Gefühlte Kriminalität?

Einen interessanten Artikel zur Jugendkriminalitätsstatistik hat das Statistische Bundesamt jüngst veröffentlicht. Den Äußerungen der Behörde ist zu entnehmen, dass die politische und öffentliche Debatte der letzten Wochen nicht nur der tatsächlichen Problemlage nicht angemessen sei, sondern eigentlich auch ein paar Jahre zu spät geführt wird. Schließlich hätten sich die Tatverdächtigenzahlen jugendlicher Straftäter zwar seit 1990 deutlich erhöht, wären aber seit 2004 wieder leicht rückläufig.

Bemerkenswert ist auch folgende Aussage:

Wissenschaftliche Erkenntnisse aus Opfer- und Täterstudien sowie Zahlen der Unfallversicherer legen allerdings nahe, dass es sich bei der Zunahme registrierter Gewaltkriminalität lediglich um eine Verschiebung von den nicht registrierten zu den polizeilich bekannt gewordenen Straftaten handelt. Insgesamt sei die Zahl der Gewaltdelikte auch junger Menschen über die Zeit nahezu unverändert geblieben. Der Anstieg der registrierten Gewaltkriminalität sei auf die – gesellschaftlich erwünschte – geschwundene Toleranz gegenüber Gewalt und ein geändertes Anzeigeverhalten zurückzuführen.

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20 Kommentare zu “Gefühlte Kriminalität?”

  1. 27.01.2008 | 16:05

    Sehe ich das richtig, dass es in jedem Jahr mehr verurteilte Heranwachsende als Verdächtigte gegeben habe? Oder bin ich Farbenblind?

  2. 27.01.2008 | 16:10

    Hmmm… Eine These wäre, daß sich der Status verdächtiger Jugendlicher häufig zwischen Verdacht und Untersuchung und dem folgenden Urteil änderte, sodaß sie als jugendliche Verdächtige und heranwachsende Verurteilte aufgeführt sind.

  3. 27.01.2008 | 16:13

    Je nachdem natürlich, wie die Statistik da erstellt wurde, was ich nicht weiß. Die Erklärung kann natürlich nur funktionieren, wenn lediglich das Alter zum jeweiligen Zeitpunkt, nicht zum Tatzeitpunkt für die Einstufung maßgeblich ist. Mal schaun.

  4. 27.01.2008 | 16:13

    …oder ein Tatverdächtiger ist zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht verurteilt, so dass die beiden Säulen keine Schnittmenge haben und addiert werden können?

  5. 27.01.2008 | 16:24

    Doch, ergibt Sinn…

  6. R.A.
    27.01.2008 | 16:35

    Das große Problem bei der Kriminalstatistik ist, daß bei manchen Delikten der größte Teil gar nicht auftaucht.
    Autodiebstähle werden eigentlich immer gemeldet, Fahrraddiebstähle selten.
    Beim ersten Delikt sind die Veränderungen in der Statistik also aussagekräftig, beim zweiten nicht.

    Und bei Jugendgewalt ist weniger das einzelne Delikt das Problem (wird auch nicht so häufig angezeigt), sondern die Frage, ob es gewalttätige Atmosphäre gibt, unter der Andere leiden.

    Auf manchen Schulhöfen müssen die Schlägerbanden nur noch selten jemanden wirklich durchprügeln – sie haben ihr Revier im Griff, können andere Schüler (manchmal auch Lehrer) nach Belieben schikanieren und beleidigen und die Statistik weiß von nichts.

    Und eine solche Bande kann hunderten von Leuten das Leben zur Hölle machen, das sind dann übrigens in Mehrzahl auch Ausländer, und bei denen ist der Wunsch nach “Law and order” entsprechend oft viel ausgeprägter als bei linken Gutmenschen.

  7. 27.01.2008 | 19:29

    [...] Gefühlte Kriminalität? Einen interessanten Artikel zur Jugendkriminalitätsstatistik hat das Statistische Bundesamt jüngst veröffentlicht. Den Äußerungen der Behörde ist zu entnehmen, dass die politische und öffentliche Debatte der letzten Wochen nicht nur der tatsächlichen Problemlage nicht angemessen sei, sondern eigentlich auch ein paar Jahre zu spät geführt wird. Schließlich sei hätten sich die Tatverdächtigenzahlen jugendlicher Straftäter zwar seit 1990 deutlich erhöht, wären aber seit 2004 wieder leicht rückläufig. [...]

  8. Fuchur
    27.01.2008 | 19:36

    Ich erinnere mich dunkel, dass genau das auch bei “Hart aber Fair” zur Sprache kam, weil das mit der angeblich rückläufigen Jugendgewalt eine sehr beliebte Statistik v.a. bei SPD/Grünen ist.

    Wenn ich mich recht erinnere, gibt es da aber einen kleinen Haken: Während die Zahlen für Mord und bewaffneten Raubüberfall tatsächlich leicht rückgangig sind, gibt es bei allgemeinen Gewaltdelikten (i.e. “sinnfreies Verprügeln) einen Anstieg von 58% (!).

