Der Laie wundert sich

Die Polizei hält die Aussagen einem Sprecher zufolge für glaubwürdig, zumal Rechtsmediziner ausschlössen, dass sich die Schülerin die Verletzung selbst zufügt hätte. Allerdings wurden bislang keine weiteren Zeugen ausfindig gemacht, obwohl nach Aussagen der 17-Jährigen zahlreiche Menschen den Vorfall von den Balkonen der umliegenden Häuser beobachteten.

Rechtsextremismus: Neonazis ritzen Jugendlicher Hakenkreuz ein, Mitteldeutscher Rundfunk

zuletzt aktualisiert: 24. November 2007 | 13:31 (Hervorhebung hinzugefügt, M.W.)

Heute dann das:

Ermittler plötzlich skeptisch: Gutachter bezweifeln Hakenkreuz-Fall von Mittweida, tagesschau.de

Im Fall des mutmaßlichen Neonazi-Überfalls auf eine 17-Jährige Anfang November in Mittweida haben die Ermittler inzwischen Zweifel an dem vom vermeintlichen Opfer geschilderten Tathergang. Danach habe sich die junge Frau die angeblich bei der Tat erlittene Schnittverletzung in Form eines Hakenkreuzes womöglich selber in die Haut geritzt. Es lägen inzwischen zwei rechtsmedizinische Gutachten vor, nach denen zumindest nicht ausgeschlossen werden könne, dass sich die 17-Jährige die Verletzungen selbst zugefügt habe, teilten Chemnitzer Staatsanwaltschaft und Polizei gemeinsam mit.
(Hervorhebung hinzugefügt, M.W.)

Das ist wohl noch nicht der Abschlußbericht, aber wenn das (vermeintliche) Opfer angibt, es hätten viele Leute zugeschaut, und Wochen später haben die Ermittlungsbehörden immer noch keinen Zeugen aufgetrieben, dann liegt zumindest die Vermutung nicht allzu fern, der Sachverhalt sei ausermittelt.

Der Laie wundert sich – und bei dem diese Zeilen schreibenden Laien ist es so, dass sein Gehirn eine Art Abschaltautomatik entwickelt hat, wenn in einer Meldung folgende Begriffe und Wendungen auftauchen: Neonazis, Ausländerhatz, Mob, ausländerfeindliche Attacke – sowie “ein fremdenfeindlicher Hintergrund könne nicht ausgeschlossen werden”.

Abteilung “man müsste mal”: Man müsste mal ein “vier Wochen danach”- und ein “vier Monate danach”-Blog aufsetzen – und aktuelle Meldungen einfach ganz ausblenden.

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13 Kommentare zu “Der Laie wundert sich”

  1. 18.12.2007 | 23:22

    Hatten wir nicht exakt diese Konstellation schon einmal vor rund 10 Jahren? Ich erinnere mich da, dass angeblich einer Behinderten (Rollstuhlfahrerin?) in der U-Bahn ein Hakenkreuz in die Stirn geritzt worden wäre… stellte sich dann auch raus, dass sie’s selber war. (Muss morgen mal schauen, dass ich das mit ‘nem Artikel unterstützen kann, aber ich bin sicher das ich den Fall kenne.)

    Das Problem ist ja die “Wolf”-Sache. Je mehr die Presse sich sofort auf solche “saftigen” Fälle stürzt und Vermutungen als Fakten verkauft, desto weniger wird später mal hingehört, wenn es wirklich zu einem rechtsextremen Vorfall kommt, der tatsächlich stattgefunden hat…

  2. 18.12.2007 | 23:22

    Ich wundere mich nicht, weil es so eine Geschichte schon vor über sieben Jahren mal gab.

  3. R.A.
    18.12.2007 | 23:32

    Als das damals bekannt wurde gab es beim A-Team ja gleich eine Diskussion dazu.
    Und da habe ich nur gesagt, man müsse abwarten, das würde alles so verdächtig genau ins Schema passen.

    Und offenbar war das Abwarten nötig.

