Die DDR und der Mindestlohn: Eine Zukunftsbetrachtung

In der DDR gab es für alle Werktätigen einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn. Dieser Mindestlohn wurde seit Anfang der siebziger Jahre im jeweiligen Fünfjahresplan festgesetzt und galt immer als lächerlich gering.

(Lebens)Künstler und unangepasste Menschen suchten sich manchmal einen Job mit Mindestlohn, um weitgehend Ruhe vor dem Staat zu haben. Sie taten so, als ob sie arbeiteten und irgendein Betrieb tat so, als ob er sie bezahlte. In der DDR war das möglich, weil es keinen freien Arbeitsmarkt gab und weil die Betriebe niemanden entlassen durften. Die meisten Betriebe mussten mit ihren Produkten nie auf einem freien Markt bestehen, sonst hätten sie die Mindestlöhner keinen Tag lang behalten können.

Von dem DDR-Mindestlohn konnte man zwar theoretisch leben. Aber die meisten Mindestlohnempfänger haben entweder schwarz gearbeitet, von Verwandten oder Bekannten Geld angenommen oder Sozialleistungen bezogen. Nur wenige haben ihre Bedürfnisse auf ein Mindestmaß reduziert.

Warum reichte der Mindestlohn nicht? In der DDR gab es zwar eine Preisbindung für alle Dinge des lebensnotwendigen Bedarfs: jeder hatte genug zu essen und eine einigermaßen trockene Wohnung. Aber um sich Dinge kaufen zu können, die wirklich interessant waren, brauchte man entweder richtig viel Ostgeld oder etwas Westgeld. Durch geschickt organisiertes Arbeiten »nach Feierabend« konnte man sich das immer erarbeiten, nur mit dem Mindestlohn sah es natürlich nicht so gut aus.

Einer der Nachteile jedes Mindestlohnes besteht nämlich darin, dass sich alle frei ausgehandelten Preise daran anpassen. Die SED hat den Mindestlohn zwar mit jedem neuen Fünfjahrplan erhöht, aber man konnte sich immer weniger dafür kaufen.

Der Mindestlohnempfänger gleicht also dem Esel, der an jedem Abend einen Ballen altes Heu in der Futterkrippe findet. Man hält ihm dann jeden Morgen eine frische Möhre vor die Nase, damit er den Karren zieht. Er wird die Möhre aber nur erreichen, wenn er sich irgendwann aus dem zwangsweise angelegten Geschirr befreit. Wenn er sich nicht befreit, gibt es am Abend wieder altes Heu.

Kann das Prinzip »Mindestlohn« in einer einigermaßen freien Marktwirtschaft funktionieren, wenn es schon in der Planwirtschaft der DDR nicht funktioniert hat? In einer Marktwirtschaft mit gesetzlich festgelegtem Mindestlohn können Unternehmer zwar nicht mehr frei über den Lohn entscheiden. Aber sie können Arbeitsplätze abbauen, die sich mit dem Mindestlohn nicht rechnen. Sie werden natürlich auch keine jungen Leute einstellen, die in ihren Job erst mal richtig Fuß fassen müssen. Und sie werden alle älteren Geringqualifizierten entlassen, weil die nämlich für den Mindestlohn weniger Gegenleistung bringen.

Die Befürworter eines Mindestlohns werden spätestens jetzt laut »Ausbeutung!« rufen und mich als neokonservativ-liberalen INSM-Agenten bezeichnen. Recht so! Aber kann man wirklich von Ausbeutung reden, wenn die Kunden nicht bereit oder in der Lage sind, einen höheren Preis für bestimmte Waren und Dienstleistungen zu bezahlen? Kein Arbeitgeber kann die Differenz aus eigener Tasche drauflegen, so wie es die Betriebe in der DDR tun mussten.

Von den Konkurrenten der Post, so dachte sich die SPD, kann man es ja mal verlangen. Die Situation bei den Postdiensten verschärft sich heute, weil ein Quasi-Monopolist in einem schrumpfenden Markt agiert und alle anderen Mitbewerber im Grunde noch Einsteiger in diesen Markt sind. Das Marktpotential kann man sich eigentlich nur mit zwei weinenden Augen ausrechnen.

Und die Situation wird sich weiter verschärfen, weil die Kunden durch steigende Steuern und Abgaben immer weniger Geld in der Tasche haben. Bei den Postdiensten geht es um Arbeiten, für die man die Fähigkeiten lesen, schreiben und Fahrradfahren beherrschen muss. Warum muss man den Mitarbeitern dann deutlich mehr Geld bezahlen, als viele Facharbeiter mit qualifizierten Jobs verdienen?

