Wieviel Stimmen braucht der Mensch?

Wir haben in diesem Blog schon oft leidenschaftlich über Demokratie diskutiert. Zuletzt ging es um das Wahlrecht für Kinder. Würde man den Kindern Wählerstimmen geben, dann müssten die Eltern das Stimmrecht ausüben, bis die Kinder selbst wahlberechtigt sind. Damit würden die Stimmen von Eltern aufgewertet und die Stimmen anderer Wähler abgewertet. In unserer Diskussion haben wir aber festgestellt, dass dieses Verfahren mit großen Problemen verbunden wäre.

Einen radikal anderen Ansatz stellt die Initiative »Global Voter« vor. Wähler sollen nach ihrem Modell bis zu zehn Stimmen erhalten. Die Initiative will auf diese Weise dafür sorgen, dass Wähler mit bestimmten Verdiensten einen höheren Einfluss bekommen. In einem Interview mit der Zeitschrift »brand eins« sagt der Stiftungsgründer Kim P. Erichsen, wie das funktionieren soll:

Jeder Wähler und jede Wählerin kann im Laufe seines Lebens durch entsprechende Qualifikation zwischen einer und zehn Stimmen erreichen.

Das scheint mir attraktiv, denn das Kinderwahlrecht würde mir zur Zeit nur eine Stimme mehr einbringen. Mehr als zwei Kinder wären mit sehr viel mehr Stress verbunden.

Vielleicht könnte ich meine zehn Stimmen bald gegen ökonomisch fragwürdige Vorhaben wie den Mindestlohn einsetzen? Vielleicht könnte ich in Zukunft bei Kommunalwahlen Denkzettel in ungeahnter Größe verteilen? Aber bevor meine Omnipotenz-Phantasie mit mir durchgeht, stelle ich mir die Frage: Warum sollen einige Wähler mehr Stimmen haben als andere?

Und zwar, weil die, die zehn Stimmen haben, mehr für das demokratische System und ihre Gesellschaft getan haben als die anderen. Jeder Bürger wird mit einer Wahlstimme geboren, die er ab dem 16. Lebensjahr ausübt. [...] Das ist sozusagen die Basisstimme. Darüber hinaus erhalten alle Wahlberechtigten eine Stimme dazu, wenn sie einen Schulabschluss gemacht haben, ganz egal an welcher Schule. Für eine abgeschlossene Berufsausbildung, eine Meisterprüfung oder einen Hochschulabschluss gibt es eine weitere Stimme. Wer promoviert oder habilitiert, kriegt noch eine Stimme hinzu — das Gleiche gilt aber auch für Bürger, die mehrere Jahre Selbständigkeit hinter sich gebracht haben, etwa nach dem zweiten Bildungsweg oder einer Meisterprüfung.

Damit kann man aber noch nicht zehn Stimmen gewinnen. Die Initiative will »sozialpolitisches Engagement« würdigen und beispielsweise für ehrenamtliche Arbeit in Vereinen, Stiftungen oder Parteien weitere Stimmen vergeben. Nach zehn Jahren gibt es die erste Stimme, nach zwanzig Jahren eine weitere Stimme und nach dreißig Jahren kommt noch eine obendrauf. Damit könnte man auf maximal sieben Stimmen kommen. Etwas wolkig verkündet der Stiftungsgründer schließlich:

… und dann müssen wir natürlich noch außergewöhnliches Engagement auszeichnen. Wahlberechtigte erhalten für besonderes und nachhaltiges humanitäres Wirken eine Art »Orden«, der ein bis drei Stimmen wert ist. Diese Auszeichnung gebührt den herausragendsten Bürgern, jenen, die sich besonders engagieren — und darüber entscheiden die Bürgerinnen und Bürger oder ihre Gremien selbst. Das heißt, in direkter Demokratie. [...]

Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich beim Abtippen dieser Abschnitte Tränen gelacht habe. Selten beobachtet man eine solch eindrucksvolle Paarung aus Naivität und Sendungsbewusstsein in freier Wildbahn. Am Ende des Interviews sagt Kim P. Schmitz:

Dass die Handschlaggesellschaft funktioniert, zeigen die Menschen, die ebay nutzen, jeden Tag — und da werden die Bewertungskriterien auch nicht für Mumpitz gehalten.

Der Journalist Wolf Lotter hat dieses Interview für »brand eins« geführt. Ihm würde ich gern die Frage stellen: Warum haben Sie nicht nachgefragt, nach welchen Kriterien die »Orden« und die Stimmen für soziales Engagement zuerkannt werden sollen? Im Programm der Stiftung und in den Aussagen des Stiftungsgründers ist dazu nichts zu finden. Würde die Arbeit in beliebigen gemeinnützigen Vereinen zu weiteren Stimmen verhelfen, dann bekäme sie wohl fast jeder Deutsche zuerkannt.

