Was wir am Hindukusch verteidigen

A young man, a student of journalism, is sentenced to death by an Islamic court for downloading a report from the internet. The sentence is then upheld by the country’s rulers. This is Afghanistan – not in Taliban times but six years after “liberation” and under the democratic rule of the West’s ally Hamid Karzai.

The fate of Sayed Pervez Kambaksh has led to domestic and international protests, and deepening concern about erosion of civil liberties in Afghanistan. He was accused of blasphemy after he downloaded a report from a Farsi website which stated that Muslim fundamentalists who claimed the Koran justified the oppression of women had misrepresented the views of the prophet Mohamed.

Mr Kambaksh, 23, distributed the tract to fellow students and teachers at Balkh University with the aim, he said, of provoking a debate on the matter. But a complaint was made against him and he was arrested, tried by religious judges without – say his friends and family – being allowed legal representation and sentenced to death.

So kann man das heute im Independent nachlesen. Und solche Nachrichten sollte man bedenken, wenn man im Hinblick Afghanistan nur dann debattiert, wenn es darum geht ob deutsche Soldaten dort in Kampfhandlungen eintreten sollten oder nicht. Afghanistan wird nicht automatisch dadurch demokratisch, dass man die Taliban von Kabul fernhält. Die Aussage dass Deutschlands und Europas Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, ist nett. Die Frage ist aber auch, welche Maßnahmen man ergreifen muss, um die Freiheit der Afghanen dort zu verteidigen. Wenn wir – damit meine ich alle alliierten Nationen die in Afghanistan vertreten sind – es wirklich ernst meinen, dann sollten solche Justiz-Exzesse kritisch angeprangert, deutlich angesprochen und in Zukunft unterbunden werden. Denn sonst ist der militärische Kampf in Afghanistan nichts weiter als Spiegelfechten, weil der eigentliche Kampf um die Freiheit dort bereits verloren ist.

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7 Kommentare zu “Was wir am Hindukusch verteidigen”

  1. Lina
    31.01.2008 | 19:13

    Ja, das ist Spiegelfechten: wir spiegeln uns selbst im Gefecht, verteidigen unser Bild und nicht deren Freiheit, sondern (ohne es sehen zu wollen) die islamische Tradition. Das ist der Grundfehler aller laiizistischen Feldzüge im Orient, weil eine Trennung von Staat und Religion dort nicht gewollt wird. Der religiöse Fundamentalismus trotzt unseren Waffen und wird umso radikaler, je mehr wir davon auffahren – IMHO.

    Und was den tapferen Krieger betrifft: dem Mann muss unbedingt geholfen werden, wenn er schon der Liberalisierer für die Rechte der Frauen sein will und jetzt seinen Kopf dafür hinhalten soll – gerade in Anbetracht der Tatsache, dass dort kaum jemandem daran gelegen ist, die alten Strukturen aufzubrechen, mit denen Männer über Frauen herrschen als wären sie ihr Eigentum.

    Und was ist da schon eine Hauptstadt mit Shopping Malls gegen ein riesiges Hinterland, dessen Bevölkerung an ihren schlechten Gewohnheiten weiter festhalten kann? Und gibt es denn überhaupt einen eigenen (afghanischen) Willen, die Verhältnisse modern zu strukturieren? Ich bezweifle das, und kann es doch nicht gutheissen, eine Veränderung herbeizubomben – auch wenn wir einen Verbündeten Karsai in Kabul sitzen haben, dem wir die Kasse (und die Taschen?) füllen dafür, dass er als moderner Muslim demokratische Vorgaben und Gesetze macht; er muss sie dann auch durchsetzen können, und das kann er offenbar nicht.

    Ich fürchte, wir sind am Hindukusch auf ziemlich verlorenem Posten mit unserer sogenannten “Verteidigung” – während der Nachbar Pakistan bereits mit neuen Rückgriffen auf den alten Islam herüberwinkt. – Bin ratlos…

  2. 31.01.2008 | 19:43

    Und was ist da schon eine Hauptstadt mit Shopping Malls gegen ein riesiges Hinterland, dessen Bevölkerung an ihren schlechten Gewohnheiten weiter festhalten kann? Und gibt es denn überhaupt einen eigenen (afghanischen) Willen, die Verhältnisse modern zu strukturieren?

