Tun Sie doch was!

Angesichts der drohenden Rezession und des Konjunkturprogramms der US-Regierung wird in amerikanischen Blogs die Frage diskutiert, wie sinnvoll eine “fiskalpolitische Stimulierung” der Wirtschaft, also das Verwenden von Steuerzahlergeld, um Steuerzahlern Geld zum Ausgeben in die Hand zu drücken, überhaupt ist. Man lese dazu z.B. einige der letzten Beiträge bei Greg Mankiw.

Ich gehöre zu denen, die davon überzeugt sind, dass es sich für jede demokratische Regierung um ein Ding der Unmöglichkeit handelt, das richtige Programm zur richtigen Zeit richtig umzusetzen. Einen von drei Parametern versauen sie dabei mindestens, und das reicht, um schon in der Theorie das Idealgebilde zum Stürzen zu bringen, bevor man überhaupt die Frage nach der Wirksamkeit an sich gestellt hat.

Man muss es sich wahrscheinlich so vorstellen wie in einer Szene, die zum Inventar so gut wie jeder Fernsehkrimiserie gehört. Wer kennt sie nicht, die Situation, wo jemand, der einer vermissten Person sehr, sehr nahe steht, den vor ihm sitzenden verantwortlichen Polizeibeamten anschreit: “Warum tun Sie nichts? Sie müssen doch etwas tun!” Als ob es etwas helfen würde, wenn der Angesprochene und seine Mitarbeiter hektisch durch die Gegend liefen und vielleicht noch ein paar der üblichen Verdächtigen verhafteten.

So entsteht auch der Bedarf an Fiskalpolitik. Man sieht ein Unglück kommen, will sich als Politiker aber nicht dem Vorwurf aussetzen, nichts getan zu haben. Für negative Folgen lässt sich notfalls immer jemand anderes verantwortlich machen, aber das Nichtstun muss man immer selbst verantworten. Noch dazu ohne jede Aussicht, dafür Lorbeeren einzuheimsen, denn der allgemeine Tenor wird natürlich unweigerlich darauf hinauslaufen, die Sache sei glimpflich ausgegangen, obwohl der betreffende Politiker nichts getan habe. Warum dabei niemandem in den Sinn zu kommen scheint, dass das “obwohl” ein “weil” sein könnte, wird mir demnächst mal einen weiteren Eintrag wert sein.

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12 Kommentare zu “Tun Sie doch was!”

  1. 20.01.2008 | 18:26

    Wer kennt sie nicht, die Situation, wo jemand, der einer vermissten Person sehr, sehr nahe steht, den vor ihm sitzenden verantwortlichen Polizeibeamten anschreit: “Warum tun Sie nichts? Sie müssen doch etwas tun!”

    Diese Szene kommt in jedem Derrick vor, oder? Bei Columbo heisst es dagegen meistens: “Oh Gott, was wollen Sie denn schon wieder hier?” Was ja meistens daran liegt, dass Columbo immer nur den ohnehin schon von ihm Verdächtigten auf die Ketten geht.

    Wenn nicht gerade Wahlkampf wäre, dann würde sicher auch mehr Amerikanern einfallen, dass sie ihre Politiker eigentlich dafür bezahlen, dass sie nichts tun.

    Sind Steuergutschriften bzw. Schecks vom Finanzamt weniger schädlich als staatliche Konjunkturprogramme nach kontinentaleuropäischem Muster?

  2. 20.01.2008 | 18:35

    @Marian

    Sind Steuergutschriften bzw. Schecks vom Finanzamt weniger schädlich als staatliche Konjunkturprogramme nach kontinentaleuropäischem Muster?

    Als zwar Alter, aber nicht gar so alter Hayekianer, würde ich sagen: Ja. Weil mit ihnen wenigstens kein Wissen angemaßt wird. Als Ökonom bin ich mir da nicht so sicher, weil mich da das I-Wort erotisiert: Konsum ist das Sahnehäubchen, aber Wirtschaft findet durch Investitionen statt.

    Und auch wenn mich da Einige exkommunizieren werden: Wenn im Rahmen eines Konjunkturprogramms Infrastrukturmaßnahmen gefördert werden, dann wird wenigstens das falsche Problem mit den richtigen Mitteln gelöst…

  3. 20.01.2008 | 20:20

    Mir fehlt gerade die Phantasie ums was es sich bei diesen Infrastrukturmaßnahmen handeln könnte – heutzutage – und was halbwegs Sinn machen würde. Vorschläge?

  4. Gomez Davila
    22.01.2008 | 11:28

    Obwohl nur Zaungast, aber könnte mir als Nicht-Ökonomen mal jemand Raysons nebenbei hingeworfene Erklärung erklären:

    “Konsum ist das Sahnehäubchen, aber Wirtschaft findet durch Investitionen statt.”

    Ich weiß, das ist das Mantra aller Angebotstheoretiker, selbst ein Gewerkschaftsökonom bei Böckler-Impuls hat das unterschrieben und sich dabei auf Marx berufen (allerdings ohne genaue Quellen zu nennen). Ich würde mich sogar mit ein paar Links begnügen (meinetwegen auch von Mises.org), aber ich denke , daß der Vergleich mit den Sahnehäubchen doch etwas unangemessen ist. Mir scheint der Konsum gleich wichtig. Der Backofen würde nicht gebaut, wenn sich niemand Brot leisten könnte, allerdings könnte auch niemand Brot essen, hätte vorher niemand in einen Backofen investiert.