Als TU-Absolvent, Selbständiger, Ehrenamtlicher, Freizeitsportler und Vereinsmitglied würde ich je nach Zählweise und Meriten sieben bis neun Stimmen in die Wahlurne werfen. Hätte ich irgendwann die Zeit, meine Doktorarbeit zu Ende zu schreiben, käme ich vielleicht auf zehn Stimmen. Warum kommt mir das wie eine neue Variante des Dreiklassenwahlrechts vor?

Ein Grundsatzdokument der Stiftung kann als PDF-Datei heruntergeladen werden. Auf Seite 7 werden die Kriterien für die Verteilung der Stimmen erläutert und auf Seite 8 wird uns eine Beispielrechnung präsentiert:

Im theoretischen Modellfall erreicht ein Bürger mit 45 bis 50 Jahren seine maximale demokratische Gewichtung, also 10 Stimmen. In einem Alter von etwa 35 Jahren aber könnte er schon 8 oder 9 Stimmen erlangen. Für eine(n) 25-Jährige(n) sind 5 Stimmen durchaus denkbar. Die sich stufenweise entwickelnde »Qualifizierte Demokratie« setzt keinen der heute bestehenden Grundsätze aufs Spiel! Diejenigen Wählerinnen und Wähler, die nur mit einer Stimme abstimmen könnten oder wollten, werden mit einem Minderheitenschutz versehen, obwohl sie in der »Neuen Demokratie« quantitativ vielleicht die Minderheit ausmachen. »Einstimmer« werden schon deshalb nicht zur vernachlässigenden Minderheit, weil Grundgesetze und Grundrechte ausschließlich mit Mehrheiten von z.B. 90 Prozent aller zur Abstimmung Berechtigten beschlossen werden können.

So ist das nämlich. Und vor der Einführung der direkten Meritokratie erklärt uns Kim P. Schmitz, mit welchen Menschen man das neue System verwirklichen kann:

Dazu braucht es Menschen, die ein System entwickeln, in dem das Beste nicht nur eine Vision bleibt, sondern auch für alle sichtbar umgesetzt wird.

Und das setzt er in die Welt, als ob wir nicht genug Erfahrungen mit Gesellschaftssystemen hätten, die einen ganz neuen Menschen voraussetzen …


Via: Interview in »brand eins« (Printausgabe).


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27 Kommentare zu “Wieviel Stimmen braucht der Mensch?”

  1. 7.01.2008 | 21:52

    Da ist ja das System aus “Starship Troopers” noch überzeugender.

  2. stefanolix
    7.01.2008 | 22:02

    Danke für den Hinweis ;-)

  3. Lina
    7.01.2008 | 22:44

    Zehn Punkte! Ten Points! Dix Points! – für diejenigen, die sich diesen Ulk erlaubt haben. Und zehn für den Ausgräber dieser “eindrucksvollen Paarung aus Naivität und Sendungsbewusstsein”!

    Ein Mann, ein Wort. Und eine Stimme, sonst keine. – Ist das ein Wort;-)?

  4. stefanolix
    7.01.2008 | 23:01

    Du vergisst die Stimmen der Frauen;-)?

    Mich erinnert das an das “Aktivisten”- und “Besten”-System in der DDR oder in der Sowjetunion. Es fehlen nur noch diverse Ehrennadeln und Orden, damit man gleich auf der Straße sieht, wer zehn Stimmen mit sich herumträgt.

    Man könnte dieses System eigentlich schön mit dem »Kinderwahlrecht« koppeln. Kinder aufzuziehen: das bedeutet, ein großes »sozialpolitisches Engagement« an den Tag zu legen. Also gibt es pro Kind noch mal eine Stimme hinzu. Das würde dem Global-Voter-Prinzip kein bißchen von seiner Überzeugungskraft nehmen;-)

  5. Lina
    7.01.2008 | 23:16

    “Du vergisst die Stimmen der Frauen;-)?”

    Nein, nicht vergessen, nur zweckdienlich neutralisiert, um das anstehende Vergabeverfahren gleich noch auf “unisex” zu trimmen. – Wenigstens das, habe ich mir gedacht, könnte eine Meritokratie brauchen, denn Meriten holen sich sonst ja doch bloss wieder die Männer ;-)

  6. 7.01.2008 | 23:59

    Ich bevorzuge ja die klassisch futuristische Lösung: Ein Computer, eine Stimme. Und Multivac ist dieser Computer.

