Kult- oder Kulturlandschaft?

Die EU macht das Offenhalten von aus der Nutzung gefallenen Acker- und Grünlandflächen für eine zukünftige Nutzung zur Bedingung für Subventionszahlungen. Das Land Baden-Württemberg finanziert seit Jahrzehnten Offenhaltungsversuche, um herauszufinden, wie sich die Sukzession der Natur auf ehemaligen Agrarflächen am besten verhindern lässt. Doch die mitgelieferte Begründung, die solche Dinge wie Erhaltung von Grenzertragslagen für zukünftige Nutzungen oder die Furcht vor Verwaldung ganzer Landstriche aufzählt, will mir nicht einleuchten. Was haben wir dagegen, dass sich die Natur ohne uns entwickelt, wo wir doch sonst zurück zur Natur wollen? Weshalb greifen wir dann in natürliche Veränderungen der Artenzusammensetzung ein und erzwingen eine Kulturlandschaft, die ihre Wurzeln in einem alles andere als “natürlichen” Bewirtschaftungssystem hat? Kann mir das jemand erklären?

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8 Kommentare zu “Kult- oder Kulturlandschaft?”

  1. Ben
    16.01.2008 | 18:47

    Ich denke Agrarsubventionen muessen letztendlich irgendwie vor den Steuerzahlern gerechtfertigt werden. Und da sieht es einfach besser aus wenn die Bauern fuer die Zahlungen eine Gegenleistung erbringen (auch wenn die nicht notwendigerweise besonders sinnvoll ist).

    Ansonsten waere es einfach zu offensichtlich, dass Steuergelder an Interessengruppen verschenkt werden.

  2. 16.01.2008 | 19:03

    Ich sehe das ähnlich, doch gibt es viele Menschen, für die dieses Offenhaltungsargument enorme Überzeugungskraft hat. Es konserviert gewissermaßen unsere Landschaft wie sie ist. Naturschützer argumentieren mit Artenvielfalt, die in verbuschten und verwaldeten Gebieten geringer sei, offenbaren sich m.E. damit aber nicht als Schützer einer dynamischen Natur, sondern als Bewahrer einer Wunschnatur im Sinne einer Naturzustandskonservierung. Dass der Landwirt sich dem aus finanziellen Erwägungen heraus nicht entziehen möchte, ist klar. Und da wären im Zweifel noch die Landbesitzer, die keine Lust auf die Entwertung ihrer Fläche haben.

  3. Christoph
    16.01.2008 | 19:42

    Oh ein ganz wichtiger Punkt ist natürlich auch, daß die EU so eine weitere Bedingung geschaffen hat, die die Bauern einhalten müssen, um die Subventionen zu erhalten. Das “schafft” natürlich Arbeitsplätze, da diese Bedingungen auch kontrolliert werden wollen. Wenn man sich einaml anguckt, was die EU so treibt, ist es doch recht offensichtlich, daß ihr jeder Vorwand recht ist um die Subventionen zu erhalten und den bürokratischen Aufwand auszudehnen.

  4. 16.01.2008 | 20:10

    [...] Als Ergänzung zum heutigen Eintrag von Steffen: [...]

  5. 16.01.2008 | 20:10

    Bei den EU Bestimmungen geht es lediglich darum, dass der Besitzer oder Nutzer der Flächen für diese nur dann Zahlungen erhält, wenn diese auch als Landwirtwirtschaftliche Nutzflächen verfügbar sind. Ist übrigens unter den Landwirten durchaus umstritten, da diese Regelung zu einer Verknappung von Flächen auf dem Pachtmarkt bzw. zu einem Anstieg der Pachtpreise führt. Durchschnittliche Flächenprämie Deutschland: 340€/ha – 120€ fürs Mulchen macht 220€, bei einem Pachtpreis von unter 220€ wird der Verpächter überlegen was er macht. Ist auf Gunststandorten mit entsprechend hohen Pachtpreisen kein Problem, anders sieht es aber z.B. in den Mittelgebirgen aus, selbst wenn die Flächenprämie unter dem Durchschnitt liegt, ich hab zum Beispiel im Schnitt weniger als 50€/ha an Pacht bezahlt.

