9. Dezember 2007
Glück im Spiel …
In den letzten Wochen konnten ausländische Beobachter eine interessante Entwicklung verfolgen: Die Deutschen, sonst bekannt als ein Volk, dem Steuernsparen mehr bedeutet als Sex, haben freiwillig viele Millionen Euro Steuern abgeführt. Experten führen das darauf zurück, dass der Lottoschein wesentlich verständlicher als alle Steuerformulare ist. Außerdem scheint das Geld fremder Leute eine magische Anziehungskraft zu besitzen, wenn es vom Staat verteilt wird oder in einem virtuellen Jackpot steckt.
Berichte in englischen Zeitungen lassen vermuten, dass man unsere positiven Erfahrungen mit dem Glücksspiel im Vereinigten Königreich bald nachnutzen könnte. Dort wird gerade vorgeschlagen, alle aktiven Wähler an einer Lotterie teilnehmen zu lassen, um die Wahlbeteiligung zu verbessern:
Millionaires will be created under a revolutionary scheme to hand out fortunes as a reward for the simple task of casting a vote. An idea to enter voters in a special lottery in a bid to increase the turnout at elections will be one of the main recommendations in the government-sponsored Councillors Commission report outlined tomorrow.
Ist das nicht ein genialer Vorschlag? Man fragt sich nur, warum vor kurzem die Wählerprämien in Russland noch so stirnrunzelnd kommentiert wurden. Wladimir (»beherrsche die Welt«) Putin hat das schon richtig erkannt: ohne materiellen Anreiz kann man eben keine Demokratie-Simulation aufrechterhalten.
Bleibt die Frage, ob die Finanzminister in Deutschland statt der Steuererklärung auf dem Bierdeckel bald eine Steuererklärung auf dem Lottoschein einführen werden: mit den Zusatzspielen »Steuerspirale«, »Steuer 77«, »Super Steuer« und einer ultimativen Superzahl. Mit einem Sechser und der Superzahl ergibt sich ein Abschlag von maximal 10%. Die Chance auf diesen Abschlag ist allerdings geringer als die Chance, vom Blitz erschlagen zu werden.
Ehemalige Verfassungsrichter weisen darauf hin, dass ein Staatsmonopol im Steuerglücksspiel verfassungswidrig sein könnte. Sie schlagen eine privatwirtschaftlich geführte Dreiklassenlotterie vor.
Die Sozialdemokraten aus SPD und CDU begrüßen den Vorschlag als »Steuergerechtigkeit auf möglichst hohem Niveau«. Kurt Beck besteht momentan noch auf einem Mindeststeuersatz von 9.50 Euro pro Schein. Aus Mainz verlautet, dass Beck in dieser Frage aber kompromissbereit sei. Bei vielen Besuchen in pfälzischen Lottoannahmestellen habe er gelernt: »Mr muss de Leute doch uff de Stift gucke.« Aus CDU- und SPD-Fraktionskreisen wurde bekannt, dass auf alle Einnahmen aus den künftigen Lotto-Steuerscheinen noch die Mehrwertsteuer von 19% erhoben werden soll.
Bundeskanzlerin Merkel sagte während eines kurzfristig angesetzten Staatsbesuchs in Deutschland, dass die Lottosteuerreform zu einer Reduzierung des Kohlendioxydausstoßes im Öffentlichen Dienst um mindestens ein Drittel führen könnte.
Bundesinnenminister Schäuble bestand auf einer lückenlosen Überwachung der Annahmestellen. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass Terroristen sich die Lächerlichkeit des Vorhabens zunutze machen. Schäuble sagte in einem Interview mit der F.A.S.: »Wir haben das jetzt eine Woche lang diskutiert. Die Experten sagen mir, dass es möglich ist. Ich habe keine Einwände wahrgenommen und wir werden das machen. Es ist doch ein unhaltbarer Zustand, dass der Staat immer noch keinen Zugriff auf das Tippverhalten der Bürger hat.« Das Interview endete wenig später mit einem Eklat, als der Journalist wissen wollte, warum Deutschland inzwischen die beste Überwachung und Vorratsdatenspeicherung der Welt, aber immer noch keinen funktionierenden digitalen Polizeifunk habe.
Aus den Reihen der Grünen ist nicht mit Widerstand zu rechnen. Mit der Reform wird sehr viel Papier gespart und man könnte noch ein Feld für die freiwillige Ökosteuer einführen. Sie suchen allerdings händeringend nach einem Finanzexperten, der ihnen die Mehreinnahmen ausrechnen könnte. Dem Vernehmen nach bestand Frau Roth im Verlauf der Fraktionssitzung darauf, dass man alle Lotto-Steuerscheine mit einer Warnung vor Steuerzahlsucht versehen sollte. Jemand stopfte ihr ein grellbuntes Halstuch in den Mund.
Die Hoffnungen der schlafenden FDP ruhen auf Bundespräsident Köhler.
Und ein Blogger in Dresden erinnert sich rechtzeitig daran, dass er diesen Beitrag am Ende des Jahres 2007 noch in die Kategorie »Satire« einordnen sollte.
Verfasst von stefanolix um 11:09 Uhr in der Kategorie Humor und Satire (Trackback)
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