Aber zum Schutz vor Ausbeutung könnte man doch den Mindestlohn jedes Jahr erhöhen? Sicher könnte man das tun. Und was passiert dann mit all dem Geld, das wir als Kunden einem Post-Monopolisten in den Rachen werfen? Wir können dieses Geld nicht ein zweites Mal ausgeben. Wenn wir aber immer weniger Geld frei ausgeben können, wird sich unser Wirtschaftssystem immer mehr zu einer Planwirtschaft entwickeln. Und wie Mindestlöhne in einer Planwirtschaft funktionieren, habe ich oben schon berichtet.

Nein, in der DDR gab es keine Ausbeutung. Aber unser Wirtschaftssystem stand vor dem sicheren Bankrott, als Ihr uns freundlicherweise übernommen habt. Jetzt könnte man natürlich hoffen, dass die ganze Bundesrepublik irgendwann von einem erfolgreicheren Nachbarstaat übernommen wird.

Oder man könnte auf den Weg in eine Planwirtschaft verzichten.

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32 Kommentare zu “Die DDR und der Mindestlohn: Eine Zukunftsbetrachtung”

  1. dagny
    13.12.2007 | 9:56

    ..freundlicherweise Übernommen…
    *lol*

    Selbst ein Merger-of-Equal wird immerhin von den Hauptversammlungen der beteiligten Unternehmen abgesegnet. Es war doch eher eine geschickte Erpressung nach dem Motto ‘kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zur D-Mark.

  2. Lina
    13.12.2007 | 10:07

    “Sie taten so, als ob sie arbeiteten und irgendein Betrieb tat so, als ob er sie bezahlte.” So war das also in der ehemaligen DDR – herrlicher Satz, nebenbei bemerkt. Was der erste Halbsatz besagt, soll es immer noch und immer wieder geben ;-) , der zweite trifft nicht auf die heutige Wirtschaft, sondern den Sozialstaat zu, der seine in der Wirtschaft Unbeschäftigten aushält.

    Warum aber verstehe ich es nach Deinen Ausführungen immer noch nicht, warum sich ein Mindestlohn verbieten soll? Ist denn eine Interessensabwägung zwischen den Bedürfnissen des einzelnen Menschen und denen des Marktes nicht legitim? Ist er die alleingültige Maxime geworden oder müssen es nicht doch die Menschen bleiben, die ein Recht darauf haben sollen, so bezahlt zu werden, dass sie sich nicht nur die Morgenmöhre und das abendliche Heu leisten, sondern als Konsumenten wiederum den Markt bedienen können?

    Es gibt den Mindestlohn bereits in vielen europäischen Staaten, für die Deutschland nach Einführung ein “Übernahmekandidat” sein soll? Das geht mir nicht ein.

  3. stefanolix
    13.12.2007 | 10:14

    @dagny: Ich kann mich an nichts erinnern ;-)

    Aber um so wichtiger ist mir, nicht noch einmal in einem Land mit komplett ruinierter Wirtschaft zu leben. Als sich die DDR aus der Geschichte verabschiedete, war ich 22 und hatte die Ökonomie dieses kleinen Landes nicht vollständig durchschaut. Meine eigene Ökonomie hat in dieser Zeit eigentlich ganz gut funktioniert …

    Es gab gegen Ende der achtziger Jahre wirklich Ansätze hin zum Leistungsprinzip (sowohl in der Wirtschaft als auch im Studium). Wäre die Grenze geschlossen geblieben, hätten wir in einem langfristigen Reformprozess vielleicht auch einen eigenen Wohlstand aufgebaut. — Mit dem Grundgesetz in der damals gültigen Form war aber nichts anderes als ein Anschluss denkbar. Eine Vereinigung unter Gleichen hätte es sowieso nie geben können.

  4. 13.12.2007 | 10:15

    @Lina

    Stefanolix wird dir sicher noch ausführlicher antworten. Von mir nur dies:

    Ist denn eine Interessensabwägung zwischen den Bedürfnissen des einzelnen Menschen und denen des Marktes nicht legitim?

    Der Markt ist die Interessensabwägung zwischen den Bedürfnissen der einzelnen Menschen.

  5. stefanolix
    13.12.2007 | 10:31

    @Lina: Gut, es gibt in einigen Staaten einen Mindestlohn. Aber die Höhe dieses Mindestlohns ist doch völlig belanglos, wenn man für den Mindestlohn nicht auch eine Mindestkaufkraft und eine Mindestbeschäftigungsquote garantieren kann. Geht es denn den Geringqualifizierten in Frankreich sozial besser, nur weil sie dort einen formell festgesetzten Mindestlohn haben? Schafft ein Mindestlohn Arbeitsplätze?

