine Endotonie durchgeführt? Es beruht wohl alles auf “Interessen”, mehr war nicht aus dem Herrn Prof. rauszubekommen. Weder er selbst noch jemand aus seiner Familie hätte jedenfalls einen wurzeltoten Zahn im Kiefer.

    Als ich daraufhin mal das Ärzteblatt durchsucht habe, fand ich jedenfalls keine entsprechenden Artikel. Allerdings sagten Ärzte aus meinem Freundeskreis, dass das mit dem Ziehen der toten Zähne tatsächlich so sei, dass sei wirklich eine gängige Maßnahme.

    Man kann dem Ärzteblatt wohl wirklich nicht immer vertrauen.

  4. FG
    11.04.2008 | 21:22

    Also zunächst einmal ging es in meinem Beitrag nicht um irgendwelche Forschungsbelege sondern um einen Blogeintrag. Zur Aussage der Studie selbst habe ich mich nicht geäußert, allein schon deshalb, weil ich sie nicht kannte/kenne. Du hingegen hast anhand einer – wie Du selbst sagst – dürftigen Zusammenfassung der Studie behauptet, der Ärzteblattmensch hätte schlampig gearbeitet. Und das obwohl in der Zusammenfassung sogar ein Satz darauf hindeutet, dass das Thema Nichtrauchen wohl doch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Wenn man dann noch unterstellt, dass der Artikelautor wohl die Studie gelesen hatte, dann wäre ich mir irgendwelchen Mutmaßungen darüber, dass sich da jemand was aus den Fingern gesogen hat ziemlich vorsichtig. Das fand ich und finde ich immer noch äußerst gewagt (um ein freundliches Wort zu verwenden).

    Nunmehr wissen wir ja sogar etwas mehr übe die Studie. Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann fasst der Autor die Ergebnisse so zusammen, dass sich bei Männern mittleren Alters der Rückgang der Krebserkrankungen mit dem veränderten Rauchverhalten erklären lässt, während das bei Frauen nicht möglich ist und man wohl noch Ernährungsgesichtspunkte als Erklärung hinzuziehen könnte.
    Und ziemlich genau das steht in dem Ärzteblattartikel. Wenn ich das richtig sehe, dann wurde dort eben die von Dir zitierte Zusammenfassung ziemlich gut zusammengefasst und ein wenig journalistisch aufbereitet (das Ärzteblatt hat nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Fachpublikation).
    Wo ist also das Problem??
    Ach, die Überschrift!?
    Ja gut, die ist natürlich nahezu beinahe fast skandalös oder soetwas. Aber letztendlich kaum halb so übergeigt wie der Blogbeitrag eines Ökonomen, der behauptet, ein Mediziner könnte keine medizinische Fachstudie darstellen.

  5. 12.04.2008 | 0:39

    @FG:

    Der Ärzteblattaufmacher suggerierte, dass die Wissenschaftler der Studie einen derartigen Zusammenhang ermittelt hätten. Haben sie aber nicht, also gehört die aus anderen Untersuchungen vermutete Erkenntnis auch nicht in den Artikel und schon gar nicht in die Schlagzeile. Das Rauchen für so ziemlich jede Krebserkrankung als Risikofaktor gilt kann noch lange nicht als Erklärungsansatz für eine Entwicklung herangezogen werden, in der Daten untersucht wurden, zu denen keinerlei Informationen über Rauchgewohnheiten vorliegen. Das ist gelinde gesagt Kaffeesatzleserei. Es mag sein, dass der Mediziner die Daten zur Nierenkrebsinzidenz aufbereiten kann und sich in der relevanten Literatur gut auskennt. Aber er postuliert hier mehr als er an wissenschaftlicher Erkenntnis gewonnen hat. Und der Ärzteblattredakteur belegt einmal mehr, dass er es versteht aus einem vagen Zusammenhang eine reißerische Schlagzeile zu machen.

  6. FG
    12.04.2008 | 9:27

    Wenn es “Kaffeesatzleserei” ist, was ich nicht beurteilen kann, dann aber doch Kaffeesatzleserei des Autors der Studie und nicht des Ärzteblatts. Das hat die Ergebnisse der Studie ziemlich richtig dargestellt. Sich allein an der Überschrift aufzuhängen finde ich kleinlich.

    Ich will hier gar nicht als Experte für Krebserkrankungen auftreten, weil ich das definitiv nicht bin und auch keinen Moralapostel für gesundes Leben spielen. Ich frage mich nur, warum Du grade dieses Beispiel als erwähnenswerte Schlamperei einer Zeitschrift herausgreifst, wo ich bestenfalls kleinste Unsauberheiten in der Überschrift feststellen kann.

  7. 12.04.2008 | 16:02

    Diese “kleinsten Unsauberkeiten” sind symptomatisch für die mediale Präsentation von allen möglichen Forschungsergebnissen, egal, ob sie ordentlich analysiert oder lediglich auf Basis von Sekundärmaterial vermutet werden. Was beim Leser hängen bleibt, ist die Illusion gesicherter Erkenntnisse.

    Es mag sein, dass du ein kritischer Leser der Massenmedien bist und damit nicht jeder Schlagzeile auf den Leim gehst. Damit dürftest du jedoch zur Minderheit der Medienkonsumenten gehören. Insofern habe ich ein Problem mit derartigen Überhöhungen, weil sie zumindest meinen persönlichen Standards wissenschaftlicher Kommunikation widersprechen. Zumal es sich beim Ärzteblatt ja nicht um die Bildzeitung, sondern ein Fachblatt einer Berufsgruppe handelt, der die Bevölkerung in der Regel ein sehr hohes Vertrauen schenkt.

  8. Die Stimme aus dem Off
    13.04.2008 | 15:24

    Meiner Meinung nach wird der Zusammenhang auch eindeutig suggeriert. NICHTRAUCHER: Weniger Nierenkrebs. Die Schlagzeile suggeriert doch eindeutig einen Zusammenhang. Wer liest denn schon immer alle Artikel ganz durch nachdem er eine Überschrift gelesen hat?

  9. 14.04.2008 | 17:40

    Mal unabhängig davon, ob nun irgendetwas statistisch ausgewertet wurde oder nicht: man sollte sich mal anschauen, welcher Lobby der Verfasser der Aussage zugehört. Oft genug sind die Daten so geschickt ausgewählt, dass genau eine bestimmte Aussage herauskommt, und gegen Zahlen wagt kaum noch einer zu opponieren. Die erste Frage an einen Statistiker sollte eigentlich immer lauten “welche Daten hast du weggelassen?”

  10. FG
    15.04.2008 | 10:29

    Und Gilbert? Zu welchen tiefschürfenden Erkenntnissen führen deine investigativen Fragen?
    Und: Welcher “Lobby” gehört Herr Levi eigentlich an?

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