Bildungswunsch

Da mich die einseitige Darbietung in Barcelona etwas gelangweilt hat, obwohl sie das Herz eines Wahl-Badeners erfreuen konnte, zappte ich mal ins Erste, wo jetzt “Hart aber fair” gesendet wird. Das Thema war:

Der Jackpot den Bossen, die Inflation für den Rest – kommt so der Aufschwung bei uns an?

Ich gebe zu: Ich habe nur die letzte halbe Stunde richtig verfolgt. Aber die hat gereicht, um mich als Teil eines Volkes von Deppen und Neidern zu fühlen. Gut, die Herren Seehofer und Wowereit sind politische Unternehmer, die Stimmen maximieren müssen und sich der Meinung des Medianwählers anpassen. Aber gehört eigentlich ökonomische Ahnungslosigkeit zu den Einstellungsvoraussetzungen von Journalisten? Oder lernen die politisches Denken nur entlang der Positionen der Unpolitik?

Die Gutste, die mit der dankbaren Aufgabe betraut war, Zuschauerreaktionen einzusammeln, leistete sich sogar die Einleitung, dass ein Satz eines dieser Kommentatoren besonders überraschend sei. Doch dabei handelte es sich gerade um die vernünftigste Aussage, die man als Nichtmanager und Nichtaktionär überhaupt treffen konnte: Nämlich dass einem die Managergehälter egal seien. Aber der Mensch hatte natürlich noch eine Einschränkung: Manager, die Geld durch Entlassungen erwirtschafteten, das ginge nun gar nicht, die dürfe man nicht auch noch belohnen. Wo kämen wir denn dahin, wenn Effizienz belohnt würde? Das hat er zwar nicht gesagt, aber gemeint. Auch die übrigen zitierten Zuschauerstimmen gaben Anlass zur Vermutung, dass der Balken da unter dem Schwarz und dem Rot in der deutschen Nationalflagge kein Gold ist, sondern die Farbe repräsentiert, die der Deutsche vor Neid gerne annimmt.

Wowi beschwerte sich dann auch noch darüber, dass die Union sich gegen eine Verlängerung des Postmonopols gewehrt hätte, obwohl andere EU-Staaten damit keine Probleme gehabt hätten. Als ob es Aufgabe der Regierung wäre, schlechten Beispielen zu folgen. Dahinter steckt natürlich die ebenso hartnäckige wie falsche Volksweisheit, dass es bei Protektionismus um eine Frage der Verteilung zwischen Ausland und Inland ginge.

Dem ehemaligen PIN-Mitarbeiter kann ich es da wirklich nicht übel nehmen, wenn er dem als Quoten-Vernünftigen in die Sendung eingeladenen Sinn an den Kopf warf, die Reichen sollten ihn doch bitte über höhere Löhne statt über eine ALG-II-Aufstockung finanzieren.

Denn die traurige Wahrheit ist: Wer in diesem Land nicht ein nahezu pathologisches Interesse an Bildung entwickelt, wird mit ökonomischen Grundweisheiten höchstens im 1. Semester VWL konfrontiert. Vielleicht gründe ich mal eine Stiftung ähnlich dem Gideonbund: In jedem Hotelzimmer muss ein Mankiw ausliegen (ich hätte ja die geniale “Volkswirtschaftslehre” von Grass/Stützel bevorzugt, aber die wird nicht mehr aufgelegt).

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16 Kommentare zu “Bildungswunsch”

  1. Parker8
    13.12.2007 | 0:23

    Ich fürchte, das Mankiw-Textbuch (das darüber ohnehin nichts sagt) wird auch bei breitester Distribution die Diskussion über CEO Pay nicht stoppen. Die hängt eben auch mit der in letzter Zeit häufig angeführten Fairnis-Veranlagung zusammen. Und hat wenig mit “in diesem Land” zu tun, wie der Blick über die Grenzen zeigt.

  2. 13.12.2007 | 0:48

    @Parker8

    Ich will gar keine Debatten stoppen, sondern schwachsinnige Argumente. Wenn mir jemand z.B. erzählt, die Höhe von Managergehältern sei irgendwie wichtig für den “Zusammenhang der Gesellschaft”, dann kann ich das zunächst mal nur so als Wertung hinnehmen. Wenn mir aber jemand erzählen will, die Bezahlung der Manager sei in irgendeiner Form von der Bezahlung der anderen Mitarbeiter im selben Unternehmen abhängig, dann ist Schluss mit Wertung, dann geht es um Erkenntnis.

  3. 13.12.2007 | 1:04

    Dabei finde ich Mankiws Buch echt schlecht. Ein Buch zum abgewöhnen.

  4. 13.12.2007 | 1:09

    Echt? Vielleicht hätte dir der Grass/Stützel besser gefallen.

  5. 13.12.2007 | 7:39

    Ich empfinde die Diskussion zwar als schlichtweg überflüssig, aber dieser Satz:

    >Manager, die Geld durch
    >Entlassungen erwirtschafteten,
    >das ginge nun gar nicht, die
    >dürfe man nicht auch noch
    >belohnen. Wo kämen wir denn
    >dahin, wenn Effizienz belohnt
    >würde

    ist doch etwas arg aus dem Lehrbuch BWL, Erstes Semster. Oder meinst du wirklich, dass eine Firma, die Leute entlässt effizient ist? Dann wäre eine Firma, die Leute einstellt sehr ineffizient.