    Die Unruhen in Frankreich haben IMHO eher das Gegenteil gezeigt: entweder eine Regierung setzt den Zwang gegenüber der Wirtschaft immer höher an oder sie gerät unter Druck der Straße. Beides führt zu ökonomischem und politischem Schaden. Dann kann man das Experiment mit dem Mindestlohn aber auch gleich bleibenlassen.

    Wie lange kann es das Selbstwertgefühl eines Menschen heben, wenn sein Arbeitgeber ihm mehr Geld bezahlen muss, als seine Arbeit wert ist? Wie lange kann sich der Arbeitgeber das leisten?

    Die leckere Möhre erreicht ohnehin nur, wer sich aus dem Zwang des Mindestlohns befreit ;-)

  6. stefanolix
    13.12.2007 | 10:42

    Noch ein kurzes PS @Lina:

    Selbst in den strukturschwachen Gebieten Ostdeutschlands gibt es momentan einen Fachkräftemangel im Maschinenbau. Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern einen Bonus, wenn sie Fachkräfte anwerben. Die richtig guten und mobilen Fachkräfte arbeiten derweil jahresweise in der Schweiz, in Schwaben, in Baden oder in Österreich. Das ist (Arbeits)Marktwirtschaft.

    Wenn ich dem Geringqualifizierten einen Mindestlohn garantiere, senke ich seinen Anreiz, sich vielleicht doch noch zum Metallfacharbeiter zu qualifizieren. Er wird immer in der trügerischen Hoffnung befangen bleiben, dass ihm jemand einen Mindestlohnarbeitsplatz anbieten muss. Er wird bitter enttäuscht werden!

  7. Lina
    13.12.2007 | 10:58

    @ Boche, stefanolix

    Dreifach und mit nur einem *ist* überzeugt; ich danke!

    Du, stefanolix, solltest vielleicht mal wieder beim Gemüsehändler vorbeischauen: Möhren sind unterste Preiskategorie;-)

  8. stefanolix
    13.12.2007 | 11:11

    Gerade bei den Möhren gibt es feine Unterschiede im Geschmack und große im Preis. Du erinnerst mich gerade daran, dass ich nachher noch über den Wochenmarkt gehen wollte — Aber lassen wir besser das Thema Kochen, ich bekomme sonst gleich Appetit auf eine heiße Suppe;-)

  9. Jan
    13.12.2007 | 11:26

    Ein guter, anschaulicher Artikel. Für mich als Wessi doppelt interessant – einmal allein historisch und dann natürlich wegen der Schlussfolgerung an sich.

    Eine Anmerkung hätte ich da noch: Meine Briefträgerin kommt übrigens immer mit dem Auto. (Das hat damit zu tun, dass ^mein Heimatort relativ dünn besiedelt ist und die nächste Post nach diversen Schließungen gute 7km entfernt ist.)

  10. stefanolix
    13.12.2007 | 11:44

    @Jan: Sieh es mir nach: ich lebe in einer Großstadt und bei uns gibt es auch viele Postdienstleister, die Sendungen mit dem Fahrrad ausfahren lassen ;-)

    Ich kann für das Problem »Postdienstleistungen« auch keine einfache Lösung anbieten, die allen Anforderungen (Zuverlässigkeit, Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und angemessener Entlohnung) gerecht wird. Reine Monopole sind Mist und ein völlig chaotischer Postdienstleistungssektor kann wohl auch nicht funktionieren.

    Das Schlimmste ist aber dieser Pfusch, den die Große Koalition jetzt angerichtet hat. Denn wenn wir davon ausgehen, dass zuverlässige Unternehmen oder Unternehmensgruppen ein einigermaßen funktionierendes Netz aufbauen sollen, dann kann man denen nicht immer nur Knüppel zwischen die Beine werfen. Das ist Pfusch und Heuchelei. In Wahrheit wollen sie es wie Liberalisierung erscheinen lassen, machen aber alles noch schlimmer.

  11. Lina
    13.12.2007 | 11:58

    @ stefanolix

    Vorsicht, nicht zu heiss! Japaner haben da schlechte Erfahrungen bezüglich der Speiseröhre.

    Ich darf doch auch mal um die Gesundheit von übermüdeten Bloggern (Eintrag Deiner Zukunfsbetrachtung” mitten in der Nacht!) besorgt sein? Wg. verminderter Immunabwehr und so…

  12. xconroy
    13.12.2007 | 14:09

    Hm, in anderen Ländern der EU gibt es doch auch Mindestlöhne… geht es mit denen genauso bergab wie mit der DDR?