    Nicht daß die Sache jetzt schon in anderer Richtung geklärt wäre, aber die Wahrscheinlichkeit spricht schon dafür, daß dieser Vorfall eben nicht den Hintergrund hatte, den Medien und Politiker sofort groß beklagt haben.

  4. 18.12.2007 | 23:54

    R.A.,

    was mich vor allem erstaunt, ist, dass es (angeblich) Gerichtsmediziner geben soll, die ad hoc etwas ausschließen. Also, entweder wurden besagte Gerichtsmediziner falsch zitiert (siehe auch: NIE) – oder sie waren unerfahren im Umgang mit den Medien. Oder sie waren verantwortungslos. Denn eines lässt sich ja mit Sicherheit sagen: Wenn Gutachten zumindest Zweifel lassen, dann war die ad hoc – Aussage auf jeden Fall ungerechtfertigt.

  5. 19.12.2007 | 1:10

    [...] Der Laie wundert sich Hakenkreuz von Mittweida selber eingeritzt Mittweida: das herumgeschubste Mädchen gibt es auch nicht! [...]

  6. 19.12.2007 | 8:37

    [...] Eigentlich wollte ich ja mal Spiegel Online loben, und zwar dafür, dass Florian Gathmann in seinem Artikel “Die dubiose Geschichte vom eingeritzten Hakenkreuz” einige der Fragen beantwortet, die ich sechs Stunden später in Unkenntnis des Artikels aufgeworfen habe. Beim SpOn heißt es: Als die Öffentlichkeit am 23. November von dem Vorfall benachrichtigt wurde, habe keines der Gutachten vorgelegen, sagt Oberstaatsanwalt Vogel. Wie konnte die Polizei also behaupten, eine Selbstverletzung sei ausgeschlossen? “Offensichtlich ein Übermittlungsfehler”, sagt Vogel. So stellt es auch die zuständige Polizeidirektion Chemnitz dar. “Das war damals der Informationsstand”, sagte Sprecher Fischer SPIEGEL ONLINE. “Das war so verstanden worden.” Er spricht von einem möglichen “innerbetrieblichen Übermittlungsfehler der Polizei”. [...]

  7. stefanolix
    19.12.2007 | 9:43

    Die fundierte Kritik an der Berichterstattung ist wichtig, wird aber wahrscheinlich wenig bewirken. Die größte Aufmerksamkeit wird immer dann erregt, wenn die Sau gerade durch das Mediendorf getrieben wird.

    Man sollte auch die Frage stellen, unter welchen Umständen sich Menschen selbst verletzen und solche Geschichten in die Welt setzen. Vielleicht ist es ein Hilfeschrei, weil jemand mit den Zuständen nicht mehr zurechtkam. Das Problem der Rechtsradikalen in der ostdeutschen Provinz ist ja dadurch nicht gelöst, dass sie diesmal wahrscheinlich nicht verwickelt waren. Diese Typen in martialischer Kleidung gibt es immer noch und sie tragen ihre dumpfdumme Einstellung immer noch vor sich her.

  8. 19.12.2007 | 9:53

    stefanolix,

    Die fundierte Kritik an der Berichterstattung ist wichtig, wird aber wahrscheinlich wenig bewirken.

    Das Einzige, was ich mit solchen Artikeln bewirken will, ist: verhindern, dass ich platze.

    Das Problem der Rechtsradikalen in der ostdeutschen Provinz ist ja dadurch nicht gelöst, dass sie diesmal wahrscheinlich nicht verwickelt waren.

    Das Problem ist nicht nur nicht gelöst, sondern wird dadurch nachhaltig vergrößert, weil die Rechtsradikalen dadurch glaubwürdiger werden, ohne selbst irgendetwas getan zu haben. Und diese Stärkung ihrer Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass es Menschen gibt, die Straftaten vortäuschen, sondern dadadurch, dass sensationsgeile Medien Lügen verbreiten, ohne dass diese irgendwann einmal angemessen berichtigt werden.

