Nokia oder: Der Karawanen-Kapitalismus

Da sind Entscheidungen offenbar in Finnland getroffen worden. Aber ich kann die Empörung verstehen. Das ist ein Ausdruck eines Karawanen-Kapitalismus, von dem viele wissen müssen, dass er die Zustimmung zu diesem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell systematisch unterminiert. Die Menschen verlieren Vertrauen und das ist eminent gefährlich und von politischer Bedeutung.

(Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, heute morgen im DLF-Interview)

Zunächst das Positive: Die SPD rückt offenbar von Tier-Vergleichen und Anspielungen auf die Bibel ab. Stattdessen also: Karawane. Das klingt irgendwie nach Orient, nach etwas, dem nicht so recht zu trauen ist. Andererseits: Karawanen bewegen sich von Handelsknotenpunkt zu Handelsknotenpunkt; zwischendurch müssen mal Durststrecken überwunden werden, bis man zur nächsten Oase kommt. Das erfordert strategische Planung und taktisches Geschick. Wenn Steinbrück das mit diesem Bild ausdrücken wollte, dann würde ich das anstelle von Nokia einfach mal als Kompliment annehmen.

Was mir Kopfzerbrechen macht, ist die behauptete Unterminierung der Zustimmung zu “diesem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell”. Da weiß ich nämlich mindestens bei der SPD (aber auch bei weiten Teilen der CDU, vertreten durch Nordrhein-Westfalens obersten Arbeiterführer Robin Rüttgers) nicht mehr, was das eigentlich sein soll.

Und in wen oder was verlieren die Menschen Vertrauen? Für wen ist das gefährlich?

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9 Kommentare zu “Nokia oder: Der Karawanen-Kapitalismus”

  1. 18.01.2008 | 10:48

    Das perfide an der Schelte ist, dass sie so konstruiert ist. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums hat Nokia gegen keinerlei Vereinbarungen verstoßen. Sie haben die Subventionen in den Neunzigern für den Umbau einer Fernseh- in eine Handyfabrik bekommen. Da stand nichts von einer Garantie für die Ewigkeit.

  2. 18.01.2008 | 10:59

    Steffen,

    noch nichtmal Steinbrück behauptet, dass Nokia gegen die Subventionserteilungsvereinbarungen verstoßen habe. Dann trotzdem eine “soziale Verantwortung” zu konstatieren, ohne zu sagen, woraus die eigentlich folgen soll – das ist es, was Vertrauen zerstört. Und zwar sowohl das Vertrauen der Investoren in den Standort Deutschland, als auch das Vertrauen “der Menschen draußen im Lande” in die Politik und (dummerweise) auch in das politische System insgesamt.

  3. 18.01.2008 | 11:14

    Vielleicht verlieren die Menschen ja das Vertrauen in einen Karawanenkapitalismus, in dem die Politik mit ihren Subventionen erst die Oasen schafft, zwischen denen die Karawanen dann pendeln.

    Das wäre schlimm für die Politik. Sie würde schließlich ihre Lieblingsaufgabe verlieren.

  4. 18.01.2008 | 11:20

    Die Zustimmung zu diesem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell wird meiner Meinung nach deswegen unterminiert, weil man trotz guter Arbeitsleistung und Produktivität wegen einer strategischen Unternehmensentscheidung seinen Job verliert. Und dann vor ALG I und II steht.

    Man kann dem Arbeitnehmer noch nicht mal vorwerfen auf einen sinkenden Schiff gewesen zu sein und die Augen zugemacht zu haben (wie bei BenQ).

    In solchen Momenten kommt man sich ziemlich ausgeliefert vor. Und dann ist nach dieser Logik die Globalisierung schuld.

    Bleibt also nur zum selbstbewussten und gut arbeitenden Arbeitnehmer zu werden, der immer bereit zum Jobwechsel ist und seine Arbeitgeber um Lohnerhöhungen erpresst.

  5. 18.01.2008 | 12:15

    >Bleibt also nur zum
    >selbstbewussten und gut
    >arbeitenden Arbeitnehmer zu
    >werden, der immer bereit zum
    >Jobwechsel ist und seine
    >Arbeitgeber um Lohnerhöhungen
    >erpresst.
    –> Oder zum Freiberufler, was zumindest in der IT gangbar ist)

  6. 18.01.2008 | 16:14

    Also entweder es gibt Europa oder dann halt nicht. Die Verlagerung findet immerhin innerhalb Europas statt. Die hätten ja auch nach Fernost abwandern können. Für Rumänien und die EU bedeutet das mehr Steuereinnahmen und längerfristig weniger arme Rumänen die mit EU-Steuergeldern durchgefüttert werden müssen.

    Zudem: Alle wollen billige Handys also werden billige Handys auf dem Markt angeboten, die kostengünstig produziert werden. Überdies: Weshalb sollen die Rumänen nicht auch von Europa profitieren? Moment mal – meines läutet gerade…

    Okay, weiter: Die Naivität der Politiker ist ja rührend. Die haben auch noch nicht gemerkt, dass sie im vereinten Europa etwa soviel zu sagen haben, wie ein Bochum-Arbeiter bei Nokia.

    Was es wohl braucht, ist eine Informationskampagne für alle. Inhalt: Dein Job ist nicht sicher. Dein Job kann jederzeit wegfallen. Stell die darauf ein und plane dein Leben entsprechend.

  7. 22.01.2008 | 9:25

    [...] Das Herumdoktern an Subventionsvergabekriterien finde ich allerdings rührend. Und ich frage mich, wieviele Betriebsverlagerungsentscheidungen nach Ablauf der Haltefrist es noch geben muss, bis statlers Hoffnung eine realistische Basis hat: Vielleicht verlieren die Menschen ja das Vertrauen in einen Karawanenkapitalismus, in dem die Politik mit ihren Subventionen erst die Oasen schafft, zwischen denen die Karawanen dann pendeln. [...]

  8. Steffen Meier
    25.01.2008 | 0:39

    Wie ich schon in einem andere Forum Berichtete wird NOKIA als Marke mit Hohen Wiedererkennungswert hoch bewertet. Diese Wert Vorstellung …. ?
    Tschuldigung wer war da noch Nokia …
    Wir sollten da unseren Kindern vielleicht vermitteln, “Da war mal eine Firma …die war groß … und Reich aber hatte kein Herz”
    Kauft euch 2008 ein anderes HANDY !!!

    Kann man nicht einfach den Standort BOCHUM kaufen und dort Handy made in Germany Bauen.
    Ich würds kaufen…und wenn es nur Telefonieren- SMS könnte. Reicht doch für ein Volkshandy mit wenig Tasten für die kleinen und große Tasten für die älteren.

  9. 25.01.2008 | 0:52

    @Steffen Meier

    Natürlich kann man den Standort von Nokia in Bochum kaufen und die Mitarbeiter weiterbeschäftigen. Vielleicht kriegst du sogar noch Material von Nokias Zulieferern (natürlich nicht zu Nokia-Preisen). Also los, auf geht’s zur Kapitalsammeltour. Ich kann dir garantieren: Draußen ist viel Geld unterwegs, das sich auf jede Renditeidee stürzt.

    Ich helfe dir sogar gerne beim Business Plan, wenn ich dafür einen kleinen Teil des zu erwartenden Riesengewinns abbekomme.

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