  7. stefanolix
    8.01.2008 | 0:05

    @Lina: Die »Global Voters« erfanden extra das Mehrstimmenprinzip, damit sozial engagierte Menschen (also im Prinzip doch vorwiegend Frauen) endlich mehr Stimmen bekommen. Und Du sagst: »Meriten holen sich doch wieder nur die Männer«. Du hast einfach das Prinzip noch nicht verstanden;-)

  8. stefanolix
    8.01.2008 | 0:09

    @Björn: Computer werden überbewertet. Soziale Verdienste zählen! ;-)

  9. cozzzmo
    8.01.2008 | 7:30

    Ist doch toll! Ich würde noch ergänzen: mehr Punkte für Menschen, die ein Buch gelesen haben.

  10. apex
    8.01.2008 | 7:35

    Wie wärs mit einer Stimme für jeden Euro gezahlte Steuern? Das ist mal ein objektives Kriterium für die Beteiligung am Gemeinwohl …

  11. Lina
    8.01.2008 | 7:41

    Aha, stefanolix, ich habe das Prinzip noch nicht verstanden? Na ja, ich gebe zu, so richtig durchschaut habe ich es nicht. Wie auch? Es sträubt sich so viel dagegen ;-) .

    Du siehst an meiner Reaktion eigentlich nur, dass das klischeehafte Denken, Frauen blieben am besten bei den ihnen zugeordneten sozialen Aufgaben, im Sinne der Gleichberechtigung von mir weisen, ja sogar überwinden will. Auch wenn Ihr es gern so hättet, dass es so bliebe ;-)

    Der Altenpfleger meiner Grossmutter macht übrigens einen hervorragenden Eindruck auf mich: meine Stimme hat er ;-) !

  12. stefanolix
    8.01.2008 | 7:53

    @apex: Das liefe dann wirklich in Richtung Dreiklassenwahlrecht:

    Die Wähler wurden dabei nach ihrem direkten Steueraufkommen in drei Klassen eingeteilt (Zensuswahlrecht) und mussten das 24. Lebensjahr vollendet haben. Dabei machte jede Steuerklasse ein Drittel des Steueraufkommens in einem Wahlkreis aus. Die erste Klasse umfasste die Höchstbesteuerten, die zweite, die mit weniger hohem Einkommen und der dritten Klasse gehörten diejenigen an, welche wenig oder gar keine Steuern zu zahlen hatten.

    @cozzzmo: Mal sehen, ob wir das auch mit Büchern so festlegen können:

    Die Wähler werden dabei nach ihrem direkten Leseaufkommen in drei Klassen eingeteilt (Ranicki-Wahlrecht). Zur ersten Klasse gehören die Höchstbelesenen, zur zweiten die Normalbelesenen und der dritten Klasse gehören diejenigen an, die selten oder nie in einem Buch lesen.

    @Lina: Mit »meine Stimme hat er« bringst Du mich auf eine Idee. In dem oben beschriebenen System fehlt noch eine wichtige Komponente: Nur Wähler mit zehn Punkten erhalten das passive Wahlrecht;-)

    Und mit teuren Kursen in der Zentrale für Wissenschaftliche Demokratie kann man zum Operating Elector aufsteigen;-)

  13. dagny
    8.01.2008 | 9:09

    Einem Dreiklassenwahlrecht (so etwas ist das ja) liegt zugrunde, dass es Menschne mit unterschiedlicher Zeitpräferenz gibt und nicht alle zeitpräferenzen im Sinne der Gesellschaft gleich gewichtet werden.
    Vermögenden Menschen wird eine wichtigere Zeitpräferenz zugesprochen und deshalb mehr Stimmengewicht.

    Bei one man, one vote darf natürlich jeder wählen, unabhängig von seiner Zeitpräferenz.

    Die Vorschläge hier bewerten allerdings nicht die Zeitpräferenz, gemessen am Vermögen, sondern den Konsum staatlicher Leistungen, wie Bildung und andere Staatsziele.

  14. 8.01.2008 | 9:20

    @cozzzmo:

    Da muss man aber sichergehen, dass der Wähler das Buch auch wirklich gelesen hat. Vor der Wahl brauchen wir also schriftliche Klausuren um das herauszufinden. Und es zählen natürlich nur Bücher, für die es weder Cliff Notes noch eine Verfilmung gibt.

    Außerdem fehlt mir in dem ganzen System der Negativaspekt: Ich sollte zum Beispiel Stimmen verlieren, weil ich nicht-gesellschaftsfördernde Hobbies wie Killerspiele, Schundliteratur und Pro Wrestling habe.