  13. 13.12.2007 | 14:14

    @xconroy

    Wenn Mindestlöhne niedrig genug sind, stören sie sicher kaum. Allerdings haben sie dann auch keinen Nutzen.

    Aber hier gehts sowieso erstmal ums Prinzip, bevor wir über aus politischen Gründen mitzutragenden Unsinn nachdenken. ;-)

  14. stefanolix
    13.12.2007 | 14:47

    @xconroy: Es wurde zwar schon gesagt, aber für Dich gern noch mal: Wenn Mindestlöhne mehr als eine Symbolwirkung haben sollen, dann müsste der Staat eine Kombination aus Mindestlohn, Mindestkaufkraft und Mindestbeschäftigung gewährleisten. In der DDR gab es diese Kombination und selbst dort hat der Mindestlohn keinen wirklich positiven Effekt gehabt.

    Wenn man den Mindestlohn nur separat durchsetzt, kann er keine positive Auswirkung haben. Es wird lediglich ein lauwarmes Gerechtigkeitsgefühl erzeugt. Wenn man den Mindestlohn durch die anderen beiden Maßnahmen ergänzt, führt das zu einer Planwirtschaft und die wird niemals wirtschaftlich erfolgreich sein.

    Ergänzung: Sittenwidrige Verträge sind ohnehin verboten und selbstverständlich sollte dagegen vorgegangen werden. Ich sagte es an anderer Stelle: ohne gewisse Grundregeln, Gesetze und Arbeitnehmerrechte kann keine Marktwirtschaft funktionieren.

  15. xconroy
    13.12.2007 | 15:33

    Ich sehe halt ein Problem darin, daß in den Beschäftigungsfeldern, in denen es offenbar weniger Arbeitsplätze gibt als Bewerber, die “Verhandlungsmoral” nicht mehr funktioniert, weil die Vorteile einseitig verteilt sind.

    Wenn kein (branchenspezifischer) Midestlohn bzw. keine Tarifbindung gegeben ist, kann ich als Arbeitgeber ganz problemlos peu a peu die Löhne senken. Es werden sich trotzdem genügend Leute finden, die den Job trotzdem machen, weil das immer noch besser ist als arbeitslos zu sein.

    Wenn dann irgendwann die Binnenkonjunktur bye bye sagt, wills aber wieder keiner gewesen sein ;-)

    PS: kann schon sein, daß das alles schon hundertmal gesagt wurde. Ich bin dann auch zufrieden, wenn man mich einfach an eine FAQ verweist, die meine Bedenken entkräftet.

  16. stefanolix
    13.12.2007 | 16:35

    Ich habe mich ja zunächst einmal gegen einen allgemeinen Mindestlohn ausgesprochen. Bei den branchenspezifischen Mindestlöhnen müssten wir immer zuerst prüfen, ob der Verdacht auf Protektionismus im weitesten Sinne besteht (den Begriff könnte man auch auf den Schutz bestehender Monopole beziehen).

    Man erkennt hier die Gefahr des Scheiterns beim falschen (einseitigen) Steuern komplexer Systeme, die in »Die Logik des Mißlingens« so schön beschrieben wird. Wer nur an einer Stellschraube dreht, kann durch Folgefehler das ganze System gegen die Wand fahren.

    Eine FAQ gibt es nicht, aber in den Kommentaren habe ich einiges davon schon (einzeln) geschrieben. Für mich ist der Dialog in den Kommentaren auch eine Anregung, weiter als im Artikel zu denken. Vielleicht fasse ich das alles noch mal neu und stelle es in einer PDF-Datei zusammen.

  17. stefanolix
    13.12.2007 | 16:46

    @xconroy: Wenn die Binnenkonjunktur richtig einbricht: welche Auswirkung hätte ein flächendeckender starrer Mindestlohn dann auf die Beschäftigtenzahl?

  18. xconroy
    13.12.2007 | 18:00

    Beim allgemeinen Mindestlohn sehe ich, ähnlich wie bei der Idee des allgemeinen Grundeinkommens/Bürgergeld, im Moment auch mehr Nach- als Vorteile (wie das in anderen Ländern gehandhabt wird übersteigt meine Kenntnisse). Zumal etwas Ähnliches mit dem ALG2 als inoffizielles “Existenzminimum” ja schon quasi existiert (wenn man mal von den moralpädagogischen Kürzungsandrohungen für nicht genehme Klienten absieht).

