18. Januar 2008
Deutschland: Zwei Außenminister, aber kein Regierungschef
In Deutschland findet gerade ein einzigartiges Experiment statt: Wir leisten uns zwei Außenminister, versuchen aber gleichzeitig, ohne Regierungschef über die Runden zu kommen.
Auf der einen Seite steht Angela Merkel, formell Bundeskanzlerin, in Wahrheit aber oberste Außenministerin und Moderatorin der großen Koalition, auf der anderen steht Frank-Walter Steinmeier, formell Außenminister, in Wahrheit aber Bundeskanzlerkandidat in spe.
Nachdem die diametral entgegengesetzten Auffassungen der beiden im Umgang mit Russland und China durch diplomatische Floskeln und mit Rücksicht auf das Koalitionsklima einfach einstweilen ausgesessen wurden, zeigt sich nun auch noch ein offener Dissens in der Nahost-Politik:
Empfang des syrischen Außenministers: Merkel über Steinmeier verstimmt
17. Januar 2008 Außenminister Steinmeier (SPD) hat den syrischen Außenminister Muallim am Donnerstag im Auswärtigen Amt empfangen und dabei Syrien engere Zusammenarbeit angeboten. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) unterstützt Steinmeiers Handeln nicht. Sie hält seine Gesprächsbereitschaft für unangebracht, solange Syrien den Libanon nicht diplomatisch anerkennt.
Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschwerten sich aus demselben Grund die Regierungen der Vereinigten Staaten und des Libanons im Kanzleramt über die kooperative Haltung Steinmeiers zu Syrien. Eine Intervention lehnte das Bundeskanzleramt mit Rücksicht auf das Koalitionsklima ab.
Wie sich spätestens hier zeigt, handelt es sich dabei nicht nur um die Fortsetzung des Hauens und Stechens innerhalb der großen Koalition, sondern entfaltet auch Außenwirkung. Ein Land, dessen beiden außenpolitischen Hauptakteure so gegensätzlich denken und handeln, ist kein verläßlicher Partner.
Überdies zeigen die Reaktionen der jeweils von Steinmeier umgarnten Länder, dass sein Ansatz, mit “Dialog” etwas erreichen zu wollen, schon im Ansatz scheitert:
Auf die Frage, warum der Libanon noch immer nicht von Damaskus diplomatisch anerkannt sei, wich Muallim aus. „Ich verspreche, dass dieser Schritt realisiert wird, wenn die gegenwärtige Krise geregelt wird und ein Präsident der nationalen Einheit gewählt ist.“ Im Kanzleramt gilt das als Bestätigung der syrischen „Hinhaltetaktik“.
Verfasst von Marian Wirth um 08:39 Uhr in der Kategorie International, Politik (Trackback)
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