  15. stefanolix
    8.01.2008 | 11:51

    @Björn: Da kannst du ja froh sein, wenn Dir überhaupt noch Stimmen bleiben;-)

  16. 8.01.2008 | 12:58

    Oh! Noch besser: Negativstimmen. Da wird man dann auch gefragt, welche Partei man wählen würde – am Besten mit Lügendetektortest, damit man nicht einer “Feindpartei” schadet – und wenn man dann ein Demokratiezersetzer wie ich sein sollte, dann wird der gewählten Partei diese negative Stimmenanzahl abgezogen. Super! Wir schaffen hier gerade die beste Demokratie die man für Geld kaufen kann. (Dafür bekomme ich dann sicher wieder ein Plusstimme.)

  17. 8.01.2008 | 13:03

    Nachtrag: Wird nicht jede Demokratie aufgewertet, wenn man Stimmen in der Donnerkuppel gewinnen oder verlieren kann?

  18. 8.01.2008 | 13:28

    So ein System haben wir doch heute schon. Derjenige der sich nicht nur als Wähler, sondern auch noch in diversen Lobbyorganisationen engagiert erhält doch indirekt auch noch mehr als eine Stimme. Und häufig ist diese Zweitstimme noch wesentlich mehr wert als das Recht, etwas in die Wahlurne purzeln lassen zu dürfen.

  19. stefanolix
    8.01.2008 | 13:32

    Ich möchte doch noch mal den Bogen zu den etwas ernsteren Aspekten schlagen. Per E-Mail haben mir einige Leser unseres Blogs auch Vorbehalte gegen den Artikel übermittelt. Ich will kurz darauf eingehen:

    Unter anderem wird gesagt, mein Beitrag sei zu polemisch und er ginge nicht auf alle Aspekte des Programms ein. Ich werde mich der Herausforderung stellen. Ich werde dahin gehen, wo es wehtut. Ich werde das ganze Programm lesen. Ich werde darüber bloggen.

    Ich wurde auch gefragt, warum ich denn dagegen sei, dass höheres Engagement für das Gemeinwohl und die Gesellschaft mit einem höheren Stellenwert bei der Wahl belohnt werden sollen. Das sei doch geradezu antiliberal.

    Nun, das ist einfach zu beantworten: weil ich aus dem Programm nicht ablesen kann, auf welche Weise das »höhere Engagement für das Gemeinwohl und die Gesellschaft« überhaupt bewertet werden soll. Ich lese dort populistische Aussagen über Politikverdrossenheit, ich lese wolkige Vorschläge zur Wichtung von Stimmen — aber es ist kein Verfahren dargelegt, wie das alles wirklich umgesetzt werden soll. Und solche Leute sollen unsere Demokratie umgestalten?

    Für »Engagement« gibt es heute schon Bewertungsmaßstäbe. Wer sich ernsthaft in einer Partei engagiert, hat einen wesentlich höheren Einfluss auf die Zusammensetzung des Bundestags, des Landtags oder des Kommunalparlaments als der normale Wähler. Er hat, um es anders auszudrücken, mehr Stimmen als ein nicht engagierter Bürger.

    Diese Stiftung will nun aber — im Namen der Gerechtigkeit — jeden belohnen, der irgendwie »Gutes« tut. Das ist, was man sieht. Was man nicht sieht, ist, dass Leistung und Gegenleistung im Nebel versteckt bleiben. Was man nicht sieht, ist auch, dass eigentlich jeder davon überzeugt ist, Gutes zu tun. Dann bleiben als wirkliche Wichtungsfaktoren nur Zeugnisse, Diplome, Doktorhüte und Meisterbriefe. Dann gehen wir also einen Schritt zurück ins Klassenwahlrecht. Und das wäre wirklich antiliberal.

    Ich hoffe, dass ich jetzt in der Kürze erst mal allen E-Mails gerecht geworden bin, bis später …

  20. 8.01.2008 | 13:48

    Ich wurde auch gefragt, warum ich denn dagegen sei, dass höheres Engagement für das Gemeinwohl und die Gesellschaft mit einem höheren Stellenwert bei der Wahl belohnt werden sollen. Das sei doch geradezu antiliberal.

    Ich glaube, da hat jemand Kommunitarismus mit Liberalismus verwechselt.

  21. stefanolix
    8.01.2008 | 13:59

    Ich hatte es etwas verkürzt dargestellt, aber dazu am Abend mehr. Es ist schon im Sinne der Liberalen, dass sich (messbare) Leistung lohnen soll und es scheint im Widerspruch dazu zu stehen, dass ich die Belohnung von »Engagement« ablehnte.