    Aber, wie gesagt: Ich zitiere das aus dem Gedächtnis.

    Jedenfalls kommt mir das Argument des “geänderten Anzeigeverhaltens” sehr verdächtig vor. Wenn jemand zusammengeschlagen wurde, geht er zur Polizei. Das war doch früher nicht anders als heute.

  9. Angi
    28.01.2008 | 0:32

    Wer’s glaubt wird selig. Woher will man denn wissen, wie hoch das Dunkelfeld ist? Vielleicht wird alltägliche Gewalt auch einfach als normal angesehen und nicht mehr als eigentliche Gewalttat? Vielleicht spielt aber auch der Rückgang der jugendlichen Bevölkerung eine Rolle beim angeblichen Rückgang der Gewalt jugendlicher Täter?

    Und selbst wenn es einen leichten Rückgang geben würde, wäre das Niveau immer noch hoch genug, um sich über die alltägliche Gewalt Sorgen zu machen.

    Wenn die rechtsextremistischen Gewalttaten um 5 % zurückgehen würden, dann käme schließlich auch niemand auf die Idee, das Problem als gelöst anzusehen. Oder wie wäre es hiermit: Das Ansteigen rechtsextremistischer Gewalt ist nur ein Ausdruck höherer Anzeigebereitschaft und höherer Medienaufmerksamkeit.

  10. 28.01.2008 | 19:57

    @Fuchur/Angi:

    Woher will man denn wissen, wie hoch das Dunkelfeld ist?

    Nun, ich würde mal sagen, solche Beurteilungen zu machen, ist das Aufgabenfeld der hier immer mal wieder gern geschmähten Sozialwissenschaften.

    Konkret stellt man das Dunkelfeld fest, indem man umfangreiche anonyme Befragungen durchführt, in denen man abfragt, ob Jugendliche (die bei Jugendgewalt fast immer nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer sind, dem Rentner aus München zum Trotze) schon einmal Opfer von Gewalt durch Altersgenossen geworden sind (und wie oft!) und ob sie es angezeigt haben (und wie oft). Im Rahmen von Längsschnittstudien kann man dann feststellen, ob sich das Anzeigeverhalten geändert hat.

    Und im Gegensatz zu den Ansichten, die manch einer in den entsprechenden Diskussionen hier geäußert hat, kommen die Studien eher zu dem Schluss, dass sich die Wahrscheinlichkeit, dass eine beliebige Gewalttat unter Jugendlichen angezeigt wird, deutlich erhöht. Und den Grund dafür sehen wir in der Fehleinschätzung von Fuchur:

    Wenn jemand zusammengeschlagen wurde, geht er zur Polizei. Das war doch früher nicht anders als heute.

    Oh doch, das war früher erheblich anders als heute. Denn früher hat der Hans den Peter zusammengeschlagen – und die Familien haben es oft genug untereinander geregelt, weil die Eltern sich noch kannten (sowohl auf dem Dorf als auch in den Quartieren der Großstädte). Wenn aber heute der Ali den Zoran, der Kevin den Mehmet oder der Deniz den Dennis vermöbelt, dann haben die Eltern keinen Kontakt untereinander und greifen zur “ultimativen Lösung”: Dem Eingriff der Staatsgewalt.

    Das mögen viele nun als “linke Ideologie” bezeichnen. Ich nenne es Wissenschaft. Und die Leute, die sich täglich (und beruflich) mit solchen Fragen beschäftigen, auch.

  11. 28.01.2008 | 21:19

    @Karsten

    Klingt einleuchtend für mich. Aber nicht beruhigend.

  12. 28.01.2008 | 22:06

    Oh, und noch eins @Angi:

    Vielleicht spielt aber auch der Rückgang der jugendlichen Bevölkerung eine Rolle beim angeblichen Rückgang der Gewalt jugendlicher Täter?

    Vielleicht? Nein, ganz sicher nicht. Die entsprechenden Statistiken werden nämlich nicht in absoluten Zahlen verglichen, sondern in “Tatverdächtigenbelastungsziffern”, also in der Anzahl an Tatverdächtigen pro 100000 Einwohnern aus der entsprechenden Bevölkerungsgruppe nach Alter oder Herkunft etc. Wie vorher schon gesagt: Sozialwissenschaften sind eben doch Wissenschaft, nicht nur ein planloses Rumgequatsche.

  13. 28.01.2008 | 22:10

    @Rayson:
    Beruhigend vielleicht nicht. Aber es ist auf jeden Fall sehr sinnvoll, wenn man das Problem zunächst einmal konkretisiert, bevor man es angehen will. Und da sehe ich bei der Politik eigentlich keine Ansätze zu. Bei der Jugendkriminalität mit ihren spezifischen Problemfeldern ist es ähnlich wie bei der Behandlung der Integrationsprobleme in den letzten Jahrzehnten. Die einen behaupten, es gäbe gar keine Probleme – die anderen machen nur populistische und realitätsferne Lösungsvorschläge. Doll.

  14. 28.01.2008 | 22:27

    Und da sehe ich bei der Politik eigentlich keine Ansätze zu.