    Für den branchenspezifischen M. spricht aber mmn, wie schon erwähnt, die Verbesserung der Verhandlungsposition des Arbeitnehmers/Arbeitssuchenden. Zumindest ist mir kein efektiveres Konzept bekannt, das den Mißbrauch durch Arbeitgeber eindämmen könnte. Daß dies je nach Branche einzeln betrachtet werden muß ist mir schon klar.

    Ebenso der “ganzheitliche” Ansatz. Da frage ich mich allerdings schon, ob unser aktuell vorhandenes System labil genug ist, um bei der Einführung eines a) branchenspezifischen und b) auf die Stärkung der Arbeitnehmerposition ausgerichteten Mindestlohnes zusammenzubrechen?

    Ein starrer ML hat auch aus meiner Sicht keine positiven Folgen für die Binnenkonjunktur, zumal wenn sie schon am Boden liegt. Aber um genau das zu verhindern, halte ich ja den branchenspezifischen ML für ein sinnvolles Mittel, oder liege ich da falsch?

  19. 13.12.2007 | 20:08

    @xconroy

    Zumindest ist mir kein efektiveres Konzept bekannt, das den Mißbrauch durch Arbeitgeber eindämmen könnte.

    Gerade im Niedriglohnbereich, der ja zwangsläufig durch nicht allzu hohe Bildungsinvestitionen der Arbeitnehmer gekennzeichnet ist, dürfte der von dir befürchtete Missbrauch der Arbeitgeber doch allein dadurch begrenzt sein, dass der Arbeitnehmer in eine andere Branche wechselt. Das effektivere Konzept dürfte also auch hier der Wettbewerb sein.

  20. xconroy
    13.12.2007 | 20:58

    Finde ich bißchen zu simpel.

    Zum einen sind auch im Niedriglohnbereich Leute beschäftigt, die durchaus gebildet sind bzw. daran interessiert, aber sich aus den verschiedensten Gründen gezwungen sehen, dort zu arbeiten. Ich spreche da aus Erfahrung.

    Weiterhin ist auch der Wechsel in eine andere Branche nicht so ohne weiteres drin. An Reinigungskräfte werden recht hohe Leistungsanforderungen gestellt, Lagerarbeiter brauchen eine gute körperliche Konstitution, usw.

    Und drittens sind m.e. gerade das die Bereiche, in denen am ehesten Willkür seitens des Arbeitgebers möglich ist: einmal schon in der Verhandlungssituation (wer wenig Qualifikationen hat, sitzt automatisch am kürzeren Hebel) und auch bei Entlassungsgefahr: wenn auf eine Niedriglohnstelle zehn Bewerber kommen, würde ohne Mindestlohn der genommen werden, der am wenigsten kostet (und dazu zählen nicht nur Gehaltsforderungen, sondern zb. auch der Wunsch nach Bildung, der dafür sorgen kann, daß der Arbeitnehmer Zeit für Weiterbildungen “verplempert”, während ein nicht so ehrgeiziger Kandidat länger zur Verfügung stünde). Ein hochqualifizierter Ingenieur könnte dann sagen: leckt mich doch, dann nimmt mich halt die Konkurrenz. Das ist einem Niedriglohnkandidaten mmn nicht möglich. Zumal er dann schnell in der Branche als “renitent” gelten würde und noch geringere Chancen hat.

    So wie sich das für mich darstellt, kann eine gewisse Regulierung hier mehr Gutes als Schlechtes bewirken.

  21. 13.12.2007 | 21:26

    wenn auf eine Niedriglohnstelle zehn Bewerber kommen, würde ohne Mindestlohn der genommen werden, der am wenigsten kostet

    Und bei mit Mindestlohn gäbe es diese Stelle dann erst gar nicht. Besser?

  22. xconroy
    13.12.2007 | 21:42

    Ich bezweifle, daß das so einfach ist.

    Denn die Alternative wäre dann:

    entweder: einer holzt sich für fast nichts durch einen Job, der von extremer Abhängigkeit geprägt ist, und neun stehe bei der ARGE,

    oder: zehn stehen bei der ARGE.

    So ein richtig doller Qualitätsunterschied ist das nicht, oder? Das Problem besteht erstmal, ob Mindestlohn oder nicht.

    Davon abgesehen würde mmn dieses Szenario (Stellen werden gestrichen) auch eher bei einem allgemeinen Mindestlohn eintreten, bei einem branchenspezifischen weniger. Der soll ja nicht dazu dienen, Arbeitgeber zur Erfüllung unrealistischer Forderungen zu zwingen, sondern die Arbeitnehmer in ihrer Verhandlungsposition stärken. Eine Wettbewerbssituation (und bei Verhandlungen findet schon auch eine Art Wettbewerb zwischen Arbeitnehmer und -geber statt) hat nur dann einen Sinn, wenn nicht von vorneherein klar ist, daß eine Partei fast nur verlieren kann.