  6. ockenfels
    13.12.2007 | 7:48

    gleicher output bei weniger arbeitseinsatz ist effizient!

    mehr arbeitseinsatz ist nur dann effizient, wenn mehr output erzeugt wird!

    ganz einfach, ganz einleuchtend:
    homogene produktionsfunktion mit konstanten skalenerträgen, 2 produktionsfaktoren: arbeit und kapital und wir sind immer dann effizient, wenn wir eine gegebene (weil am markt absetzbare) ausbringungsmenge mit minimalem faktoreinsatz produzieren. und je höher die löhne, umso mehr wird sich das faktoreinsatzverhältnis richtung kapital verschieben. und zwar nich, weil alle manager so böse sind, sondern weil es unter effizients- und damit vernunftsgesichtspunkten einfach richtig ist!

    1. semester vwl, der große mankiw lässt grüßen

  7. 13.12.2007 | 10:59

    @VolkerD

    Kollege ockenfels hat ja schon den richtigen Kontrapunkt gesetzt. Aber vielleicht noch einmal etwas konkreter:

    Was anderes kann den der Beweis sein, dass sich durch Entlassungen die Effizienz erhöht hat, als wenn dadurch Geld erwirtschaftet wird? Wohlgemerkt: Ich behaupte nicht, dass Entlassungen per se sinnvoll seien. Es gibt ganz bestimmt auch welche, die unklug waren oder sind. Aber dann wird durch sie auch kein Geld verdient.

    Der Punkt in der Diskussion war eben nicht, ob Entlassungen nicht auch ineffizient sein können. Sondern sie wurden generell als Grund bezeichnet, einem Manager eine hohe Entlohnung zu verwehren. Das entspricht nach meinem Eindruck einer weitverbreiteten Auffassung. Und die zeugt leider von wirtschaftlichem Analphabetentum.

  8. 13.12.2007 | 11:16

    @Rayson
    @Ockenfels

    >Was anderes kann den der Beweis sein, dass sich durch Entlassungen die
    >Effizienz erhöht hat, als wenn dadurch Geld erwirtschaftet wird?
    –> MOMENT ! Das ist eine weitere These.

    Im obigen Text steht nur, das Entlassungen zu mehr Effizienz führen.

    Das Entlassungen eine Kennzahl für mehr Effinzienz ist, wenn anschließend der gleiche oder ein höhere Wertschöpfung entsteht, das bestreite ich nicht.

  9. 13.12.2007 | 11:27

    @VolkerD

    Im obigen Text steht nur, das Entlassungen zu mehr Effizienz führen.

    Tut es das wirklich?

    Manager, die Geld durch Entlassungen erwirtschafteten, das ginge nun gar nicht, die dürfe man nicht auch noch belohnen. Wo kämen wir denn dahin, wenn Effizienz belohnt würde?

  10. 13.12.2007 | 14:37

    [...] Zur gestrigen Sendung von “Hart aber fair” gibt es jetzt auch den “Faktencheck“. Das ist im Grunde eine ganz sinnvolle Institution, um Sachaussagen, über deren Wahrheitsgehalt in der Diskussionsrunde keine Einigkeit erzielt werden kann, später durch Experten mit etwas Abstand überprüfen zu lassen. Im Grunde. Denn von den beiden diesmal ausgewählten Experten befindet sich einer offensichtlich auf einem Kreuzzug und nutzt hier nur eine weitere Gelegenheit, seine Meinung zu verbreiten. Auf die eigentlichen Sachfragen geht er nur wenig ein. [...]

  11. 13.12.2007 | 14:56

    @Rayson

    Vielleicht reden wir auch über das falsche Mankiw Buch. Ich kenne nur “Macroeconomics”, nicht jedoch “Volkswirtschaftslehre”.

    Wie es der Zufall so will, sitze ich gerade in der staatswiss. Bib., so dass ich mir gleichg den Grass/Stützel schnappen werde. Wenn ich mich doch noch schnell darauf besinne, dass ich eigentlich besseres zu tun habe (sehr wichtigen Seminarvortrag für miorgen vorbereiten), kann ich Dir später meine Meinung zu diesem mitteilen.

  12. 13.12.2007 | 15:11

    @Rayson
    Habe ich wohl überlesen; ich bin urlaubsreifer als ich dachte ;)

  13. R.A.
    13.12.2007 | 15:27

    > Aber gehört
    > eigentlich
    > ökonomische
    > Ahnungslosigkeit
    > zu den
    > Einstellungsvoraussetzungen
    > von Journalisten?
    Nicht nur dort.
    Ökonomischer Analphabetismus ist bei uns erschreckend weit verbreitet.

    Und dies scheint ein international (und auch durch die Zeiten) verbreitetes Phänomen zu sein. Offenbar widersprechen die ökonomischen Erkenntnisse (trotz überwältigender Bestätigung durch die Praxis) einigen tief verwurzelten Urmenschen-Instinkten.

    Siehe dazu:
    http://www.econtalk.org/archives/2007/06/caplan_on_the_m.html

  14. 13.12.2007 | 19:54

    Nimm’ das, Rayson:

    Nützlichkeit und Effizienz – dieses Denken ist weit verbreitet und bedroht den Zusammenhalt der Gesellschaft. Ein Forschungsbericht

  15. 13.12.2007 | 21:11

    Noch so einer. Mit denen könnte man ja eine Geisterbahn bauen.

  16. 14.12.2007 | 2:24

    [...] B.L.O.G. – Bissige Liberale ohne Gnade » Bildungswunsch Manager, die Geld durch Entlassungen erwirtschafteten, das ginge nun gar nicht, die dürfe man nicht auch noch belohnen. Wo kämen wir denn dahin, wenn Effizienz belohnt würde? (tags: business) [...]

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