Jetzt geht’s lo-hos

Nach kurzer Schreckstarre kommt in der SPD die massive Kritik am Kurswechsel des Vorsitzenden.

Und da geht es nicht nur um die fällige Klärung, wie sich die SPD künftig positionieren soll.
Und auch nicht nur darum, wer sich nun wie in Stellung bringt für die Kanzlerkandidatur 2009.

Beck hat in den letzten Wochen wohl ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann:
Zuerst einen ganz rigiden Abgrenzungskurs nach links predigen, mit eindeutiger Wortwahl, mit starker emotionaler Unterfütterung.

Und tausende von SPD-Mitgliedern haben sich in die Kälte gestellt und an den Wahlkampfständen von Hessen, Niedersachsen und Hamburg diese Parolen wiederholt, in vielen Fällen mit ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit verknüpft.

Dann bringt Beck den plötzlichen Schwenk. Und zwar nicht nur für künftige Festlegungen – das wäre schon schwierig genug zu erklären. Sondern auch rückwirkend mit völliger Entwertung der heiligen Schwüre der sozialdemokratischen Wahlkämpfer.

Wie müssen die sich nun vorkommen, wenn sie von den Nachbarn, Kollegen, Vereinskameraden jetzt angepflaumt werden, den hämischen Bemerkungen von links (“habt Ihr es endlich kapiert”) und rechts (“Sozis sind halt Lügner”) nichts entgegen setzen können.

Da hat ein Spitzenkandidat Naumann – dessen persönliche Reputation den moralisch völlig verkommenen LV Hamburg wieder saniert hat – beim “Leben seiner Kinder” geschworen (für Hanseaten eine fast unglaubliche Emotionalität). Um jetzt festzustellen, daß sein Boß hinter seinem Rücken schon die Intrigen vorbereitete, ihn Lügen zu strafen.

Auch der SPD-Parteivorstand muß sich ziemlich komplett düpiert fühlen, da keiner der sich für wichtig haltenden Führungspersönlichkeiten in diese entscheidende strategische Entscheidung eingebunden wurde. Sie haben es in der Zeitung lesen müssen.

Mit einer vernünftigen inhaltlichen Begründung kann Beck nicht dienen, da er auch nicht den kompletten Wechsel wagen kann, sondern immer noch am dürren Konstrukt festhält, man würde sich ja nur notfalls mitwählen lassen.

Genau diese Ausrede läßt ihm die Linke natürlich nicht. Mit Süffisanz und exaktem Timing meldet der hessische Spitzenkandidat der Kommunisten nun plötzlich an, daß es natürlich keine bedingungslose Mitwahl gäbe, sondern man vorher mit der SPD auch über Inhalte reden wolle.

Verschärft hat Beck die Krise noch durch seine taktische Grippe am Montag.
Für einen Moment konnte er sich so der Kritik entziehen.
Aber kein persönlicher Austausch mit Naumann hätte schlimmer wirken können als jetzt die nachgereichte schriftliche Fassung der Vorwürfe.

Es wird wohl so sein, daß Beck die aktuelle Diskussion übersteht. Alleine schon, weil kein Nachfolger bereit steht.

Aber spätestens wenn die erhoffte Machtübernahme in Hessen scheitern sollte, fällt die letzte Verteidigungsbastion – dann hätte der Kurswechsel auch seine machtpolitische Begründung verloren.

Die Kanzlerschaft dagegen, die sich Beck durch seine Taktik sichern wollte, die ist wohl endgültig außer Reichweite.

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14 Kommentare zu “Jetzt geht’s lo-hos”

  1. Lina
    28.02.2008 | 18:06

    “Jetzt geht’s lo-hos” – mit “Beck muss weg”? Eine solche Kampagne, von innen und aussen, käme mir sehr gelegen. Warum? Steht dankenswerterweise alles im Artikel, R.A.!

    Die Grippe hat ihn im passenden Moment und zu Recht ereilt; ich glaube noch nicht einmal, dass er sie “taktisch” gerufen hat. Sie musste den Geschwächten zwangsläufig heimsuchen, hat er doch zuvor seine Immunabwehr (gegen “Die Linke”) verraten und verkauft…

  2. 28.02.2008 | 18:17

    Beck hin oder her – wer sollte es der SPD auf Dauer verwehren, mit einer Partei zu koalieren, die alles das im Programm hat, was sich der Sozialdemokrat vom Weihnachtsmann wünscht? Ich meine, außer Skrupel wegen deren nicht unerheblicher institutioneller und personeller Identität mit einer verbrecherischen Organisation?

    Machen wir uns nichts vor: Wunschdenken und Machtwille sind stärker als jede Erinnerung.

  3. 28.02.2008 | 18:35

    Naja, man könnte sich ja auch mal fragen, wie es passieren konnte, von der Partei Karl Schillers und Helmut Schmidts zu einer Partei zu werden, die sich in offener Verachtung jeder Vernunft alles das wünscht, was sich linksextreme Sektierer und Freunde der Stasi auch wünschen.