    Noch ein PS: Es ist auch grundsätzlich in Ordnung, dass diese Ideen diskutiert werden. Das gehört zu einer liberalen Gesellschaft. In der Diskussion können Ideen aber auch verworfen werden. Was man da liest, ist eher die Zusammenfassung eines Brainstormings als ein politisches Programm zur Umgestaltung der Demokratie …

    Aber jetzt muss ich wirklich los;-)

  22. Lina
    8.01.2008 | 17:47

    @ stefanolix

    “Es ist schon im Sinne der Liberalen, dass sich (messbare) Leistung lohnen soll und es scheint im Widerspruch dazu zu stehen, dass ich die Belohnung von »Engagement« ablehnte.”

    Ist auch ein Widerspruch, finde ich. Ob sich Leistung (für einen selbst) lohnen soll, oder ob Leistung (für die Gesellschaft) in Sinne einer staatlich verordneten Determination belohnt werden soll, ist zweierlei. Der soziale, ja, kommunitaristische Aspekt des Stimmenzugewinns steht hier dem liberalen Leistungsprinzip entgegen, nach dem jeder seines eigenen Glückes Schmied sei. Und wie er das auslegt, mit oder ohne Engagement für’s Gemeinwohl, sollte (stimmen-)unprofitable Privatsache bleiben.

    Nein, mir gefällt die Idee nicht; ich finde sie vom Prinzip her undemokratisch und antiliberal und halte am klassischen “one man, one vote” fest. Für eine freie Gesellschaft gibt es keine andere Proportion.

  23. googlehupf
    8.01.2008 | 17:59

    Ich fordere eine Kombination mit dem invertierte Zensuswahlrecht. Das wäre sogar noch sozial gerecht.

    Ich sehe goldene Zeiten.

  24. Eloman
    8.01.2008 | 20:08

    Warum ersetzen wir die Wahlen nicht gleich durch Televoting? Im Zeitalter der Flatrate kann dann jeder so oft wählen wie er durchkommt (9Live: eine Wahlleitung und eine Stimme garantiert bla bla…)

  25. Eloman
    8.01.2008 | 20:15

    Oh, hab ich ganz vergessen: In der Flatrate sind die Sondernummern ja gar nicht drin. Egal, dann kostet jeder Anruf halt 50 Cent und wir schaffen einfach die staatliche Parteienfinanzierung und Wahlkampfkostenerstattung ab .

  26. stefanolix
    8.01.2008 | 23:17

    @Lina: Ich sehe das nicht als Widerspruch. Leistung, die sich für mich selbst lohnt, kann sich auf zweierlei Art für die Gesellschaft lohnen: (1) ich mache meine Arbeit so gut, dass anderen Menschen daraus ein Gewinn entsteht und (2) indem ich konsumiere oder investiere. Außerdem treibt mich mein Egoismus auch zu gesellschaftlichem Engagement an: für einen Kindergarten, eine Schule oder eine bestimmte Idee kann ich als Einzelner kaum etwas erreichen, im Verein dagegen schon mehr.

    Der Ansatz würde also gut auf mich passen, ich könnte mir fast schon ausrechnen, in welchem Alter ich meine eigene Maximalpunktzahl erreicht hätte. Aber wenn die Kommission zur Festlegung der Maßstäbe und zur Zuteilung der Stimmen morgen beschließen würde, dass mein Engagement überhaupt nicht »zählt«, dann könnte ich meine Punkte in den Wind schreiben.

    Würden wir jedem Deutschen dafür Punkte zuteilen, dass er seit zehn, zwanzig oder dreißig Jahren Mitglied im ADAC oder ADFC, im CCC oder im Schäuble-Fanclub, bei »Peta« oder im Pelztierträgerverein, im Raucher- oder im Antiraucherclub ist, dann hätte am Ende jeder — je nach Alter — einen, zwei oder drei Punkte auf dem Konto. Und wer noch keine Punkte hat, gründet einfach einen neuen Verein. Wen will man ausschließen? Was wäre damit gewonnen?

    Schließlich: Würde man dieses System heute mit einem Paukenschlag einführen, dann hätten mit einem Schlag lauter gut gebildete und bestens vernetzte Menschen ab Anfang 50 einen hohen Einfluss auf die Politik. Wem kommt das bekannt vor?;-)

  27. 14.01.2008 | 19:30

    [...] Ich hatte das Programm der Stiftung »Global Voter« vor einigen Tagen hier vorgestellt und kommentiert. Wolf Lotter hat mir auf meine Fragen zu seinem Interview per E-Mail geantwortet. [...]

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