13. Dezember 2007
Die DDR und der Mindestlohn: Eine Zukunftsbetrachtung
In der DDR gab es für alle Werktätigen einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn. Dieser Mindestlohn wurde seit Anfang der siebziger Jahre im jeweiligen Fünfjahresplan festgesetzt und galt immer als lächerlich gering.
(Lebens)Künstler und unangepasste Menschen suchten sich manchmal einen Job mit Mindestlohn, um weitgehend Ruhe vor dem Staat zu haben. Sie taten so, als ob sie arbeiteten und irgendein Betrieb tat so, als ob er sie bezahlte. In der DDR war das möglich, weil es keinen freien Arbeitsmarkt gab und weil die Betriebe niemanden entlassen durften. Die meisten Betriebe mussten mit ihren Produkten nie auf einem freien Markt bestehen, sonst hätten sie die Mindestlöhner keinen Tag lang behalten können.
Von dem DDR-Mindestlohn konnte man zwar theoretisch leben. Aber die meisten Mindestlohnempfänger haben entweder schwarz gearbeitet, von Verwandten oder Bekannten Geld angenommen oder Sozialleistungen bezogen. Nur wenige haben ihre Bedürfnisse auf ein Mindestmaß reduziert.
Warum reichte der Mindestlohn nicht? In der DDR gab es zwar eine Preisbindung für alle Dinge des lebensnotwendigen Bedarfs: jeder hatte genug zu essen und eine einigermaßen trockene Wohnung. Aber um sich Dinge kaufen zu können, die wirklich interessant waren, brauchte man entweder richtig viel Ostgeld oder etwas Westgeld. Durch geschickt organisiertes Arbeiten »nach Feierabend« konnte man sich das immer erarbeiten, nur mit dem Mindestlohn sah es natürlich nicht so gut aus.
Einer der Nachteile jedes Mindestlohnes besteht nämlich darin, dass sich alle frei ausgehandelten Preise daran anpassen. Die SED hat den Mindestlohn zwar mit jedem neuen Fünfjahrplan erhöht, aber man konnte sich immer weniger dafür kaufen.
Der Mindestlohnempfänger gleicht also dem Esel, der an jedem Abend einen Ballen altes Heu in der Futterkrippe findet. Man hält ihm dann jeden Morgen eine frische Möhre vor die Nase, damit er den Karren zieht. Er wird die Möhre aber nur erreichen, wenn er sich irgendwann aus dem zwangsweise angelegten Geschirr befreit. Wenn er sich nicht befreit, gibt es am Abend wieder altes Heu.
Kann das Prinzip »Mindestlohn« in einer einigermaßen freien Marktwirtschaft funktionieren, wenn es schon in der Planwirtschaft der DDR nicht funktioniert hat? In einer Marktwirtschaft mit gesetzlich festgelegtem Mindestlohn können Unternehmer zwar nicht mehr frei über den Lohn entscheiden. Aber sie können Arbeitsplätze abbauen, die sich mit dem Mindestlohn nicht rechnen. Sie werden natürlich auch keine jungen Leute einstellen, die in ihren Job erst mal richtig Fuß fassen müssen. Und sie werden alle älteren Geringqualifizierten entlassen, weil die nämlich für den Mindestlohn weniger Gegenleistung bringen.
Die Befürworter eines Mindestlohns werden spätestens jetzt laut »Ausbeutung!« rufen und mich als neokonservativ-liberalen INSM-Agenten bezeichnen. Recht so! Aber kann man wirklich von Ausbeutung reden, wenn die Kunden nicht bereit oder in der Lage sind, einen höheren Preis für bestimmte Waren und Dienstleistungen zu bezahlen? Kein Arbeitgeber kann die Differenz aus eigener Tasche drauflegen, so wie es die Betriebe in der DDR tun mussten.
Von den Konkurrenten der Post, so dachte sich die SPD, kann man es ja mal verlangen. Die Situation bei den Postdiensten verschärft sich heute, weil ein Quasi-Monopolist in einem schrumpfenden Markt agiert und alle anderen Mitbewerber im Grunde noch Einsteiger in diesen Markt sind. Das Marktpotential kann man sich eigentlich nur mit zwei weinenden Augen ausrechnen.
Und die Situation wird sich weiter verschärfen, weil die Kunden durch steigende Steuern und Abgaben immer weniger Geld in der Tasche haben. Bei den Postdiensten geht es um Arbeiten, für die man die Fähigkeiten lesen, schreiben und Fahrradfahren beherrschen muss. Warum muss man den Mitarbeitern dann deutlich mehr Geld bezahlen, als viele Facharbeiter mit qualifizierten Jobs verdienen?
Aber zum Schutz vor Ausbeutung könnte man doch den Mindestlohn jedes Jahr erhöhen? Sicher könnte man das tun. Und was passiert dann mit all dem Geld, das wir als Kunden einem Post-Monopolisten in den Rachen werfen? Wir können dieses Geld nicht ein zweites Mal ausgeben. Wenn wir aber immer weniger Geld frei ausgeben können, wird sich unser Wirtschaftssystem immer mehr zu einer Planwirtschaft entwickeln. Und wie Mindestlöhne in einer Planwirtschaft funktionieren, habe ich oben schon berichtet.
Nein, in der DDR gab es keine Ausbeutung. Aber unser Wirtschaftssystem stand vor dem sicheren Bankrott, als Ihr uns freundlicherweise übernommen habt. Jetzt könnte man natürlich hoffen, dass die ganze Bundesrepublik irgendwann von einem erfolgreicheren Nachbarstaat übernommen wird.
Oder man könnte auf den Weg in eine Planwirtschaft verzichten.
Verfasst von stefanolix um 02:07 Uhr in der Kategorie Politik (Trackback)
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