  23. 14.12.2007 | 1:09

    Nun ja, dass in einem Szenario, in dem es nur um einen Arbeitsplatz geht, auch nur einer weniger arbeitslos werden kann, ist ja trivial und hat keine zusätzliche Aussagekraft.

    Arbeitnehmer werden nicht allgemein durch Mindestlöhne in ihrer Verhandlungsposition gestärkt, sondern bestimmte Arbeitnehmer werden durch sie von der Verhandlung gleich ausgeschlossen. Wer die Position der Arbeitnehmer stärken will, muss dafür sorgen, dass viele Jobs entstehen. Ein Mindestlohn ist da kontraproduktiv.

  24. 14.12.2007 | 10:53

    Dieses ganze Mindeslohngejammere ist reiner Unfug, denn erst durch eine geregelte Untergrenze des Lohnes wird wieder lebenswerte Arbeit geschaffen von der die Menschen Leben und konsumieren können.

    Denn erstens sind die Dumpinglöhne durch den Staat derzeit subventioniert,denn wenn die Lohnempfänger nicht genügend verdienen dann müssen die Ämter zuschiessen.
    Ausserdem,wer soll komsumieren,wenn niemand mehr Geld dafür zur Verpfügung hat ?

    dann können die Firmen die Löhne noch soweit drücken wie sie wollen,wenn kein Geld mehr vorhanden ist um ausgegeben zu werden,dann bleiben die Firmen auf die noch so günstig produzierten Produkte sitzen.

    Ausserdem sind die Nachbarstaaten an den Mindestlöhnen nicht zugrunde gegangen. Frankreich,Niederlande,sogar Polen hat einen Mindestlohn.

    Man sollte mal überlegen warum die Spargelstecher nach Holland weiterwandern ?
    Weil sie dort durch den Mindestlohn das Doppelte verdienen.

  25. 14.12.2007 | 11:00

    @Sebastian

    Du solltest dich von einer grundlegenden Illusion lösen:

    Staatliche Regularien schaffen keine Jobs.
    (Außer in Beamtenstuben vielleicht.)
    Jobs werden geschaffen, wenn Angebot auf Nachfrage stößt.

    Wenn du die Nachfrage einschränkst (und das tust du mit einem Mindestlohn, weil du sagst: Alles unter Stundenlohn X darf nicht sein), dann gibt es weniger Angebot. Punkt.
    Wieviel weniger hängt dann nur von der Strenge der Einschränkung ab.

  26. xconroy
    14.12.2007 | 17:31

    Ich sehe nach wie vor die Bedrohung einer Abwärtsspirale:

    Ohne (branchenspezifischen) Mindestlohn sinken die Löhne immer weiter, weil die Arbeitgeber sich dies leisten können: in vielen Branchen gibt es einfach mehr Arbeitssuchende als Stellen. Daß hier Stellen geschaffen werden, obwohl es keinen Mindestlohn gibt, sehe ich nicht. Es läuft eher so: Stellen, die outgesourct werden können (industrielle Produktion zb.) wandern nach Bangladesh, und ortsgebundene Jobs (Dienstleistungssektor) werden reduziert, so daß es mehr Bewerber als Stellen gibt, der erfolgreiche Bewerber aber die Arbeit von zwei Leuten machen darf,ohne entsprechende Bezahlung – wenn ihm das nicht paßt, warten ja genügend andere.

    Folge (u.a.): die inoffiziellen Einkommensuntergrenzen sinken unter das ALG2-Niveau. Nicht sehr motivierend, oder?

    Folge: ALG2 (oder was auch immer der nächste neue Schlauch für den abgestandenen Wein sein sollte) wird weiter gesenkt.

    Folge: der Konsum bricht ein, die Binnenkonjunktur schwächelt.

    Ich behaupte keinesfalls, daß die Einführung von Mindestlöhnen das A und O ist – daß Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, dafür spielt dieser aber m.E. keine so große Rolle (denn jetzt werden sie ja, wie erwähnt, auch nicht so unbedingt begeistert aus dem Boden gestampft).

    Vielleicht lohnt ein Blick über den Tellerrand ja doch. Die anderen europäischen Staaten mit Mindestlohn wurden ja schon angesprochen – haben die allesamtnoch gravierendere Probleme mit Arbeitslosigkeit als wir?

  27. 14.12.2007 | 23:36

    Werden wir mal generell: Preisregulierung ist ohne Mengenanpassung und Schwarzmärkte nicht zu haben. Ersteres führt dazu, dass gut Gemeintes Böses schafft, letzteres mildert diesen Effekt für die Betroffenen (allerdings nicht für die Statistik).