    Da liegt einem dann doch der libertäre Slogan auf der Zunge, dass Politik nicht die Lösung von Problemen bringt sondern selbst ein Problem ist.

  15. 28.01.2008 | 22:31

    @Karsten

    Ja.

  16. Angi
    28.01.2008 | 23:19

    “Konkret stellt man das Dunkelfeld fest, indem man umfangreiche anonyme Befragungen durchführt, in denen man abfragt, ob Jugendliche (die bei Jugendgewalt fast immer nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer sind, dem Rentner aus München zum Trotze) schon einmal Opfer von Gewalt durch Altersgenossen geworden sind (und wie oft!) und ob sie es angezeigt haben (und wie oft).”

    Dann kennst du ja die Fehlerhaftigkeit solcher Befragungen; gerade bei Jugendlichen. Als Beispiel sei hier nur die Befragungssituation im Klassenraum – also Opfer und Täter zusammen – genannt. Oder die Scheu bzw. der Stolz, sich in einer Befragung selbst als Opfer einzustufen.

    Was sagen die Sozialwissenschaftler dazu?

    Und wie schon oben geschrieben, kann sich bspw. die Einschätzung, was eine Gewalttat ist, verändern; eine Keilerei mit dem Nachbarsjungen wurde früher noch als Gewalttat eingestuft, gehört heute aber schon längst zum nicht weiter erwähnenswerten Alltag im Kiez.

    “Vielleicht? Nein, ganz sicher nicht. Die entsprechenden Statistiken werden nämlich nicht in absoluten Zahlen verglichen, sondern in ‘Tatverdächtigenbelastungsziffern’, also in der Anzahl an Tatverdächtigen pro 100000 Einwohnern aus der entsprechenden Bevölkerungsgruppe nach Alter oder Herkunft etc. Wie vorher schon gesagt: Sozialwissenschaften sind eben doch Wissenschaft, nicht nur ein planloses Rumgequatsche.”

    Lass doch bitte dein Gequatsche vom angeblich planlosen Rumgequatsche. Oder dürfen sich nur Wissenschaftler zur Thematik äußern?

    In der im Beitrag verlinkten Statistik vom Statistischen Bundesamt sind eben gerade nicht Tatverdächtigenbelastungsziffern, sondern absolute Zahlen angegeben. Und natürlich geht der Anstieg der Tatverdächtigenzahlen junger Menschen seit Beginn der 90er Jahre bis 2004 u.a. darauf zurück, dass sich die Bevölkerungsanzahl der jungen Menschen in diesem Zeitraum erhöht hat.

    Im ersten Schaubild sind aber eben nur die Straftaten allgemein und nicht die GEWALTtaten Jugendlicher gesondert verzeichnet. Kann sich jeder selbst denken, was der verantwortliche Redakteur von seiner WISSENSCHAFT hält.

    Aber selbst der vorhandene Bevölkerungsanstieg bei Jugendlichen und eine angebliche Erhöhung der Anzeigenbereitschaft erklären für mich nicht in ausreichendem Maße die VERDREIFACHUNG der Körperverletzungsdelikte bei jungen Menschen unter 21 Jahren innerhalb von nur 15 Jahren.

  17. Angi
    1.02.2008 | 17:31

    Und gibt es hier wenigstens noch eine Rückmeldung vom Verfasser des Beitrages? Immerhin stimmt die Intention des Beitrages nicht, wenn angesichts einer Verdreifachung der jugendlichen GEWALTTÄTER seit 1990 die politische und öffentliche Debatte der letzten Wochen sehr wohl der tatsächlichen Problemlage angemessen ist und die Sorge der Menschen nicht nur als “gefühlte Kriminalität” abgetan werden kann. Oder stehen euch noch andere Zahlen zur Verfügung? Dann immer her damit!

  18. 1.02.2008 | 17:40

    @Angi:

    Den Anstieg kennen wir aber schon seid Jahren und jetzt wo die Zahlen langsam wieder zurück gehen kommt der laute Aufschrei. Das Zitat deutet darauf hin, dass die Jugendkriminalität möglicherweise schon 1990 so hoch wie heute war und sich nie jemand aufregte oder zumindest nicht so sehr wie in den letzten Wochen.mehr wollte ich nicht damit ausdrücken.

  19. Angi
    2.02.2008 | 16:30

    Sehe ich anders. Man regt sich nicht erst in diesen Tagen darüber auf; das gab es auch schon in den Vorjahren. Richtig ist eher, dass Einzelereignisse immer Auslöser für eine verschärfte öffentliche Diskussion sind – was ich für völlig normal halte, da auch bei anderen Themen Standard.

    Erinnert sei in diesem Zusammenhang an Gerhard Schröder, 1997: “Wir dürfen nicht mehr so zaghaft sein bei ertappten ausländischen Straftätern. Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: raus, und zwar schnell.”

  20. Angi
    10.02.2008 | 20:44

    Gut, hätte ich mir denken können, dass nach der Anpöbelei vom angeblichen Sozialwissenschaftler nicht mehr viel kommt.

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