Prowas, Antifa?
Getreu dem Motto “Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem” versuche ich mal, diese mir etwas seltsam anmutende Antifa-Debatte gedanklich zu ordnen. Offensichtlich handelt es sich da um ein Reizwort, an das z.T. sehr beschränkte, dichotomische Weltbilder anknüpfen, deren Verfechter Mangel an Tiefe durch um so drastischere Beschimpfung Andersdenkender kompensieren müssen. Kein Zweifel, der Begriff ist bei einigen emotional aufgeladen.
Was natürlich auch daran liegt, dass er unscharf ist. “Antifa” steht je nach Standpunkt des Betrachters für verschiedene Dinge. Für die einen heißt es einfach “gegen Nazis sein”, andere verbinden damit eine konkrete Gruppe von Personen, mit denen sie z.T. selbst Umgang hatten bzw. haben. Und wieder andere stellen sich darunter Berichte über und Begnungen mit bestimmten Gruppen vor, die vor allem durch Gewalt gegenüber anderen bestimmt war.
Einschub: Ich finde, diese Standpunkte und Sichtweisen werden in der Diskussion vor allem hier und hier recht gut deutlich. Und ich freue mich, dass bis auf wenige Ausnahmen die Verdeutlichung der eigenen Position möglich ist, ohne gleich die ganzen Goldenen Diskussionsregeln durchzudeklinieren.
Es ist dann ziemlich sinnlos, jemandem, der Gewalt verurteilt, die nur aufgrund äußerer Codes gegen andere ausgeübt wird, zu unterstellen, er befürworte Indifferenz gegen Neonazi-Übergriffe. Und es ist umgekehrt ebenso unsinnig, Menschen, die Neonazis in friedlichem Protest gegenübertreten oder die andere Menschen gegenüber Angriffen von Neonazis verteidigen, in einen Topf mit steinewerfenden, testosteron-geschwängerten “Antifanten” (Martin) zu werfen.
Mit Positionen, die sich allein darüber definieren, wogegen sie sind, kann ich mich aber nicht anfreunden. Auch jemand, der “gegen Nazis ist”, kann ein Feind der offenen Gesellschaft sein. Eine “Antifa”-Einstellung oder -Aktivität allein macht einen Menschen nicht automatisch zu einem Befürworter eines freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaats. Deswegen ist mir das “was” viel wichtiger als das “wer”.
Es ist also selbstverständlich zu begrüßen und zu unterstützen, wenn in Notwehr oder Nothilfe den Opfern von Gewalt beigesprungen wird. Ebenso ist die politische Auseinandersetzung mit extremen Positionen wichtig und richtig. Aber wenn aus Nothilfe Selbstjustiz wird, wenn andere Menschen allein aufgrund äußerer Merkmale gewaltsame Angriffe befürchten müssen, ist eine Grenze überschritten, die ein Rechtsstaat nicht mehr tolerieren kann. Gewalt ist nicht dadurch zu rechtfertigen, dass es ja schließlich die “Richtigen” getroffen habe.
Das sind Grundsätze eines freiheitlichen Rechtsstaats. Wer meint, diese nicht beachten zu müssen, muss sich nicht wundern, wenn er hier nicht auf Beifall stößt. Übrigens habe ich so den Beitrag von Boche verstanden, und ich folge ihm darin.
Einschub 1: Und irgendwie schaffe ich es auch nicht, eine Gruppierung sympathisch zu finden, die Gewalt gegen bestimmte Menschen nur aus taktischen oder politischen Gründen nicht gutheißt. Ein grundsätzliches Tabu sieht anders aus: Mit einer “unverkürzten Kapitalismus-Kritik” dürfte man dann wohl nach Herzenslust Anschläge verüben, wenn die nicht zufällig gerade das Gegenteil nahelegen würde.
Einschub 2: Übrigens sieht der Verfassungsschutz manches wohl ähnlich wie Michael Holmes (Seiten 196-200).