    Die These, dass Löhne immer weiter sinken, ignoriert die Abhängigkeit der Entlohnung von der Produktivität, die im Wettbewerb gewährleistet ist.

    Übrigens, und auch das scheint mir seltsamerweise in Vergessenheit zu geraten: Binnennachfrage ist Konsum plus Investionen – es bringt also nichts, die eine Größe durch die andere zu substituieren. Und ich hielte es für wagemutig zu behaupten, eine höhere Arbeitslosigkeit wirke sich positiv auf die Binnennachfrage aus.

    Was den Mindestohn woanders betrifft: Mindestlöhne sind da unschädlich, wo sie niedrig genug sind. Aber in Ländern wie Frankreich kann deren wenig segensreiche Wirkung besichtigt werden, Man muss nur Paris etwas verlassen…

  28. stefanolix
    15.12.2007 | 10:25

    Ich finde es etwas traurig (und bedenklich), dass das Thema bei unseren neuen Kommentatoren (Sebastian, Xconroy) immer nur völlig einseitig auf den Mindestlohn bezogen wird. Wer alle anderen Aspekte vernachlässigt, kann dem Thema einfach nicht gerecht werden.

    Und gibt es wirklich eine Abwärtsspirale? Wir können momentan auch Branchen beobachten, in denen sich die Löhne sehr positiv entwickeln. In der Chemieindustrie werden die qualifizierten Mitarbeiter sehr wohl am Erfolg beteiligt, nur funktioniert das dort meist relativ geräuschlos.

    Bei Porsche gibt es ganz selbstverständlich Gewinnbeteiligungen, weil die hochqualifizierten Arbeiter sonst nämlich sehr schnell woanders arbeiten würden.

    Darf ich bitte auch mal daran erinnern, dass eine “geringe Qualifikation” kein lebenslang vorhandenes Brandzeichen ist? Man kann daran durchaus etwas ändern …

    Allen eingefleischten Anhängern eines hohen und flächendeckenden Mindestlohnes sei auch das Thema Lohn-Preis-Spirale ans Herz gelegt. Wenn dieser hohe und flächendeckende Mindestlohn nämlich eingeführt würde, dann würden die Hochqualifizierten natürlich einen deutlichen Abstand ihrer eigenen Löhne vom Mindestlohn durchsetzen wollen. Möchtet Ihr dann auch noch einen Maximallohn einführen?

    Es wäre sehr schön, wenn man die Illusion des Mindestlohnes in die Wirklichkeit übertragen könnte, aber es ist eben wirtschaftlich nicht möglich. Damit ist auch gesagt, dass die anderen Länder eben keinen wirksamen Mindestlohn haben, sondern im wesentlichen nur Scheinpolitik damit betreiben. Raysons Beispiel mit den Vororten von Paris sollte doch einleuchten(?)

  29. xconroy
    18.12.2007 | 10:04

    Zwei Einwände:

    Erstens vermute ich, daß ein niedriger Mindestlohn besser (auch konsumförderner) ist als gar keiner, denn wie ich schon schrieb besteht die Möglichkeit, daß ohne ML die Arbeitgeber die Löhne derart drücken, daß sie unterhalb der Arbeitslosenunterstützung liegen und dadurch ein Motivationsproblem entsteht (auch wenn die meisten menschen gerne arbeiten, ist die Entscheidung für “Arbeit und wenig Geld” und gegen “keine Arbeit und mehr Geld” recht logisch) und auch ein Konsumproblem (dann ist Arbeitslosigkeit nämlich konsumfreundlicher als Arbeit), denn zwangsläufig müßte die Arbeitslosenhilfe dann ebenfalls gekürzt werden.
    Gegen diese bereits skizzierte Möglichkeit einer Abwärtsspirale sehe ich (noch) keine Argumente.

    Und zweitens: möglich, daß der Mindestlohn den übrigen europäischen Ländern nicht viel gebracht hat (Frankreich ist vielleicht auch kein gutes Beispiel. Ich meine, mal gelesen zu haben, daß in Großbritannien seit Einführung eines ML die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken ist – Kausalität oder Korrelation, oder kreativ interpretierte Statistik?). Andersrum:gibt es denn Länder/Volkswirtschaften, in denen der bewußte Verzicht auf/die Abschaffung des ML nachweislich zu positiven Ergebnissen geführt hat in Form von weniger Arbeitslosigkeit, weniger Kinderarmut, stabilem Mittelstand und einer geringeren Schere zwischen Arm und Reich?