  9. 19.12.2007 | 9:54

    Es gibt wohl inzwischen einige Leute, die sich als Opfer rechtsradikaler Übergriffe inszenieren, entweder um mal ein bisschen mediale Aufmerksamkeit zu kriegen oder weil sie sonst irgendwie Dreck am Stecken haben und die Neonazis prima Sündenböcke abgeben.
    Das Phänomen gibts auch in anderen Bereichen: ich möchte nicht wissen , wieviele Unsympathen sich als Mobbingopfer darstellen. Meistens sind die allerdings nichts sind als A..l.., die zu Recht von ihren Kollegen geschnitten werden.

    Und auch die angeblich gigantisch hohe Pädophilierate in D würde direkt wieder auf ein Normalmass schrumpfen, wenn man wüsste, wo der Pädophilievorwurf als Argument in einem Scheidungskrieg dient.

    Es gibt rechtsradikale Übergriffe, Mobbing und Pädophilie, aber diese Trittbrettfahrer bringen die wirklichen Opfer in Misskredit.

  10. stefanolix
    19.12.2007 | 10:08

    Bei aller berechtigten Kritik an den Medien, die offensichtlich nie dazulernen oder nicht dazulernen wollen: Ich glaube nicht, dass die Rechten dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnen. Die Rechten gewinnen an Glaubwürdigkeit, weil die Politik immer mehr Scheinlösungen anbietet und umsetzt. Dadurch werden die Scheinlösungen der Rechten aufgewertet.

    Der Anteil der vorgetäuschten Straftaten ist relativ gering und es gibt in der Provinz einen viel zu großen Einfluss der Rechten. Ich möchte das Thema ganz bewusst nicht mit anderen Themen vermischen, weil es sonst völlig verwässert wird.

  11. 19.12.2007 | 12:40

    Bei aller berechtigten Kritik an den Medien, die offensichtlich nie dazulernen oder nicht dazulernen wollen: Ich glaube nicht, dass die Rechten dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnen. [...] Der Anteil der vorgetäuschten Straftaten ist relativ gering und es gibt in der Provinz einen viel zu großen Einfluss der Rechten. Ich möchte das Thema ganz bewusst nicht mit anderen Themen vermischen, weil es sonst völlig verwässert wird.

    Aber der reale Zahlenanteil hat ja nichts mit dem gefühlten Anteil zu tun. Ich sprach gestern mit jemanden, der – glaube ich – mit seiner Meinung gar nicht so alleine da stand. Der betonte, auch nach dieser Sache, dass er inzwischen überzeugt sei, es gebe kein Problem mit den Rechten im Osten, sondern das wäre von den Medien erfunden worden. Weil sich ja bei Ermyas M., dem Fall Sebnitz, dem Fall Mügeln und auch jetzt wieder herausgestellt habe, dass gar kein rechter Hintergrund vorlag (wobei ich in zwei von vier Fällen die Einschätzung nicht teilen würde). Sein Abschlußfazit ist da wie das von Marian: Wenn er “Nazis” oder “Neonazis” in einer Pressemitteilung liest, dann weiß er das da nichts dran ist.

    Und das ist niemand den ich als Rechts einschätzen würde… und damit gewinnen die Rechten zwar nicht automatisch an Glaubwürdigkeit, aber all diese Fälle zusammen sorgen dafür, dass Menschen die Opfer von Naziattacken werden, automatisch von vornherein an Glaubwürdigkeit verlieren.

    “Naziüberfall… ist klar… siiiiicher, dat…”

  12. 19.12.2007 | 12:42

    Nachtrag: “sein Abschlußfazit ähnelt dem von Marian”. Marian schrieb ja nur von einer “Abschaltautomatik”. Sorry, wollte dir da nichts unterstellen.

  13. 19.12.2007 | 14:44

    Björn,

    danke für die Klarstellung. Sagen wir mal so: Wenn ich die Schlagzeile “Neonazis jagen Ausländer über Kirmes – Schaulustige greifen nicht ein” lese, dann ist die Reaktion dieselbe, als ob ich auf der GMX-Startseite (die ich manchmal ansteuern *muss*, um meine Emails zu checken) lese: “US-Psychologe: So kriegen Sie jede Frau ins Bett”

    War das ein klärender oder ein eher verwirrender Vergleich?

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