    Erinnert mich an die Aussage eines Entwicklungshelfers in Afghanistan, da wunderte man sich wieso in einem kleinen Dorf die neue Wasserleitung regelmäßig beschädigt wurde, aber nicht auf dem Niveau auf dem es die Taliban getan hätten. Als man dann die Leitung rund um die Uhr bewachen ließ, stellte man fest, dass Frauen aus dem Dorf selbst die Leitung beschädigten. Grund: Ohne die Wasserleitung durften sie einmal am Tag aus dem Haus um Wasser am Brunnen zu holen, wo sie die anderen Frauen des Dorfs trafen. Mit der neuen Wasserleitung, hatten die Männer des Dorfes ein mustergültiges Argument um ihre Frauen den Ausgang aus dem Haus komplett zu verwehren.

    Das ist so eine Sache: Solche Details kannst du nicht einplanen, aber sie zeigen dir wie sehr unsere Vorstellungen von Fortschritt gelegentlich nicht zu der Lebenswirklichkeit in Afghanistan passen. Wobei die Wasserleitungen ja schon ein gutes Ding sind, aber eben nur wenn dadurch nicht die Freiheit der Menschen dort, so blöd es klingt, weiter beschnitten wird. Vor den Wasserleitungen müsste ein ideologischer Wandel vollzogen werden. Aber wie? Da sind wir dann gemeinsam ratlos…

  3. Lina
    31.01.2008 | 20:24

    @ Björn

    Das ist was richtig schönes Prägnantes aus dem Katalog “Fremde Sitten und Gebräuche”, was Du da erzählst! Was zum Schmunzeln eigentlich, wenn’s nicht so ernst wäre…

    Du schreibst aber auch: “Vor den Wasserleitungen müsste ein ideologischer Wandel vollzogen werden.” Was mich direkt zu der Frage bringt: Wollten wir das Pferd also vom Schwanz her aufzäumen?

  4. Schmock
    31.01.2008 | 22:39

    @Lina
    “…gerade in Anbetracht der Tatsache, dass dort kaum jemandem daran gelegen ist, die alten Strukturen aufzubrechen, mit denen Männer über Frauen herrschen als wären sie ihr Eigentum.”
    Woher weißt Du das? Dass zumindest den Frauen an anderen Sitten gelegen sein könnte erscheint doch plausibel. Auch viele Männer (vor alllem jüngere) würden sich bestimmt freuen Frauen anschauen zu dürfen; ich es gibt Studien, die belegen, dass ein (heterosexueller) Mann für den Anblick einer hübschen Frau von seinem Körper durch schöne Gefühle (biologische) belohnt wird.
    “Und gibt es denn überhaupt einen eigenen (afghanischen) Willen, die Verhältnisse modern zu strukturieren?”
    Was ist ein afghanischer Wille? Meinst Du den Willen eines Afghanen? Du meinst also die Afghanen bevorzugen ein finsteres Mittelalter gegenüber einer freiheitlicheren Ordnung? Uns ich dachte Afghanen wären Menschen wie wir, die selbstbestimmt leben und glücklich werden wollen.

  5. 1.02.2008 | 16:34

    Es ist Zeit, die Truppen nach Hause zu holen.

  6. Milfweed
    2.02.2008 | 12:22

    @ Björn

    Das mit der Wasserleitung ist ein sehr interessantes Argument, dass ich mal unbedingt anderen Leute vorhalten muss. Auf so etwas muss man erst einmal kommen.

  7. 10.02.2008 | 18:26

    Das Beispiel zeigt die ganze Verlogenheit der Debatte. Nach wie vor herrschen in Afghanistan nicht die Verhältnisse, für die angeblich die “Willigen” kämpfen, und es wird sie auf bajonetten auch nie geben. Die Afghanen selbst müssen ihre Probleme lösen, und andere können ihnen dabei nur zivil helfen, indem sie das Land für alle lebenswert machen. Durch Krieg gelingt das nicht. Mehr:

    http://www.blogsgesang.de/2008/02/10/in-die-katastrophe-am-hindukusch/

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