  5. stefanolix
    22.01.2008 | 11:40

    @Gomez Davila
    Der Kauf eines Brotes ist immer auch Investition in die eigene Arbeitskraft;-)

    @Klaus
    Nur ein paar Beispiele: Die (Daten)Vernetzung ist noch lange nicht in allen Gegenden ausreichend ausgebaut. Für viele Spannbetonbrücken in Deutschland stehen Sanierungsmaßnahmen an (oder sie müssen neu gebaut werden). Das Eisenbahnnetz innerhalb Deutschlands müsste verbesert und viele Verkehrsverbindungen zu den östlichen Nachbarn müssten ausgebaut werden …

  6. 22.01.2008 | 11:53

    @Gomez:

    Stefanolix hat es bereits angedeutet, von nichts kommt eben nichts. Bevor man konsumiert muss man investieren, sich also Produktionsfaktoren zur Produktion von konsumierbaren Gütern und Dienstleistungen sprichwörtlich “vom Mund absparen”. Rayson will damit keine Prioritäten setzen, also das Sparen gegenüber dem Konsum moralisch überhöhen, sondern auf die schlichte Tatsache hinweisen, das Konsum nicht ohne Investition möglich ist. Lies doch mal Robinson Crusoe, hätte der das gefundene Getreide vollständig gegessen, statt ein Teil davon als Saatgut zu benutzen, wäre es mit dem Brot im nächsten Jahr nichts geworden.

  7. Gomez Davila
    22.01.2008 | 11:56

    @stefanolix

    Das ging ja fix! Aber on topic: Was ist mit dem Kauf eines DVD-Players? Einer Kinokarte? Einem Restaurantbesuch? Für die Investition in meine Arbeitskraft doch allemal entbehrlich, oder? Demzufolge würde der angebotstheoretische Idealkonsument sein spärliches Gehalt ausschließlich in den Kauf von Salat, Weiterbildungs- und Fitnesskursen investieren, vorausgesetzt natürlich, der Arbeitgeber honoriert diese vom Angestellten getätigten Investitionen durch einen Lohn, der diese deckt.
    Weshalb mich die Frage interessiert: Verhält es sich wirklich so, daß es allein auf Investitionen ankommt, landet man sehr schnell bei der marxistischen Verelendungstheorie. Wenn es nämlich stattdessen auch auf den Konsum ankäme, wäre es mit der nämlich Essig. So aber wäre der Konsum nach der Angebotstheorie nicht mit dem Sahnehäubchen, sondern eher mit dem Trockenbrot zu vergleichen, mit der der Angestelle seine Arbeitskraft gerade mal eben reproduziert.

  8. 22.01.2008 | 12:11

    Gomez Davila,

    im konkreten Fall geht die Regierung mit tax rebates etc. das Risiko ein, dass die Steuerzahler das Geld sparen oder zur Schuldentilgung verwenden, und es eben nicht – wie 2001 – gleich ausgeben. Hab’ ich jedenfalls in der Zeitung gelesen.

  9. 22.01.2008 | 12:13

    @Gomez Davila

    So grundsätzlich müssen wir gar nicht werden. Ich präzisiere meinen Satz zu:

    “Wirtschaftswachstum findet durch Investitionen statt”.

    Das hat tatsächlich eine theoretische (nicht: angebotstheoretische) Grundlage – Stichwort “Produktionspotenzial”. Und eine empirische, wenigstens in Deutschland: Der so vielgelobte Export ist als Impuls wichtig, aber nach oben geht es danach immer zuerst durch die Investitionen, wie gerade erlebt. Wenn alles gut läuft (will sagen: der Staat nicht zuviel herumpfuscht), verlängert danach der in der dritten Phase einsetzende Mehrkonsum den Aufschwung. Das ist das typische deutsche Konjunkturschema, seit Jahrzehnten.

    Auch Keynesianer bevorzugen übrigens für die Fiskalpolitik die multiplikator-bewehrten Investitionen.

    Und last but not least gilt ganz einfach, was SteffenH gesagt hat.

  10. 22.01.2008 | 12:33

    @ stefanolix

    Die (Daten)Vernetzung ist noch lange nicht in allen Gegenden ausreichend ausgebaut.

    Ich will ein Pony!

  11. 22.01.2008 | 13:23

    @ stefanolix

    Das Problem deiner Beispiele ist doch, dass zwei von drei Beispielen eigentlich obsolet sind. Telekommunikation und Bahn sind/werden privatisiert, also kein Grund für den Staat hier Milliarden zu investieren. Und dass für die *notwendige* Sanierung von Brücken nicht ausreichend Geld da ist halte ich für ein Gerücht. (Immerhin werden hier in der Gegend gerade einige Brücken in die Landschaft gesetzt, ich hoffe mal, dass die zugehörige Straße trotz Bürgerinitiativen gebaut wird. Und Sindelfingen erhält einen S-Bahn-Anschluss, die entsprechenden Bauarbeiten können zu meinem Leidwesen wohl nur nachts und am Wochenende ausgeführt werden.)

  12. Gomez Davila
    22.01.2008 | 13:38

    @SteffenH:

    Konstantiere, daß “von nix kommt nix” eine andere Aussage ist als die – mittlerweile präzisierte – von Rayson, wonach der Konsum “Sahnehäubchen”, also zu vernachlässigen ist. Immerhin wird ja zugestanden, daß Robinson Crusoe das Getreide essen muß. Daß er einen Teil davon anbauen, das Getreide also mindestens um den verzehrten Teil “wachsen” sollte, steht ja gar nicht in Zweifel.

    @Rayson:

    Puh, dann ist der Kapitalismus ja noch mal davongekommen. Meine Einlassung geschah ja nur, weil es ja tatsächlich Leute gibt, die das von mir Unterstellte vertreten.

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