    Den Erhalt der Bewirtschaftungsmöglichkeit sollte man durchaus auch unter dem Aspekt der global sinkenden Agrarfläche/Kopf sehen, nicht nur als direkte Folge der Demographischen Entwicklung sonder auch als Folge von Umwidmung (Bauland, Infrastruktur), den Klimatischen Veränderungen und der Folgen der so genannten Grünen Revolution. In nicht allzu ferner Zeit könnte der Zugriff auf diese Flächen durchaus von Bedeutung sein, deshalb wohl auch der Verweis auf die Verbesserung des Bodens.

    Was die Offenhaltung ganzer Landstriche, sprich Erhaltung der Kulturlandschaft betrifft, so muss man den Aspekt der Lebensqualität, auch als Urlaubs- und Erholungslandschaft mit einbeziehen. Wer steht schon gerne den ganzen Tach im Wald? Hier stellt sich natürlich die Frage ob es wünschenswert ist die Ländlichen Räume als Siedlungsraum überhaupt zu erhalten.

    Die Vorstellung zu den Kontrollen sind allerdings ziemlich weit weg von der Realität. Selbst wenn diese Bestimmung zu mehr Arbeitsplätzen führen würde, dem ist nicht so, dann mit Sicherheit nicht auf EU Ebene sondern auf den Ebenen der unteren Verwaltungsbehörden, normalerweise Kreise und Städte. Außerdem wurde diese Regelung im Rahmen einer Vereinfachung der Subventionsbürokratie eingeführt, schließlich sind zig Einzelprämien zu einer Prämie zusammengefasst worden.

  6. 16.01.2008 | 20:40

    Das Schöne an Landwirtschaftsthemen ist, dass wir hier immer so kompetenten Widerspruch bekommen. Und das meine ich ganz ernst. Danke, balou.

  7. 16.01.2008 | 21:37

    @balou:

    Danke für die Antwort.

    Nur ist mir nicht klar, warum die EU die Offenhaltung der Flächen zahlt, obwohl die doch nach deiner Aussage im langfristigen Interesse der Bauern ist. Würde sie es nicht tun, dann würden die Bauern sie sicher wieder freimachen bzw. das Land zurück erwerben und die Bodenqualität durch Bearbeitung und Nährstoffzufügung wieder in Ordnung bringen. Keine Nutzung ist unumkehrbar, selbst eine Bebauung nicht (mal abgesehen von Umweltaspekten). Ich sehe es nicht als sinnvoll an, eine Zwischennutzung zu unterbinden, nur um sich unsichere Optionen offen zu halten, ohne den Nutzen der Alternative zu berücksichtigen.

    Auch das Erholungsargument macht mir etwas Bauchschmerzen, denn “wer will schon den ganzen Tag im Wald stehen” sagt sich leicht daher, aber die Kosten für diesen Luxus würde bewusst sicher niemand gern übernehmen.

  8. R.A.
    17.01.2008 | 10:58

    @balou:
    Danke für diesen informativen Beitrag.

    Nur ein Punkt:
    > so muss man den
    > Aspekt der
    > Lebensqualität,
    > auch als Urlaubs-
    > und
    > Erholungslandschaft
    > mit einbeziehen.
    > Wer steht schon
    > gerne den ganzen
    > Tach im Wald?
    Als touristisch interessierter Städter muß ich da widersprechen.
    Mal von Faktoren wie Meer oder Bergen abgesehen ist die wesentliche natürliche Touristenattraktion in Deutschland der Wald.

    Wenn ich die Reisekataloge durchblättere finde ich die meisten Ziele dort, wo möglichst viele Bäume stehen.

    Landwirtschaft kann auch ein Tourismus-Faktor sein – aber dann sind es die Höfe und die Tiere, nicht die Anbauflächen.

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