In der DDR gab es für alle Werktätigen einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn. Dieser Mindestlohn wurde seit Anfang der siebziger Jahre im jeweiligen Fünfjahresplan festgesetzt und galt immer als lächerlich gering.
(Lebens)Künstler und unangepasste Menschen suchten sich manchmal einen Job mit Mindestlohn, um weitgehend Ruhe vor dem Staat zu haben. Sie taten so, als ob sie arbeiteten und irgendein Betrieb tat so, als ob er sie bezahlte. In der DDR war das möglich, weil es keinen freien Arbeitsmarkt gab und weil die Betriebe niemanden entlassen durften. Die meisten Betriebe mussten mit ihren Produkten nie auf einem freien Markt bestehen, sonst hätten sie die Mindestlöhner keinen Tag lang behalten können.
Von dem DDR-Mindestlohn konnte man zwar theoretisch leben. Aber die meisten Mindestlohnempfänger haben entweder schwarz gearbeitet, von Verwandten oder Bekannten Geld angenommen oder Sozialleistungen bezogen. Nur wenige haben ihre Bedürfnisse auf ein Mindestmaß reduziert.
Warum reichte der Mindestlohn nicht? In der DDR gab es zwar eine Preisbindung für alle Dinge des lebensnotwendigen Bedarfs: jeder hatte genug zu essen und eine einigermaßen trockene Wohnung. Aber um sich Dinge kaufen zu können, die wirklich interessant waren, brauchte man entweder richtig viel Ostgeld oder etwas Westgeld. Durch geschickt organisiertes Arbeiten »nach Feierabend« konnte man sich das immer erarbeiten, nur mit dem Mindestlohn sah es natürlich nicht so gut aus.
Einer der Nachteile jedes Mindestlohnes besteht nämlich darin, dass sich alle frei ausgehandelten Preise daran anpassen. Die SED hat den Mindestlohn zwar mit jedem neuen Fünfjahrplan erhöht, aber man konnte sich immer weniger dafür kaufen.
Der Mindestlohnempfänger gleicht also dem Esel, der an jedem Abend einen Ballen altes Heu in der Futterkrippe findet. Man hält ihm dann jeden Morgen eine frische Möhre vor die Nase, damit er den Karren zieht. Er wird die Möhre aber nur erreichen, wenn er sich irgendwann aus dem zwangsweise angelegten Geschirr befreit. Wenn er sich nicht befreit, gibt es am Abend wieder altes Heu.
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