12. Dezember 2007
Bildungswunsch
Da mich die einseitige Darbietung in Barcelona etwas gelangweilt hat, obwohl sie das Herz eines Wahl-Badeners erfreuen konnte, zappte ich mal ins Erste, wo jetzt “Hart aber fair” gesendet wird. Das Thema war:
Der Jackpot den Bossen, die Inflation für den Rest – kommt so der Aufschwung bei uns an?
Ich gebe zu: Ich habe nur die letzte halbe Stunde richtig verfolgt. Aber die hat gereicht, um mich als Teil eines Volkes von Deppen und Neidern zu fühlen. Gut, die Herren Seehofer und Wowereit sind politische Unternehmer, die Stimmen maximieren müssen und sich der Meinung des Medianwählers anpassen. Aber gehört eigentlich ökonomische Ahnungslosigkeit zu den Einstellungsvoraussetzungen von Journalisten? Oder lernen die politisches Denken nur entlang der Positionen der Unpolitik?
Die Gutste, die mit der dankbaren Aufgabe betraut war, Zuschauerreaktionen einzusammeln, leistete sich sogar die Einleitung, dass ein Satz eines dieser Kommentatoren besonders überraschend sei. Doch dabei handelte es sich gerade um die vernünftigste Aussage, die man als Nichtmanager und Nichtaktionär überhaupt treffen konnte: Nämlich dass einem die Managergehälter egal seien. Aber der Mensch hatte natürlich noch eine Einschränkung: Manager, die Geld durch Entlassungen erwirtschafteten, das ginge nun gar nicht, die dürfe man nicht auch noch belohnen. Wo kämen wir denn dahin, wenn Effizienz belohnt würde? Das hat er zwar nicht gesagt, aber gemeint. Auch die übrigen zitierten Zuschauerstimmen gaben Anlass zur Vermutung, dass der Balken da unter dem Schwarz und dem Rot in der deutschen Nationalflagge kein Gold ist, sondern die Farbe repräsentiert, die der Deutsche vor Neid gerne annimmt.
Wowi beschwerte sich dann auch noch darüber, dass die Union sich gegen eine Verlängerung des Postmonopols gewehrt hätte, obwohl andere EU-Staaten damit keine Probleme gehabt hätten. Als ob es Aufgabe der Regierung wäre, schlechten Beispielen zu folgen. Dahinter steckt natürlich die ebenso hartnäckige wie falsche Volksweisheit, dass es bei Protektionismus um eine Frage der Verteilung zwischen Ausland und Inland ginge.
Dem ehemaligen PIN-Mitarbeiter kann ich es da wirklich nicht übel nehmen, wenn er dem als Quoten-Vernünftigen in die Sendung eingeladenen Sinn an den Kopf warf, die Reichen sollten ihn doch bitte über höhere Löhne statt über eine ALG-II-Aufstockung finanzieren.
Denn die traurige Wahrheit ist: Wer in diesem Land nicht ein nahezu pathologisches Interesse an Bildung entwickelt, wird mit ökonomischen Grundweisheiten höchstens im 1. Semester VWL konfrontiert. Vielleicht gründe ich mal eine Stiftung ähnlich dem Gideonbund: In jedem Hotelzimmer muss ein Mankiw ausliegen (ich hätte ja die geniale “Volkswirtschaftslehre” von Grass/Stützel bevorzugt, aber die wird nicht mehr aufgelegt).
Verfasst von Rayson um 23:39 Uhr in der Kategorie Kultur, Politik, Wirtschaft, Wirtschaftspolitik (Trackback)
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