  30. stefanolix
    18.12.2007 | 16:40

    Ein PS zum Artikel: Jetzt sagt auch die Monopolkommission, worum es beim Mindestlohn der Briefzusteller (ihrer Erkenntnis nach) wirklich geht.

    @xconroy: Über die Befürchtung von Löhnen unterhalb der Arbeitslosenunterstützung müssen wir wohl wirklich nicht reden, solange in erfolgreichen Branchen sehr guter Lohn gezahlt wird.

    Ich würde nicht blind unterschreiben, dass die meisten Menschen »gern arbeiten«; vielleicht geht es Dir, den meisten unserer Leser und mir so, aber das sollte man heute nicht verallgemeinern! Sobald Arbeit richtig Mühe macht, arbeiten die meisten Leute nicht mehr gern.

    Du stellst schon selbst fest, dass bei sinkenden Beitrags- und Steuereinnahmen auch die Arbeitslosenhilfe gekürzt werden müsste. Also kann es (flächendeckende) Löhne unterhalb der Arbeitslosenhilfe eigentlich nicht geben. Dieses Problem wird immer nur einen ganz geringen Anteil der Arbeitnehmer für eine begrenzte Zeit betreffen.

    Bitte akzeptiere doch mal, dass es nicht nur um die isolierte Betrachtung der Löhne geht. Eine »Abwärtsspirale« kann es auch bei der Kaufkraft geben.

    Du kommst der Sache aber schon näher und so hatte die Diskussion doch einen Sinn:

    Ich meine, mal gelesen zu haben, daß in Großbritannien seit Einführung eines ML die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken ist – Kausalität oder Korrelation, oder kreativ interpretierte Statistik?).

    Dazu gibt es auch einen Artikel bei antibuerokratieteam.net

    ;-)

  31. 28.12.2007 | 3:35

    Grundsätzlich hast du ja Recht: Mindestlohn zieht eine Preisspirale hinter sich her. Allerdings – was ändert sich denn dadurch zum jetzigen Zustand? Aktuell subventioniert der Steuerzahler über ALG II jene Löhne, die unter Existenzminimum liegen! Bei einer Entscheidung für Preisfinanzierten Mindestlohn oder Steuersubventionierte Minilöhne handelt es sich also mehr oder weniger um eine, wie zwischen Möhre und Karotte.

    Interessant finde ich, daß die Debatte um Mindestlohn die kommunale Ebene erreicht

    Dort argumentiert man übrigens ähnlich.

  32. stefanolix
    28.12.2007 | 6:39

    Dort argumentiert der Chef eines kommunalen Eigenbetriebs nach dem Sankt-Florian-Prinzip. Das wundert mich jetzt nicht wirklich;-)

    Die Lohn-Preis-Spirale war für mich hier nicht das Hauptthema. Zusammengefasst sprechen mindestens folgende Punkte gegen einen flächendeckenden Mindestlohn:

    - Geringqualifizierten und Jugendlichen wird der Einstieg in den Arbeitsmarkt erschwert,
    - Arbeitsplätze mit geringer Produktivität werden abgebaut oder ins Ausland verlagert,
    - der Anteil der Schwarzarbeit (oder der “Scheinselbständigkeit” ohne Mindestlohn) würde steigen,
    - alle Konsumenten aus der Mittelschicht hätten weniger Geld zur /freien/ Verfügung (jeder Euro kann aber nur einmal ausgegeben werden),
    - es gibt negative Erfahrungen in anderen Ländern (z.B. soziale Unruhen unter Jugendlichen in Frankreich),
    - der Mindestlohn würde nie wirklich »ausreichen«, er müsste entweder ständig angehoben werden oder er würde zur Farce,
    - damit könnte möglicherweise die Inflation beschleunigt werden.

    Nur mit dem letzten Einwand bin ich vorsichtig, weil die Ursachen für Inflation natürlich vielschichtig sind. Die anderen Einwände sollte jeder erkennen, der sie erkennen /will/ …

    Zusammenfassend gesagt: ein niedriger Mindestlohn ist wirkungslos und ein hoher Mindestlohn ist gefährlich.

    Am Beispiel des Post-Mindestlohns ist der Missbrauch des Themas durch die Politik am besten zu erkennen. Mit dem Post-Mindestlohn sollte vor allem das Briefmonopol zementiert werden. Da man aber (noch?) niemanden zwingen kann, Arbeitsplätze zu erhalten, werden jetzt viele Briefzusteller entlassen. Am Ende müssen wir alle Monopolpreise für die Briefbeförderung bezahlen und dieses Geld fehlt uns an anderer Stelle.

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