6. Februar 2008
Super-Tuesday und das Privileg des Spätzubettgehers
Jetzt gerade laufen die ersten Ergebnisse, Hochrechnungen und Projektionen zu den eher östlichen Staaten ein. Etwas voreilig gebe ich hiermit auch meine unmßgebliche Präferenz für den nächsten US-Präsidenten ab, und die heißt John McCain (keine Überraschung für die Leser in Zettels kleinem Zimmer).
Ich schätze Leute, die sich ihre eigene Meinung ganz und gar unabhängig von dem bilden, was andere aufgrund irgendwelcher äußerer Merkmale erwarten. Das ist immer ein wenig der Triumph des Individuums über das Kollektiv. Ich schätze Leute, die aus einem Fehler nicht die Konsequenz ziehen, den nächsten Fehler zu begehen. In den Irak zu gehen, war falsch. Aber jetzt den Irak zu verlassen, wäre es auch. John McCain hat sich bei ersterem geirrt, aber er vertritt die richtige Position bei dem, worauf es jetzt ankommt.
Warum nicht Romney? Zwei Stichworte: Einwanderung, Folter. Im einen Fall sind die Unterschiede offensichtlich, im anderen hat nur McCain die einzig akzeptable Antwort gegeben. Und ein weiteres: Charakter. Die Beweise von Romneys Anpassungsfähigkeit (für einen Unternehmer, der er ist, übrigens eine sehr löbliche Eigenschaft) sind Legende, aber McCain hat es abgelehnt, den Folterknast gegen die Freiheit zu tauschen, um seinen Prinzipien treu zu bleiben.
Warum nicht Huckabee? Nun, Huckabee ist ohne Zweifel ein sympathischer und intelligenter Mann. Aber das Letzte, was die USA in dieser Welt brauchen, ist ein aufgrund seiner religiösen Überzeugungen gewählter Präsident.
Warum nicht Clinton? Fragt doch die Freunde von Obama
Aber ehrlich: Ich kann jeden verstehen, der nach 20 Jahren Bush-Clinton einen anderen Namen hinter POTUS stehen sehen möchte. So, wie die Deutschen mit überwiegend genau diesem Motiv auch seinerzeit das Denkmal Kohl zu einem solchen gemacht haben.
Warum nicht Obama? It’s not only the economy, stupid (das wäre wohl auch zu Hillary zu sagen, nur um fair zu bleiben). Auch die Position Obamas zum Irak (Danke, Marian!) halte ich für fatal. Und vielleicht spielt auch eine Rolle, dass republikanische Kandidaten bei mir traditionell einen Sympathievorsprung haben.
Wobei ich gestehe, dass ich Obama den Vorwahlsieg über die Clintons wirklich gönnen würde. Der Typ scheint mir zwar einigermaßen substanzlos und ungetestet zu sein (nochmal danke für die Links, Marian, auch wenn du meine Meinung vielleicht nicht teilst), aber er hat bislang nichts getan, was den Unmengen an Schmutz, den die Clintons über ihn ausschütten, gleich käme. Bills herabsetzende und leicht als rassistisch zu interpretierende Unterstellung, Obama sei doch nur ein Kandidat der Schwarzen, also quasi ein Mann der Nische (und das, nachdem Bill selbst von der Mehrheit der Schwarzen unterstützt wurde), wurde durch die bisher bekannten Ergebnisse des Super-Tuesday, die auf eine grandiose Zustimmung in der Gruppe der aller Diskriminierung stets sehr verdächtigen weißen Männer hindeuten, ad absurdum geführt.
Ich könnte mir für die USA wirklich schlimmere Szenarien vorstellen als ein Duell McCain gegen Obama. Die Zustimmung für beide ist, wie die Wahlanalysen zeigen, auch ein Wunsch nach Veränderung. Nach Jahren der Fehlleitung durch die Regierung Bush (der dennoch nichts mit dem Abziehbild zu tun hat, das sich manche in diesem Land gerne vorstellen) halte ich das für einen sehr vernünftigen Reflex. Klar wäre dann, dass es nicht so weiter ginge wie zuvor. Die Diskussion könnte sich dann auf die besten Alternativen für die Zukunft erstrecken, und die Amerikaner hätten eine neue Chance, ihrem ersten Mann (der es dann leider eben wieder wäre) zu vertrauen.
Verfasst von Rayson um 02:58 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)
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