Von einigen wird argumentiert, man brauche “die Antifa”, um dort gegen Neonazis Widerstand zu leisten, wo sich der Rechtsstaat als zahnlos erweist. Das ist eine zweischneidige Argumentation: Wenn der Rechtsstaat nicht präsent ist, weil er nicht kann oder weil er nicht will, obwohl er es müsste, dann ist das ein dringendes politisches Thema, mit dem man die Öffentlichkeit und die Regierenden so lange massiv zu triezen hat, bis dieser unerfreuliche und gefährliche Umstand beseitigt ist. Wenn Bürger sich inzwischen damit hervortun, durch Präsenz und die Bereitschaft zur Nothilfe Gewalt zu verhindern, ist das aus meiner Sicht beispielhafte Zivilcourage. Nur: Wer darüber zu einer ostdeutschen Variante eines Richter Lynch mutiert und meint, Ankläger und Richter in einer Person spielen zu müssen, der stellt sich zunächst mal selbst außerhalb des Rechts und ist eher Teil des Problems. Ja, der Rechtsstaat ist unromantisch. Aber er hat auch noch viel mehr Vorteile…
P.S.: Kontrovers diskutierte Beiträge, die keine Rechtsverstöße enthalten, nachträglich aus einem Blog zu nehmen, ist ein Armutszeugnis.
bisher 11 Kommentare » Kommentare
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Es ist sehr schmerzlich, immer wieder die eigenen Gedanken von anderen klarer ausgedrückt zu finden, als man es selbst vermochte.
Ach komm, das ist nur das Privileg des späteren und unpersönlicheren Beitrags.
Danke für den Trost!
Das Löschen des Achsen-Beitrags sehe ich übrigens fast als hinreichenden Grund, die von unserer Blogroll zu hauen. Das ist doch nur noch peinlich…
Danke auch von mir! Wie könnte man dies
politisch in die Tat umsetzen, wenn sich ein Land so in Trägheit befindet wie dieses Sachsen hier? Ernstgemeinte Vorschläge bitte in den Kommentaren ablegen!
Übrigens darf ich noch einen Lichtblick verkünden, der auch zu diesem Beitrag passt: die NPD streift in einer heute veröffentlichten Umfrage der Dresdner Neuesten Nachrichten bei der Antwort auf die »Sonntagsfrage« die Fünf-Prozent-Grenze und liegt damit erstmals auf dem letzten Platz aller (noch) im Landtag vertretenen Parteien. So steil könnte es weiterhin nach unten gehen.
@stefanolix
Das kommt doch wirklich auf “euch” an!
Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass der Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft kommt und nicht von deren Rändern. Was wiederum strategisch gegen das “Antifa”-Konzept spricht, das aber in Abwesenheit eines solchen Widerstands natürlich erstmal das Recht des Handelnden beanspruchen kann.
Schafft ihr es nicht, den verbliebenen Blockflöten und sonstigen bräsigen Funktionären zu verdeutlichen, dass ihre Glaubwürdigkeit daran hängt, ob sie dem, wofür sie angeblich stehen, auch Geltung verschaffen können? Was ist mit Bürgerinitiativen, Leserbriefen, meinetwegen auch Blogs und all dem Gedöns?
Wenn all das ungehört verhallt und es weiterhin Inseln des Unrechtsstaates geben sollte, dann muss das eben in den Westen getragen werden, wo man weniger verständnisvoll dafür sein wird. Öffentlichkeit zählt. Aber bitte keine, die Nazisäue durchs Mediendorf jagt – da folgt auf eine Woche erhöhter Aufmerksamkeit mindestens ein Monat, wo man davon nichts mehr hören will.
Aber es muss von euch kommen, damit ostdeutsche Solidarisierung als Reflex auf tatsächliche oder eingebildete unfaire Behandlung durch “Wessis” keine Ausrede sein darf.
[...] Mir sind zwei Fälle bekannt, die sehr anschaulich zeigen, wie man es nicht machen sollte. Der erste ist schon eine Weile her und betraf ein paar großkopferte Journalisten. Der zweite ist ganz frisch und betrifft ebenfalls großkopferte Journalisten. Zum letzteren Fall schrieb Rayson gerade: P.S.: Kontrovers diskutierte Beiträge, die keine Rechtsverstöße enthalten, nachträglich aus einem Blog zu nehmen, ist ein Armutszeugnis. [...]
