Fazit
Nun blogge ich schon seit bald drei Jahren. Das gewählte Umfeld war das der politischen Blogs, weil es dem Antrieb entsprach, den ein von der Politikplattform dol2day Enttäuschter nun einmal hatte.
Aus vielerlei Gründen ist jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt, ein Resümee zu ziehen.
Die Bloggerei hat, das ist unbestreitbar, etwas mit mir getan. Noch zu dol2day-Zeiten hätte ich mich linksliberal eingestuft, wozu auch die Lektüre der Werke von Amartya Sen beitrug, aber diese Gesellschaft wurde mir dann doch etwas unheimlich. Die Einstiegsdroge in eine andere Welt war das Blog “Statler & Waldorf”, auf das in der dol2day-Partei IDL mal jemand hingewiesen hatte. Der Statler da sagte so vieles, das mir bis dahin nur auf der Zunge gelegen hatte. Das war der Anlass, mich mehr mit den Hintergründen zu beschäftigen. Mises, Hayek, Eucken – diese Herren begleiteten mich durch die nächsten Monate. Bald danach war mir klar: Ich mochte den Mises wegen seiner Kompromisslosigkeit, ich bewunderte den Hayek wegen seiner Originalität, und ich schätzte den Eucken für sein politisches Gespür. Dass ich in der Quintessenz bei Hayek gelandet bin, bitte ich alle anderen zu verzeihen. Aber Mises war mir dann doch zu apodiktisch und Eucken zu staatsgläubig, und nur Hayek lieferte eine mich zufriedenstellende intertemporale ökonomische Begründung des Liberalismus. Man mag es mir verzeihen, wenn ich meinen Sen darüber dennoch nicht vergessen mag.
Zu den Libertären gewann ich ein zwiespältiges Verhältnis. Libertär zu sein, widerspricht meinem nach Differenzierung gierenden und auf Moderation ausgerichteten Geist. Aber ich finde, dass sich jede Idee an libertären Ideen messen lassen muss. Aus der Art, wie und wo sie an diesem Ideal scheitern, kann man Erkenntnisse ziehen. Überhaupt: Mag mein Ideal auch ein moderiertes sein, so teste ich doch gerne die Ideen anderer an für sie extremen Gegenpositionen. Aus der Art, wie darauf eingegangen wird, vermag ich dann Rückschlüsse zu ziehen, was Tiefe und Glaubwürdigkeit der anderen Ansätze angeht.
Neu war für mich die Begegnung mit dem Phänomen der Antideutschen und der “Pro-Westler”. Das waren und sind Kategorien, mit denen ich nicht viel anfangen kann. Wer gegen wen – das interessiert Fan-Boys, aber nicht mich.
Weiter interessant, aber letztlich nicht überraschend war für mich die Konfrontation mit Glaubenskriegern. Darunter zähle ich alle, die ihre politische Meinung oder Richtung als ausreichend wichtig ansehen, ihren Gegnern körperlichen oder seelischen Schaden zufügen zu müssen. Es gehört nur wenig Fantasie dazu, diese als im Internet überproportional vertreten anzusehen.
Was bleibt hängen? Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein zwiespältiges. Sich auf eine Metaperspektive zurückziehend, kann man nur konstatieren, dass Diskussionen jenseits bereits vorgefasster Grenzen nicht nur nicht stattfinden, sondern dass es auch vielfältige Bestrebungen gibt, solche zu unterbinden. Das Ideal der heutigen demokratischen Auseinandersetzung ist nicht das der Debatte, sondern das der störungsfreien Akklamation. Jede Seite versucht, die Ansichten der anderen Seite durch Subsumieruhg unter bekannte und geächtete Einstellungen zu erledigen, bevor es zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung kommt. Es bleibt abzuwarten, wie lange es dieser Strategie noch gelingt, Themen klein zu halten, mit denen der angebliche Souverän tagtäglich konfrontiert wird.
Bislang hat es sich als erfolgversprechend erwiesen, Minderheitenpositionen als solche zu verunglimpfen, was zwar als einer Mehrheitsdemokratie inhärent angesehen werden mag, aber idealistischen Fehlentwicklungen durchaus zu denken geben kann.
Jetzt, am Ende dieser vielen Monate, muss ich wenig überraschend feststellen, dass die Welt dieselbe geblieben ist. Noch herrschen die Phrasen, noch gibt es Wächter, die Abweichler maßregeln und in ihre Grenzen weisen wollen.