  4. 28.02.2008 | 18:48

    War sie das denn wirklich je, die Partei Karl Schillers oder Helmut Schmidts? Oder war es nicht eher so, dass diese beiden Personen mehr wegen ihrer Eignung geduldet wurden, auch für Wähler der Mitte attraktiv zu sein?

    Genossen mögen mich widerlegen, aber aus meiner Sicht war die Basis der Partei schon immer deutlich linker.

  5. 28.02.2008 | 19:17

    Klar, die Linken gab es immer, und nicht umsonst ist Schiller ja ziemlich schnell aus der Partei ausgetreten, nachdem er sich mit seinen Wünschen nach Haushaltskonsoldierung im Aufschwung nicht durchsetzen konnte. Aber zumindest schien es eine Weile möglich, daß die gemäßigteren Leute die Oberhand behielten. Das ist ja jetzt wohl endgültig vorbei.

  6. hw
    28.02.2008 | 19:48

    So schnell, wie hier manche zu hoffen glauben, wird sich Beck wohl nicht verabschieden müssen. Dennoch ist ganz klar, dass er mit seinem Verhalten seiner Person und der SPD fürs erste geschadet hat. Dies wird wohl aber kaum zu Becks Rücktritt führen; immerhin wurde Becks Beschluss von der deutlichen Mehrheit des SPD-Vorstandes angenommen. Des Weiteren würde sich die Partei wohl noch mehr schaden, wenn sie sich auf die Suche nach einem neuem Vorsitzenden machen müsste: Es gibt nämlich keinen “Nachfolger”, der von der Gesamtheit der SPD getragen werden würde.

  7. 28.02.2008 | 19:52

    Soll ich das zu glauben hoffen? :-D

  8. R.A.
    28.02.2008 | 20:09

    @Rayson:
    > wer sollte es der SPD auf Dauer verwehren,
    > mit einer Partei zu koalieren …
    Man kann ja viel gegen die CDU sagen – aber die hat konsequent immer der Versuchung wiederstanden, mit anrüchigen Parteien rechts zu koalieren, auch wenn sie dafür auf Macht verzichten mußte (Nein, die chaotische Stammtisch-Truppe von Schill zähle ich dabei nicht).

    Wobei das Hauptproblem bei Beck ja nicht ist, DASS er umgefallen ist – das wäre angesichts der Machtgier der Genossen wohl früher oder später unvermeidlich gewesehn.

    Aber WIE er das gemacht hat, das war halt unterstes Niveau. Und richtig dumm.

    Er wird deswegen jetzt nicht gleich abgelöst werden – eben weil es eben keinen Nachfolger gibt.
    Aber er hat sseine Zukunft hinter sich.

  9. 29.02.2008 | 9:40

    Ich war gestern auf einer Bürgersprechstunde der SPD und da ging es auch um die Koalitionsfrage. Viele der Bürger (Mitgleider) lehnten eine Koalition mit der Linken ab, auch weil eine Zusage gebrochen würde. Allerdings konnte ich nicht bis zum Ende bleiben, weil ich meine Bahn erwischen wollte. Erfahrungsgemäß enden nämlich solche Diskussionen genau dann, so dass ich dann eine halbe Stunde im Regen warten darf.

  10. R.A.
    29.02.2008 | 12:13

    Nun schlägt sich das auch in den Umfragewerten nieder.

    Wobei dieser erste Effekt natürlich der stärkste ist, wenn neue Themen die Schlagzeilen dominieren, wird das wieder nachlassen.

    Aber unterm Strich wird ein langfristiger Imageschaden bleiben, und damit ist wohl genau die Mehrheit weg, die Beck durch die rot/rot/grüne Option sichern wollte.

  11. R.A.
    1.03.2008 | 11:58

    Schau an, offenbar hat die SPD-Spitze hier mitgelesen und Folgerungen gezogen.

  12. 1.03.2008 | 15:31

    Aha, damit war vergangene Woche der Startschuss für SSDKK (Sozialdomokraten suchen den Kanzlerkandidaten). Und da es am Ende nur einen geben kann, ist jeder der auf der Strecke bleibt ein Gewinn für die anderen.

  13. stefanolix
    1.03.2008 | 18:38

    Wenn der Beck mit seiner Politik auf der Strecke bleiben sollte, wäre das ein Gewinn für uns alle.

  14. F.Alfonzo
    3.03.2008 | 5:14

    @R.A.:

    “…wenn neue Themen die Schlagzeilen dominieren…”

    oder: Wenn (un)erwarteterweise die SPD mal einen wirklichen Wahlsieg erreicht (nicht nur einen herbeigebeteten wie in Hessen), wie gestern in Nürnberg oder München…

    Ich kann den Beck jetzt schon hören:
    “Der grandiose Wahlsieg in München hat gezeigt, dass die SPD sowohl für gute Wirtschaftspolitik, als auch für soziale Gerechtigkeit steht…”

    …und schon ist der Dicke vorerst aus dem Schneider :-)

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