High-Tech-Handys am Steinzeitkopf

Marian fragt, warum Politiker mit Kapitalismus-Kritik und Nokia-Schelte immer wieder durchkommen. Weil sie sich an die Denkmuster eines großen Teils der Bevölkerung anpassen. Bryan Caplan hat die instinktiven Fehlschlüsse des Durchschnittswählers sehr gut zusammengefasst. Paul H. Rubin liefert einen plausiblen evolutionspsychologischen Erklärungsansatz:

Our primitive ancestors lived in a world that was essentially static; there was little societal or technological change from one generation to the next. This meant that our ancestors lived in a world that was zero sum — if a particular gain happened to one group of humans, it came at the expense of another.

This is the world our minds evolved to understand. To this day, we often see the gain of some people and assume it has come at the expense of others. Economists have argued for more than two centuries that voluntary trade, whether domestic or international, is positive sum: it benefits both parties, or else the exchange wouldn’t occur. Economists have also long argued that the economics of immigration — immigrants coming here to exchange their labor for money that they then exchange for the products of other people’s labor — is positive sum. Yet our evolutionary intuition is that, because foreign workers gain from trade and immigrant workers gain from joining the U.S. economy, native-born workers must lose. This zero-sum thinking leads us to see trade and immigration as conflict (“trade wars,” “immigrant invaders”) when trade and immigration actually produce cooperation and mutual benefit, the exact opposite of conflict.

Was er “Folk Economics” nennt, hatte ich hier vor einiger Zeit zusammengefasst.
Ausführlicher kann man es in diesem Aufsatz nachlesen. Noch mehr dazu gibts in seinem Buch “Darwinian Politics: The Evolutionary Origin of Freedom“.

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3 Kommentare zu “High-Tech-Handys am Steinzeitkopf”

  1. 25.01.2008 | 14:19

    Steffen,

    das ist ja nett von Dir, dass Du die Frage so umfassend beantwortest, aber:

    1.) Hatte ich die Frage an R.A. gestellt, weil er m.E. in Bezug auf die Frage “wie die Bevölkerung auf Politiker reagiert” über die meiste praktische Erfahrung von allen mir bekannten B.L.O.G.-Autoren und -Kommentatoren verfügt.

    und

    2.) Ging es mir nicht um Wahlen, sondern um populistische Maßnahmen außerhalb von Wahlen und Wahlkämpfen. Bei Wahlen entscheide ich z.B. auch nicht rational – aber wenn ich bei Nokia in Bochum beschäftigt wäre und dann würden auf einmal Politiker auftauchen und mir das Blaue vom Himmel versprechen und Nokia-Boykottmaßnahmen einleiten und wie die Kesselflicker auf Nokia schimpfen, dann würde ich mich doch einigermaßen verdutzt fragen: “Was geht denn hier ab?”

    Muss man denn wirklich entweder einigermaßen politisch aktiv sein oder in Kontakt mit Entscheidern aus der Wirtschaft stehen, um sich sicher zu sein, dass sowohl alle beteiligten Politiker (naja, Seehofer vielleicht nicht), als auch der Betriebsrat von der Betriebsverlagerungsentscheidung NICHT überrascht worden sein können? Muss sich nicht auch ein normal naiver Mensch fragen, warum die NRW-Landesregierung jetzt meint, nachweisen zu können, dass Nokia sich nicht an die “Abmachungen” gehalten habe? Müsste sich nicht auch Otto Normalpolitikinteressierter fragen, warum überhaupt Subventionen an Konzerne vergeben werden und warum dann, wenn sie schon vergeben werden, die Einhaltung der Subventionsvoraussetzungen nicht überprüft wird? Und müsste nicht mittlerweile jeder einigermaßen intelligente Mensch bei der freudigen Nachricht, dass irgendein Unternehmen mit einem Schlag an einem bestimmten Standort tausende von subventionierten Arbeitsplätzen schaffen will, im Hinterkopf haben, dass dadurch eine Abhängigkeit des Standortes von dem Unternehmen entsteht und dass, sollte das Unternehmen später den Standort wieder aufgeben, die subventionierten Arbeitsplätze in vierstelliger Höhe wegfallen – und zusätzlich noch jede Menge Arbeitsplätze, die mittelbar an dem Standort entstanden sind, weil sich ein großes Unternehmen dort angesiedelt hat?

    Diese Fragen kann man sicher auch irgendwie mit Caplan beantworten. Aber das reicht mir irgendwie auf die Dauer nicht.

    Trotzdem: Vielen Dank für die Links.

  2. 25.01.2008 | 14:26

    @Marian:

    Caplan liefert ja auch nur die halbe Antwort bzw. formuliert nur das Problem. An der Antwort versucht sich dagegen Rubin.

  3. buchscheer
    29.01.2008 | 0:56

    “Yet our evolutionary intuition is that, because foreign workers gain from trade and immigrant workers gain from joining the U.S. economy, native-born workers must lose”

    So ist es aber tatsächlich. Es gibt zwar weniger Verlierer als Gewinner und unter dem Strich ist die Bilanz positiv (siehe bereits David Ricardo). Aber die wenigen Verlierer schreien viel lauter als die größere Anzahl Gewinner sich freut (falls letztere sich überhaupt bewusst machen, dass sie ihren Zugewinn der internationalen Arbeitsteilung maßgeblich verdanken.)

    Etwas anderes zu behaupten wäre illusionär, analog zu Helmut Kohls “Vielen wird es besser, keinem wird es schlechter gehen.”

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