In Dresden findet jedes Jahr am 13. Februar eine Demonstration der Neonazis statt. Die melden sich aber so geschickt an, dass die Demonstration nicht verboten werden kann. Nun gibt es dagegen Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft und Widerstand von der eher krawallorientierten “Antifa”, die den 13. Februar zum Anlass nimmt, sich wieder mal von der besten Seite zu zeigen. Gern kommen von dieser Seite dann auch Sprüche, die dem Bomber-Harris Beifall zollen und um eine Wiederholung des 13. Februar bitten [welches hirnlose Blog fällt mir in diesem Zusammenhang ein?].
Salopp gesagt: beim Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft hält jede Gruppe ihre Symbole hoch und am Ende bleiben beim Zuschauer immer die Symbole der SED/PDS/Linken hängen. Man muss ja anerkennen, dass die SED/PDS/Linke bei der Gestaltung ihrer Plakate recht erfolgreich ist: Layout, Schrift und Symbolik prägen sich beim Zuschauer einfach sehr gut ein. Ich würde mich dort im Februar 2008 nur dann einreihen, wenn sich alle auf ein neutrales Transparent einigen würden oder wenn man ganz ohne Parteisymbole demonstrieren würde.
@ stefanolix
Da wünscht man sich also “Bomber Harris” zurück nach Dresden? Welches Gehirn lässt einem so aberwitzigen Gedanken freien Lauf?
Ob Neonazis oder Krawall-Antifa – könnte es nicht sein, dass auf beide (auch) zutrifft, was ein amerikanischer Publizist kürzlich so formulierte: “It’s Boredom, Stupid! Boredom is widely underrated as a source of evil. Yet, it most certainly is. Lack of purpose, not a lack of things to do, is the source of nearly all boredom. People need meaning in their lives. And if they don’t, they will pursue visceral excitement instead of meaning or seek meaning in evil causes.”
Das Dumme dabei ist nur, dass deren Treiben die “Zu-Schauer” aus der wenig widerständigen Mitte (Der Rand ist immer der aktivere Teil, Rayson!) schön langsam zu langweilen beginnt…
Lina, das Geschehen in Dresden ist zu komplex, als dass man es in einem eiligen Blogkommentar abhandeln könnte. Ganz kurz einige Punkte: Die Rechten missbrauchen das Andenken an die Opfer, um ihre eigenen Parolen vor der Kulisse Dresdens skandieren zu können. Ganz besonders schlimm war es 2005, zum sechzigsten Jahrestag der Ereignisse.
Schon immer gab es dagegen Widerstand. Die »Mitte der Gesellschaft« hat zum Beispiel Kerzen aufgestellt zu dem Spruch »Diese Statt hat Nazis satt«. Das war gut gemeint, aber schlecht gemacht. In vielen Gegenden Deutschlands heißt »etwas satt haben« soviel wie »im Übermaß von etwas haben«. Bei uns drückt »jemanden satt haben« das Gefühl aus, ihn rauswerfen und nie wieder sehen zu wollen. Aus der Mitte der Gesellschaft kam auch gewaltfreier Widerstand und man hat sich als Dresdner Bürger gezeigt, die gegen den Aufmarsch sind.
Viel wichtiger ist: Dresden ist heute Partnerstadt von anderen Städten, die im zweiten Weltkrieg zerbombt wurden. Die Mehrheit der Dresdner sieht ganz klar, von welchem Land der Krieg ausging und dass der Angriff auf Dresden im historischen Zusammenhang gesehen werden muss. Es gibt enge Kontakte mit England und gerade hat die Queen symbolisch einen der Aktivisten des Wiederaufbaus der Frauenkirche hoch geehrt. Das Turmkreuz der Frauenkirche kommt aus England und wurde durch englische Spendengelder finanziert.
Natürlich gibt es Idioten, die gern mal wieder wie Bomber-Harris die Flugzeuge losschicken wollen oder die dem historischen Bomber-Harris für seine »Heldentat« auf die Schulter klopfen. Aber das kann man in die allgemeine Idiotie auf dieser Welt einordnen, vielleicht ist es ja wirklich eine tödliche Langeweile. Manchmal denkt man an den Henscheid und sein schönes Wort von der »ohnehinnigen Sinnlosigkeit« … mit hirnlosen Idioten kann man nicht diskutieren, das bringt nichts.
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