Diese Gesellschaft erträgt vieles. Je schlimmer die Zumutung, um so größere Erfolgsaussichten hat sie. Aber irgendwann wird die nach Kräften herbeigeredete Schuld nicht mehr ausreichen, aktuelles Scheitern zu vertuschen. Es geht nur noch darum, wann es losgeht.
bisher 12 Kommentare » Kommentare
Kopf hoch! In zweieinhalb Wochen beginnt die Bundesliga wieder. Und Sie haben, wenn ich mich recht entsinne, zwei Eisen im Feuer. Wer kann das schon von sich sagen?
Die letzten beiden Sätze finde ich rätselhaft. Und ein wenig angsteinflößend.
Von welcher Schuld redest du? Und was “geht los”?
…vor allem, was ist die Gesellschaft. Ich bin ich und sorge mich um Verwandte, Freunde und Mitmenschen. Der sonstige Ballast ist mir schnurz. Also auch von mir die Frage: Welche (kollektive) Schuld?
Und, Rayson, immer, wenn du Posts so beginnst hab ich Angst, dass du das Bloggen an den Nagel hängst. Musst du mich immer so erschrecken?
Fantastisch. Sprachlich perfekt, inhaltlich und stilistisch anspruchsoll. Ich wünschte ich könnte mich so ausdrücken. Rayson, das war großartig. Ich verneige mich vor Dir.
An dem Artikel “Gedanken zur Bildung” lese ich immer noch und habe auch immer noch genug zum nachdenken. Du bist wirklich gut geworden, oder warst Du es schon immer?
Er war schon immer so gut, unser lieber Kryptoliberaler.
Steffen,
Und, Rayson, immer, wenn du Posts so beginnst hab ich Angst, dass du das Bloggen an den Nagel hängst. Musst du mich immer so erschrecken?
1.) Das macht der mit Absicht!
2.) Ich habe den Eindruck, dass Rayson am Anfang solcher Posts diese Angst auch hat. Dann schreibt er solche Posts – und die Angst geht wieder zurück, auch wegen der Reaktionen seiner Fans.
(Einem Verfahren vor dem Ausschuss zur Bekämpfung küchenpychologischer Umtriebe sehe ich gelassen entgegen.)
Klingt nach “Quousque tandem?”
Sehr schöne Darstellung.
Insbesondere die Vorliebe für Hayek und die Einstellung gegenüber den Libertären kann ich voll teilen.
Internet-Diskussionen, ob anfangs im FDP-Forum, dann bei dol2day oder in diversen Blogs haben mir unglaublich viel gebracht.
Als Medium, um etwas zu erreichen oder zu bewegen sind diese Diskussion dagegen ziemlich ungeeignet.
Und aus Gummersbach ist bisher auch noch nichts Greifbares gewachsen, dies zu ändern.
Ansonsten habe ich eine Ahnung, wie der letzte Absatz gemeint sein könnte, bin aber skeptisch.
@R.A.:
Immerhin gab es eine freundliche Übernahme. Ist das etwa nichts? Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Diskussionen ungeeignet für Veränderungen sind. Man erkennt sie nicht direkt. Aber merke auch immer wieder, dass die Disskutanten sich manchmal auch nähern. Ohne diese Medien gäbs das nicht. Ich halte mehr von langsamen Grasswurzelbewegungen als politischen Revolutionen. letztere haben immer etwas mit Gewalt und einer unterdrückten Minderheit zu tun.
Ich habe gelernt Rosenfeld zu ignorieren und es wird mir auch bei einer anderen Person gelingen.
Den letzten Absatz verstehe ich jetzt auch nicht mehr
Aber gut so, vielleicht kann ich ihn zur Interpretation für Zukünftiges heranziehen und dann sagen: “Habe ich das nicht schon kommen sehen?”
@Marian
Doch gut, dass du deine Brötchen woanders verdienst
Sehr schön geschriebener Text.
Damals war ich als Hayekianer für Dich noch ein Extremist.
Man sollte es aber mit den Begrifflichkeiten nicht übertreiben – libertarianism als Wortschöpfung stammt aus den USA, weil der Begriff des Liberalismus seit FDR dort pervertiert wurde.
Ich sehe keinen notwendigen Unterschied, sich als libertär oder klassisch-liberal zu bezeichnen. Libertär umfasst sicherlich ein größeres inhaltliches Spektrum. Aber es gibt bestimmt sinnvolleres zu tun, als die gegenseitigen Abgrenzungen um ihrer selbst zu finden.